Stockholm Das Quartier Södermalm

Södermalm ist meine Stadt in der großen Stadt. Es ist die Welt, in der ich zum Teil aufgewachsen, zur Schule gegangen und nach Aufenthalten fern von Stockholm immer wieder sanft gelandet bin. Doch obwohl ich meine Gegend in- und auswendig kenne, fällt es mir manchmal schwer, Södermalm ganz zu verstehen und seine Eigenart zu beschreiben. Mein Bild von dieser großen Insel mit ihren 100.000 Menschen ist das des steten und raschen Wandels.

Wenn ich durch die Straßen spaziere, befinde ich mich immer auf einer Zeitreise. Auf den Anhöhen, an verschlungenen Kopfsteinstraßen, prangen alte rote Kirchen aus dem 19. Jahrhundert. Jetzt im Sommer stehen die vielen kleinen Parks in voller Blüte. Die alte Zeit ist um den gemütlichen Platz Mosebacke Torg, um die Sofiakirche und den hügeligen Park Vita Bergen lebendig geblieben.

Auf Mariaberget, westlich des Verkehrsknotenpunkts Slussen, stehen neben der klaren Architektur der Bauhausperiode die alten Mietskasernen. Hier hauste einst Stockholms Arbeiterklasse. Gehe ich durch eine der Gassen Richtung Norden oder steige ich in einem Haus nur zwei Treppen hoch, eröffnet sich mir ein phantastischer Ausblick über das Wasser des Riddarfjärden auf die Schauseite Stockholms. Ein Erlebnis ist ein Spaziergang durch den recht unbekannten Monteliusväg am Abend: Stockholm nimmt einen rosa Farbton an, und die Großstadt scheint stillzuliegen, wie eine Kulisse. Im Winter schaue ich über ein weißes Stockholm jenseits des Mälarsees, der unter einer Eisdecke schlummert.

Schlendere ich zur Hornsgata hinunter, erfasst mich unversehens der Pulsschlag der Großstadt. Die große Straße - mit all ihrem Gewimmel, den Abgasen, dem Kommerz und dem Lärm - bildet die nordwestliche Querachse Södermalms. An ihrem kopfsteingepflasterten Hang liegen Kunstgalerien in Reih und Glied. Hier werden Malerei, Fotokunst und immer häufiger Kunsthandwerk präsentiert. In langen drei Jahrzehnten ist die schöne Galerie blås & knåda zu einer Institution geworden, doch längst sind neue Galerien und Ateliers wie Pilze aus dem Boden geschossen. In der Hornsgata liegen auch die eher ausgefallenen Läden wie Afroart, eine bunte und inspirierende Boutique, die von mehreren Textildesignerinnen betrieben wird. Hier gibt es schöne Dinge von allen Enden der Welt.

Manchmal führt mich mein Weg in die Seitenstraßen. Dann glaube ich in eine ganz andere Stadt gekommen zu sein - in eine ruhige, leise Kleinstadt. Die Stimmung einer verschwundenen Zeit liegt in Mauern und auf Treppen, hier wird Södermalm seinem Ruf als "Montmartre Stockholms" gerecht.

Ich treffe den Glaskünstler Benjamin Slotterøy bei der Schmuckdesignerin und Goldschmiedin Caroline Berggren, die in der kleinen Straße Tavastgatan Atelier und Laden hat. "Die Menschen streben ja unweigerlich zueinander. Sich in einem Stadtteil wie Södermalm niederzulassen, erleichtert die Begegnung mit Gleichgesinnten", sagt Benjamin. "Hier ist viel in Kultur investiert worden, und das merkt man. Das wiederum führt zu attraktiven Subkulturen, die neue Generationen von kreativen Menschen anlocken. Und in Södermalm leben wir nicht so voneinander getrennt wie sonst in Stockholm." Caroline Berggren ergänzt: "Unsere Nachbarschaft ist eine lockere Mischung aus Alt und Jung, einheimischen Södermalm-Bewohnern, zugezogenen Künstlern und anderen, die sich sehr bewusst für dieses pulsierende Quartier entschieden haben."

Mariatorget ist eine Oase, die der viel befahrenen Hornsgata Luft und Atemraum schenkt. Wenn ich über diesen begrünten, baumgesäumten Platz spaziere, steuere ich gern die Bäckerei Rival neben dem gleichnamigen Hotel an, trinke einen Kaffee, verzehre eine noch warme Zimtschnecke und höre dem Gespräch der Stammgäste am Tresen zu. Ich bin gern hier. Das Umfeld von Mariatorget hat auf irgendeine Weise immer geblüht, egal, welcher Trend gerade herrschte. Trotz der Neuzugänge wie das elegante Hotel Rival, der einen oder anderen neuen Kleiderboutique oder coolen Bar scheint sich hier die Vielfalt der Ansprüche und Interessen aller Generationen zu halten. Noch sind die kleinen Läden, in denen Knöpfe, Kameraersatzteile oder andere Kleinigkeiten verkauft werden, nicht von Ladenketten oder den im Moment besonders hippen Trends vertrieben worden.

Von Mariatorget gehe ich durch die schmale Sankt Paulsgata, die in die Götgata mündet. Ein Stopp im Musikladen wird zum Startpunkt einer neuen Erkundungsreise. Ich kann den Leuten im Laden so ungefähr jede Frage über traditionelle oder neue Musik stellen, egal, aus welchem Winkel der Welt, und ich werde den Laden voller Inspiration verlassen. Das hier ist eine Schatzkammer, in der Nerds und Greenhorns sich gleichermaßen verirren können.

Das erste Stück der Götgata ist eine Fußgängerzone und ein überaus quirliges Einkaufsziel. Wer sich für schwedisches Design interessiert, wird gern Designtorget oder den Laden von 10-Gruppen betreten. Aber erneut gelingt der Ausstieg aus der Konsumwelt rasch: Ein Abstecher von der Götgata führt mich auf eine der schönsten von Södermalms Anhöhen - zum idyllischen Mosebacke Torg. Hier vereinen sich das ehrwürdige Södra Teatern mit dem Mosebacke Etablissement zum Dorado für Kulturund Musikliebhaber mit Live-Musik, Nachtclubs und schrillen Shows. In der Sommerzeit ist die große Terrasse mit Blick auf die Stadt ein Magnet für Reisende und Einheimische jeglichen Alters. Und im Frühling, Herbst und Winter ist nichts entspannender, als dieses Milieu bei einem Jazzbrunch zu genießen.

In Söder ist Retro oft Avantgarde

Wenn ich über Stätten der Musik rede, darf ich auf keinen Fall die Folklegende Izzy Young vergessen. In der Wollmar Yxkullsgata betreibt Izzy das einzigartige Folklore Centrum - den Laden, den er in den fünfziger Jahren im Greenwich Village in New York eröffnet hat und der hier wie dort zum Treffpunkt für Folkmusiker, Autoren und Fans geworden ist. 1961 hat Izzy Young Bob Dylans erstes Konzert in der Carnegie Hall arrangiert, 1969 kam er zum ersten Mal nach Schweden, verliebte sich in die schwedische Volksmusik und gilt heute als absoluter Experte. Und als Idealist. Izzy meint, wir würden Globalisierung und andere Entwicklungen nur überleben, indem wir wir selbst blieben - genau wie das Wesen der Volksmusik.

Als das Folklore Centrum eröffnet wurde, war Södermalm noch das Viertel der Arbeiterklasse, auch wenn es alternative Lebensstile und Bewegungen bereits gab. Heute ist Södermalm ein Beispiel dafür, was in der Städteplanung als "Gentrifizierung" bezeichnet wird - die soziale Statuserhöhung einer Gegend, für die zum Beispiel Luxusbauten oder der Zuzug finanzkräftiger Bevölkerungsgruppen sorgen. Södermalm ist erhalten und doch verändert, im Umbruch wie die allermeisten anderen Stockholmer Vororte auch. Heruntergekommene, unattraktive Quartiere, die von neuen Generationen bevölkert werden und zum Leben erwachen. Neubaugebiete, die ihre ganz eigene Prägung erhalten und die kleinere Viertel untereinander und Södermalm mit anderen Stadtteilen verbinden. Ein interessantes Beispiel hierzu sind die beiden Wohngebiete, die an beiden Ufern des Hammarby Sjö aufragen. Dort gab es noch vor wenigen Jahren nichts. Heute flanieren neue und alte Södermalm-Bewohner über eine Strandpromenade. Es verkehrt eine Gratisfähre zwischen Södermalm und diesen nahen südlichen Vororten, die vermutlich als Innenstadt gelten würden, wären da nicht die durch das Wasser gezogenen Grenzen.

Auf der Insel Södermalm brauche ich nie länger als 15 Minuten, um das Wasser zu erreichen, behaupte ich immer, wenn ich von meinem Stadtteil schwärme. Ich wandere von dem neu errichteten Wohngebiet Hammarby Sjön am Wasser entlang nach Westen, ein schöner Spaziergang von acht Kilometern, und gelange in ein anderes Viertel von Södermalm, das sich in den vergangenen vier, fünf Jahren gewaltig verändert hat: in das früher ziemlich verkommene Hornstull. Hier sah ein kreativer Geist in einem alten Parkhaus ein Potential und startete das Projekt "Street" zur Revitalisierung. Heute werden dort Kulturfestivals und Konzerte und vieles mehr arrangiert. Das, was von vielen Stockholmern als abgelegener und verlassener Teil von Södermalm abgeschrieben war, sprudelt jetzt geradezu vor Energie - und das vor dem Hintergrund einer Naturidylle, die im Sommer zum Baden und zu Picknicks lockt.

Ein schönes Willkommen nach einem Spaziergang, der mich vom einen Ende Södermalms zum anderen gebracht hat, niemals mehr als zwei Meter vom Wasser entfernt und über einen Weg, der von originellen kleinen Hütten gesäumt wird. Sie stehen in Schrebergärten - den in Hochhauswohnungen gehegten und verwirklichten Träumen vom eigenen Stückchen Natur. Es ist eine kleine Welt im grünen Raum eines Dorfes und doch mitten in der Großstadt - eben in Södermalm.

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Autor:
Lisa Hederström