Schweden Zum Schlemmen nach Göteborg

Der Göteborger platzt gerade vor Stolz. Denn dem Göteborger sagen die Schweden nach, er sei der sympathischste und humorvollste Großstädter im Lande. Lebensqualität? Oh ja. Gerade ist Schweden beim "Better Life Index" auf Platz 2 von 36 Ländern gelandet. Hier lässt es sich also - gleich nach Australien - am besten leben. Doch es geht weiter mit den Platzierungen: In den Top 10 "Unberührte Natur weltweit" setzte der US-Nachrichtenkanal CNN die Provinz Bohuslän auf Platz 7. Dann wird das Öko-Café "Da Matteo" im internationalen Vergleich in einem Atemzug mit Cafés in Budapest, London und Chicago genannt. Und jetzt auch das noch: Im September ist Göteborg Gastgeber eines internationalen Gourmet-Festivals, des "World Food Travel Summit" vom 21. bis 24. September.

Der "Jöteborjare", er nimmt vom Hafen an der Oper aus die Älvsnabben, eine Personenfähre, um auf der anderen Seite des Flusses Göta älv am Kai entlang zu schlendern. Die Kreuzfahrer an Deck winken freudig bei der Einfahrt zum Liegeplatz. Auf dieser Seite des Älv befindet sich der Göteborger auf Schwedens viertgrößter Insel, auf Hisingen. Wäre er nun eine weniger bequeme Natur, würde er hinauf zum Ramberget gehen. Dann läge ihm, mit der Sonne im Rücken, die ganze Stadt zu Füßen. Nun ist der Göteborger aber vor allem eines: Anhänger der Fika-Kultur. Fika, das bedeutet Kaffeepause - und ohne die kann der Schwede, der pro Tag im Schnitt dreieinhalb Tassen Kaffee konsumiert und damit in der Weltstatistik nur von den Finnen geschlagen wird, überhaupt nicht existieren.

Doch der Göteborger sehnt sich nach mehr, vor allem jetzt im Sommer. Er packt zum Beispiel die karierte Decke, Grillwürstchen und Dosenbier ein, um im Park im Stadtteil Kålltorp mit ein paar 1000 Gleichgesinnten Livemusik zu hören. Oder er fiebert dem "Way out West" im August entgegen, hat noch aus dem vergangenen Jahr "Kraftwerk" im Ohr und ist jetzt gespannt auf Neil Young & Crazy Horse, The Knife und andere Bands. Dass die Veranstalter das "WoW" zum rein vegetarischen Festival erklärt haben, erschreckt kaum jemanden mehr. "Sollten verwöhnte Bühnenstars auf ein Steak beharren wollen, müssen sie wohl lernen umzudenken", so die Veranstalter.

Mit Käse und Wein zum Sonnenuntergang

In den Straßen trifft man den Göteborger oft mit einer verräterischen violetten, dunkelgrünen oder türkisen Plastiktüte an. Ist es ein Freitagnachmittag, dann trägt er vom Systembolaget - dem Laden des staatlichen Alkoholmonopols - vielleicht gerade einen 94er Cabernet Sauvignon, drei Flaschen bayerisches Bier und einen Grappa nach Hause. Oder zur nächsten Straßenbahn, mit der er ans Meer fährt, um mit Wein, Käse, geräucherter Makrele und ein bisschen Baguette auf den Klippen den Sonnenuntergang abzuwarten.

Kuchen in Göteborg
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Süße Leckereien: Der Göteborger lässt es sich schmecken.
Begegnet man den gleichen Tüten an einem Montagmorgen, dann liegt der Verdacht nahe, dass hier ein Schwede seine am Sonntagabend vorbereitete Mahlzeit (lunchlåda) zur Mittagspause am Arbeitsplatz transportiert. Zeitgenossen ohne lunchlåda hingegen pilgern gern schon um 11.30 Uhr in die Restaurants oder eines der mehr als 150 Cafés der Stadt. Egal ob beim "Strömmingsluckan" mit Heringsvariationen aus dem Wohnwagen oder im Gourmet-Tempel - überall zaubern experimentierfreudige Köche vergleichsweise günstige Tagesgerichte auf die Speisekarte. Mittagsgäste können sich darauf verlassen: Ein Getränk, Salat vom Büfett, Brot, Butter und die Tasse Kaffee danach sind im Preis inbegriffen.

Der schwedische Küchenchef ist empfänglich für jede Inspiration von außen

Die Lust am Experiment möchte ein schwedischer Küchenchef allerdings nicht als kulinarischen Schnickschnack missverstanden wissen. Im Gegenteil. Er mag - herzerfrischend unangepasst - beides, das Traditionelle und das Moderne, die Hausmannskost, die regionale Nähe zu allen feinen Zutaten, besonders die des Ozeans  - dazu den Käse direkt vom Bauernhof oder das Sauerteigbrot vom Öko-Bäcker in Majorna. Er kocht kreativ, gern, was die Jahreszeit bietet. Gleichzeitig ist er - ausgerüstet mit der den Bewohnern von Hafenstädten so eigenen Weltoffenheit - empfänglich für jegliche Inspiration von außen.

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2012 trug Göteborg den Titel "Kulinarische Hauptstadt Schwedens".
Obwohl Göteborg 2012 den Titel Kulinarische Hauptstadt Schwedens trug, trotz aller fünf Sterne im Guide Michelin, aller Auszeichnungen im Gastronomieführer "White Guide", oder des Rufs als einzige schwedische Stadt, die dem internationalen Netzwerk "Delice" - Good Food cities of the World - angehört, verliert der Göteborger nicht die Bodenhaftung. Davon zeugte auch jüngst der Auftritt gleich mehrerer Top-Köche bei einer Kulinarischen Messe. Hier lag der Fokus beim Show-Kochen vor laufender Kamera auf verantwortungsvollem Umgang mit Lebensmitteln. Im Wettbewerb sollte die Kochelite beweisen, was sie aus Resten im Kühlschrank mit viel Phantasie kreiert. Meisterkoch Leif Mannerström, bei dem die Rolling Stones und Liza Minelli genauso getafelt haben wie Stammgast Bruce Springsteen, teilte anschließend Kostproben eines seiner Rezepte aus, mit denen er im Kochbuch "Gatans Mat" (Das Essen der Straße) vertreten ist - das Buch wird zugunsten Obdachloser verkauft.

Ein wirklicher Kenner der Göteborger Gastro-Szene ist der Krimi-Autor Åke Edwardson, nicht minder auch die Hauptfigur seiner Romanserie Erik Winter, bekannt für seinen Hang zur Extravaganz. Ein Hinweis auf den Göteborger Imbissbuden-Klassiker schlechthin - "en halv special" (ein süßes Brötchen mit einer gegrillten oder gekochten Wurst samt zwei Kugeln Kartoffelpüree darauf, dazu eventuell Krabbensalat in Mayonnaise) fehlt wohl aus gutem Grund in der Liste der von ihm und Winter bevorzugten Restaurants.

Der verspielte Umgang mit Superlativen

In "Segel aus Stein" radelt Kommissar Winter auf der Vasagatan vorbei an allen Cafés. Er erinnert sich dabei gelesen zu haben, dass dieser Boulevard "der café-dichteste  Schwedens, wenn nicht gar im ganzen Norden" sei - wohl wissend um den verspielten Umgang seiner Landsleute mit Superlativen. Im pittoresken Viertel Haga oder in Majorna sitzen Studenten, Mütter und Großväter am liebsten draußen mit ihrem Latte oder Cortado, oder in der City in der Konditorei Ahlströms, wo vor ihnen schon Generationen kaum nein zu einer Napoleonschnitte sagen konnten.

Geht der Kommissar mit seiner (deutschstämmigen) Frau Angela aus, dann trifft man ihn häufig im italienischen Restaurant "Enoteca Maglia" an. Küchenchef Robert Maglia, der sich der "Gastronomie für Leute in Jeans" verschrieben hat, nennt Küchen-Guru Mannerström einen Freund und Mentor. Eine große Westküsten-Familie, die weiß und schätzt, dass es auch die Gäste familiär lieben.

Edwardsons Restaurant-Tipps für seine deutschen Freunde machen nicht vor dem begrenzten Radius Halt, den der kleine Innenstadtplan im offiziellen Stadtführer Göteborg setzt. Eine seiner verborgenen Perlen, den "Seglarkrogen" im Bootshafen von Långedrag, erreicht man nach einem kurzen Spaziergang von der Straßenbahnhaltestelle der Linie 11, oder - ist man richtig sportlich - mit einem von 1000 Leihfahrrädern, die an 60 Plätzen in der Stadt verteilt sind. So auch ganz in der Nähe der "Feskekörka" (Fischkirche), mitten in der Innenstadt am Kanal, wo die Paddan-Boote mit Touristen aus aller Welt ihre Runden um den Stadtkern drehen. Diese Fischmarkthalle gilt als Muss für den, der die Stadt besucht. Für Åke Edwardson übrigens auch.

Autor

Dagmar Lieder