Schottland Wandern durch die Lowlands

Der Weltenbummler Achill Moser wandert auf den Spuren von Romanautor Sir Walter Scott durch Schottland. Ein Erlebnisbericht.
Wandern durch die Lowlands

Der Weg auf den Spuren des schottischen Nationaldichters führt über 150 Kilometer durch die Lowlands. Dabei folgt er dem Ostteil des Southern Upland Way, der die Irische See mit der Nordsee verbindet. Die wichtigste Sehenswürdigkeit liegt etwa in der Mitte: Abbotsford House, Scotts prächtiger Landsitz mit großer Gartenanlage, auf dem er 1832 starb.

Weltenbummler Achill Moser hat den Weg erwandert:

1. UND 2. TAG
In der Ortschaft Moffat, achtzig Kilometer südlich von Edinburgh, beginnt unsere Wanderung. Hinter dem letzten Gehöft geht es hinein in die grünen Hügelwellen der Lowlands. Wir laufen 15 bis 20 Kilometer am Tag. Unsere Stimmung könnte nicht besser sein, wohl auch, weil die 15 Kilo auf dem Rücken nicht zur Last werden. Die Reduzierung auf das Wesentliche steigert dieI Intensität des Erlebens. So werden wir nicht müde, uns auf immer neue "Wunder" in der wilden Schönheit der Natur aufmerksam zu machen: tosende Wasserfälle, die aus großer Höhe in die Tiefe stürzen, wild wucherndes Farnkraut, das bis zur Brust reicht, glasklare Seen, in denen sich dunkle Wälder spiegeln, einsame Landhäuser, über denen Regenbogenschleier hängen, und immer wieder dickleibige Schafe, die als weiße Tupfen das Land sprenkeln.

3. TAG

Wandern durch die Lowlands

Grandiose Landschaften bei einer Wanderung durch die Lowlands

Wir erreichen das "Tibbie Shiel’s Inn". Ein altes Landgasthaus am Ufer eines Sees namens St Mary’s Loch. Die Gaststube mit schlichten Holztischen, Stühlen, Bänken und einem Bollerofen ist urgemütlich. An den Wänden hängen Porträts von Walter Scott und James Hogg. Die Dichterkollegen trafen sich hier vor mehr als 200 Jahren bei Whisky und Bier, um über Balladen, Lieder und Poesie zu sprechen. Alistair Moody, der Besitzer des Gasthauses, schiebt uns zur Begrüßung ein Glas Bier über den Schanktisch. Schon sein Urgroßvater lebte hier, von ihm weiß er viel über Walter Scott. Wir erfahren, dass Schottlands Romancier sich als Zweijähriger mit Polio infizierte, was zu einer lebenslangen Lähmung des rechten Beins führte, und dass Scotts Eltern ihn von Edinburgh auf die Lowlands-Farm der Großeltern schickten. Trotz seiner Behinderung zog Walter als Junge mit den Schafhirten in die Berge, um Falken, Adler und Regenpfeifer zu beobachten, er lag gern im Heidegestrüpp auf dem Rücken und schaute den Blitzen am Himmel zu. "Auch über unseren See hat Scott geschrieben." Und während Alistair durchs Fenster zum St Mary’s Loch schaut, rezitiert er einen Satz des Dichters: "Einsamer, schweigender See, kein Ried und Sumpf besudelt seinen kristallscharfen Rand."

4. TAG

Wandern Lowlands

Festes Schuhwerk ist auf dieser Tour unabdingbar

Freude und Enttäuschung liegen in dieser Region eng zusammen: Am Morgen beschert der See uns eine sonnige Idylle. Zwei Stunden später zerstört ein Unwetter den Frieden. Aus einem schwarzen Wolkengebräu krachen Blitz auf Blitz in die finstere Landschaft. Sintflutartige Regengüsse verwandeln das Erdreich in glitschigen Morast. An Zeltaufbau ist nicht zu denken. Wie nasse Hunde verkriechen wir uns in den nächstbesten Felsunterschlupf. Das Gewitter dauert die ganze Nacht.

5. TAG

Lagerfeuer nach einer Wanderung in den Lowlands

Lagerfeuer-Romantik nach einem anstrengenden Wandertag

Im postkartenhübschen Städtchen Selkirk, das im Tal des Ettrick Water liegt, ist Schottlands Südosten wieder heiter. Weiß getünchte Häuschen mit blau, rot und gelb leuchtenden Fensterrahmen und Türen reihen sich aneinander. Auf dem Marktplatz steht eine Statue von Walter Scott vor dem ehemaligen Gerichtsgebäude. Hier wirkte er von 1804 bis 1832 als Richter. Unsere nächste Station heißt Abbotsford House. Es ist das ehemalige Wohnhaus von Walter Scott, direkt am Südufer des Tweed River. Ein festungsartiges Dornröschenschloss mit spitzen Ecktürmchen, Erkern, Stufengiebeln und Zinnen, umgeben von einem weitläufigen Park mit duftenden Rosenstöcken. Damals wie heute ist die liebevoll angelegte Gartenanlage ein Platz zum Träumen. 

Von der Museumsführerin Julie Plunkett erfahren wir, dass der hochherrschaftliche Wohnsitz ehemals nur ein schlichtes Bauernhaus war, ehe es Scott 1811 kaufte und im Stil des viktorianischen Scottish Baronials umbauen ließ. Es war eines der ersten Häuser Schottlands, das mit Gasbeleuchtung ausgestattet war. Sachkundig führt uns Julie durch die prachtvollen Räume. Wir sehen kunstvoll geschnitzte Eichenmöbel, Zedernholzdecken, schwarzen und weißen Marmorboden, eine umfangreiche Bilder- und Waffensammlung sowie die wertvolle Bibliothek. Eine literarische Schatzkammer mit 9000 Büchern, die Walter Scott aus aller Welt zusammengetragen hat. Zwölf Millionen Pfund verschlang der Ausbau von Abbotsford House, dazu kamen der aufwendige Lebensstil des Schriftstellers und der Bankrott des Verlagshauses, an dem er beteiligt war: Scott haftete für die zu damaligen Zeiten gigantische Summe von 120 000 Pfund Sterling. Um seine Schulden zu begleichen, wurde er zum Vielschreiber. Er veröffentlichte vierzig Romane, zahlreiche Gedichtbände und Balladen, wobei er seine Autorenschaft lange verheimlichte, weil er es mit der Würde eines Juristen für unvereinbar hielt, als Dichter zu arbeiten. Dabei ruinierte er seine Gesundheit. Von Schlaganfällen entkräftet, musste er ein milderes Klima aufsuchen. Nach einer Italienreise starb er am 21. September 1832 in seinem märchenschlossähnlichen Schreibdomizil.

Immer weiter dem Walter Scott Way nach erreichen wir Melrose. Ein heimeliger Ort mit vielen Häusern im viktorianischen Stil. Überzeitlichen Ruhm hat sich hier die Ruine von Melrose Abbey gesichert. Staunend stehen wir vor der gotischen Zisterzienserabtei aus dem 12. Jahrhundert. Trotz häufiger Zerstörung begeistern noch heute die vielfältigen Stein-Ausschmückungen, die Heilige, Drachen und Pflanzen darstellen. Im Mondschein wirkt die Abteiruine wie aus einer versunkenen Welt, mystisch und geheimnisvoll. Walter Scott widmete dem romantischen Bauwerk einige Verse und den Roman The Monastery.

6. TAG

Blumen in den Lowlands

Hübsche Wegbegleiter: die Natur punktet Lila ins saftige Grün

Dem Flusslauf des Tweed folgend, ersteigen wir eine Anhöhe über der Ortschaft Bemersyde. Es ist der berühmteste Aussichtspunkt der Lowlands: Scott’s View. Hier, wo das Auge über sanft geschwungene Grashügel mit duftenden Ginsterbüschen schweift, zwischen denen der Tweed bis zu den Eildon Hills mäandert, fand Walter Scott seinen Lieblingsplatz, an dem er auf Ausflügen oft rastete. Genau an diesem Ort soll das Pferd von Scotts Leichenzug
noch einmal haltgemacht haben. "Ein letzter, letzter Blick", sagte der Kutscher, ehe das Fuhrwerk seinen Weg fortsetzte, von Abbotsford House zur Grabstätte in Dryburgh, wo Schottlands Dichter unter mächtigen Zedern seine letzte Ruhe fand.

7. TAG
Jenseits von Scott’s View ziehen wir durch die Lammermuir Hills. Eine mehr als 500 Meter hohe und 26 Kilometer lange Hügelkette. Wir laufen durch einen schottischen Flickenteppich: Lila Heideödnis wechselt mit sattgrünen Weideflächen und naturbelassenen Steinmauern, die braune Felder begrenzen. Aus den Tälern steigen zerrupfte Nebelschwaden auf, taumeln über die Weite. Manchmal können wir keine zehn Meter weit sehen. Alles ist grau in grau. Die Fantasie gaukelt uns skurrile Schattengestalten vor. Scott wählte diese verschleierte Landschaft als Schauplatz seines Romans The Bride of Lammermoore; eine tragische Liebesgeschichte um Mord und Wahnsinn. Nach der Buchvorlage verfasste Gaetano Donizetti 1835 die Oper Lucia di Lammermoor.

8. TAG
Die Nordsee. Wellen rauschen heran. Rote Felsblöcke ragen aus dem Sand. Und aus der Ferne dringen die Schreie der Seevögel zu uns herüber. Wie ein Film, der zurückgespult wird, gleiten hier, am Ende unseres Weges, noch einmal einige Stationen Walter Scott Way an mir vorüber: Moffat, Tibbie Shiels, Ab bots ford. Und ein Satz des schottischen Romanciers kommt mir in den Sinn, den ich schon seit Jahren in meinem "inneren Rucksack" trage: "Auch der Dichter wird seinen wahren Beruf nur erfüllen, wenn er alles eitel und wertlos erkennt, was nicht wahre Herzensbildung ist."

MERIAN Schottland

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Autor

Achill Moser