Schottland Das Künstlerdorf Balnakeil

Hier macht man sich die Hände schmutzig - auf köstlichste Weise. Wer im "Cocoa Mountain" eine heiße Schokolade bestellt, sitzt ein paar Minuten später vor einer Tasse, die bis zum Rand mit einer cremigen Flüssigkeit gefüllt ist. Weiße und dunkle Schokolade schwappt beim Trinken über die Hände. An allen Tischen auf der Terrasse des Cafés wischen und schlecken sich Gäste die Finger ab. Ein Anblick, der Chocolatier und Cocoa Mountain-Chef James Findlay immer wieder erfreut. "Schokolade soll Spaß machen. Man soll sie in vollen Zügen genießen und darüber vergessen, dass man sie beim Trinken im ganzen Gesicht und an den Händen verteilt", lautet seine Philosophie. 

Sein Geschäft ist beim Betreten des 20-Seelen-Örtchens nicht zu übersehen. Es erstreckt sich über die komplette rechte Seite des kleinen, mit Gras bewachsenen Dorfplatzes und ist mit einem akkuraten weißen Holzzaun abgetrennt. Ebenfalls um den Platz versammelt sind eine Bootsbauerwerkstatt, eine Glaserei, die unter anderem Schmuck anbietet, und ein Buchladen mit integriertem Restaurant.

Balnakeil: Liebe auf den ersten Blick

James hat seinen Laden vor sechs Jahren eröffnet. Vorher arbeitete er als IT-Fachmann bei IBM in Glasgow. Nach einem Sommerurlaub in der Gegend um das Craft Village hing er seinen Job an den Nagel, verkaufte seine Wohnung und zog in den entlegenen Norden, um sein Hobby zum Beruf zu machen. Er hatte sich Hals über Kopf in die Gegend verliebt. 

"Die Landschaft hier ist überwältigend. Es gibt Berge, wunderschöne Strände und unglaublich viel Platz. Selbst wenn im Sommer viel los ist, findet man problemlos ein Plätzchen, an dem man allein sein kann und den ganzen Tag niemanden trifft", schwärmt er. Damit übertreibt er nicht: Die Grafschaft Sutherland, zu der Balnakeil gehört, ist die am dünnsten besiedelte Region Schottlands. Auf einen Quadratkilometer kommen gerade einmal zwei Einwohner.

Susanne Theisen
In unmittelbarer Nähe: Sango Beach.
Und auch, was die Strände angeht, hat James recht. Auf Besucher warten einige der schönsten und abgeschiedensten Strände Schottlands, unter anderem der preisgekrönte Sango Beach im benachbarten Dorf Durness und der weite, weiße Strand der Balnakeil Bay. Er ist Startpunkt für Wanderungen über die etwa 2,5 Kilometer lange Halbinsel Faraid Head mit den größten Sanddünen, die auf den britischen Inseln zu finden sind. Wem der Sinn nicht nach Strandspaziergängen steht, kann per Fähre an das nahe gelegene Cape Wrath übersetzen, wo die mit 250 Metern höchsten Steilklippen auf der britischen Hauptinsel stehen.

Kunsthandwerker setzen Träume in die Tat um

Über die Jahrzehnte sind viele der Dorfbewohner in Balnakeil geblieben, weil sie von der abwechslungsreichen und rauen Landschaft Sutherlands fasziniert waren. Darüber hinaus bot ihnen das Craft Village die Möglichkeit, ihre persönlichen und beruflichen Träume zu verwirklichen.

Die Ersten, die diese Chance ergriffen, waren Kunsthandwerker, die Mitte der 1960er-Jahre auf Einladung der Bezirksverwaltung nach Balnakeil kamen. Ursprünglich war das Dörfchen in den 1950er-Jahren vom britischen Militär gebaut worden, es sollte als Frühwarnstation bei einem Atomangriff dienen. Doch das Militär zog nie in die Siedlung ein. Der County Council von Sutherland kaufte dem Verteidigungsministerium die leer stehenden Militärbaracken ab, um ein Industriegebiet daraus zu machen. Doch die Unternehmer aus der Region wollten sich dort nicht ansiedeln.

Plan B war schnell gefunden: Ein Craft Village mit Kunsthandwerkern und Künstlern sollte aus Balnakeil entstehen. Per Annonce in allen großen Zeitungen des Landes suchte der Council nach Interessenten, die für niedrige Mieten in den Häusern leben wollten. Der Plan ging auf, und das Dorf füllte sich mit Bewohnern aus Großbritannien und ganz Europa. Sie bauten die Gebäude, die weder Strom- noch Wasseranschlüsse und manchmal auch keine Fenster hatten, aus und richteten dort ihre Wohnungen und Werkstätten ein.

Viele Gerüchte ranken sich um diese Zeit. Im Craft Village soll es in den Anfangsjahren kommunenartig zugegangen sein, heißt es. Freie Liebe und Partnertausch inklusive. Malerin Ishbel Macdonald, seit den 1980er-Jahren in Balnakeil, kennt diese Geschichten. An ihnen sei nichts Wahres dran. "Eine Kommune war Balnakeil nie, nur ein Ort, an dem viele kreative Menschen zusammenleben konnten", erklärt sie. Geteilt habe man sich die Verwaltung der zum Dorf gehörenden Ländereien und von Zeit zu Zeit die Kinderbetreuung, sonst nichts, fügt sie lächelnd hinzu.

Jeder Bewohner von Balnakeil hat Spuren hinterlassen

Von den Balnakeil-Pionieren betreibt heute keiner mehr einen Laden, viele sind achtzig Jahre oder älter, einige sind in den vergangenen Jahren gestorben. Bei einem Spaziergang durch das Dorf erkennt man schnell: Jeder Bewohner hat seine Spuren hinterlassen: Die Häuser wurden mit bunten Farben, Blumengärten oder Kostproben der verschiedenen Handwerke gestaltet. Ishbels Haus etwa ist mit dunkelblauen Fliesen und Skulpturen der Töpferin verziert, die vor ihr das Haus bewohnte.

Susanne Theisen
Nicht zu übersehen: die Vergangenheit als Militärbasis.
Wie ein pittoreskes, schottisches Highlanddorf sieht Balnakeil jedoch nicht aus. Das verhindert der sachliche Schnitt der Flachdachgebäude, denen man ihre militärische Herkunft noch immer ansieht. Viele Besucher seien vom Äußeren der Häuser abgeschreckt, sagt Philipp Tanzer, der vor kurzem aus Dresden hergezogen ist. Der junge Deutsche baut sich gerade ein Haus am Dorfplatz, in dem er einen Friseur- und Massagesalon eröffnen wird.

Von seiner Baustelle aus haben Philipp und sein Hund Ares alle Neuankömmlinge im Blick. "Ich sehe oft, dass Leute sich nur um den Dorfplatz herum aufhalten und gar nicht in die Läden hineingehen, weil sie sich von den teilweise unattraktiven Fassaden täuschen lassen. Innen sind die Shops richtig schön gestaltet und es werden spannende Produkte angeboten", erzählt der gebürtige Schwabe. 

Wee Gallery haucht Blech- und Holzblasinstrumenten neues Leben ein

Eine solche Schönheit jenseits des Dorfplatzes ist die "Wee Gallery". "Wee" bedeutet in Schottland klein. Geräumigkeit zeichnet den auch von außen hübsch dekorierten Shop in der Tat nicht aus. Wer den mit knarzigen Holzdielen ausgelegten Ladenraum betritt, kann sich auf circa vier Quadratmetern eine Auswahl von gedrechselten Holzschüsseln, Landschaftsporträts und Handarbeiten anschauen.

Der eigentliche Blickfang in der Wee Gallery ist allerdings etwas Anderes: die Werkstatt von Inhaber Ludo Van Muysen. Dort sitzt der Belgier, der mit kleinen Unterbrechungen seit 30 Jahren in Balnakeil lebt, hinter einem Tresen und begrüßt Besucher mit einem freundlichen Lächeln. Er sieht so aus, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Wand und Werkbank hinter ihm sind mit Werkzeugen bedeckt, vor ihm steht ein Notenständer. All das braucht Ludo für seinen Job. Er ist Instrumentenbauer für Blech- und Holzblasinstrumente und repariert unter anderem die Ausrüstung der Musikschulen in den Highlands. 

Die Werkstatt von Emaille-Künstlerin Iris Wallace am Fuß des Dorfes ist eine weitere versteckte Schönheit. Hinter der langen Werkbank im Arbeitsraum reihen sich auf den Regalen bunte Farbbehälter aneinander, mit denen sie ihre Arbeitsmaterialien einfärbt. Durch die große Fensterfront im vorderen Teil hat die ausgebildete Malerin einen Blick auf das nahe gelegene Loch Croispol, an dessen Ufer die Steinruine der alten Dorfschule liegt, und im Hintergrund die Berge der Highlands zu sehen sind. 

Aufwind für das Craft Village

Balnakeil bietet Besuchern noch einiges mehr, unter anderem eine Praxis für Aromatherapie und einzelne Ferienwohnungen. Vor Jahren hat auch ein Wurmzüchter sein Glück im Craft Village versucht – ohne Erfolg. Insgesamt gibt es zurzeit zehn Läden im Ort, von denen die meisten aber im Winter geschlossen sind.

Im Vergleich zu früher ist die Zahl der Läden deutlich zurückgegangen. "Als ich hier angefangen habe, gab es fünf oder sechs Geschäfte mehr im Dorf", erinnert sich James von Cocoa Mountain. Er ist jedoch zuversichtlich, dass sich das Dorf in naher Zukunft wieder füllen wird: "Ich glaube, dass neue Leute mit neuen Ideen kommen werden." Erste Anzeichen für eine Trendwende sind schon zu erkennen: Vor kurzem hat sich eine Textilkünstlerin im Craft Village niedergelassen. Und da wäre ja auch noch Philipp, der fleißig an seiner Zukunft im wilden Nordwesten werkelt.

Anreise: Von Edinburgh oder Glasgow mit Zug, Bus oder Auto über die A9 nach Inverness (ca. 275 km). Von dort (am besten) mit dem Auto über die A9, B9176, A836, A838 Richtung Durness (ca. 180 km). Balnakeil liegt eine halbe Meile westlich von Durness.

Autor

Susanne Theisen