Lissabon Tramfahrt mit Hindernissen

Dass der portugiesische Straßenverkehr speziell ist, beweist ein skurriler Wettbewerb, der sich 1993 in Lissabon abspielte. Ein Fernsehsender schickte zwei ungleiche Wettstreiter von einem Vorort in Richtung Innenstadt: einen Esel und einen Ferrari. Natürlich, wie man es sich an dieser Stelle schon denken kann, endete die moderne Variante vom Wettrennen zwischen Igel und Hase zugunsten des Teilnehmers mit weniger PS. Einfach deshalb, weil das Verkehrschaos in der Innenstadt ein 442-PS-Geschoss mit hoher Fahrdynamik ad absurdum führt.

Selbiges Verkehrschaos macht eine Fahrt mit der nostalgischen Tram 28 durch die Altstadt Lissabons zur besten Gebrauchsanleitung dafür, wie eine der großen Nationen der Weltgeschichte mit Widrigkeiten umgeht - nämlich gar nicht. Die Tramfahrer, meist weiblich und jung, bewahren zu jedem Zeitpunkt eine meditative Ruhe, völlig gleich, ob nun schon wieder ein geparkter Getränkelaster den Weg versperrt oder die Tram wegen anderen Verkehrsteilnehmern alle 100 Meter anhalten muss - die Tugend der "paciência", der Geduld, weicht nicht der Wut. Touristen sollten in solchen Momenten übrigens nicht auf den Verkehr, sondern auf ihr Hab und Gut achten.

Nicht umsonst haben die Diebe Lissabons genau hier ihren lukrativsten Arbeitsplatz. Im Gedränge, Gequietsche und Gerumpel fällt ein Griff in die Hand- oder Hosentasche nicht auf, zumal sich auf der Tram 28 und der Tram 15, die um die Maurenburg Castelo de São Jorge kreist, wohl die meiste Beute quetscht. Eine fast artistische Qualität beweisen die Diebe, wenn sie sich wie Fledermäuse an das hintere Ende der Tram hängen, auf die Stufen des Ausstiegs, und durchs geöffnete Fenster ein paar Taschen angeln.

Ein Geheimtipp ist die betagte Straßenbahn längst nicht mehr. Sie führt vom Praça Martim Moniz durch die Altstadtviertel Gracia, Alfama, das Zentrum Baixa am Flussufer, den Berg hinauf in den vornehmen Stadtteil Chiado und in das Ausgehviertel Bairros Altos in der westlichen Oberstadt. Von Einheimischen wird sie wohl genauso gemieden wie eine Hafenrundfahrt von den Hamburgern. Doch die Bilder der gelben, manchmal auch von Künstlern bemalten Trams, gehören zu Lissabons Stadtbild, genauso wie die steilen Treppen der bergigen Stadt, die ganz entgegen ihres Spitznamens mehr als nur sieben Hügel beherbergt, die hübschen Aussichtsplattformen, genannt Miradouros, die sich auf den Fluss Tejo öffnen, die bunte Keramik oder die berühmten Stockfisch-Filets, portugiesisch Bacalhau, die so stark mit Salz konserviert sind, dass man mit ihnen auch locker einen Einbrecher bewusstlos schlagen könnte.

Die Ära der "Eléctricos", oder "Elektrischen" begann am 31. August 1901 um genau 4.40 Uhr. Allerdings nur, wenn man der portugiesischen Zeitrechnung glaubt. Der ist nicht immer zu trauen: Eigentlich passiert alles, was heute getan werden kann, erst amanhã, also morgen, manchmal auch ein paar Jahre später. Doch angeblich genau in dieser Minute löste die elektrische Traktion die "Americanos", die von Pferden gezogenen Straßenbahnen, ab, auf der Strecke zwischen der Hafenstation Cais do Sodre am Tejo-Ufer und der Kleinstadt Algés. Ein Jahr später waren alle Gleise elektrifiziert, ab 1906 auch die steilen Straßen Alfamas. 1957 war die nahezu größte Ausdehnung mit über 80 Kilometer Linienlänge erreicht.

Als die modernen, schnelleren Verkehrmittel wie Busse und vor allem die Metro Ende der 1950er-Jahre die Tram ablösten, entrümpelten die Portugiesen zum Glück nicht alle alten Gefährte. 45 alte Straßenbahnen aus den 1940er-Jahren wurden überholt, mit neuen Motoren ausgestattet, die verbliebenen Gleisanlagen und Oberleitungen renoviert.

Pariser Flaniermeilen

Das freut heute vor allem die Stadtfremden. Allerdings dauert die Freude nicht lange an, wenn sie an der gelb markierten Haltestelle einfach stehen gelassen werden. Das liegt daran, dass ein Tramfahrer nicht stoppt, wenn er kein Zeichen in Form einer ausgestreckten Hand erhält; und an dieser Regeln wird nicht gerüttelt, nicht aus Mitleid mit oftmals offensichtlich unwissenden Touristen, die wie ein Ausrufezeichen an Haltestellen warten, und schon gar nicht aus Geschäftssinn. Am Klügsten und Elegantesten ist es, an der End- oder Anfangshaltestelle, dem Platz Martim Moniz, einzusteigen. Nicht etwa, um sich aufgeregtes Armwedeln zu ersparen, sondern einfach, um sich einen der zehn Fensterplätze auf den harten Holzbänken zu sichern.

Wie bei einer Achterbahnfahrt liegen die Höhepunkte der turbulenten Fahrt natürlich nicht gleich am Anfang. Vom immer noch etwas tristen Martim-Moniz-Platz mit seinen kalten Beton- und Glasfassaden, 1998 anlässlich der Expo etwas aufgehübscht mit Wasserspielen, erklimmt die Tram nach ein paar Stopps den Graça-Hügel, nordöstlich des berühmten Mauren-Kastells. An alten Handwerkerläden vorbei ruckelt die alte Dame des Lissabonner Straßenverkehrs, manchmal sogar in Schrittgeschwindigkeit, in die Largo da Graça, in der Ende des 19. Jahrhunderts Arbeitersiedlungen entstanden. Der herrliche Aussichtsplatz an der Kirche Igreja de Graça, die 1271 von Augustinern gebaut wurde und heute dem Militär gehört, könnte schon der erste Grund für eine kurze Pause bei einem "bica", dem portugiesischen Nationalgetränk Espresso, sein.

Doch auch wer einfach sitzen bleibt, das Fenster nach oben schiebt, sofern es nicht klemmt, kann bei einem leichten Fahrtwind seinen Blick über die roten Ziegeldächer der Stadt bis hinunter auf den glänzenden Fluss Tejo schweifen lassen. Flohmarktfreunde sollten jetzt aufpassen, dass sie die nächste Haltestelle an der Kirche São Vicente de Fora nicht versäumen. Sie liegt in der Nähe des "Feira da Ladra"-Marktes am Campo de Santa Clara, übersetzt "Markt der Diebe", dem bekanntesten Flohmarkt in Lissabon. Dort kann man dienstags und samstags im Gewühl neben dem obligatorischen Ramsch mit ein wenig Glück auch Fundstücke wie antike Schallplatten oder alte "Azujelos" finden. Die verzierten Kacheln dienen nicht nur als hübscher Schmuck für Häuser- oder Palastwände, sondern kühlen auch die Innenräume an heißen Sommertagen.

Auf dem Weg bergab ins schachmusterförmig angelegte Zentrum der Stadt, der Baixa, erwartet den Tramgast der wohl spektakulärste Abschnitt. Eine zunächst eingleisige Strecke, deren Zufahrt glücklicherweise durch eine Ampel reguliert wird, führt durch Alfama, einem Labyrinth aus mittelalterlichen Gassen, Torbögen und niedrigen Türen, das nach dem großen Erdbeben 1755 im alten maurischen Grundriss wieder neu aufgebaut wurde. Für Busse und moderne Trams sind die Straßen hier viel zu eng. Besonders weit sollte man sich aber auch als Passagier nicht aus dem Fenster lehnen, will man nicht mit Hauswänden oder Passanten in den engen Gassen kollidieren. Die Tramfahrer werden auf dieser Strecke ihrem Namen gerecht, "Guarda Frejos", Bremsenhüter. Sie müssen ständig an den großen Handbremsrädern drehen, damit ihre Trams nicht aus der Kurve springen.

Vorsicht vor wütenden Passanten!

Wer den Ehrgeiz hat, ein schickes Foto der Tram zu machen, könnte am Halt Portas do Sol aussteigen. Postkartenwürdig ist hier die Kulisse in Fahrtrichtung: Hinter dem "Museu de Artes Decorativas" im korallenroten Palast der Grafen Azurara aus dem 17. Jahrhundert schiebt sich der weiße Kirchturm der Santa Luzia ins Bild, nahe des Miradouro am Largo das Portas do Sol. Um die eng geschwungene Rechtskurve biegen alle fünf Minuten die Trams der Linie 28 und der Linie 15, die sich hier ein kurzes Stück Gleis teilen. Von diesem Platz aus kann man auch einen kurzen Aufstieg zum Castelo de São Jorge oder einen Abstieg in das verwinkelte Altstadtviertel Alfama beginnen.

Natürlich fährt die Trambahn auch durch das Geschäfts- und Bankenviertel am Ufer des Tejo, die Baixa (Unterstadt). Vorbei geht es an der Fußgängerzone Rua Augusta mit ihrem imposanten, vom Pariser Triumphbogen inspirierten Tor und dem hellen Pflastersteinboden. Hier sind Geschäftsketten wie Mango und H&M, überteuerte Restaurants und das 2009 eröffnete Designmuseum "Mude" beheimatet.

Nach dem großen Erdbeben 1755, einer Katastrophe aus Erschütterungen, Feuer und anschließender Springflut, die an Allerheiligen annähernd 85 Prozent der Stadt verschlang, wurde der völlig zerstörte Stadtteil aus dem Nichts wieder aufgebaut. Marquês de Pombal, Erneuerer, Tyrann und Premierminister von König José I. ließ dort, wo früher ein Altstadt-Labyrinth war, ein Zentrum aus Manhattan-Straßenrastern, Pariser Flaniermeilen, königlichen Plätzen und uniformen Häusern errichten. (Die Hängebrücke, die der in San Francisco gleicht, entstand natürlich erst später). Alle Bauten basieren auf einer angeblich erdbebensicheren Holzkonstruktion, die einem Vogelkäfig ähnelt, portugiesisch "Gaiola".

Kaum verlässt die Straßenbahn die Baixa, schnauft sie auch schon wieder den nächsten Berg hinauf. Es geht in Richtung des vornehmen Chiado und des verwinkelten Ausgehviertels Bairro Alto, in dem tagsüber eigentlich die Bürgersteige hochgeklappt werden könnten. Die Steigung hier auf der Calçada Nova de São Francisco ist mit 13,5 Prozent enorm - wenn die Straßen nass sind, muss der Fahrer Sand vor die Räder streuen, um nicht wieder abzurutschen. Vorbei geht es am ehemaligen Hauptquartier von Salazars Geheimpolizei, der Pide, die heute Luxusapartments beherbergt und an der Bergstation des dottergelben Aufzugs "Ascensor da Bica", der wie eine Tram im Miniaturformat aussieht und hinunter bis zur 45 Meter tiefer gelegenen Talstation vor den Tejo führt.

Gerne würde man jetzt an einer der weiteren Haltestellen aussteigen, zum Beispiel im Park Jardim da Estrela. Dort könnte man sich unter Schatten spendende Bäume setzen und einen Weißwein oder einen süßen Portwein trinken. Doch daraus wird nichts. Auf dem Weg dorthin gibt es mal wieder Wartezeiten: Gleich drei 28-er stehen hintereinander, nichts tut sich. Ein Polizeiauto rückt an. Auf Nachfrage erzählt der Tramfahrer gemächlich, dass der Kollege der vorderen Tram 28 von einem wütenden Passanten angegriffen wurde. Anscheinend ist das Warten doch nicht jedermanns Sache, hier in Lissabon. Und so resigniert auch der Tourist in der Bahn, nimmt sein Schicksal selbst in die Hand - und geht zu Fuß.

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Autor:
Bettina Hensel