Lissabon Sintras abenteuerliche Schlösser

"Das eigentliche Geheimnis dieses Orts findet der dahergelaufene Tourist nicht auf Anhieb", sagt einer mit verschwörerisch-feinsinnigem Lächeln auf der Zugfahrt von Lissabon nach Sintra - und belässt es bei dieser Anspielung. Die Stadt, etwa 20 Kilometer nordwestlich von Lissabon in einer angenehm-kühlen Berglandschaft gelegen, war Sommerresidenz der portugiesischen Könige und ist auch heute, am Rande der hohen Granitklippen der Serra de Sintra, ein nahezu irreales Ende der Welt. Fast ist man ein wenig verwundert darüber, dass die schöne Wanduhr in der Miniatur-Bahnhofshalle, die oberhalb kunstvoller Keramik hängt, noch nicht stehengeblieben ist und kein weißer Hase in Eiltempo an einem vorbeihastet.

Bereits nach einem kurzen Spaziergang durch die mit Pflasterstein befestigten Gassen der Altstadt steht fest: Sintra ist nicht ohne Grund so ein mythenumwobener Schauplatz, von Schriftstellern und romantischen Poeten wie Lord Byron oder Hans Christian Andersen in allen möglichen Superlativen als "entzückendster Ort Europas", ja sogar "gelungenstes Stück Erde auf der bewohnten Erdkugel" und "glorreiches Eden" gelobt. Die UNESCO befindet das Dorf seit 1995 - natürlich - für sehr schutzwürdig. Das Geheimnis dagegen eröffnet ein kurzer Fußmarsch noch nicht, obwohl es viel Seltsames zu entdecken gibt.

Hoch oben, auf dem höchsten Gipfel der Serra de Sintra erhebt sich dunkelgrau die Maurenfestung "Castelo dos Mouros", umschlossen von einem Nebelreif. Auf einer anderen Bergkuppe buhlt der fröhlich-bunte Neoromantikpalast "Palácio Nacional da Pena " um Blicke. Mit seinen kanarienvogelgelben Zwiebeltürmchen, seinen altrosa Mauern und Balustraden hat es sich den Ruf eines portugiesischen Schloss Neuschwansteins erworben. Darunter regiert - beflügelt vom subtropischen Mikroklima - ein üppiges Dunkelgrün aus Schlingpflanzen, Palmen, knallrosa Bougainvillen und Mammutbäumen, das um die erdbeer- und pfirsichfarbenen Herrenhäuser von Sintra wettwuchert, den sogenannten "Quintas". Sie gehörten im 19. Jahrhundert wohlhabenden Lissabonnern, die mit Pferdekutschen zur Erholung anreisten.

Auch die Altstadt von Sintra selbst hat ein Schloss, den königlichen Nationalpalast "Palácio Nacional de Sintra" im hispanisch-maurischen Stil. Mit seinen auffälligen keulenförmigen Schornsteintürmen ist er nicht nur Wahrzeichen des 10.000-Einwohner-Städtchens und Nationalheiligtum, sondern gewissermaßen auch Symbol für Lebensfreude. König Manuel der I., auch "der Glückliche" genannt, weil das Land unter seiner Herrschaft (1495 bis 1521) eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte erlebte, ließ gerne einmal vier Hirsche gleichzeitig in seinen Küchengewölben auf Drehspießen braten. An vielen der aristokratischen Prachtgärten, die in der Umgebung des Schlosses angesiedelt sind, wächst Moos und Efeu an verwitterten, grauen Mauern und hohen Toren empor. Erstaunt wäre man wirklich nicht, hörte man, dass sich dieser Ort über Nacht gleich dem Märchen von Dornröschen in eine von der Natur überwucherte Schlafstätte verwandelt hätte.

Doch nein, es gibt hier keine schlafenden Prinzessinnen, die man retten könnte. Allerdings würde man gerne einige der etlichen Touristen in einen märchenhaften Tiefschlaf versetzen. In vollgepackten Reisebussen verstopfen sie die engen Straßen, schießen aus der Sightseeing-Lokomotive Fotos oder schwärmen mit eigenen Karossen oder Rucksack in die steilen Straßen der Altstadt aus. Die meisten besichtigen die Maurenburg oder das quietschbunte Pena, das 1839 auf den Ruinen eines Hieronymiten-Bergklosters errichtete Zuckerbäckerwerk des schwärmerischen Königs Ferdinand von Sachsen-Coburg-Gotha. Das in seinem Auftrag erbaute Schloss beschert wohl allen strenggläubigen Stilpuristen durch seinen wilden Mix aus Gotik, Manuelik, Renaissance und Barock leichtes bis schweres Herzrasen. Alle anderen müssen eher unwillkürlich lachen.

Der deutsche Gemahl der portugiesischen Königin Maria II., später Dom Fernando II., widmete sich gerne der Bau- und Malkunst. Er lauschte auch lieber Opern im Ballsaal und ließ die kahlen Bergrücken mit Zedern aus dem Libanon, immergrünen Araukarien aus Brasilien und Farntälern beschmücken, als das vom Bürgerkrieg zerrissene Portugal mit starker Hand zu führen. Während das Weltreich zu bröckeln begann, heiratete er die Opernsängerin Elise Friederike Hensler und baute 1840 in den Berglandschaften von Sintra sein Reich für Fantasten und Romantiker. Ihm ist auch ein großer Teil des unberührten Dschungels zu verdanken, der wider Erwarten nach einem strengen architektonischen Plan entstand.

Doch will man ins dunkelste Herz vordringen, muss man das offenkundige Disneyland der drei Königsschlösser hinter sich lassen. Sintra hat neben seiner romantischen Seite, die neben Touristen auch zahlreiche Hochzeitswillige in die Stadt lockt, auch eine mythische und esoterische; ein Schattenreich, das wohl auch Roman Polanski dazu inspiriert hat, einige Szenen aus seinem Mystery-Film "Die neun Pforten" mit Johnny Depp hier zu drehen.

Poltergeister, Drachen oder tote Haifische

Nirgends soll der Mythos von Sintra stärker präsent sein als in der Quinta da Regaleira, versteckt hinter verwitterten Mauern am Stadtrand in der Estrada de Monserrate. Bei weitem nicht irgendein aristokratisches Anwesen, sondern ein mysteriöser Schauplatz, der für einige Überraschungen gut ist. Er besteht aus einem geheimnisvollen, weißen neomanuelinischen Palast aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und einem weitläufigen Park, der sich an einen Hang schmiegt.

Bauherr dieser Quinta, die heute der Stadt gehört, war kein König, sondern der exzentrische Brasilianer António Augusto Carvalho Monteiro (1848-1920), ein Multimillionär, der ein Vermögen durch den Handel mit Edelsteinen und Kaffee gemacht hatte und sich viel mit Esoterik, Mythologie und Philosophie beschäftigte, manche sagen auch mit der Freimaurerei. Zwischen 1904 und 1911 ließ er ein altes Landgut der Kaufmannsfamilie Regaleira ins Haus seiner Phantasien verwandeln. Als ausführenden Architekten engagierte er den Italiener und Wagner-Fan Luigi Manini, der auch die Lissabonner Oper São Carlos entworfen hat.

Monteiros Vorstellungen von einem Herrenhaus lässt die kruden Ideen kunstverliebter Könige, die sich bei den anderen Palästen in Sintra ausgetobt hatten, fast ordinär erscheinen. Sein Ansinnen war größer, man könnte auch sagen, größenwahnsinniger: Das Gartenlabyrinth mit seinen vielen Brunnen, Grotten und Seen sowie der mit spitzen Türmen, Türmchen, Säulen und Schnörkeln versehene weiße Palast sollten tatsächlich den ganzen Kosmos widerspiegeln. Anspielungen auf Dichter wie Vergil und Dante inklusive. Ein theatralischer Plan, dessen allerwinzigsten Details man lieber nicht auf den Grund gehen sollte - es sei denn, man möchte sich hier lebenslang einrichten.

Was tagsüber einer heiteren göttlichen Komödie gleicht, oder auch, je nach Betrachtungsweise, einem Abenteuerspielplatz für Erwachsene, möchte man nachts lieber nicht alleine betreten. Unter dem Schatten alter Eichen und Kastanienbäume wandert der Besucher auf breiten Gartenwegen zunächst bergauf am verwitterten Brunnenhäuschen eines Portals vorbei, das mit Fischkopffratzen und grimmigen Drachenköpfen verziert ist, den sogenannten Wächtern der Dunkelheit. Vorbei kommt man auch am verschnörkelten Aussichtsturm "Torre da Regaleira", der ein wenig anmutet wie der Elfenbeinturm aus der "Unendlichen Geschichte". Er ist gekrönt von 11 Zinnen und Säulen, einer Zahl, die die Vereinigung von Erde und Himmel, dem Mikrokosmos und dem Makrokosmos symbolisieren soll. Den Besucher hingegen dürfte eher interessieren, dass ihn auf der Spitze herrliche Aussichten über die grüne Berglandschaft erwarten.

Wie ein Märchen gibt das vier Hektar große Labyrinth aus Treppen, Kapellen, künstlichen Seen und Grotten Rätsel auf. Was verbirgt sich hinter den wohl seit längerer Zeit mit Spinnweben versiegelten Türen, die in moosüberwachsene Befestigungen am Wegesrand eingelassen sind? Ab und an schieben sich Arme durch ein Gestrüpp aus Farn und wildem Buchs - keine Geister oder professionelle Erschrecker, sondern Touristen, die kleine Monteirosche Geheimwege auskundschaften, die nicht in der Karte eingezeichnet sind. Magere Katzen, darunter auch ein paar unheilvolle Schwarze, streunen zwischen griechischen Götterstatuen von Venus und Zeus auf der "Patamar dos Deuses"-Allee umher.

Ja, wer Phantasie hat, bekommt hier das nötige (Grusel)-Futter. Dass hier Poltergeister, Drachen oder auch tote Haifische den Weg kreuzen, erscheint irgendwann nicht mehr unwahrscheinlich, der Hausherr experimentierte ja mit allerlei und hatte einen nicht enden wollenden Erkenntnisdurst. Er ließ importierte tropische Gehölze neu anpflanzen, er schuf sich ein Gewächshaus, sowie ein Aquarium und mischte im Obergeschoss seines Schlosses angeblich Chemikalien.

Dantes neun Stufen zur Hölle

Doch wer wirklich tief ins Innere dieses Philosophenkonstrukts vordringen will, kann das im wahrsten Sinne tatsächlich tun. Denn das Gelände - wen kann das jetzt noch überraschen - hat auch ein künstliches, unterirdisches Gesicht. Im dunklen Inneren eines Hünengrabs lässt sich eine steinerne Drehtür öffnen, die zu einem seltsamen Ort führt. Nämlich ins Innere eines Brunnens ohne Wasser, der sich wie ein Turm 30 Meter vom Gartengrün in die Tiefe schraubt.

Über eine modrige Wendeltreppe spaziert man als Besucher über neun Ebenen - eine Anspielung auf Dantes neun Stufen zur Hölle - zum feuchten Grund des Brunnens, in dem ein achtzackiger Stern eingelassen ist. Der Hausherr nannte dieses Konstrukt den Brunnen der Initiation. Mythen besagen, dass hier Freimaurer mit verbundenen Augen ihren Weg von der Hölle ins Licht finden sollten. Denn der Boden ist keine Sackgasse. Unterirdische in den Fels gehauene Gänge führen zu anderen Punkten im Garten, unter anderem übrigens zu dem Portal mit den grimmigen Drachen, den Wächtern zwischen Dunkelheit und Licht.

Für alle, die nicht klaustrophobisch veranlagt sind, ist es ein unterhaltsames Abenteuer, den verzweigten Gängen der "Gruta do Labirinto" gänzlich unwissenschaftlich zu folgen - vorausgesetzt, sie sind dementsprechend ausgerüstet. Ohne Taschenlampe oder dem Baseball-Cap mit integrierter Lampe, das man am Eingang für einen nicht allzu freundschaftlichen Preis erwerben kann, ist es schwierig alle Stollen zu erkunden. Einige liegen im Dunkeln, in anderen weist eine orangenfarbene Lichterkette am Boden zumindest andeutungsweise den Weg durch das verwitterte Gestein. Für Gruselfotos ein perfekter Ort: viele Touristen beleuchten sich gegenseitig mit Smartphones, machen Grimassen und schießen Fotos, Kinder kichern.

Folgt man dem breiten Hauptgang und dem Klang des Wassers, erblickt man endlich den See im Garten Eden, einen grünen Teich an einer Grotte. Fünfzehn Trittsteine führen über das trübe Wasser wieder in den Garten, einige Gefahrenschilder weisen darauf hin, dass man hier immerhin 80 Zentimeter tief ins Wasser fallen kann, wenn man daneben tritt. Allerdings erscheint das eher harmlos, erfährt man, dass man gerade die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades überschritten hat: Der künstliche Wasserfall am Teich steht symbolisch für den Fluss Styx aus der griechischen Mythologie, über den die Seelen der Toten in die Unterwelt geschifft werden. Trotz regelmäßigem Gegenverkehr balanciert jeder Tourist relativ trittsicher auf den glitschigen Steinen.

Ob man nun das Geheimnis von Sintra entdeckt hat, fragt sich der Besucher am Ende und zögert nicht lange, diese Frage mit Ja zu beantworten, auch wenn der philosophische Sinn all dessen im Hirn von Monteiro begraben bleibt. Aber wer weiß, vielleicht würde ihm das vergnügliche und dabei doch so ahnungslose Irren und Wirren der touristischen Nachwelt sogar ein wenig diabolische Freude bereiten.

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Autor:
Bettina Hensel