Lissabon Sightseeing mit Einheimischen

Unser Treffpunkt ist der Kiosk Clara Clara, heißt es in der Email. Am Rand der Altstadt von Lissabon, in einem kleinen Park umgeben von Palmen. Dort sitzt ganz allein ein Mann mit braunen kurzen Haaren, Dreitagebart und beige kariertem Hemd. Als er die Besucher entdeckt, steht er auf. "Bom dia! Ich bin Filipe, euer Freund in Lissabon!", sagt er und lächelt.

Filipe lebt schon seit 20 Jahren in Lissabon und bietet seit diesem Sommer unter dem Namen "A friend in Lisbon" Erkundungstouren der anderen Art an. Je nach Teilnehmerzahl führt er kleine Gruppen für 15 bis 30 Euro durch die portugiesische Hauptstadt. Kommuniziert wird auf English, Französisch, Spanisch oder natürlich Portugiesisch. Die Sehenswürdigkeiten sind dabei nur Nebensache. Viel wichtiger: Insider-Informationen und geheime Orte, die sich an den individuellen Wünschen der Gäste orientieren. Die findet Filipe entweder durch ein persönliches Treffen vorab oder per Email heraus. Seine Philosophie: "Wenn man eine fremde Stadt besucht, ist es gut, einen Freund zu haben, der sie einem zeigt."

Start der Tour mit Blick auf den ältesten Flohmarkt Lissabons

Anders als bei typischen Sightseeing-Touren geht es nicht sofort hektisch los - sondern erstmal setzen wir uns, um einen Bica, portugiesischen Espresso, mit Blick auf den Fluss Tejo zu trinken. "Bei mir läuft alles ganz entspannt", sagt Filipe und fängt an, mit ruhiger Stimme etwas über die Umgebung zu erzählen. Er startet mit den Klassikern: Der Garten wurde 1862 gebaut, am Wochenende findet um ihn herum die Feira da Ladra, der größte Flohmarkt der Stadt, statt und im Pantheon liegen portugiesische Berühmtheiten, wie Fado-Sängerin Amalia Rodrigues, begraben. "Nur die wenigsten wissen allerdings", sagt der 38-Jährige mit leuchtenden Augen, "dass das Nationale Pantheon ursprünglich eine Kirche, Santa
Engrácia, war und eine portugiesische Redewendung hervorbrachte." Da es über drei Jahrhunderte dauerte das Gebäude fertig zustellen, sagen die Portugiesen heute, wenn ein Bau oder etwas extrem lange dauert: "Como Obras Santa Engrácia.", wie bei Santa Engrácia.

Nach dieser ersten Anekdote geht es zu Fuß durch die kleinen engen Gassen der Altstadt. Auch dabei weist Filipe immer wieder auf kleine Details hin, wie die Metallverzierung an dem Fenster eines Ateliers. Nach einigem bergauf und vielmehr bergab, erreicht man Baixa, den unteren Teil der Stadt. "Da es so nah am Fluss Tejo gelegen ist", sagt Filipe, "wurde es beim Erdbeben und Tsunami 1755 komplett zerstört und unter Marquês de Pombal wieder aufgebaut, weswegen man häufig auch von Baixa Pombalina spricht." Ein gutes Beispiel dafür ist der von flachen, gelben Ministeriumsgebäuden umgebene Praça do Comércio, einer der wichtigsten Plätze der Stadt.

Dann schaut Filipe auf die Uhr. "Normalerweise spielt Zeit keine Rolle für mich", sagt er, "aber wir haben gleich einen Termin und zwar da oben". Er deutet auf den Triumphbogen am Ende des Platzes, dem Eingang zur Rua Augusta, eine der Haupteinkaufsstraßen der Stadt. Doch für Filipes Gäste geht es heute erstmal nicht drunter durch, sondern über schmale Treppen hoch hinauf. Oben angekommen werden einem erst die Dimensionen des Triumphbogens bewusst. Denn die Füße der zwei Skulpturen sind riesig und versperren einem sogar die Sicht. "Das sind die Treter von Genius und Wert", sagt Filipe und lacht, "sie werden von der Göttin Gloria gekrönt." Schaut man über sie hinweg, genießt man hier eine der ungewöhnlichsten Aussichten der Stadt.

 

Traditioneller Kirschschnaps Ginjinha in Lissabon
Katharina Finke
Traditioneller Kirschschnaps Ginjinha.

Shoppingmeilen in Lissabon mit Historie

Wieder unten in der Rua Augusta, macht Filipe plötzlich einen Abstecher in ein H&M-Geschäft. Kurz hinter dem Eingang bleibt er stehen und fragt: "Fällt euch was auf?" Kopfschütteln. "Schaut mal auf den Boden", sagt er. Überraschte Blicke. "Durch die transparente Konstruktion, kann man hier noch Ruinen der alten Stadt sehen", löst er auf. Das ist aber nicht der einzige Laden mit interessanter Historie. So erzählt Filipe während er mit den Gästen weiter durch die edle Shoppingmeile Chiado schlendert, dass das Nespresso-Geschäft hier während des Krieges eine deutsche Propagandastätte war. "Damals war Lissabon aufgrund seiner Neutralität voll von Spionen und Flüchtlingen", sagt er und hält ein paar Meter weiter beim Rossio an. Einheimische hasten über diesen Platz, um noch einen Bus oder Zug in der angrenzenden Station zu bekommen. Touristen entspannen am Rande in Straßencafés. Andere sitzen auf den Stufen vom Teatro Nacional D. Maria II. "Zwischen 14 und 15 Uhr ist hier Happy Hour", verrät Filipe, "da gibt es Karten für die Abendvorstellung für je sechs Euro."

 

Filipe Duarte zeigt Besuchern Geheim-Ecken der Stadt
Katharina Finke
Filipe Duarte zeigt Besuchern Geheim-Ecken der Stadt.

Nach so vielen Informationen, die Filipe durch sein Geschichtsstudium und langjährige Tätigkeit als Journalist gesammelt hat, ist nun erstmal Zeit für eine Erfrischung. Dafür geht es in einen kleinen Laden hinter dem Theater. Bekannt ist er für den traditionellen Kirschschnaps: Ginjinha. Doch Filipe bestellt etwas anderes: Capilé, eine Mischung aus koffeinhaltigem Sirup, kaltem Wasser und Eiswürfeln. "An heißen Tagen wie heute, ist das eine gutes Erfrischungsgetränk", sagt er.

Unterwegs mit der ältesten Standseilbahn Lissabons

Nach der kleinen Stärkung kann es weitergehen. Diesmal nicht zu Fuß, sondern mit der Bahn. Dafür bekommt jeder eine grüne Karte, aufgeladen mit fünf Euro. "Das ist definitiv die günstige Variante, sich in Lissabon fortzubewegen", sagt er. Viele Touristen wüssten dies nicht und zahlen teure Einzelfahrten, am häufigsten in der Straßenbahn Eléctrico 28. Doch Filipe hat für seine Gäste den Elevador do Labra ausgewählt. Die älteste Standseilbahn bringt einen hinauf zum Jardim de Torel. Gemütlich geht es durch den am Hang gelegenen Park, einer der vielen Grünanlagen Lissabons. "Als die Stadt im 19. Jahrhundert anfing zu wachsen, wurden viele öffentliche Plätze geschaffen, damit auch Bewohner mit wenig Geld hier ihre Freizeit genießen können", erzählt Filipe. Schnell erreicht man einen weiteren solchen Platz: die Avenida da Liberdade. Einst größter Garten der Stadt wurde sie nach dem Vorbild der Pariser Champs-Élysées in eine Allee umgestaltet. Heute erstreckt sich der größte innerstädtische Park, der Parque Eduardo VII, genau dort, wo sie endet, auf einem Hügel hinter dem Platz Marquês de Pombal.

Auf dem Weg zur Spitze des Parks, wo eine große Portugal-Flagge über dem Denkmal des 25. Aprils thront, erklärt Filipe, dass dieses Werk von João Cutileiro aufgrund seiner Form zahlreiche Kontroversen veranlasst habe. "Einheimische nennen es auch den Penis von Portugal", sagt er etwas verlegen. Nach kurzem Zwischenstopp nebenan für einen guten Blick auf die Innenstadt, spaziert er weiter.

Etwas höher hält er an, deutet auf zwei Gebäude und sagt entsetzt: "Das hier ist ein richtiges Problem!" Er erklärt warum: Das Gebäude links ist ein Gefängnis, das aufgrund seiner Einzigartigkeit und Originalität als Denkmal klassifiziert wurde. Rechts davon befindet sich ein Gebäude des Justizministeriums. In den 1970er-Jahren erbaut, aufgrund des Kolonialkrieges und der Revolution 1974 nie fertig gestellt, steht es nachdem 2005 auch noch Asbest gefunden wurde, leer. Dank des Denkmalschutzes kann der Raum aber auch nicht anderweitig genutzt werden. Dafür zahlt das Justizministerium heute monatlich 1,2 Millionen Euro Miete für die Gebäude im Parque de Nações.

"Nun zeige ich euch, was es sich noch lohnt anzusehen", sagt Filipe motivierend und führt seine Gäste zur nächsten Metrostation. "Die Haltestellen sollten von Baubeginn in den 1960ern an einen artistischen Charakter haben", sagt er "so gestaltete die portugiesische Künstlerin Maria Keil die Kacheln der ersten Stationen, zum Beispiel diese hier: Parque". Erneut wird das grüne Ticket gezückt, um mit der Metro nach "Rato" zu fahren. Hier sieht man zwischen den Häusern ein Aquädukt hervorblitzen. Daneben das Wassermuseum - Mãe de Agua, das Filipe mit seinen Gästen betritt. "Es gibt auch die Möglichkeit das Aquädukt von hier aus zu begehen", sagt er "doch das müssen wir uns wohl für die nächste Tour aufheben."

Wer sich bei einem Besuch in Lissabon mehr für Insider-Wissen als für klassische Sehenswürdigkeiten interessiert, sollte Filipe Duarte treffen. Auf maßgeschneiderten