Lissabon Der Palast von Gold-Joe

Selbst der aufmerksamste Beobachter fährt auf der Landstraße von Lissabon nach Azeitão auf der Estrada Nacional 10 an den schönsten Dingen vorbei. Wie soll er auch ahnen, dass sich hinter den dichten Eukalyptus- oder Pinienwäldern die allerherrlichsten, alten Anwesen verbergen. Alles Hübsche, was zur Privatsphäre gehört, wurde schließlich nach vergangener maurischer Sitte versteckt, und bleibt auch heute noch verborgen.

Eine Ausnahme macht das private Gut von "Gold-Joe" in Vila Fresca de Azeitão. Die sandfarbene Quinta da Bacalhôa aus dem 15. Jahrhundert mit ihren maurischen Kuppeltürmen, ehemals königliche Sommerresidenz, wirkt zwar von außen eher unscheinbar und schlicht. Doch bei einem Rundgang verblüfft besonders ihre Gartenanlage mit soviel Eleganz, dass man sich fast jeden zweiten Meter mit seiner Kamera im Kreise dreht. Auf der Rückseite bergen beide Gebäudeflügel einen italienischen Renaissance-Labyrinthgarten, dessen Grün mit dem wolkenlosen Septemberhimmel ums Leuchten wetteifert. Weiße Statuen stechen aus dem Buchsbaumtönen hervor, am angrenzenden Kiesweg blühen und duften lila Lavendelbüsche. "Linda! Linda!", so ruft manch eine ältere Dame hier nach jedem Schritt, das heißt auf Portugiesisch so viel wie "Entzückend!, Entzückend!".

Der Renaissancestil aus Italien lag 1528 im Trend, und so ließ der damalige Besitzer, einer von vielen, die noch folgen sollten, Dom Brás de Albuquerque, der älteste Sohn von Afonso de Albuquerque, Vizekönig von Indien, den Garten im italienischen Stil verschönern - mitsamt Mosaiken, die Bänke zieren, und Ruhepavillions. Deren Loggien öffnen sich auf ein schwimmbadgroßes Wasserbecken, dahinter fließt eine gefällige Landschaft mit Weinreben und einem kleinen Kirchturm in den Blick. Neidisch stellt man sich vor, wie hier die königlichen Damen des Hauses nach einem Spaziergang herrlich entspannten, während die Monarchen auf Kaninchen- oder Fuchsjagd durch die angrenzenden Wälder streiften.

Doch der gemeine Tourist muss weiter, und entdeckt an der Wand des letzten Pavillons eine Rarität: das älteste figurative Azulejo Portugals von 1565. Darauf ist die biblische "Susanna im Bade" leidlich verhüllt zu sehen, die sich gerade den Übergriffen zweier lüsterner alter Richter nach einem Bad im Garten erwehrt. Wie passend zu dieser Gartenanlage mit ihrem künstlichen See. Leider sind viele Mosaike nicht mehr vollständig oder gar ganz verschwunden. Besonders nach Ausrufung der Republik 1910 verkam der Palast, Mosaike wurden gestohlen oder verkauft.

1936 jedoch wurde er von einer betuchten Amerikanerin "gerettet". Orlena Scoville kaufte die umliegenden Weinberge und den Palast und restaurierte ihn. Seit 2000 gehört das Gut einem anderen kunstsinnigen Rebenliebhaber, José Manuel Rodrigues Berardo. Er wird auch "Gold Joe" genannt, denn seinen Reichtum hat er der Erschließung von Goldminen in Südafrika zu verdanken. Er ist ebenfalls Haupteigentümer eines großen Weinguts, dessen Sitz zwei Kilometer entfernt vom Palast liegt. Dieses hieß bis 2005 noch J. P. Vinhos, nach dem Firmengründer João Pires, und nennt sich heute Bacalhôa - Vinhos de Portugal (BVG), in Anlehnung an den ebenfalls erworbenen Palast.

Der 1944 in Madeira als siebter und letzter Sprössling einer Arbeiterfamilie zur Welt gekommene Berardo ist nicht nur als Selfmademan bekannt, der es ohne Studium vom Obstverkäufer zum Milliardär brachte. Er hat sich auch als Kunstsammler einen Namen gemacht. Seine erste Anlage ließ allerdings nicht unbedingt dasselbe intuitive Gespür vermuten, das seine anderen Unternehmungen kennzeichnete: 1969 wähnte er sich im Besitz eines Originals, als er in Johannisburg die Mona Lisa erwarb.

Tödliche Flitterwochen an der blauen Küste

Heute nennt der 64-Jährige eine landesweit renommierte Kunstsammlung sein Eigen, die er Museen zur Verfügung stellt, wie dem 2007 eröffneten Museu Colecção Berardo im Lissabonner Ortsteil Belém, und die auch Stücke im Palast Quinta da Bacalhôa umfasst. Sein Portfolio reicht von Picasso bis zu Andy Warhol, von alten Keramikbildern bis zu viktorianischen Porzellanvasen. Einzig der portugiesische Fußballsclub Benfica Lissabon wollte sich nicht in seine Liebhabersammlung einreihen lassen. Berardo scheiterte 2007 an dem Versuch, die Aktienmehrheit des Clubs zu erwerben: Er brachte es nur auf magere 1,5 Prozent.

Ein Landstrich, von dem alle Millionäre mit Expansionsgedanken zum Glück ferngehalten werden, liegt gleich in der Nähe von Azeitão - zwischen dem Fischerörtchen Sesimbra und der Hafenstadt Setúbal. Die Serra da Arrábida, das Schwesterngebirge zur Serra de Sintra im Norden von Lissabon, ist staatlich geschütztes Naturschutzgebiet, mehr als dreimal so groß wie der Central Park in New York, und Geologen zufolge stattliche 180 Millionen Jahre alt. Herrlich dunkelgrüne Schirmkiefern säumen anfangs noch die kurvige etwa 38 Kilometer lange Panoramastraße, dann geht es bergauf in ein üppiges, mediterran anmutendes Steppengrün, das vor allem aus Niedriggewächsen besteht, die sich an den kargen Kalksteinboden klammern, so wie Lorbeerbüsche, Zypressen, Heidekraut und Geißblatt.

Die besondere Flora und natürlich auch die Bergeinsamkeit des Parks ziehen im Frühjahr viele Wanderer an, die auf den Pfaden auch an kleinen Kapellen, Dörfern und Quintas vorbeiziehen. Mitten im Naturpark findet sich auch das berühmte 1524 erbaute Konvent der Franziskanermönche von Arrábida, das heute im Besitz einer Stiftung ist und mit seinen vielen Nebengebäude fast dörflichen Charakter hat.

Still und grün ist es hier oben, der Blick schweift tief hinunter auf das offene, dunkelblaue Meer. Die Küste fällt steil ab in den Ozean, nirgends sonst auf Portugals Festland gibt es so hohe Klippen wie hier. Von den Aussichtspunkten am Straßenrand sind einige Sandbänke am Ufer zu sehen, die der raue Atlantik nach Lust und Laune jedes Jahr neu aufschaufelt und wieder abbaut.

Badegäste gibt es in der Serra da Arrábida kaum noch, schließlich ist die Saison in Portugal Ende August vorüber und dann gibt es für die Portugiesen selbst bei 30 Grad im Schatten keinen Grund mehr, in die kühlen Fluten zu springen. Die wohl romantischen Badebuchten befinden sich in der Nähe des Fischernests Portinho da Arrábida mit dem gleichnamigen Strand, den man über eine Abzweigung von der Panoramastraße erreicht. Kleine Felsbuchten mit schneeweißen Sand reihen sich hier aneinander, die auch Tauchreviere sind, wie der Praia de Galapos oder der Praia da Figueirinha. An diesen kristallklaren Buchten wurde 1969 die Abschlussszene für den James Bond-Film "Im Geheimdienst ihrer Majestät" gedreht. Zu dieser Zeit war der Park noch nicht Naturschutzgebiet.

Allerdings sind die Straßen hier nicht Schauplatz einer wilden Verfolgungsjagd, sondern Filmstätte des wohl traurigsten Moments in der Geschichte des berühmten 007. James heiratet in diesem Streifen am Ende zum ersten und einzigen Mal. Doch natürlich kann das Glück nicht lange halten, wo blieben sonst die Bond-Girls, und so findet die Romanze an der portugiesischen Atlantikküste ein tragisches Ende: die frisch getraute Tracy Bond wird auf ihrer Fahrt in die Flitterwochen von einer Gehilfin des Bond-Widersachers Blofeld aus einem vorbei fahrenden Wagen erschossen. Die malerische Aussicht von der Serra da Arrábida auf den blauen Ozean war da nur ein sehr schwacher Trost.

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Autor:
Bettina Hensel