Lissabon Altstadtviertel Alfama

Wie eine Bergziege klettert die Linie 28 die steile Rua Almirante Reis empor. Kurz vor der Igreja dos Anjos, der Engelskirche, schwenkt die kleine Straßenbahn so scharf nach rechts, dass die Schriftstellerin Lidia Jorge gegen einen weiteren Stehgast in schwarzer Lederjacke fällt, der wiederum gegen die Reporterin rempelt, doch die wird vom weichen Bauch einer älteren Lissabonnerin aufgefangen, die dann ein Schulmädchen mit sich reißt, bis im Dominoverfahren auch der letzte Fahrgast aus dem Gleichgewicht gerät. Worauf sich alle mit einem höflichen Kopfnicken, einem Lächeln und einem "disculpe", Entschuldigung, wieder aufrappeln. Schon öfter sollte die dienstälteste Tramlinie der Welt - die ehrenwerte Eléctrico stammt schließlich aus dem Jahr 1902 - wegrationalisiert werden, doch die Lissabonner hängen an ihr. Das Bähnchen sei vielleicht ein bisschen unbequem, aber schließlich auch ein Wahrzeichen der Stadt, meint Lidia Jorge. Und die beste Art, die Alfama, ihr Lieblingsviertel zwischen dem Castelo São Jorge und dem Tejo-Ufer, zu erkunden.

Erst einmal muss das innen holzgetäfelte Gefährt, Baujahr 1947, die Hügel von Graça erklimmen. Die Gasse wird enger, und die Vorstadt-Häuser rücken einander so nahe, dass man im Vorbeifahren den Bewohnern hinter die Geranientöpfe schauen kann. "Die Poesie ist die einzig wahre Nahrung bei dem bekannten Mangel an Fantasie", steht an einer Hauswand. Ohne Gegenstimmen. Drei zerlumpte Jungen hängen sich ans Trittbrett, um kurz vor dem Largo da Graça, dem Platz der Gnade, mit einem Sprung das Weite zu suchen.

Gerade kommt die Straßenbahn in der Rua da Voz do Operário so richtig in Schwung, da muss der Fahrer kräftig in die große silberne Bremskurbel greifen - nicht umsonst wird er auf Portugiesisch guardafreios, der Hüter der Bremsen, genannt. Ein Geländewagen parkt so dreist auf der Straße, dass er die Gleise blockiert. Die alte Tante Tram erzittert unter dem ihr eigenen, lauten Protestgebimmel. Fünf Mal. "Paciencia", sagt Lidia Jorge, "paciencia", Geduld, antworten die Fahrgäste wie im antiken Chor. Doch irgendwann platzt auch dem geduldigsten Tramführer der Uniformkragen. Der Mann streicht sich die grauen Haare zurück, holt tief Luft; dann tritt er an das silberlackierte Hindernis und klappt dem nicht vorhandenen tipo da merda ("Mistkerl") mit lautem Krach den Außenspiegel ein. Um Haaresbreite zirkelt die Tram vorbei. "Der Kerl geht wohl auf der Feira da Ladra seinen Geschäften nach," spekuliert der Alte mit der Lederjacke. Der Markt der Diebinnen, Lissabons größter Flohmarkt, liegt nämlich um die Ecke, hinter der weißen Fassade von São Vicente de Fora, wo die Alfama beginnt.

Schon hat jeder zweite Fahrgast eine Anekdote zur Hand, wie wörtlich der Name des Flohmarkts zu nehmen sei. "Meine Freundin war auf dem Weg zu Wäscherei, als ihr die schönsten Dessous aus dem Auto gestohlen wurden", erzählt Lidia Jorge. O Wunder, einige Bodys, BHs und Tops, die den vermissten Stücken verdächtig ähnlich sahen, habe sie sich tags drauf auf der Feira da Ladra erstehen können. Passten wie angegossen.

In der Rua das Escolas Gerais, die so abenteuerlich eng ist, dass sich die Hausbewohner von gegenüber fast die Hand schütteln können, wird die Tram eingleisig, eine Ampel regelt den Gegenverkehr. Im Vorbeirattern sehen wir eine junge Frau, die wie eine Ballerina im Fensterrahmen steht und mit dem Putztuch zu winken scheint, obwohl sie nur emsig die Scheiben poliert. Genau wie die Einstiegszene in Lidia Jorges erstem großen Roman "Der Tag der Wunder", wo ein Dorf an der Algarve in seiner Abergläubigkeit das Jahrhundertereignis, die Nelkenrevolution von 1974, verschläft. Das Putztuch hat für Frau Jorge fast symbolischen Charakter. "Durch den EU-Beitritt hält Portugal sich für eine moderne Demokratie, aber solange die meisten Frauen nur vier Jahre Schulbildung haben und wir als einziges europäisches Land außer Irland kein Abtreibungsgesetz haben, sind wir doch rückständig, oder?"

Im Largo das Portas do Sol steigen wir aus. Über uns liegt das Castelo São Jorge, Lissabons Trutzburg. Aber wir gehen nicht hinauf, sondern genießen erst mal vom Mirador das Portas do Sol den wunderbaren Ausblick über die Schachtelhäuschen, schauen, wie der Frühlingswind die Wäsche wie weiße Segel flattern lässt, als sei die Alfama ein riesiger voll getakelter Windjammer, allzeit zum Auslaufen bereit. Unter uns liegt blassblau der Tejo, wo tatendurstige Entdecker wie Vasco da Gama und Pedro Cabral auf Nussschalen ausfuhren, um für ihren König ein Weltreich zu erobern. "Schauen Sie, hier steht der Schutzpatron Lissabons - und der aller Seefahrer," sagt Frau Jorge und stellt uns den Heiligen Vinzenz, einen alten Bekannten aus ihrer Heimat, der Algarve, vor. Versonnen blickt der Heilige von seinem Marmorsockel und streckt uns ein Segelschiff mit zwei Raben entgegen. Warum Raben? "Weil sie seine Beschützer waren", sagt Lidia Jorge. Während der Maurenzeit wurden die Gebeine des Märtyrers in einer Seefahrerkapelle beim berühmten Kap São Vicente an der Algarve aufbewahrt, stets von zwei Raben bewacht. Erst nachdem die Christen die Mauren 1147 aus dem Castelo São Jorge vertrieben hatten, brachten sie St. Vinzenz in die Alfama - samt seinen gefiederten Bodyguards.

Noch heute ist Alfama ein Armenviertel

Alfama bedeutet auf Arabisch "heiße Quellen". "Hier berühren sich alle Kulturen, die uns geprägt haben", sagt Frau Jorge, "für mich sieht das Viertel noch heute wie eine orientalische Kasbah aus." Nach dem Abzug der Mauren residierten christliche Adelige und reiche jüdische Kaufleute am Burgberg, bis die Juden im 16. Jahrhundert aus Portugal vertrieben wurden. Dann zogen Handwerker, Hafenarbeiter und Seeleute zu, Dirnen, Diebe und Tagelöhner machten die Alfama bald zum verrufensten Quartier. Als an Allerheiligen 1755 das große Erdbeben 30.000 Lissabonner begrub und Häuser, Kirchen und Paläste zerstörte, klagten die Kirchenmänner gar viel über Gottes Strafgericht. Doch ironischerweise blieb das Sündenbabel am Burghügel nahezu unversehrt, "denn hier", sagt Frau Jorge und zeigt mit der Hand auf Gestein zwischen Farnwurzeln, "hier sind die Häuser auf Fels gebaut".

Noch heute ist die Alfama ein Armenviertel, wo Anmut und Verfall, Ehrbarkeit und Nepp, Volksfrömmigkeit und Kitsch dicht beieinander wohnen. Wer Reminiszenzen des Orients sucht, wird sie auch im Foto-, Handy- und Internet-Zeitalter finden. Der Bettler mit seinem Klagegesang an der Travessa de Santa Luzia beim Aufgang zur Burg, klingt er nicht wie ein Muezzin? Die Schatten spendenden Torbögen, das Verwirrspiel der Gassen, die holzverkleideten Balkons, hinter denen dralle Frauen mit Kittelschürze hervorschauen, erinnert das nicht an Tausendundeine Nacht? Die Gemüseläden, wo Datteln, Feigen, Melonen und Kirschen zum Anbeißen drapiert sind; die alten Männer, die auf klobigen Holzstühlen vor den Cafés und Kneipen sitzen und Domino spielen - an jeder Ecke ein Hauch von Orient im Okzident.

Früher allerdings roch es in den Treppengängen der Alfama anders - nach Stockfisch und Kaffee, nach gegrillten Sardinen und Seifenpulverflocken, welche die vielen Waschfrauen, die hier ihr Brot verdienten, in ihre Zuber einstreuten. Die Leute aßen und tranken, arbeiteten, zankten und schliefen bei offenen Türen und Fenstern, weil die Wohnungen so winzig waren. "Der Fado war noch nicht in die Lokale eingesperrt", sagt Lidia Jorge, die in den sechziger Jahren als Studentin aus ihrem kleinen Algarve-Dorf nach Lissabon kam und nie mehr fort wollte, "alle Mädchen und Frauen sangen im Wettstreit von Herz und Schmerz und Saudade. Aber es war nicht triste, es lag einfach eine tolle Stimmung in den Gassen."

Heute geht es gedämpfter zu, obwohl die alte Alfama an vielen Ecken ein helles, freundliches Make-up bekommen hat und die Kanarienvögel vor frisch geweißten Hauseingängen zwitschern. Überall kleben "Alfama, amo te"-Plakate ("Alfama, ich liebe dich!"). Dennoch sind viele alte alfamistas aus ihren feuchten, engen Wohnungen fortgezogen in Lissabons Hochhausviertel. Da gibt es keine Hinterhof-Romantik, keine blühenden Mimosen und keine steilen Stufen mehr, dafür Fahrstühle, Waschmaschinen und Erlebnis-Einkaufszentren. "Vor 20 Jahren noch war hier in der Rua São Pedro ein Gedränge und Gekreische, das können Sie sich nicht vorstellen", sagt Teresa Gomes, älteste Fischverkäuferin und ein Alfama-Original.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert hockt die 72-Jährige auf ihrem gepolsterten Schemel, klagt über Ischias und preist ihre fangfrischen Sardinen, Barsche und Brassen an. "Meine Stammkundinnen kommen nach wie vor, aber früher war's witziger, da warfen wir Fischweiber uns die wüstesten Schimpfworte an den Kopf," sagt Dona Terezinha. Nur am 13. Juni, beim Patronatsfest des Heiligen Antonius, der immer nur Antonius von Padua heißt, obwohl er doch in der Alfama geboren wurde, da sei richtig was los hier. Oder zur Fußball-EM, sagt ein alter Mann gegenüber. Wenn der Luis, also Nationalstürmer Luis Figo, ein Tor schieße, dann brause der Jubel von Balkon zu Balkon.

Doch zum Glück gibt es in der Alfama noch viele Unbeugsame, die ihr schönes schäbiges Viertel im Traum nicht aufgeben wollen. Intakte Enklaven wie in der Rua dos Remédios mit ihren Handwerkern, winzigen Geschäften und soliden Kneipen:wie "O Cubelo", wo es wenig Auswahl, aber immer frischen Fisch und Eintopf gibt; wie den Kolonialwarenladen "Delicia do Utremar" mit Kaffee, Kakao, Ingwer und Tee aus Übersee; oder das Reliquiengeschäft mit Hunderten von bunt bemalten Heiligenfigurinen - für jedes Herz, für jeden frommen Zweck.

In seinem Atelier Rua dos Remédios 160 finden wir Schneidermeister Carlos Alberto Gaspar dos Santos vergnügt vor sich hin pfeifend. Seit 40 Jahren sitzt er zwischen Stoffballen, gehefteten Anzügen, Maßband, Elle, Steckkissen und Antik-Bügeleisen, gerade zückt er eine gusseiserne Schere, die wohl noch die Monarchie gesehen hat. "Die da," sagt der 65-Jährige und zeigt ins Schaufenster, wo vergilbte Herrenmodezeitschriften vom Sommer 1977 liegen, die alten Schnitte seien gerade wieder groß in Mode. Früher hätten die feinen Herrschaften bei ihm Smokings und Fräcke anfertigen lassen, heute geht es ja salopper zu, aber der klassische Zweiteiler ginge immer noch gut! Auch sein Nachbar, der alte Kunstschmied Jaime Silva kann nicht klagen. "Hab so viel zu tun," sagt er und hämmert seine Bleche, "Messinglaternen, Messingtöpfe, die Leute reißen mir das Zeug ja aus der Hand."

Die Hauswand gegenüber, die zur Bäckerei gehört, ist mit wunderbaren altblauen Azulejos aus dem Jahr 1749 verziert. Lidia Jorge zeigt auf unsere alten Bekannten, den Heiligen Vinzenz der Seefahrer und den Hl. Antonius von Padua, den ganz speziellen Alfama-Schutzpatron. "Die zwei Heiligen haben uns vorm Großen Erdbeben 1755 beschützt," sagt die Bäckerin mit ihrem adretten weißen Häubchen. "Die werden auch dafür sorgen, dass die Alfama nicht untergeht", antwortet Lidia Jorge lächelnd.

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Autor:
Swantje Strieder