Portugal Hoffnung für den Alentejo

Nördlich der Algarve beginnt eine Region, wie es sie in Europa kaum noch gibt: menschenleer mit endlosen Horizonten. Der Alentejo erstreckt sich über ein Drittel der Landesfläche, aber nur fünf Prozent der Portugiesen leben hier. Lange galt die Einsamkeit als Makel, jetzt entdeckt sogar der Jetset die Ruhe für sich.

In der Boutique Lavanda wurde früher Brot gebacken. Heute liegen blau-weiß gestreifte Strand-Shorts für 121 Euro auf den abgeschabten Holztischen, auf denen noch vor vier Jahren Teig geknetet wurde. Cathrine Austad, eine schlanke, blonde Mittvierzigerin mit Model-Maßen faltet ein Designerkleid zusammen und drapiert es vor dem alten Backofen. Cathrine ist stolz auf ihr Geschäft und die Idee, das Interieur der ehemaligen Bäckerei als cooles Ambiente des Modeladens zu belassen. Ein Chic, wie man ihn aus London oder Berlin kennt – in Portugal ist er sonst allenfalls in Lissabon anzutreffen.

Aber wir sind in Comporta, einem kleinen Badeort im Alentejo, eine gute Autostunde südlich von Lissabon. Angenehm verschlafen wie die meisten Dörfer an der endlos langen Küste dieser Region.Vor weißgekalkten Häusern schnurren Katzen in der Sonne, auf jedem zweiten Dach ein Storchennest, eine Handvoll Restaurants und Cafés. Und dennoch: "Comporta ist im Kommen", sagt Cathrine. Unter den Reichen und Wichtigen sei es zunehmend angesagt, ein Haus oder ein Apartment an dem schmalen Küstenstreifen zwischen Tróia und Carvalhal zu besitzen. Selbst die New York Times berichtete in ihrem Internet-Blog über die kommende "It-Destination" Comporta. Die Sarkozys haben hier geurlaubt, die monegassische Fürstenfamilie Grimaldi soll ein Anwesen besitzen, der Schuh- und Taschendesigner Christian Louboutin und der Inneneinrichter Jacques Grange tanken in der verlassenen Dünenlandschaft Ruhe und Kreativität.

Warum ausgerechnet Comporta?

Paula Mergada, die hier seit 1997 das unauffällige, aber ausgezeichnete Restaurant "Dona Bia" betreibt, glaubt, dass es damit zu tun hat, dass das meiste Land in dieser Gegend einer der reichsten Familien Portugals gehört. Die Espirito Santos besitzen eine Bank und noch so manches mehr in Portugal. "Die Reichen kennen sich doch alle untereinander, man lädt sich ein, und dann hat es wohl einigen VIPs hier so gut gefallen, dass sie öfter kommen und Häuser kaufen."

Bei "Dona Bia" haben sie alle schon gegessen, das Gästebuch ist eine dicke Schwarte und verrät, dass EU-Präsident Barroso ebenso zufrieden mit den Muscheln und dem frischen Fisch war wie Portugals Fußball-Legende Eusébio. Money follows money. Das kann Cathrine Austad nur bestätigen, ihr Geschäft brummt, und ihren Stammladen im altehrwürdigen Badeort Estoril bei Lissabon hat sie mittlerweile geschlossen, um ausschließlich in Comporta Luxus-Klamotten an die Frau zu bringen. Oder an den Mann.

Neuester Hinweis darauf, dass Comporta zum Hotspot der High Society wird, ist der Umstand, dass die Hotelgruppe "Aman Resorts" eine Luxusherberge unweit des Strandes von Pego, ein paar Kilometer südlich von Comporta bauen will. Inklusive Spa, Golfplatz und Clubheim sollen 92 Millionen Euro in den Dünensand gesetzt werden. Laut Außenminister Paulo Portas, "eine der größten, wenn nicht die größte Tourismusinvestition der letzten zehn Jahre in Portugal".

Gestern Portugals Armenhaus, heute Schatzkammer des Landes

92 Millionen. Für den Alentejo. Donnerwetter. Jahrhundertelang galt die Region als Portugals Armenhaus - und zugleich als die Schatzkammer des Landes. Aus der konnten sich aber nur Großgrundbesitzer bedienen: die Patrões, die auf ihren riesigen Latifundien Korkeichen, Weizen, Oliven und Wein anbauten. Pardon, der Patrão ließ natürlich anbauen. Generationen von Korkschälern, Landarbeitern, Erntehelfern lebten in bitterster Armut und wurden systematisch von Bildung und Fortschritt ferngehalten. Erst seit knapp vierzig Jahren, seit den Tagen der Nelkenrevolution von 1974, sind diese feudalistischen Zustände beseitigt.

"Hoffnung für den Alentejo" heißt in der deutschen Übersetzung der 1979 erschienene Roman des späteren Nobelpreisträgers José Saramago. Hat diese Hoffnung sich erfüllt? "Natürlich geht es heute nahezu allen Portugiesen besser als zu Zeiten der Diktatur", sagt Pedro Rocha, der als Biologe für das Landwirtschaftsministerium in Évora arbeitet. "Aber viele Träume sind auch geplatzt. Von den nach der Revolution vielerorts entstandenen Kooperativen haben nur wenige überlebt. Die Rückständigkeit, fehlende Bildung und letztlich auch die mangelnde Reformwilligkeit der Politik haben eine tatsächliche Landreform verhindert." Der allgemeine Wohlstand ist also nicht ausgebrochen im Alentejo. Die Region nimmt rund ein Drittel der Fläche Portugals ein, es leben hier aber nur fünf Prozent der Festlandportugiesen. Olivenbäume, Korkeichen, Weinreben und Weizenfelder bestimmen immer noch das Bild der Landschaft, die selten spektakulär, aber von einer sanften Schönheit und Ursprünglichkeit ist.

Dass die Reichen nun, Jahrzehnte nach der Algarve, auch die Küste des Alentejo für sich entdecken, entlockt Andreas Lemmer nur ein müdes Lächeln. Der 54-jährige Deutsche lebt mit seiner Frau Rosi seit 1988 in der hügeligen Serra Grândola, eine halbe Autostunde von der Küste entfernt. "Reich bin ich auch", sagt er. Aber der Reichtum der Lemmers misst sich weniger in Euro als in einer selbst geschaffenen Unabhängigkeit. "Wir produzieren mehr Energie, als wir selbst verbrauchen. Und mit unserer eigenen Wasserquelle, dem Gemüse und Obst, das wir anbauen, und den Ziegen sind wir zu 80 bis 90 Prozent autark", sagt Lemmer, der Solarenergieanlagen im Eigenbau erstellt, diese vertreibt und installiert. Lemmer wirkt so energiegeladen, als sei er selbst an seine Solarzellen angeschlossen. Mit funkelnden Augen erzählt er von den mühevollen Anfängen in der kleinen Casa, ohne Strom und fließend Wasser. Seine Frau Rosi lächelt und serviert selbst gebackenes Brot mit fantastischem Ziegenkäse und Oliven aus eigener Ernte.

Eine Gegend für Träumer und Aussteiger

Die Lemmers kamen damals nach Portugal, weil es für den Chemie- und Religionslehrer nach dem Referendariat keine Berufsperspektive in Deutschland gab, wie er sagt. "Und weil wir nach Tschernobyl möglichst weit weg von der Atomkraft leben wollten", ergänzt Rosi. Bevor das Paar im Alentejo sesshaft wurde, ist es auf dem Tandem um die Welt gereist und hat sich die Reisekosten als Straßenmusiker verdient. Ein reiches Leben.

Das reklamiert auch David Roldão für sich. Der 41-Jährige hat in Lissabon studiert und dort 13 Jahre lang als Controller in einer Bank gearbeitet. Aber jetzt klopft er gemeinsam mit seinem Vater, dem 72-jährigen João, am Stamm einer Korkeiche und prüft die Qualität des Korks. 400 Hektar groß ist das Anwesen Monte das Faias und seit 1840 im Familienbesitz. Dass David vor zwei Jahren seinen erlernten Beruf an den Nagel hängte und die Leitung der Farm übernommen hat, war "eine Lebensentscheidung", wie er sagt. Und er hat sie bislang nicht einen Tag bereut. Neben dem Kork setzt David seit einigen Jahren auch auf den Tourismus. Gemeinsam mit seiner Mutter Maria hat er in den alten Stallungen und Arbeiterbehausungen schmucke Ferienwohnungen und Suiten einrichten lassen. Auf diesen Turismo Rural setzt man im Alentejo - mit zunehmendem Erfolg.

Évora, Alentejo
Tim Langlotz
Évora - ein Freilichtmuseum mit echtem Leben.
Der wahre Reichtum des Alentejo, da sind sich Boutiquebesitzerin Cathrine Austad, Korkfarmer David Roldão und Auswanderer Andreas Lemmer einig, zeigt sich aber weder auf dem Land noch an der Küste, sondern in der Stadt. Évora zählt 50.000 Einwohner und ist damit der größte Ort der Region. Der historische Kern wurde 1986 zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt. Das Besondere an Évora mag für den einen die größte Kathedrale Portugals mit der ungewöhnlichen Statue einer schwangeren Maria sein. Für den anderen sind es die römischen Tempelanlagen aus dem 1. Jahrhundert. Der nächste besucht andächtig das schaurig anmutende Beinhaus, in dem die Wände aus menschlichen Knochen bestehen.

Das eigentlich Großartige an Évora ist jedoch, dass die historischen Gebäude keine toten Räume sind. Sie werden ganz normal genutzt - als Café, Weinhandlung oder als Rathaus. In dessen Eingangshalle stößt man zum Beispiel auf ein gut erhaltenes römisches Bad, gleich neben den Büros der Stadtverwaltung. Und wer das Glück hat, in Évora an der bereits 1559 gegründeten Universität zu studieren, tut dies in Seminarräumen, die mit den wunderbarsten Azulejos ausgekleidet sind. Die blau angemalten Kacheln stammen aus dem 18. Jahrhundert, die auf ihnen abgebildeten Szenen stellen immer einen Bezug zum jeweiligen Fachbereich dar.

Am Ende eines Tages im Alentejo, ob man ihn im Schatten der Korkeichen verbracht hat oder an den feinsandigen Stränden; ob man in den Cafés und Boutiquen des bald ganz hippen Comportas nach Promis Ausschau hielt oder die einsamen Berge von Grândola durchstreift hat - wenn die Sonne untergeht, zeigt der Himmel eine Sternenpracht, wie sie in Europa wohl einmalig ist. Ein Glitzern und Funkeln. Da ist das Sternbild des Löwen klar zu erkennen, dort schwirren Sternschnuppen wie Silvesterraketen. Aufgrund der dünnen Besiedelung ist die Lichtverschmutzung im Alentejo sehr gering, gerade im Osten nahe des Alqueva-Stausees. Eine von der Unesco unterstützte Stiftung hat die Region zur ersten "Starlight Destination" erhoben, schon bieten findige Guides nächtliche Touren an, zu Fuß, auf dem Pferd oder auch im Paddelboot. Auch dies ist Hoffnung für den Alentejo.

Autor

Thorsten Kolle

Ausgabe

Algarve 08/2013