Portugal Azoren, vergessene Inseln im Atlantik

Weiße Wellen schlagen mit Schwung gegen das dunkle Lavagestein. Sie bäumen sich auf und fallen kurz darauf wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Während sie sich langsam in Richtung Meer zurückziehen, kreuzen schon die nächsten Wogen ihre Wege. An der von Gischt gesäumten Küste stehen kleine bunte Häuser. Von ihren Terrassen aus sieht man die Insel Faial, die eine halbe Fährstunde westlich von hier liegt. Ein Blick gen Osten offenbart den erhabenen Berg, der der zweitgrößten Azoren-Insel ihren Namen gibt: Pico.

Der Vulkan, der eigentlich Ponta do Pico heißt, prägt den Westen von Pico - eine der neun Azoren-Inseln, die mitten im Atlantik zwischen dem portugiesischen Festland und Amerika liegen. Trotz ihrer Abgeschiedenheit gehören die über 1600 Kilometer entfernten Inseln Flores, Corvo, Faial, Pico, São Jorge, Graciosa, Terceira, São Miguel und Santa Maria als autonome Region zu Portugal. Alle neun Azoren-Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Heiße Quellen und natürliche Thermalbäder bezeugen noch heute die Aktivität der Vulkane.

"Eigentlich wollten wir um die Welt segeln, aber nach einem Abstecher in Großbritannien sind wir auf den Azoren gelandet - und hier geblieben." Manuela liebt "ihre" Insel. Die lebensfrohe 54-Jährige lebt seit 18 Jahren auf Pico. Gemeinsam mit ihrem Mann Ricardo und Peter, einem Freund des Paares, hat sie ihr eigenes Segelboot gebaut. Acht Jahre später fand die Jungfernfahrt statt. "Ich war Angestellte und Peter hat bei meinem Mann als KFZ-Mechaniker gearbeitet - deshalb hatten wir nur nach Feierabend und am Wochenende Zeit", erklärt Manuela. "Als 'Nili' endlich fertig war, mussten wir eine Seite der Garage einreißen, um das Boot herauszuholen. Zum Glück war die Arbeit nicht umsonst. Aber Angst, dass es nicht schwimmt, hatten wir schon."

Manuela, Ricardo und Peter leben in einem Haus an der Südküste Picos, in Pontas Negras. Sie vermieten Ferienwohnungen und bieten Ausflüge auf ihrem Segelboot an. Nebenbei führt Manuela Touristengruppen über die Inseln Faial und Pico und erzählt ihnen von der Schönheit der Gegend. In ihrer Heimat Hamburg war Manuela seit ihrer Ankunft auf den Azoren nicht mehr. "Verwandte und Bekannte kommen sowieso lieber zu uns zu Besuch", sagt sie. "Und auch wenn die Sonne mal nicht scheint - in meinem Herzen ist sie immer."

Das Azorenhoch verweilt meist nicht lange

Mit dem Wetter ist das so eine Sache auf den Azoren. An einem Tag kann es Wind, Regen und Sonne geben, abwechselnd oder gleichzeitig. Die Temperaturen sind zwar angenehm mild, denn sie liegen selten außerhalb des Jahresdurchschnitts von 16 bis 24 Grad, doch immer wieder kann es zu Niederschlägen kommen. Für Reisende bedeutet das, flexibel zu sein. Nicht an jedem Tag lässt sich der herrliche Ausblick auf grün und blau schimmernde Kraterseen oder hinüber zu anderen Azoren-Inseln ungehindert genießen. Während in Höhenlagen Nebelbänke die Sicht versperren, kann es an der Küste regnen oder sonnig sein - genau vorhersehbar ist das Wetter nie.

Die Azoren sind ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber. Die durch Vulkanausbrüche geformte Landschaft ist geprägt von einer üppigen Flora und Fauna. Auf dem fruchtbaren Boden der Vulkaninseln wachsen viele endemische Pflanzen, äußerst charakteristisch sind jedoch die aus Asien stammenden pink blühenden Azaleen und blauen Hortensien. Letztere verwandeln im Frühjahr und Sommer insbesondere die Insel Faial in ein Blumenmeer, weshalb sie den Beinamen "die blaue Insel" trägt.

Lagoa Azul und Lagoa Verde auf São Miguel
Turismo Açores
Hortensien findet man überall auf den Azoren, vor allem auf Faial aber auch am Lagoa Azul und Lagoa Verde auf São Miguel.
Die Insel Faial ist eine der meistbesuchten Azoren-Inseln. Kein Wunder, denn täglich laufen in den Yachthafen der Stadt Horta große und kleine Segelboote aus allen Teilen der Welt ein. Für Transatlantiksegler ist Horta ein willkommener Zwischenstopp einer langen Reise. Wer hier anlegt, macht mit großer Wahrscheinlichkeit einen Abstecher in die berühmteste Kneipe im Atlantik: "Peter Café Sport". So auch die 15-jährige Julia aus Bremen, die mit ihren Klassenkameraden an einem Holztisch sitzt und Postkarten in die Heimat schreibt.

Im Hafen liegt das Segelschiff "Johann Smidt" mit dem Julia und 19 weitere Schüler der gymnasialen Oberstufe über die kanarischen Inseln in die Karibik, nach Amerika und Kuba und anschließend über die Azoren zurück nach Deutschland segeln. "High Seas High School" nennt sich der erlebnispädagogische Trip, der sieben Monate dauert und bei dem neben Segelmanövern auch regulärer Schulstoff vermittelt wird. "Es ist schön auf See, aber nach vier Wochen ohne Land in Sicht kann es auch langweilig werden", sagt Julia. Sie ist froh, in Horta zu sein. Viel Zeit haben die Schüler nicht auf Faial, aber eine wichtige Sache steht ihnen noch bevor: Sie werden sich, wie so viele andere Segler, in der Marina von Horta mit einem selbstgemalten Bild verewigen.

Gemälde am Hafen von Horta
Anika Haberecht
Am Hafen von Horta auf der Insel Faial verewigen sich die Segler.
Eine einmalige Open Air-Galerie

Seit vielen Jahren ist es eine Tradition, dass Segler, die den Hafen von Horta verlassen, in Form einer Wandmalerei an der Kaimauer sich von den Azoren verabschieden. Wer sich nicht verewigt, beschwört Unglück auf See herauf, heißt es. Die bunten Gemälde zieren beinahe das gesamte Hafengebiet. Einige zeigen Flaggen, andere verspielte Motive. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Von Faial aus kann man mit einer Fähre hinüber zur Insel Pico fahren, will man aber auf die Inseln Flores und Corvo im Westen oder São Miguel und Santa Maria im Osten der Zentral-Gruppe der Azoren, empfiehlt sich ein Inlandsflug. São Miguel ist die größte Azoreninsel, ihre Hauptstadt Ponta Delgada zugleich die der Azoren. In der Metropole mit knapp 70.000 Einwohnern geht es geschäftiger zu als in den kleineren Ortschaften. Tagsüber ist es noch ruhig, doch am Nachmittag, wenn die Reifen der Autos quietschend in den schmalen Kurven der Altstadt über das Kopfsteinpflaster gleiten, erwacht die Stadt. Wirklich hektisch wird es aber nie.

São Miguel ist reich an Kultur und Tradition. Im Norden der Insel, nahe der Ortschaft Ribeira Grande, wächst Europas einziger Tee. Die Teefelder leuchten in einem satten Grün und bilden ein schönes Farbspiel mit dem blauen Meer. In der Plantage "Chá Gorreana" kann man bei der Herstellung des schwarzen und grünen Tees zusehen und ihn natürlich auch verköstigen. Neben Tee werden am Stadtrand von Ponta Delgada auch Ananaspflanzen angebaut.

Typisch für São Miguel sind die heißen Quellen. 22 verschiedene schwefel- oder eisenhaltige Thermalwasserquellen zählt die Insel, die in der Nähe von Furnas im Osten São Miguels liegen. Stinkende Schwefelwolken und blubberndes Wasser steigen aus kleinen Löchern empor und verdeutlichen die Aktivität der Vulkaninsel sehr anschaulich. Das Wasser ist teilweise bis zu 100 Grad heiß - eine Tatsache, die sich Einheimische und Besucher zu Nutzen machen. Mit riesigen Pötten kommen sie zum Lagoa das Furnas, um sie in die dafür vorgesehenen Löcher im Erdboden zu versinken. Im Dampf der heißen Quellen schmort der Inhalt - eine reichhaltige Mischung aus Fleisch, Chorizo, Blutwurst und unterschiedlichen Gemüsesorten - sechs Stunden lang. Das fertige, leicht schwefelig schmeckende Gericht, der "Cozido", wird anschließend bei einem Picknick genüsslich vertilgt.

Einige der Thermalquellen sind weniger heiß und eignen sich hervorragend für ein Bad. Der Parque Terra Nostra beispielsweise beherbergt Europas größtes natürlich gespeistes Thermalbecken. Das wegen der enthaltenen Eisenoxiden gelblich-braun schimmernde, 38 Grad warme Wasser sieht zwar auf den ersten Blick wenig einladend aus, fühlt sich aber herrlich an.

Strände gibt es auf den Azoren auch, doch Wind und Wetter lassen den Sprung in die Fluten nicht immer zu. Zu hoch sind oftmals die Wellen, die mit enormer Wucht gegen die Küste prallen. "Ich wollte immer ein Haus an der Südküste einer Insel", sagt Manuela. Sie hat sich ihren Wunsch erfüllt, wenn auch mit einem ursprünglich anderen Vorhaben. Zu gerne sitzt sie auf ihrer Terrasse und blickt von Pico aus auf das Meer. Ein schöneres Leben kann sie sich derzeit nicht vorstellen. Verwunderlich ist das nicht.

INFO

Anreise: Direktflüge auf die Azoren gibt es von April bis Oktober mit SATA oder Air Berlin ab München, Frankfurt oder Düsseldorf ab 406 Euro.

Reisepakete: Eine Reihe von Reisespezialisten bieten Azorenreisen an, unter anderem TUI Wolters Reisen, zum Beispiel "Azoren zum Kennenlernen" mit den Inseln São Miguel, Faial, Pico - achttägige Autorundreise ab/bis São Miguel pro Person im DZ inkl. Frühstück, Mietwagen, Bootsfahrt und Flugtransfer zwischen den Inseln ab 659 Euro (Flüge ab Deutschland und zurück müssen hinzugebucht werden).

Autor

Anika Haberecht