Masuren Paradies zum Reiten

Ich hatte einen Traum. Wer ein Pferd besitzt, will es verstehen können. Denn außer den offensichtlichen Merkmalen wie Gangarten, Exterieur, Farbe und Brandzeichen ist da noch der Charakter.Wie reagiert es und warum? Wer waren seine Vorfahren? Was ist das für ein Land, aus dem es kommt? Mein Trakehner entstammt einer alten Stutenfamilie aus der Zucht der Fürsten zu Dohna-Schlobitten. Irgendwann wollte ich die Weiden sehen, über die seine Ahnen galoppiert waren, mit geblähten Nüstern, den Kopf hoch erhoben. Deswegen fuhr ich meinem Traum entgegen.

Pferdeland Ostpreußen. Sein berühmtes Hauptgestüt Trakehnen gibt es nicht mehr. Der Ort Trakehnen liegt wenige Kilometer jenseits der Grenze im heutigen Russland. Von den 25.000 Stuten, den 1200 gekörten Hengsten Ostpreußens kamen viele in den Wirren des Krieges um. Andere wurden ins russische Staatsgestüt Kirow gebracht, viele blieben im Land, ein Teil davon kam in Gestüte wie Kadyny (Cadinen) und Liski (Liesken), 600 landeten in der Sowjetzone.

Von den 1500, die den Westen erreichten, waren ganze 27 Trakehner Gestütspferde: dank einer Flucht, die von Rassefanatikern als größter Ausleseprozess der Pferde-Geschichte und Beweis von ungeheurer Härte hochstilisiert wird. Mit wenigen Auserwählten wurde die Zucht neu aufgebaut, die einzige, in der Reinzucht betrieben wird: jene, aus der auch mein Wallach stammt.

Das frühere Südostpreußen blieb bis heute die Gegend der kleinen Züchter und Halter, wo es wieder die größte Konzentration reiner Trakehner in Polen gibt. Seit jeher hat hier die Zucht eine große Rolle gespielt; günstig dafür sind die ausgedehnten Ebenen mit ihren Weidegründen. Nach 1945 kreierte man hier das Großpolnische Pferd, das Wielkopolski: eine Warmblutrasse aus west- und ostpreußischem Pferdematerial, ergänzt durch verwandte Rassen deutscher Abstammung - für Laien ein genetisch undurchschaubares Labyrinth, zu denen auch die Trakehner gehörten. Oder sollte man sie nicht besser "Ostpreußen" nennen? Die Grenzen zwischen dem polnischen Feld-,Wald- und Wiesenpferd und dem exquisiten Zuchterfolg Trakehner sind fließend, nur Zuchtspezialisten wie Antoni Pacynski mit ihrer fulminanten Ahnenkenntnis wissen die feinen Unterschiede. Aber den treffe ich erst später. Nach Schlobitten, Sobity also.

Auf dem Weg dorthin liegt etwas abseits und nahe der Mierzeja Wiœlana (Frische Nehrung) hinter alten Eichen versteckt das kleine Dorf Kadyny - früher Cadinen, die private Sommerresidenz Kaiser Wilhelms II., in der Prinz Louis Ferdinand noch bis 1945 wohnte. Geblieben sind ein heruntergekommenes Herrenhaus, das hier immer noch Palast genannt wird, und eben das Gestüt mit zwei Wachtürmen als Portal.

Die Verwaltungsgebäude und damit die besten Bauten hat ein Engländer 1990 in ein Country Hotel verwandelt. Der Rest, das heute staatliche Gestüt, besteht aus Remisen, einem Verwalterhäuschen und Scheunen, an denen die einstige Pracht schon vor langer Zeit abgeblättert ist. Ein paar Jährlinge dösen in den Paddocks, Zweijährige grasen auf einem kleinen Turniergrün - 70 sind es, davon 13 Zuchtstuten, die anderen zum Reiten: Wielkopolski, gröber, größer, schwerer als die "Ostpreußen", mit Köpfen wie Eimer, würden meine deutschen Züchterfreunde gnadenlos urteilen.Gestütsleiter Mirek Luciewicz ist ein wortkarger, illusionsloser Staatsangestellter: "Seit der Wende", und diesen Satz werde ich immer wieder auf allen Gestüten hören, "hat der Staat kein Geld mehr für Pferde." 500 Hektar Land hängen an dem Betrieb, zu viel für ein Gestüt, das sich selbst tragen muss. Nur Hotelgäste als Reiter. Nein, hier wollte ich nicht reiten.

In Bartoszyce (Bartenstein) treffe ich Antoni Pacynski, Zuchtleiter des polnischen Trakehner-Verbandes. Seit 1997 gibt es den wieder, doch für die eigenständige Zucht fehlt noch immer die staatliche Anerkennung. "Die Menschen hier wollen wieder ihre Rasse züchten dürfen", sagt der 77-Jährige. Ein drahtiger kleiner Tiermediziner, eine Enzyklopädie der Abstammungslehre auf O-Beinen. Ja, er reite noch, natürlich, bis 1992 sei er in Liski Zuchtleiter gewesen wie schon sein Vater.

Und dann folgt eine endlose Suada über Haupt- und Nebenlinien, prasseln Namen wie Ramiro und Justin, Abglanz und Semper Idem, und wir sitzen mit hochrotem Kopf noch bis spät in die Nacht, enden bei Caprimond, Donnerhall, Pilot, bei den ganz großen Hengstnamen europäischer Zuchten, bei meinem Dorfnachbarn, den er von großen Turnieren kennt, und überhaupt ist die Pferdewelt doch sehr klein. "Aber morgen fahren wir zusammen zu Marek Romanowski", verspricht Antoni.

Mühselig ist's nach Schlobitten

Es gibt die kleinen Krauter hier, die ihre Kartoffeln mit der Hand aus der Furche klauben und schwere Kaltblutstuten auf ihren Parzellen halten, weil die Aufzucht mehr Geld bringt als die der Kuh, des Schweins, erklärt mir später der Zuchtleiter im Hengstdepot Ktrzyn (Rastenburg), wo fast nur noch schweres polnisches Kaltblut in den einst größten Stallungen Europas steht: Bis zu 500 Kilogramm setzen die Fohlen pro Saison an, das kostet die Bauern nur das Gras - und Italiener lieben das Fleisch polnischer Kaltblutpferde. Die Stuten sehe ich im Vorbeifahren mit gefesselten Vorderbeinen auf den Weiden humpeln, das spart den Zaun und war schon immer so.

Und es gibt die Brüder Romanowski. Niemand weiß so recht, woher die beiden 12.500 Hektar Land zusammenbekommen haben. Jetzt haben sie Geld. Viel Geld, denn bei Sulowo (Schulen) leistet sich der ältere, Marek, ein Gestüt mit einem perfekten Turnierstall und einer Halle, riesig, hell und blechern ("hab ich aus Russland"), ein altes Gutshaus, das er gerade sorgfältig renoviert für den idealen Reiterurlaub, und eben die Pferde. Mareks Stutenherde, alle Ramiro-Abkömmlinge, also Springpferde, grast auf sattgrünen Hügeln und da sehe ich ihn zum ersten Mal: den polnischen Trakehner-Brand, die doppelte Elchschaufel mit der Krone darunter. Romanowski ist das, was man einen Pferdemenschen nennt, ein Verrückter und Händler mit dem magischen Blick: Zu jedem Turnier fährt er mit dem Hänger - wer weiß, vielleicht gibt's ja ein gutes Pferd zu kaufen. Hier würde ich gern reiten. Aber Marek hat es eilig, dringende Geschäfte. "Nächstes Jahr, wenn die Ernte wieder so gut ist, dann ist das Gutshaus fertig, dann müssen Sie kommen!" Marek ist ein Maniak.

Seit den siebziger Jahren gibt es keine international erfolgreichen polnischen Turnierreiter mehr, keine Ludger Beerbaums und Isabell Werths, die in der Weltliga mithalten könnten. Ein Reiter ist immer so gut wie sein Pferd, aber das kostet

Geld. Und das Geld beginnt erst jetzt wieder zu fließen in Polen, vor allem in Warschau. Galiny (Gallingen) aber hat es aus seinem Dornröschenschlaf wachgeküsst, das frühere Gut der Grafen Eulenburg lebt von dem Geld des Kosmetikgiganten Palyska. Es ist einer der wenigen ganz wiedererstandenen großen Landsitze.

Es gibt vier Stallungen mit allem Komfort, Geranien blühen vor den Boxenfenstern, teures Mineralfutter stapelt sich in der Futterkammer, die Pferde glänzen, der Rasen ist englisch knapp gehalten und der Turnierplatz wird übertroffen von einer Tribüne. Selbst der Auslauf ist kopfsteingepflastert, weil hier im Winter die Böden so schlammig sind. Spätestens 2005 wird man fertig sein und Galiny die luxuriöseste Reitpension des Landes. Auch hier bin ich noch zu früh.

Gakowo liegt im schönsten Wasserstück Masurens. Da, wo die Krutynia (Kruttinna) sich vom Jezioro Mokre (Muckersee) durch die Puszcza Piska, den Landschaftspark der Johannisburger Heide, bis zum Jezioro Sniardwy (Spirdingsee) träge dahinschlängelt und unendlich viele Waldseen verbindet. Wo die Kiefern so hoch und hart wachsen, dass sie früher Flotten von Segelschiffen als Masten dienten, wo Alleen wie Walddome sind, Masuren das ist, wovon wir träumen. Galkowo, vor dem Krieg ein kleines Dorf aus holzgezimmerten Masurenkaten, ist heute ein Wochenendparadies von dezent teurer Schönheit, weil das neue Geld der Warschauer hier sensibel angelegt ist. Und mittendrin der Reiterhof von Wanda und Krzysztof Ferenstein.

Krzysztof sitzt am Reitplatz und scheucht mit der Flüstertüte eine Mädelschar, die ihre Trainer-C-Lizenz machen wollen. Alles Warschauerinnen, Mädchen mit Mumm, noch ein Sprung und noch einer, bitte, ihr wollt doch reiten, oder? Im Reiterstübchen knistert der Kamin, davor dösen Jagdhunde, aus der Küche duftet es nach Steinpilzsuppe. Die Ställe sind voll - Ostpreußen, Trakehner, Wielkopolski stehen in den Boxen, die ganze polnische Pferdelandschaft.

"Ja, wir wollten natürlich züchten, so haben wir '88 angefangen. Aber dann kam der Golfkrieg, war weniger Geld da. Jetzt bieten wir Reittourismus an, verdienen am Heu und züchten ein wenig", erzählt Wanda. Heute ist Galkowo der bekannteste Reiterhof nördlich von Warschau, manch einer bleibt gleich Wochen hier. Und dann reden wir wieder über Pferde und Zucht bis in die tiefe Nacht. Aber morgen werde ich reiten.

Der Waldweg ist schmal, zwischen den Kiefern immer wieder Laubbäume, die Sonne lässt die Eichen rot aufleuchten, die Birken gelb glühen. Manchmal muss man sich bücken unter dem Laub, die kleinen Anhöhen nehmen im Galopp, ganz leicht und beschwingt, meine Stute kennt den Weg viel besser als ich, also überlasse ich ihr die Führung, über mir der lichtblaue riesige Himmel mit dahinjagenden Wolkengebirgen, der so typisch ist für Masuren. Nur der Stand der Sonne zeigt an, in welcher Himmelsrichtung wir uns bewegen. Was für ein Luxus. Abends vom Bett ein letzter Blick über die Koppeln. Im Halbschlaf höre ich noch das Schnauben der Pferde.

Zu Hause hatte ich Marion von Dönhoffs Buch "Namen, die keiner mehr kennt" gelesen. Von ihrem Wanderritt von Allenstein bis Angerburg mit Cousine Sissi von Lehndorff. Hatte versucht, den Ritt auf der Karte nachzuzeichnen. Irgendwo war ich dabei stecken geblieben, da, wo sie in einer der vielen Förstereien eingekehrt war. Alexandra von Dohna-Schlobitten hatte mir erzählt, dass sie selbst dort mit einer Freundin kürzlich zum Reiten hingefahren sei, in die Nähe von Prußowborrek. Dort wollte ich hin, nach Sasek May an den Jezioro Szoby (Großer Schobensee).

Auch der Reiterhof Sasek ist eine Försterei, ein gekalktes Fachwerkhaus. Im Innenhof stehen zwei lang gestreckte Holzgebäude, frühere Stallungen, in die übers Wochenende Familien aus Warschau gekommen sind. Am Ufer des Sees sitzen Kinder auf Pferden, wechseln sich ab mit Mama und Papa, die meisten sind Reitanfänger. Drinnen laden die Pensionsbesitzer, Ewa und Tadeusz Piórkowscy, an einen üppig gedeckten Tisch.

Am nächsten Morgen traben wir an Seen entlang, die wie blaue Murmeln aus dem Walddickicht aufleuchten, vorbei an dichtem Schilf- und Binsensaum und unter Erlenbrüchen, aus denen plötzlich ein Seeadler in den Himmel davon segelt. Galoppieren auf federnden Waldwegen, die Pferde so sehr lieben. Stehen still, um zu schauen: eine tiefdunkle Seenlandschaft wie ein Labyrinth, später auf der Karte habe ich die Wege nicht wieder finden können. Stege führen immer mal wieder aufs Wasser hinaus, auf einem harrt still ein Angler. Dann stehen wir im See; die Pferde lieben das kalte Wasser an den heiß gewordenen Gelenken und scharren mit den Hufen. Wie mein Wallach daheim, fällt mir ein. "Die Olga von Bismarck", erzählt Ewa lachend beim Weiterreiten und dreht sich im Sattel zu uns um, "die Olga, und das war im Frühherbst, wollte unbedingt baden gehen mit den Pferden. Haben wir auch gemacht, alles ausgezogen, den Sattel runter. Nur mussten wir hinterher eine Stunde nackend durch den Wald reiten, um wieder zu trocknen." Das ist die ersehnte Reiterfreiheit. Die Pferde gehen jetzt im Schritt, schnauben aus. Daheim bringen wir sie auf die Weide, sie fressen, sind ruhig.

Genau wie in meinem Traum.

Und dann bin ich doch noch nach Schlobitten gefahren, in den Nordwesten des alten Ostpreußen, wo die Güter groß waren und die Nachfolgebetriebe es immer noch sind. Über mühselige Wege an riesigen Ackerschlägen entlang, bis ich endlich davor stand: der einst größten barocken Schlossanlage Ostpreußens, einem der "Königsschlösser" mit weitem Park, Wirtschaftskomplex, einem Marstall. Habe mir den Eingang erkämpft durch den Garagentrakt und wucherndes Unkraut. Tief hingen die Wolken über der Ruine, schoben sich hinter die Fensterhöhlen der Fassade, im alten Schlossteich dümpelte Unrat, ein Storch hatte sein Nest oben auf einem Kaminstumpf gebaut.

Hierher, mein Pferd, hast du deinen Namen, von hier bist du gekommen. Aber gefunden habe ich dich woanders - in den Wäldern Masurens, in der sanften Hügelweite des Barten- und Ermlands. In Galkowo, in Sasek, in Galiny.

MerkenMerken

Reisebericht: Trakehner, Ostpreußen, Wielkopolski und unberührtee Landschaft: Die Masuren - das ewig neue und alte Reiterland - sind das Paradies zum Reiten.

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Charlotte von Saurma