Wien "Wieso bedient mich jetzt hier ein Deutscher?"

Müssen Oldenburger nach einem "Sackerl" fragen, wenn sie beim Einkauf in Wien eine Plastiktüte benötigen? Das spezielle Verhältnis zwischen Österreichern und Deutschen geht in eine nächste Runde. Längst kommen die viel gescholtenen "Piefkes" nicht mehr nur als Gäste in die Feriengebiete des Nachbarlandes, allein in Wien sind mittlerweile 40.000 Deutsche wohnhaft gemeldet. Seit deutsche Studenten vermehrt auch noch an österreichische Universitäten drängen, erhalten alte Ressentiments ihren Relaunch.

Im Wiener läuft seit Februar 2010 mit großem Erfolg das Theaterstück "Cordoba - Das Rückspiel", das diese Reibereien wechselseitig auseinander nimmt. Ursprünglich fürs Kino gedacht, übernimmt Burgtheater-Schauspieler Cornelius Obonya (Bild oben) in der Bühnenversion alle Rollen und Dialekte. Von der Sachsen-Familie aus Schwarze Pumpe (das tatsächlich in Brandenburg liegt, d. Red.) bis zum Fiaker-Kutscher aus Ottakring. Rein zufällig ist der Stoff nämlich von deutschen Mitgliedern der Filmförderungskommission mit 3:2 Stimmen abgelehnt worden. MERIAN.de sprach mit Co-Autor Florian Scheuba über den Mythos Cordoba und wie man eventuelle Verständnisklippen bei einem Wien-Besuch umschifft.

Herr Scheuba, weshalb ist der in Deutschland weitestgehend in Vergessenheit geratene 3:2-Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 im argentinischen Cordoba für Österreicher bis heute so wichtig?

Florian Scheuba: Am Anfang stand die sportliche Dimension. Zwischen beiden Ländern hatte es ja nach 1954 (dem Jahr des ersten Weltmeistertitels für Deutschland, d. Red.) kaum bedeutende Spiele gegeben. Bei der WM 1978 hatte Österreich in Argentinien einen Höhenflug und traf auf einen angeschlagenen Gegner aus Deutschland. Dazu kam die Rolle des damaligen österreichischen Helden Hans Krankl, der seine Hand stets auf das Verbandswappen presste, und es war eine deutsche Mannschaft, die mit Rüssmann und Co. nicht gerade das Höchstmaß an Eleganz ausstrahlte. Bis hin zum Radiokommentar von Edi Finger …

… mit dem legendären Ausspruch "I werd narrisch!" …

… passte eigentlich alles.

Und dieses Ereignis hält tatsächlich mehr als 30 Jahre im kollektiven Bewusstsein einer Nation vor?

Scheuba: Das Selbstbild des Österreichers schwankt zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplex, oft in einem heftigen Wechsel. Damals kam es zu einem kollektiven Orgasmus in Österreich. Mittlerweile ist es ein Selbstläufer, der sich längst vom eigentlichen Fußball-Ereignis abgelöst hat. Cordoba funktioniert jenseits von Altersgruppen und Fußballbegeisterung wie ein bedeutungsvoller Code. Wenn das gegenüber Deutschen angesprochen wird, dann steckt viel mehr dahinter als nur ein Match vor 32 Jahren. Nicht nur zur Europameisterschaft 2008, als sich beide Mannschaften in einem wichtigen Turnier gegenüberstanden, war sofort wieder Cordoba.

In Ihrem Stück haben Sie die neuesten Entwicklungen in diesem offenbar endlosen Spiel aufgenommen. Eine wesentliche Rolle kommt dabei der Entwicklung in der österreichischen Hotellerie zu. Können Sie unseren Lesern schildern, was sich auf diesem Sektor geändert hat und inwiefern dies inzwischen eine deutsch-österreichische Problemzone ist?

Scheuba: Jahrzehntelang ist der Österreicher damit konditioniert worden, wenn deutsches Deutsch gesprochen wird, dann ist das ein Gast. Doch auf einmal spricht auch das Personal so. Das war nicht nur für Österreich neu, sondern auch für die Hoteliers ein Problem. Manche Urlauber haben eben ihre Freude daran, das Personal zu schikanieren. Doch wenn diese Leute plötzlich aus der eigenen Heimat kommen, macht es keinen Spaß mehr. Von daher wurden deutsche Mitarbeiter oftmals "verräumt". Sie kamen auf solche Posten, wo sie keinen Außenkontakt mehr hatten. Wir haben das in unserem Stück überhöht und die Deutschen zum Erdäpfelschälen in den Keller geschickt. Dazu kamen persönliche Beobachtungen, wie etwa beim Fußballspiel Rapid Wien gegen den Hamburger SV, wo es im Wiener Happel-Stadion tausendfach Sprechchöre gegeben hat: "Wer nicht hüpft, der ist ein Piefke!" Das hat mich dann schon gejuckt, daraus etwas zu machen.

Es geht also um Zwischentöne und Verhaltensmuster?

Scheuba: Es gibt viele Missverständnisse, wenn sich Deutsche mit Österreichern beschäftigen, gerade mit den Wienern. Besonders wenn es unter der Überschrift "Schmäh" läuft, ist es nicht immer gleich offenbar.

Inwiefern?

Scheuba: In Wien ist das unernsthafte Reden oft selbstverständlich, was bei Deutschen oftmals nicht so recht ankommt. Da steht dann die Gegenfrage "Ja, wie jetzt?", die eine Klarstellung anmahnt. Dann denkt man sich "Der Trottl, versteht's net!" So was kann sich dann hochschaukeln.

In "Cordoba" erzählen Sie die Geschichte einer Familie aus Sachsen. Spielen die Ostdeutschen in diesem Konflikt eine Sonderrolle?

Scheuba: Anfangs wurde da nicht groß differenziert, sondern die Frage gestellt: Wieso bedient mich jetzt hier ein Deutscher, wieso putzt da eine Deutsche? Das hat für nachhaltige Verstörung gesorgt. Der Deutsche wurde erstmals in einer neuen Rolle als Underdog wahrgenommen - wie exotisch! Dass es plötzlich deutsche Gastarbeiter in niederen Jobs gab, hat die Österreicher schon nachhaltig verwirrt. Im Stück wischen wir regionale Unterschiede vom Tisch, wenn der Deutsche darauf beharrt: "Ich stamme gar nicht aus Osnabrück, sondern aus Karl-Marx-Stadt", lautet die Antwort "Is auch schon wurscht!" Und was den Sonderfall "Bayern" betrifft, stößt man in Österreich auf ein Gefälle, dass sich gut am Fußball verdeutlichen lässt: Es gibt in Österreich Fans von Bayern München, die wohnen aber alle im Salzburger Land oder in Oberösterreich. In Wien wird man dagegen schwerlich welche finden.

Wie unterscheidet sich Wien in dieser Hinsicht vom Rest Österreichs?

Scheuba: In den Fremdenverkehrsregionen war halt der Deutsche der Gast, der sich oftmals so benommen hat, dass man ihn gehasst hat. Das sind fast natürliche Ressentiments. Wien als großstädtische Mischung ist da komplexer. Das ist fast schon ein kultureller Überbau: Wenn man im Ausland zu einem Österreicher sagt: "Sie sind ja Deutscher!", würde sich der Wiener am meisten darüber aufregen, weil er sich am meisten different zum Deutschen sieht.

Kann man sich denn als Deutscher in Wien richtig verhalten - oder ist das jetzt schon wieder zu Deutsch gedacht?

Scheuba: (Lacht.) Natürlich kommt man aus der Nummer raus. Man sollte sich halt klar machen, dass es hier etwas anders zugeht und nicht unbedingt auf den Österreich-Klischees aus "Bild"-Schlagzeilen herumreiten. Ein übersteigertes Selbstbewusstsein nach dem Motto "Hoppla, jetzt komm ich" führt unweigerlich zu giftigen Gegenreaktionen.

Da könnte es uns Deutschen möglicherweise helfen, wenn wir beim Einkauf in Wien "Sackerl" zur Plastiktüte sagen?

Scheuba: Es geht nicht darum, dass man sich dazu quält "Sackerl" heraus zu bekommen. Da tut man den Wienern unrecht, das ist nicht das Thema.

Schätzt der Wiener ein Eingehen auf seinen Schmäh?

Scheuba: Durchaus, es sollte halt nicht zu künstlich oder anbiedernd rüber kommen. Man sagt ja, dass sich Wiener und Berliner eh gut vertragen. Der Berliner pflegt halt eine andere Form des Wiener Schmähs.

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Autor:
Ralf Niemczyk