Österreich Wien: Rauchverbot bedroht Kaffeehauskultur

Am Ecktisch studiert eine ältere Dame zum Mittagsmenü die internationale Presse mit aufgeklappter Leselupe. Gegenüber debattieren zwei Geschäftsleute den Ausgang der Wiener Volksabstimmung, die einen Führerschein für Kampfhunde und den Nachtbetrieb der U-Bahn am Wochenende bringen soll. Und es wird geraucht im Café Prückel am Stubenring. Nicht dramatisch, aber völlig selbstverständlich. Ein warmer Dunst liegt über dem Stimmengewirr. Beim verlängerten Braunen lässt sich hier besichtigen, wie Europa vor dem EU-Rauchverbot einmal ausgesehen hat. Nicht mehr lange allerdings.

Am 30. Juni 2010 endet in Österreich die "Übergangsfrist". Dann müssen auch die Wiener Kaffeehäuser den Tabakkonsum verbieten, zumindest aber abgesperrte Nichtraucher-Zonen einrichten. Für viele in Ehren vergilbte Etablissements ist so eine Unterteilung kaum machbar. Das Hawelka oder das Korb mit eingezogener Glaswand? Undenkbar. Zu teuer, zu Raum und Tradition zerstörend.

Von einer Revolte der Betreiber berichten die lokalen Medien. Im Café Museum, das sich nach 110 Jahren die "kostspielige Trennmauer" nicht leisten kann, sieht Obman Günter Ferstl, der Interessenvertreter der Kaffeehaus-Betreiber, bereits das erste Opfer. Am Standort des Cafés, am Karlsplatz, sind bereits die Fenster abgeklebt. Auch die Wiener Gehsteigverordnung wird im Juni geändert werden müssen, wenn es zu Raucherversammlungen vor den Türen der Umbau-unwilligen Etablissements kommen wird.

Natürlich gibt es im zentralen Ersten Bezirk auf Fiaker-Touristen spezialisierte Häuser, wie etwa das Café Griensteidl oder das Café im Hotel Sacher, die bereits jetzt die strengen EU-Kriterien erfüllen. In die lebendigen Kaffeehäuser Wiens aber gehört der Qualm von Zigarettenstengeln und aus Pfeifenköpfen wie der Einspänner und der livrierte Kellner. Ihren Besitzern mag der Blick zurück in die mehr als 300-jährige Geschichte der gastronomischen Hauptstadt-Institutionen Hoffnung geben. Die zeigt nämlich, dass man schon manch anderes Ungemach überstanden hat - sogar eine Starbucks-Filiale im Schatten der Hofburg.

Dem Wien-Besucher bleibt zu hoffen, dass die Eigenwilligkeit von Stammgästen und Betreibern auch nach dem Rauchverbot erhalten bleibt. Denn nirgendwo sonst gelingt wie selbstverständlich das Eintauchen in jene seltsam zeit- und alterslosen Sphären Wiens, die es in vielerlei Ausformung zu besuchen gilt.

MERIAN.de stellt Ihnen im Folgenden 16 der schönsten, seltsamsten, verrauchtesten, speziellsten, tollsten und schlichtweg großartigsten Kaffeehäuser Wiens vor. Vom "Treffpunkt für christliche Partnersuche" bis zu jenen Szene-Cafés mit Spätbetrieb, die sich abends zur großen Bar verwandeln.

Anzengruber - das Späte

Eine urbane Institution im quirligen Freihaus-Viertel, eingerichtet im gedeckten Deko-Mix der 1960er Jahre mit Billardzimmer, braunen Sitzbänken und abgewetztem Linoleumboden. Nachmittags ab 16 Uhr ein ruhiger Anlaufpunkt für die Nachbarschaft, geht am Abend weit mehr original Budweiser über den Tresen als Kaffee. Medien- und Theaterleute schwören auf den kroatischen Familienbetrieb, in dem Besitzerin Ankica Saric die Küche bis hinein in die Nachstunden führt. Sehr gute Hausmannskost, die New York Times lobte zur Fußball-Europameisterschaft 2008 die Qualität der Schnitzel. Im Nebenraum werden gelegentlich wichtige Fußballspiele übertragen.

Anzengruber
Schleifmühlgasse 19
1040 Wien

 

Bräunerhof - das Solide

Im Fenster hängt ein schwarz-weißes Plakat, das den Schriftsteller und ausgewiesenen Kaffeehaus-Hasser Thomas Bernhard als Stammgast im Bräunerhof zeigt. Ein ruhiger, fast besinnlicher Ort, der mit seinen Wirtshaus-Fenstern von außen wirkt wie ein schlichtes Beisl. Innen teilen zwei rechteckige Säulen den 1920 eröffneten Saal, der abgesehen von einigen Spiegeln und einer Telefonzelle aus Holz schmucklos daherkommt. Das Mehlspeisen-Buffet am Eingang und die reichhaltige Zeitungsauswahl stehen für einen unaufgeregten Klassiker mit literarischer Tradition.

Bräunerhof
Stallburggasse 2
1010 Wien

 

Central - die Buttercremetorte

Ein Name mit großer Vergangenheit. Zum Ende des 19. Jahrhunderts verkehrte hier nach der Schließung des alten Cafe Griensteidl die Wiener Künstlerelite. Seit 1986 erstrahlt das Central in wiederbelebter Pracht im Palais Ferstel und angesichts der hohen Säulen und der mit Fresken verzierten Kreuzgewölbe fühlt man sich wie im Historienfilm. Das Personal tut ein wenig vornehmer als anderswo. Die florentinisch-habsburgerische Aura lockt Touristen. Dichter und Malerfürsten sind hier dagegen eher selten geworden.


Herrengasse/Ecke Strauchgasse
1010 Wien

 

Drechsler - das Umgestylte

Die Ära des Naschmarkt-Cafes, von dem aus der legendäre Besitzer Engelbert Drechsler ab drei Uhr morgens die "Standler" über die Straße hinweg versorgte, ist unwiderruflich vorbei. Die alten Tapeten wurden unter der Ägide von Designer Sir Terence Conran heruntergerissen. 2007 erfolgte der Neustart im zurückhaltenden Retro-Design. Von einer jüngeren Klientel, die hier Mittag macht oder im Nebenraum Cafe trinkt, durchaus geschätzt. Abends legt ein DJ auf.


Linke Wienzeile 22
1040 Wien

 

Engländer - das Moderne

Die Einrichtung gibt sich schlicht und funktional. Weiße Wände, rote Sitzbänke. Über dem kleinen Stehtresen am Eingang flimmert lautlos ein Flachbildschirm. Das kürzlich nochmals modernisierte Haus in der Nähe der Hautpost setzt ganz auf die Jetztzeit, pflegt eine leichte Traditionsküche und ist nicht nur wegen der langen Öffnungszeiten ein überaus beliebter Treffpunkt der Kulturschaffenden.


Postgasse 2
1010 Wien

 

Frauenhuber - das Urige

Umgeben von Damenkränzchen und Schnitzelherrlichkeit versinkt man schon mal in den rot samtenen Sofas. Eine gemütliche Wohnzimmerlandschaft mit Gewölbedecken, Kristall-Lüstern und heimeligen Winkeln. In den Sommermonaten sind die Plätze an den geöffneten Fenstern überaus beliebt. Eine historische Tafel verrät, dass hier bereits 1788 ein Restaurant eröffnete. Ein Ort der Geschichte, die man in Wandmalereien auf dem Weg zu den Toiletten erspähen kann.


Himmelpfortgasse 6
1010 Wien

 

Griensteidl - die Kulisse

Die Musiker und Maler des "Jungen Wien" verkehrten zwischen 1890 und 1897 im legendären Original. Damals entstand auch der Spitzname "Cafe Größenwahn". Seit 1990 gibt es nun eine Fantasy-Nachbildung am Ausgang der Hofburg, im Herzen des touristischen Fiaker-Wiens also. An der Wand hängen Fin-de-Siècle-Kunstdrucke, die weißen Marmortische sind gut besetzt. Ein Ort für japanische Touristen und repräsentative Pressekonferenzen.


Michaelerplatz 2
1010 Wien

 

Hawelka - die Vorzeigelegende

Dunkle Patina in zentraler Lage. Das Haupthaus des Belegte-Brote-Spezialisten Triezesniewski liegt direkt gegenüber. Vom Ehepaar Josephine und Leopold Hawelka 1939 eröffnet, steht das gedrungene, schummrige Lokal auf vielen Wien-Pflichtlisten. In den 1960er- und 1970er-Jahren verkehrte hier die Bohème von Arik Brauer bis Oswald Wiener. Heute kommen US-amerikanische Studenten, um echtes Cafehaus-Flair einzuatmen. Einige Originale zeigen sich noch, wenn abends die legendären Buchteln (gefüllte Hefeknödel) serviert werden.


Dorotheergasse 6
1010 Wien

 

Hummel - die Vorstadtprinzessin

Seit über 70 Jahren eine feste Größte in der Josefstadt, vereinigt der lang gezogene Eckbau die Wunschträume der Vorstadt: Biertrinken auf Barhockern, Kaffee und Strudel mit Blick auf die Tram-Haltestelle, im Sommer eine nette Außenterrasse. Über die Jahre ist die klassische Einrichtung zu einem bunten Vielerlei geworden. Im TV-Raum im Hinterzimmer wird Fußball übertragen, was eine ebenfalls bunt gemischte Klientel aus Alten, Jungen und Zugezogenen anlockt.


Josefstädter Straße
1080 Wien

 

Korb - das Sympathische

Unweit des Stephandoms, doch abseits vom Trubel der Fußgängerzone erfuhr das Traditionshaus aus dem Jahre 1904 Anfang der sechziger Jahre einen Komplettumbau im nüchtern-sachlichen Stil. Vierzig Jahre später ist der rechteckige Raum von morgens acht bis hinein in die Abendstunden gut gefüllt, was für die Qualität von Kaffee und Küche spricht. Der Apfelstrudel gilt als einer der besten der Stadt. Das Publikum ist eine sympatische Mischung aus Originalen und Zufallsgästen. Im Keller locken Toilettenräume wie aus einer Afri-Cola-Werbung nebst psychedelischer "Artlounge" mit Bücherei-Tapete.


Brandstätte 9
1010 Wien

 

Landtmann

Das Burgtheater liegt direkt vis-à-vis. Kein Wunder, dass die Wiener Gesellschaft hier vor den Aufführungen eine kleine Erfrischung zu sich nimmt. Das dunkle Holz, die fein gearbeiteten Säulen und die dezenten Sitznischen passen zum gehobenen Publikum, das sich in der Woche aus Rathaus, Parlament und der Parteizentrale der Sozialdemokraten zusammensetzt. In verschiedenen Nebenzimmern werden emsige Meetings abgehalten, während auf einer der größten Terrassen der Stadt das alte Ringstraßen-Flair nachgelebt wird.


Dr. Karl Lueger Ring 4
1010 Wien

 

Prückel - der Nierentisch

Ganz im Stil der österreichischen fünfziger Jahre hat Architekt Oswald Haerdtl die großzügigen Dimensionen des u-förmigen Großcafés gestaltet. Ein wenig altrosa Wirtschaftswunder mit hoher Kastendecke, Gummibäumen, Tütenleuchten und betont sachlicher Möblierung. Die Zeitungshalter aus Bambus sind käuflich zu erwerben. Ältere Damen kommen zum Mittagstisch, das Museum für Angewandte Kunst spült junges Volk an. Der Grundriss erlaubt bereits jetzt einen rauchfreien Nebentrakt, der durch eine Glaswand abgetrennt ist.


Stubenring 24
1010 Wien

 

Schottenring - das Biedermeier

Gegenüber der Börse auf der Grenze zum 9. Bezirk liegt eines der letzten noch existierenden Kaffeehäuser der Ringstraße. Tradition seit 1879 verspricht die Speisekarte. Beamte und Börsianer machen hier Mittag. Ein gediegenes Haus für ältere Semester, das besonders in den Abendstunden angenehm ruhig und unaufgeregt ist. In der Hautreisezeit kommt auch mal eine Busladung Touristen vorbei.


Schottenring 19
1010 Wien

 

Schwarzenberg - das Geschäftige

Während man anderswo auf Künstlerzirkel und Literaten stolz ist, dominiert hier die gediegene Geschäftigkeit. Dunkelbraunes Holz, dunkle Ledersessel und der edle Steinboden verleihen der Ecklage am Schwarzenbergplatz einen Hauch von Business-Club. Nach dem Krieg kamen russischen Offiziere, die im gegenüber liegenden Hotel Imperial residierten. Heute werden dezente Geschäfte angebahnt oder die Börsenkurse studiert. Im Nebentrakt locken regelmäßig Konzerte oder Lesungen. Im Sommer floriert der Terrassenbetrieb.


Kärntner Ring 17
1010 Wien

 

Sperl - das Original

Seit dem 100-jährigen Jubiläum im Jahr 1980 steht hier alles unter Denkmalschutz. Die Original-Einrichtung mit dem kleinen Holztresen am Eingang, in dem heute die Mehlspeisen präsentiert werden, ist seitdem aufwendig restauriert worden. Dennoch wirkt das ehemalige Stammhaus der Künstlervereinigung Secession keineswegs wie ein Museum. In hinteren Raum tummeln sich Kunststudenten und Kopfarbeiter, während vorne kompetent Karambolage-Billard vorgeführt wird. Die hauseigene Sperltorte gibt es in der Holzkiste und der Tafelspitz ist bereits mehrfach prämiert worden.


Gumpendorferstraße 11
1060 Wien

 

Tirolerhof - das Spartanische

Die mehrfachen Rundungen der hohen Fenster wirken orientalisch verspielt. Einige wenige Lüster und Spiegel - dann hat es sich auch schon mit dem Schmuckwerk in diesem denkmalgerecht restaurierten Ensemble aus dem Jahr 1925. Nüchtern, sachlich, fast schon spartanisch kommt dieser Eckbau in der Nähe von Staatsoper und Albertina daher. Während am Sonntagnachmittag die Innenstadt-Bummler schon mal überhand nehmen und selbst das Profi-Personal ins Schwitzen kommt, lässt sich hier über die Woche eine Auszeit vom City-Trubel nehmen.

Tirolerhof
Führichgasse 9
1010 Wien

 

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Autor:
Ralf Niemczyk