Wien Unterwegs auf dem Wiener Zentralfriedhof

Von wegen letzte Ruhe. Die Jumbojets, die zur Landung auf dem Wiener Flughafen ansetzen, und die Laster, die über die vorbeiführende Schnellstraße rasen, stören den ewigen Frieden. Dabei benutzen echte Wiener keines von beiden. Sie fahren mit der Straßenbahn-Linie 71 zu den mehr als 300.000 Grabstellen auf dem Zentralfriedhof, einem der größten Friedhöfe Europas. Aus der Wahrheit hat sich ein Sprichwort entwickelt. Wenn einer von ihnen über den Jordan gegangen ist, dann sagen die Wiener nur: "Er hat die 71er genommen."

Erst einmal auf dem Friedhof angekommen, verbinden Busse die weiten Grabfelder miteinander. Weitaus romantischer lässt sich der Zentralfriedhof allerdings mit einer Pferdekutschfahrt erkunden. Die meisten Fiaker-Passagiere wollen erst einmal zum Grab Mozarts. Was die Wenigsten wissen: Er liegt hier überhaupt nicht. Wien leistete sich den Luxus, Wolfgang Amadeus Mozart wie jeden anderen Normalsterblichen in einem - wie es damals hieß - "einfachen allgemeinen Grab" zu verscharren. Als die Mozart-Verehrer ihn später angemessenen beisetzen wollten, war sein Leichnam nicht mehr aufzufinden. Also pilgern die Fans heute zu seinem Denkmal, das neben den Musiker-Ehrengräbern seiner Kollegen Beethoven, Brahms und Schubert steht.

Und noch eine Enttäuschung: Auch die Überreste von Kaiserin Sissi befinden sich nicht auf dem Zentralfriedhof. Sie liegt neben ihrem Franz-Josef in der Kapuzinergruft am Neuen Markt. Doch ihr Mörder, zumindest sein Schädel, fand seine letzte Bleibe hier. Er wurde anonym und in aller Stille zusammen mit anderen Leichenteilen aus dem Anatomischen Institut besattet - in den sogenannten "Anatomie-Gräbern".

Mit einer Friedhofs-Tour die versteckte Vergangenheit Wiens entdecken

Die beiden sind zwei der Protagonisten in der Führung "Mörder, Täter, Opfer", einer der vielen themenspezifischen Touren über den Wiener Zentralfriedhof. Ebenfalls beliebt: "Unvergessliche und fast vergessene Frauen". Die Tour führt nicht nur vorbei an den Gräbern bekannter Künstlerinnen, sondern auch an der letzten Ruhestätte der ersten österreichischen Weltreisenden Ida Pfeiffer, die als erste Europäerin das Innere Borneos durchquerte, und dem Grab von Gabriele Possanner, der ersten in Österreich praktizierenden Ärztin. Ein anderer Rundgang widmet sich den Gräbern unterschiedlicher Religionsgemeinschaften, von Juden und Christen über Buddhisten und Muslimen bis zu exotischeren Glaubensrichtungen. Die interkonfessionelle Führung erinnert an eine Zeitreise in die einstige Hauptstadt des Habsburger Vielvölker-Reichs und zeigt auch, warum Wien sich zu einem beliebten Standort mehrerer UN-Organisationen, wie zum Beispiel der Internationalen Atomenergiebehörde, entwickelt hat.

Vogelperspektive auf dem Wiener Zentralfriedhof.
Friedhöfe Wien
Die katholische Karl-Borromäus-Kirche ist Wiens größte Jugendstil-Kirche.
Auch für Architektur-Fans hat der Zentralfriedhof viel zu bieten. Die katholische Karl-Borromäus-Kirche, Wiens größte Jugendstil-Kirche, überragt die umliegenden Gräber. Aber auch die anderen Glaubensrichtungen werben für ihre Bekenntnisse mit architektonischen Schmuckstücken - von der Lazarus-Kirche der Russisch-orthodoxen Gemeinde bis hin zu einem buddhistischen Sakralbau. Der auffälligste Hingucker auf dem Friedhof würdigt allerdings keine Religion, sondern einen einzelnen Mann: den Popularmusikanten Johannes Hölzel, geboren 1957 in Wien, tödlich verunglückt 1998 in der Dominikanischen Republik. Auf seinem Grab steht eine Säule, die alle benachbarten Monumente überragt und mit großen Lettern der Nachwelt seinen Künstlernamen verkündet: F-A-L-C-O. Die posthume Ehrung lockt selbst Besucher an, die eigentlich wegen dem in "Rock Me Amadeus" besungenen Komponisten den Friedhof besuchen.

Grabsteine auf dem Zentralfriedhof.
Gabriele Buchas
Efeu überwuchert viele der alten Gräber.
"Ja dearfns denn des?" wird die Fremdenführerin Hedwig Abraham immer wieder gefragt, wenn sie Gruppen zu Falcos letzter Ruhestätte bringt. "Die Menschen machen sich wieder mehr Gedanken darüber, was mit ihren Überresten passiert", sagt Abraham. "Sie wollen ganz genau wissen, wie hoch die Grabmiete ist, und was passiert, wenn sie niemand mehr bezahlt!" Wichtige Fragen - schließlich bekommt nicht jedes Genie automatisch ein Gratis-Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof zur Verfügung gestellt.

Ein Friedhof zwischen Wildgehege und Filmkulisse

Literaturfreunde finden im jüdischen Bereich des Zentralfriedhofs das Grab des Dramatikers und Schriftstellers Arthur Schnitzler, sowie die Ruhestätten bekannter Kabarettisten und Kaffeehaus-Poeten. Leben und Tod liegen hier besonders dicht beieinander. Die immergrünen Pflanzen, die um die Grabsteine herumsprießen, ernähren - auch im Winter - eine hier heimisch gewordene Herde von 20 Rehen. Sie sind nicht die einzigen tierischen Besucher. Die handzahmen Eichhörnchen haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Besucher ihnen ein paar Nüsse mitbringen. Einfach nur "Hansi" rufen, dann kommen sie.

Der berühmteste Vierbeiner, der auf diesem Gräberfeld seine Duftmarke setzte, hieß Kommissar Rex. Schließlich ist der Zentralfriedhof die perfekte Kulisse für gruselige Mord- und Totschlag-Geschichten, selbst "Die Knickerbocker-Bande" verschlägt es in dem Kinderklamauk-Film "Das sprechende Grab" hierher. Seinen größten Auftritt hatte der Wiener Zentralfriedhof allerdings bereits 1949. Orson Welles spielte damals den Schwarzmarktschieber Harry Lime, dessen Leiche zum Schluss hier bestattet wird. Auch ohne Happy End wurde "Der dritte Mann" ein Klassiker - und die Weitläufigkeit des Wiener Zentralfriedhofs machte die letzten Minuten des Streifens zu einer der eindrucksvollsten Filmszenen aller Zeiten.

INFO

Eine Übersicht der unterschiedlichen Führungen findet sich auf www.wiensehen.at. Besonders empfehlenswert ist die Tour "Verkaufts mein G’wand, ich fahr in Himmel". Treffpunkt: vor dem 2. Tor, jeden zweiten Samstag um 14 Uhr.

Autor

Winfried Dulisch