Wien-Musik Tschuschen, Rock und Amadeus

Wien hat keine Kultur. Wien hat Kulturen. Und die versteht sich als musikalischer Botschafter der Vielvölker-Stadt. Sänger Slavko Nini und seine Tschuschen spielen traditionelle Musik aus dem gesamten Donau- und östlichen Mittelmeer-Raum. Seit 1989 sorgen sie schon mit ihrem Band-Namen für heilsame Provokation: "Tschusch" ist ein Schmähwort für Kroaten, Slowaken, Serben und andere Zugewanderte, in deren Sprachen viele Zischlaute zu hören sind. Einen guten Eindruck von den musikalischen Ressourcen der Tschuschenkapelle vermittelt ihre CD "Exil" (Extraplatte 505-2).

Wenn der Wiener es "moi a bisserl gmiatlicha" haben will, geht er in ein Heurigen-Lokal und lauscht der "Schrammel-Musi". Diese Musik wird keineswegs ruppig runtergeschrammelt. Ihre einschmeichelnde Lieblichkeit verdankt sie der schluchzenden Geige und einer artig gespielten Knopfharmonika. Traditionell gehört auch eine doppelhalsige Schrammel-Gitarre dazu, ihr Name erinnert an Johann und Josef Schrammel.

Die zwei unterhielten mit ihrem Stil prägenden Ensemble und einem volkstümlichen Repertoire erstmals 1878 die Kundschaft von Weinlokalen in Wien. Johannes Brahms und andere große klassische Komponisten waren Fans der Schrammel-Brüder. Wer diese Musik nur als Hintergrundgedudel zu Hans Mosers genuschelten Film-Monologen kennt, sollte sich "Auf der Rennbahn" (PR 90653 Preiser Records) zulegen; das Quartett "Neue Wiener Concert Schrammeln" spielt hier in überaus gepflegtem - aber verdammt spritzigem - Schrammel-Sound tänzerische Weisen von Franz Schubert über Johann und Richard Strauß bis Arnold Schönberg.

Arnold Schönberg pflegte tatsächlich ein unverkrampftes Verhältnis zur Unterhaltungsmusik. Als Lehrmeister der Wiener Zwölftonmusik-Schule hatte er 1918 den "Verein für musikalische Privataufführungen" gegründet und sorgte damit drei Jahre lang immer wieder für Skandale. Um dem Publikum zwischen all seinen Neutöner-Uraufführungen eine Verschnaufpause zu gönnen, arrangierten er uns seine Meisterschüler Anton Webern und Alban Berg Strauß-Walzer.

Mit "Rosen aus dem Süden" und anderen Bearbeitungen für Harmonium, Klavier und Streichquartett schmeichelten sie sich bei den Wienern vorübergehend ein, ehe der Verein 1921 seine musikalische Experimentierstube für immer dichtmachte. Den spröden Hauch dieser Auf- und Abbruchstimmung verbreitet die CD "Wein, Weib und Gesang" (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, MDG 603 1590-2) vom Thomas Christian Ensemble; überzeugender als mit dem hier verwendeten "Kaiserwalzer"-Arrangement von Arnold Schönberg kann man den Untergang der K.-u.-k.-Monarchie - und den gleichzeitigen Beginn einer neuen musikalischen Zeitrechnung - nicht dokumentieren.

Ein knappes Jahrhundert später hat die Wiener Avantgarde-Szene ihr ständiges Domizil gefunden in einem der zehn größten Kultur-Areale der Welt, dem MuseumsQuartier. Das "quartier21" ist dort die Adresse für neue konzertante Musikformen, vor allem auch für elektronische Klänge. Was in den dortigen Studios komponiert und einstudiert wird, ist anschließend auf einer der vielen Bühnen nebenan zu hören und zu sehen. Im MuseumsQuartier wird auch jene Tradition gepflegt, die begründet wurde von Johann Hölzel (1957-98), besser bekannt als Falco; seine Greatest Hits - vom "Kommissar" über "Vienna Calling" bis "Rock Me Amadeus" - wurden posthum veröffentlicht in der "Steel Box Collection" (Sony 886975314324).

Falcos Nachfolge wurde angetreten von Peter Kruder und Richard Dorfmeister. Heute präsentieren die Schüler des inzwischen aufgelösten DJ- und Produzenten-Duos Kruder & Dorfmeister ihr Tanzflächen-Füllmaterial vor allem im Wiener Bermuda-Dreieck. Diese legendäre Location für Nachtschwärmer erstreckt sich zwischen Rabensteig, Seitenstettengasse und Judengasse. Als "Bermuda-Dreieck" ist dieses Disco- und Kneipen-Areal bekannt, weil man dort immer schon herrlich versacken konnte. Für ein gepflegteres Abzappeln empfiehlt sich der Disco-Dancefloor im Keller des Hilton-Hotels - sorry, liebe Jazz-Fans, aber vorbei sind die Zeiten, als dort im "Birdland" noch die US-Stars gastierten. Jazz-Liebhaber gehen heuer ins: "Porgy&Bess", "Miles Smiles" oder "Jazzland".

Das "Jazzland" ist der Nabel der Welt - zumindest des einstigen Habsburger-Reichs. Dieses Kellerlokal liegt unter der 740 erbauten Ruprechtskirche, der Keimzelle des heutigen Wien. Das "Landl" ist hier seit 1972 die Bühne für alle Spielarten zwischen Boogie-Woogie und Bebop. Stilistisch offener für Weltmusik und andere neue Trends sind die Programmplaner vom Porgy&Bess. Das "Porgy" liegt ebenfalls im 1. Bezirk und gilt trotz - oder gerade wegen - seines uncool plüschigen Ambientes als einer der besten Jazz-Clubs Europas. Der Geheimtipp, für den sich die Fahrt raus in den 8. Bezirk (Josephstadt) lohnt, ist Wiens älteste Modernjazz-Kneipe "Miles Smiles". Dort treffen sich ortsansässige und durchreisende Musiker gerne mal auf einen Plausch am Tresen oder eine Jam-Session. Und wenn mal nix los auf der kleinen Bühne, dann werden die maximal 70 Gäste (mehr passen nicht rein) besten bedient von den Schätzen aus der riesigen Plattensammlung.

Während Jazz-Fans ihre Vorlieben an drei Abenden abarbeiten können, müssen Freunde von Oper, Operette oder Musical ein paar Tage mehr investieren. Zur Einstimmung für den E-Musik-Trip eignet sich "Wiener Melange - Lieder und Texte rund um das Wiener Kaffeehaus" (Musicaphon M 56907), der Liturgiemusik-Liebhaber freut sich über "Musik der Wiener Hofkapelle" (Phoenix Edition 112).

Solche Tonträger finden sich natürlich auch im Extraplatte-Shop, Währinger Straße 46, Alsergrund (9. Bezirk). Extraplatte-Chef Harald Quendler ist der einzige CD-Verkäufer, der schon mal ausgezeichnet wurde mit dem Ehrenpreis der deutschen Schallplattenkritik - und zwar als Label-Boss von Erika Pluhar, dem Vienna Art Orchestra und anderen Wiener Musikgrößen. Aber stolz ist er viel mehr auf dieses: "Neulich kam ein Italiener in den Laden und war überrascht von unserer Auswahl an Volksmusik aus seiner Heimat. Wo findest du sonst noch dermaßen viele CDs mit kurdischen oder sibirischen Ethno-Klängen?" Stimmt. Solch ein CD-Shop bestätigt - vielleicht mehr noch als alle Diskotheken und Opernhäuser - Wien als Welthauptstadt der Musik.

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Autor:
Winfried Dulisch