Österreich Junge Mode aus Wien

Das Wiener Museumsquartier (MQ) mit seinen Bars, Restaurants und Projekträumen ist die Transitzone in den kreativen Teil der Stadt. Neben allerlei Design- und Digitalformaten repräsentiert im Quartier 21 vor allem die Modeszene mit einem eigenen Showroom das junge, moderne Wien. Und wie zum Beweis sind im angrenzenden Spittelberg-Viertel dicht auf dicht die Fashionshops, Web-Designer, Architekten und Agenturen ansässig.

Wer den hinteren MQ-Ausgang über die Treppe am Glacis Beisl nimmt, stößt über die Siebensterngasse sehr bald auf eine verkehrsberuhigte Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster. Hier, in der Gutenbergasse, findet man ein wenig versteckt den stilvollen Laden der Modemacherin . In den Schaufenstern sind schwingende Röcke, karierte Oberteile und Kostüme mit Bienentaille sorgsam arrangiert. Ein eigenwilliger Retro-Stil, der an den Sexappeal früherer Pin-ups erinnert.

"Anfang des 20. Jahrhunderts war Wien zusammen mit Paris die Modestadt in Europa", sagt Hoschek. "Diese Zeiten sind zwar lange vorbei, doch als Fan der Ost-Erweiterung sehe ich durchaus neue Chancen. Wien wächst nicht nur auf Bratislava zu, sondern es kommen auch talentierte Leute aus Osteuropa hierher - und damit entsteht die nötige Action." Der sprudelnde Optimismus ist das Naturell der 29-Jährigen, ihre letzte Kollektion spielt mit dem Hawaii-Look vergangener Tage, mit bunten Drucken, fließenden Formen.

Kein Wunder also, dass sie ihren Lehrern auf der Modeschule in Wien-Hetzendorf als zu wenig experimentell galt. "Doch Kleider mit fünf Ärmeln interessieren mich einfach nicht", sagt Hoschek. Stattdessen setzte die gebürtige Grazerin schon in ihren Ausbildungsjahren auf solides Handwerk und stürzte sich voller Enthusiasmus in die Wiener Clubszene der Nullerjahre. "Die Stadt war im Aufbruch, das hat mich mitgerissen." Während sie heute eher allergisch auf die damals gern gehörte elektronische Musik nebst House-Beats reagiert, blieb Popmusik Hoscheks Inspirationsquelle. Insbesondere der Rock'n'Roll der fünfziger und sechziger Jahre hat es ihr angetan. "Ohne Mode könnte ich leben", sagt sie, "aber nicht ohne Musik."

Mit den Jahren stieß sie auf Underground-Spielarten des Surf, Rock'n'Roll und Swing. Die hier gepflegten styles bedeuten für sie Lebenseinstellung und unerschöpfliche Inspirationsquelle zugleich, mit der Gewissenhaftigkeit einer klassischen Damenschneiderin setzt sie sie in ihren Entwürfen um. Schließlich gehören zu Lena Hoscheks Kundenkreis inzwischen auch anspruchsvolle ältere Damen. Mit Begeisterung erzählt sie, dass sie über Ostern auf einem großen Rock'n'Roll-Weekender in Las Vegas war, wo das musikalische Spektrum ihrer Kollektionsideen fröhliche Urstände feierte.

Zum Rock'n'Roll passt auch, dass Hoschek nach der Wiener Ausbildung ein achtmonatiges Praktikum bei der Modeschöpferin Vivienne Westwood in London absolvierte. "Mich haben ihre einstigen Verbindungen zu Punk und den Sex Pistols interessiert", sagt Hoschek, "kennengelernt habe ich aber auch den stressigen Betrieb einer internationalen Marke." Nach ihrer Rückkehr in die Heimat gründet die Österreicherin mit gerade einmal 24 Jahren ein eigenes Label.

Zu den popkulturellen Einflüssen gesellt sich österreichische Folklore, wenn sie etwa Dirndl-Schnitte für die Jetztzeit aufbereitet. Mittlerweile präsentiert Lena Hoschek ihre Kollektionen auf den europäischen Modemessen, wie Anfang 2010 auf der Berlin Fashion Week. Auch die US-amerikanische Sängerin Katy Perry wählte ihre Bühnenkleider bei Hoschek aus und gab eine gute Ikone fürs Label ab. "Dieser Flirt ist mit Perrys Stilwandel leider schon wieder beendet. Wenn man sich aus Österreich heraus etablieren will, funktioniert das nur um ein internationales Engagement herum."

Im Wechselspiel mit ihrem Grazer Atelier treibt Lena Hoschek von Wien aus ihren Expansionskurs voran. "Ich neige etwas zum Größenwahn, doch die beschränkten Möglichkeiten eines kleinen Betriebs holen mich schnell wieder auf den Boden der Tatsachen." Sie sei, sagt Hoschek, eine Einzelgängerin geblieben, auch wenn sie das unterstützt, das sich für das Kollektiv des Spittelberg-Viertels engagiert. "Und wenn jüngere Designerinnen Kontakte brauchen, helfe ich gerne. Ein zu starkes Konkurrenzdenken ist für unsere Situation völlig kontraproduktiv. Wir sollten lieber die verschiedenen Facetten gemeinsam stärken."

Immer wieder fällt in der Debatte um die Modestadt Wien das Beispiel Antwerpen, wo über Jahre hinweg eine starke, eigenständige Szene im Windschatten der großen Fashion-Metropolen entstanden ist. "In Wien hätte man gerne diesen Antwerpen-Status, auch vom Stil her", sagt Lena Hoschek. "Doch diese Identität ist ja bereits besetzt." Was Wien darob zu tun bliebe? "Die Eigenwilligkeit der Stadt müsste schon auf der Hochschule ein stärkeres Gewicht bekommen."

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Autor:
Ralf Niemczyk