Wien Die Umgestaltung des Naschmarkts

Dem Bauch der Stadt droht eine schwere Operation. Seit langem hatte sich die Generalsanierung des berühmtesten aller Wiener Märkte angekündigt. Nun wird sie konkret: Strom- und Wasserleitungen, Bodenbelag und Beleuchtung am Naschmarkt müssen ausgewechselt werden. Schließlich hat die Überbauung des Wien-Flusses seit der Marktansiedlung im Jahre 1916 einiges aushalten müssen.

In den nächsten Monaten beginnen die Vorbereitungen, danach drohen Standbesitzern wie Besuchern Staub, Dreck und Baggerlärm. Nacheinander werden die einzelnen Marktzonen zu Sanierungszwecken abgesperrt, der Gesamtbetrieb soll dabei weiterlaufen. Ein fünfjähriges Mammutprojekt, das stolze 14,7 Millionen Euro verschlingt. 2015 soll der "Neue Naschmarkt" dann im schönen, neuen Glanz erstrahlen.

Es ist indes genau dieser schöne, neue Glanz, der bei den Traditionalisten und Bewahrern tief sitzende Bedenken auslöst. Das Areal zwischen Linker und Rechter Wienzeile gehöre zum kollektiven Gedächtnis der Stadt, eifern sie gegen die Modernisierer. Schon die Installation der schnörkellosen Straßenlaternen sorgte im letzten Winter für raumgreifende "Kandelaber-Killer"-Debatten. Und: Gebietsschutz für Gemüsehändler wird eingefordert.

Denn neben den Sanierungsmaßnahmen hat in den letzten auch eine - neudeutsch würde man sagen - Gentrifizierung des Naschmarkts eingesetzt. Alte Marktbuden wurden umgewandelt in boomende Szene-Gastronomie, und mit ihren schicken Lokalitäten verdrängt das Ausgehvolk die gewachsenen Strukturen. Eine Entwicklung angesichts derer der grüne Bezirksvorsteher des Stadteils Mariahilf, an den der Naschmarkt grenzt, schon vom "Bobo-Disneyland" spricht. Bourgeois Boheme - so etwas zeigt Wirkung. Das Marktamt hat offiziell jedenfalls keine neue Konzessionen für Schankbetriebe mehr vergeben, und seit einem Jahr kümmert sich eine eigene IG Naschmarkt um die Interessen der Standbesitzer. Auch die Umbauplanung wird bis ins kleinste Detail moderiert.

Heimat der Sonnenbrillen-Schickeria

Wer von Karlsplatz und Secession her kommt, gerät mitten hinein in diesen Wandlungsprozess und wird mit den ersten Pavillons regelrecht in den langen Schlauch der grünen Buden eingesaugt. Hier, wo Umarfisch und Fisch Gruber Roten Thun in Sashimi-Qualität und Jakobsmuscheln feilbieten, beginnt der Naschmarkt mit seiner goldenen Ecke. An Hochtischen genießt die Sonnenbrillen-Schickeria ihr Austern-Champagner-Gedeck - mehr Kitzbühel-Bräune als Viktualien-Romantik.

Doch das Bild wechselt schnell, je nach Gasse und Standler. Hier Feigenessig, dort Kaffee aus eigener Öko-Röstung. Vorzeige-Gemüsehändler wie die Familie Himmelsbach sind seit 60 Jahren mit zig Salatsorten vertreten. Grundsätzlich gilt der obere Naschmarkt als der feinere und gediegenere, wobei es auch hier Originale wie die Metzgerin Herta Gruber gibt, die im angeschlossenen Imbiss ihren Haus-Veltliner ohne Promi-Aufschlag verkauft.

Entlang der Linken Wienzeile konzentriert sich die Gastronomie, wo sich Sushi mit Palatschinken und Original New Yorker Pastrami abwechseln und offiziell bis 23 Uhr in allen Kategorien getafelt werden darf; unter Freunden gerne auch länger. Wenn hier am Samstagmittag DJs zum Brunch aufspielen, herrscht Ausnahmezustand in Deli, Do An und Te-Wa, der neuen In-Gastronomie am Naschmarkt. Allein der zünftige Publikumsmix im Ur-Beisl Die Eiserne Zeit ("first pub on the market - since 1916") stemmt sich erfolgreich gegen jeden Trend. Auch der Fasslwirt Jakov gegenüber des 2009 eröffneten Edel-Beisls Neni gilt mit seinem Naschmarktwein als Hochburg der Traditionalisten. Am Sonntag ist übrigens auch die Markt-Gastronomie komplett geschlossen.

"Man sollte sich nichts vormachen", sagt einer, der es wissen muss. "Touristen brauchen nur selten einen Kohlkopf. Und wer geht denn heute noch frühmorgens für das Mittagsmahl einkaufen? Ganz früher waren das mal die Dienstmädchen, später dann die klassischen Damen mit Hut, doch auch die sind auf dem Rückzug", sagt Beppo Beyerl, Autor der aktuellen Naschmarkt-Chronik, die jedem "Standler" eine kleine Geschichte widmet.

Der Markt, so Beyerl, sei ein Spiegelbild der Bevölkerungs- und Gesellschaftsstruktur. Und die ist mit den letzten Jahrzehnten vielschichtiger, komplexer und globalisierter geworden. Mittlerweile setzen sich Standler vom Naschmarkt aus 62 verschiedenen Ethnien zusammen. "In den neunziger Jahren gab es viele Händler aus dem ehemaligen Jugoslawien, von denen sich viele mittlerweile zurück gezogen haben", erklärt Beyerl. "Es folgten Russen oder Usbeken." Für Beyerl ist vor allem die Mischung interessant. Die von ihm unterstützte Lesereihe will diese Vielfalt kulturell abbilden. Sogar der serbische Botschafter (und Literat) Dragan Velikic hat hier schon gelesen.

Ein heftiges Wechselspiel also bis zur Markt-Kapelle des heiligen Nepomuk, wo noch einmal einige Gemüse-Traditionsbetriebe wie Berber oder Kuczera konzentriert sind. Die Familie Kuczera produziert ihr Angebot in der eigenen Gärtnerei, was zur Ausnahme auf dem heutigen Naschmarkt geworden ist. Vor Festtagen legt Standchefin Gabriele sogar ihre Folklore-Kluft an.

Bei Milan Grkinic gleich nebenan, der seit 1970 mit Kräutern, Gewürzen und slowenischen Weinen vertreten ist, gibt es die besten Haselnüsse in ganz Österreich, hat der Test eines Magazins ergeben. Eigentlich wollte Grkinic mit dem Umbau aufhören, doch nun, sagt er, sei er noch mal ins Überlegen gekommen. Schließlich hätte sich der Naschmarkt in den letzten 40 Jahren schon so oft gewandelt. Auf Blumen und Textilien in den 1980er Jahren folgten Modewellen mit Oliven und Wasabi-Nüssen. Wenn irgendwann die Bagger kommen, sagt Grkinic, "fahre ich halt zwei Monate in Urlaub".

Im hinteren Abschnitt des Naschmarkts, wo sich das wuselige Geschehen auf eine Gasse verengt, dominieren Trockenfrüchte und eingelegte Gemüse. Bevor an der Kettenbrückengasse die Biobauern aus der Region ihre mobilen Stände haben. Dahinter befand sich bis hinein in die Siebziger der Großmarkt mit all seinen Legenden. Jetzt stehen dort die Lieferfahrzeuge und am Samstag wird die Fläche zum Flohmarkt. Der Bauch der Stadt, der längst auch zu einem Laufsteg des schicken Wien geworden ist, wartet mit Spannung - auf seine nächste Modernisierung und all das, was diese mit sich bringen wird.

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Autor:
Ralf Niemczyk