Wien Die Kunst der Habsburger

Am 11. Mai 2003 gelang es einem Einbrecher binnen 46 Sekunden, die auf mindestens drei Millionen Euro geschätzte "Saliera" - die einzig erhalten gebliebene Goldschmiedearbeit Benvenuto Cellinis - aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien zu rauben. Es dauerte fast drei Jahre, bis der Täter gefasst und das teuerste Salzfässchen der Welt sichergestellt werden konnte. Jetzt ist es wieder daheim. Die Kleinskulptur aus dem Jahr 1543 ist eine der glanzvollsten Preziosen der geheimnisvollen Kunst- und Wunderkammern der Habsburger. Sie stellt den Meeresgott Neptun dar, mit Dreizack und einem Schiff in der Rechten für das Salz, und ihm gegenübersitzend die Göttin der Erde, Tellus, mit einem Tempel für den Pfeffer.

Die Saliera war das prachtvollste Stück der Sammlung Erzherzog Ferdinands II., die in Teilen voraussichtlich 2008 wieder zu sehen sein wird. Die Sammlung hatte Kaiser Rudolf II. beim Kauf des Schlosses Ambras kurz nach dem Tod seines Onkels miterworben. So faszinierend die Ambraser Sammlung auch war - sie verblasste gegen Rudolfs eigene, gigantomanische Kunst- und Wunderkammer im Prager Hradschin. Die bestand aus drei hintereinanderliegenden Räumen, denen zwei Gewölbe vorgelagert waren.

Rudolfs Sammlung, die lange als Beweis für die Raffgier eines Verrückten galt, erstreckte sich bald über den gesamten Palast. Machte ihn zu einer labyrinthischen Schatztruhe. Rudolf II. war hypochondrisch und litt an Syphilis, die seinen Oberkiefer zerfraß - vermutlich blieb er deswegen unverheiratet und also ohne legitimen Nachkommen. Sein Hof im Hradschin glich einem eigenen Universum: Der "Alchimist auf dem Kaiserthron" beschäftigte sich vor allem mit Astronomie, Astrologie, chemischen Experimenten und ließ sich sogar ein eigenes Labor bauen. Außerdem lud er nicht nur die berühmtesten Alchimisten seiner Zeit ein, sondern auch hervorragende Wissenschaftler wie Johannes Kepler und Tycho Brahe, für den er eigens eine Sternwarte errichtete.

Die Agenten Rudolfs II. schwärmten in ganz Europa aus, um für ihn die begehrten Objekte zu begutachten und zu kaufen. So wurde der Hradschin bald zum Zentrum für Maler, Kupferstecher, Medailleure, Kunsttischler, Steinschneider, Goldschmiede. In den kaiserlichen Inventarlisten sind nahezu 25.000 Skulpturen und mehr als 3000 Gemälde verzeichnet, darunter Meisterwerke von Arcimboldo, Michelangelo, Leonardo da Vinci, Giorgione, Dürer, Rubens. Rudolfs Hofmaler, der Manierist Giuseppe Arcimboldo, malte Brustbilder von Menschen, die aus Meeresgetier, Früchten, Blumen,Wurzelwerk, Gemüse, Blättern, nackten Menschenleibern zusammengesetzt waren: Arcimboldos Werk gleicht einem Seelenspiegel der Kunst- und Wunderkammer Rudolfs II.

Die Sammelleidenschaft des Kaisers war nicht nur obsessiv, sondern auch morbid. Er interessierte sich heftig für Abnormitäten und Monstrositäten. Der Monarch erwarb zum Beispiel mehrere "Bezoare" - jene kugelförmigen, weißgrauen Magensteine von Ziegen, Pferden oder Lamas, die wegen ihrer angeblich neutralisierenden Wirkung auf Gift begehrt waren. Daneben besaß Rudolf so genannte "Naturwunder" - Menschen und Tiere mit körperlichen Anomalien wie Verkrüppelte, Zwerge oder auch "Haarmenschen", die an Königs- und Fürstenhöfen lebten. Am begehrtesten waren Riesen: So ließ sich Rudolf 1560 auf einem Turnier in Wien von dem 2,40 Meter großen Bauern "Bartlmä Bon" zu Kämpfen begleiten.

Außerdem sammelte der Monarch wissenschaftliches Gerät wie Astrolabien, Kompasse, Sextanten, Sanduhren, Himmelsgloben und mechanische Kunstwerke, vor allem kostbare Tischuhren. Aber auch 64 Automaten, darunter ein kleines Segelschiff, das über den Tisch fuhr und Musik machte.Von der Decke seiner Kunst- und Wunderkammer hingen präparierte Krokodile, Schlangen, Haifische. Rudolfs Sammlung stellte eine Welt en miniature dar, einen Mikrokosmos, ein theatrum mundi et sapientiae. Der Erdball selbst nämlich, mit allem, was ihn bevölkerte, wurde von Fürsten, Königen und Kaisern und später auch von Wissenschaftlern, Apothekern und Ärzten als "Wunderkammer Gottes" aufgefasst, die sich in der eigenen Sammlung spiegeln sollte.

In Europa gab es Anfang des 17. Jahrhunderts fast 1000 bürgerliche "Museen" dieser Art, die ein Netzwerk des Wissens formten. Die größten Sammmlungen aber befanden sich an Königs- und Fürstenhöfen - wie in der Münchner Kunstkam- mer des Wittelsbachers Albrecht V. oder in der noch immer bestehenden Kunst- und Wunderkammer des Kurfürsten August I. von Sachsen im Grünen Gewölbe zu Dresden. Für die Adligen waren solche Sammlungen vor allem "Zeugnisse universalen Herrschaftsanspruchs und bildhaft gewordene Kosmologie, in deren Mittelpunkt sich der Fürst selbst sah", so die Kunsthistorikerin Elisabeth Scheicher.

Der Niedergang einer einzigartigen Sammlung

Man unterschied zwischen "Naturalia", den Hervorbringungen der Natur, und "Arteficialia", Kunstwerken des Menschen mit Hilfe der Natur. Naturprodukt und Artefakt wurden dabei nicht als Gegensatz begriffen, es ging vielmehr um die Durchdringung und Ergänzung des einen mit dem anderen. So war eine aus einem Kirschkern geschnitzte Plastik mit einer Fassung aus emailliertem Gold der Beweis dafür, wie aus einem unscheinbaren, winzigen Partikel der Natur von Menschenhand ein virtuoses Kunstwerk geschaffen werden kann. Als Folge der Entdeckung Amerikas, der Eroberung Mexikos, Perus und der Weltumsegelung Magellans kamen exotische Tiere und Pflanzen, Elfenbein, Seychellennüsse, Schildpatt und viele andere unbekannte Dinge nach Europa.

Allen voran brachten die Habsburger als Könige von Spanien, die überdies noch durch eine konsequente Heiratspolitik mit Portugal verbunden waren, die begehrten Objekte in ihren Besitz. Doch erst die Auswertung der in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gefundenen Inventarlisten der Sammlung Rudolfs II. machte den sinnvollen Zusammenhang des Gesamtkomplexes sichtbar. Die Dinge waren nicht nur in "Naturalia" und "Arteficialia" eingeteilt, sondern auch nach den wissenschaftlichen Instrumenten in "Scientifica", nach Anomalien und Naturwundern in "Mirabilia" und den Waren aus fernen Ländern in "Exotica". Die Fülle der stetig wachsenden Zahl an Objekten nagte mit der Zeit an der Psyche Rudolfs II. - er begann sie zu verstecken, ein- und ummauern zu lassen, einzukellern, zu vergraben. Nachdem sein Bruder Matthias ihm die Macht entrissen hatte, starb er am 20. Januar 1612.

Mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges begann der Niedergang dieser einzigartigen Sammlung. Der bayerische Herzog Maximilian I. übernahm ganze Wagenladungen als Gegenleistung für die Waffenbruderschaft, die er Kaiser Ferdinand II. geleistet hatte, auch der Kurfürst von Sachsen belohnte sich kurfürstlich, und vor allem die Schweden machten riesige Kriegsbeute, die sie nach Stockholm brachten. Schwedens Königin Christine konvertierte später zum Katholizismus und schenkte die wertvollsten Stücke dem Vatikan. Schließlich ließ Kaiser Joseph II. beim Umbau des Hradschin in eine Artilleriekaserne im 18. Jahrhundert alles, was als wertlos eingeschätzt wurde, in den Hirschgraben stürzen oder für ein Spottgeld versteigern.

Zuletzt vergriffen sich auch noch die Nationalsozialisten an der Sammlung. Die verbliebene Kunst- und Wunderkammer der Habsburger, speziell die "Arteficialia" und "Scientifica" - weltweit die bedeutendste, umfangreichste und wertvollste Sammlung ihrer Art - lagert heute in Depots oder in geschlossenen Sälen des Kunsthistorischen Museums in Wien. Die "Naturalia" - so das "Einhorn", ein Narwalzahn, die goldgefasste Smaragdstufe - befinden sich allerdings im gegenüberliegenden Naturhistorischen Museum, und die "Exotica" - wie die angebliche Federkrone des Azteken-Herrschers Montezuma, die Mexiko seit langer Zeit zurückfordert - im nahegelegenen Völkerkunde-Museum. Will man also einen Gesamteindruck gewinnen, so muss man sich umsehen.

ich gehe mit der stellvertretenden Direktorin Sabine Haag durch die dämmrigen Gänge zum fensterlosen Depot im Hochparterre des Kunsthistorischen Museums. Dort ist in wuchtigen Vitrinenschränken ein Viertel der vorhandenen Objekte zu sehen, von herrlichen Schüsseln aus Bergkristall bis zu Gegenständen aus Perlmutt und Schildpatt. Die Fülle ist kaum zu erfassen: der Nashorn-Pokal, die Bernsteingefäße, Tric-Trac-Spiele aus edlem Holz, die reich dekorierte Nautilusschnecke und das Straußenei, gemalte Spielkarten und hunderte andere Schönheit ausstrahlende Dinge.

Über das Stiegendepot, in dem die Kostbarkeiten frei auf Regalen stehen, kommen wir in die geschlossenen Ausstellungsräume der Kunstkammer, wo mehr als die Hälfte der Sammlung meist in Schränken mit verglasten Türen ausgestellt ist, vor allem Arbeiten aus Bronze und Glas. Daneben gibt es Schnitzwerk aus Elfenbein, es finden sich Büsten, Tischuhren, Automaten, von denen längst kein Spielwerk mehr funktioniert. Die Kunstkammer ist wahrlich ein Wunder, das Einblick bietet in Denken und Selbstverständnis einer Zeit im Aufbruch. In die Anfänge und Entstehung der modernen Wissenschaften, in das mechanische Zeitalter.

Während ich durch die verlassenen Räume gehe und nur meine Schritte höre, ist es, als läge die Kunstkammer im Dornröschenschlaf. Das riesige Kunsthistorische Museum, seine Säle und Depots sind begehbare Träume der Menschheit, in denen wir uns selbst erkennen können: Die zerstreute und nur zum Teil wieder zusammengeführte Sammlung erzählt die Geschichte der namenlosen Gier und Neugier der Menschen. Und sie erzählt auch jenes endlose Epos vom Entstehen, Verschwinden und Wiederauftauchen der verlorenen Zeit.

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Autor:
Gerhard Roth