Wien Das Hotel Sacher

Die Chronik des Wiener Hotels Sacher verweist mit Stolz darauf, dass bei aller Hinterzimmer-Kungelei der Anstand immer gewahrt blieb. Da kannte vor allem Anna Sacher, seit 1880 Ehefrau von Eduard Sacher und nach seinem Tod 1892 die Hotel-Direktorin, kein Pardon. Als zum Beispiel ein Erzherzog - sein Name wird heute noch verschwiegen, Diskretion ist Ehrensache im Sacher - im Ersten Weltkrieg ein paar Freunde zum Souper eingeladen hatte, warfen seine Gäste nach ungarischer Sitte die leer getrunkenen Gläser an die Wand.

Doch diese Scherben brachten kein Glück. Die strenge Anna Sacher stellte den Trunkenbold zur Rede: "Sagen Sie, Kaiserliche Hoheit, wie stellen S' Ihnen das eigentlich vor? Wir passen auf das Zeug weiß Gott wie auf, weil man in dieser Zeit eh nix kriegt, und Sie schmeißen damit umanand."

Dabei liebte Anna Sacher ebenfalls einen Hauch von Luxus - wenn nicht gar von Dekadenz. Einer Freundin soll sie gestanden haben: "Wissen S', Kaviar muss man net essen. Aber wenn man's isst, dann nur mit an Suppenlöffel." Manchmal durfte sogar ihr Lieblingshund Bullis ein wenig von dieser Delikatesse naschen. Als ein Gast sie fragte, was ihr Hunderl da eigentlich frisst, soll die Sacher-Direktorin ihn schnippisch abgefertigt haben mit "Powidl" - eine von böhmischen Köchinnen nach Wien importierte Bezeichnung für Zwetschgen-Marmelade, die aber auch bedeuten kann: "Das ist mir doch egal!".

Die Geschichte des feinen Hotels Sacher beginnt allerdings ein paar Jahrzehnte früher: 1832 verfeinerte der 16-jährige Franz Sacher, Azubi in der Küche des Fürsten Metternich, mit Marillen-Marmelade eine Schokotorte und erntete dafür Komplimente von den hochwohlgeborenen Leckermäulern. So startete Franz Sacher ungefähr zeitgleich mit dem musikalischen Süßwaren-Hersteller Johann Strauß ("Donau so blau, so blau, so blau") seine Zuckerbäcker-Karriere.

1873 investierte Eduard, ein Sohn des Sachertorten-Erfinders, den guten Namen und das Vermögen seiner Familie in einen - heute würde man sagen - Gourmet-Tempel. Mit erlesenen Weinen und vorzüglicher Küche avancierte das Haus in der damals noch nicht ganz so vornehmen Kärntner Straße zur Top-Adresse für den Adel und das selbstbewusster werdende Bürgertum. Ein Geheimtipp wurde Eduard Sachers Gastlokal jedoch wegen einer neumodischen Errungenschaft, die er aus Frankreich importiert hatte: Salons particulaires, die sich auch in Wien als Epizentren des gesellschaftlichen Lebens erweisen sollten. In diesen ersten Chambres séparées der Stadt konnte die feine Wiener Gesellschaft - oft genug zusammen mit einer weniger feinen - diskret soupieren und sich geschäftlich, politisch oder einfach nur privat miteinander verbandeln.

1876 eröffnete Eduard Sacher ein paar Häuser weiter sein "Hotel de l' Opéra". Das einem Renaissance-Palast nachempfundene Gebäude steht auf dem Grundstück vom ehemaligen Kärntnertor-Theater, wo Ludwig van Beethoven 1824 seine Neunte Sinfonie ("Freude schöner Götterfunken") uraufgeführt hatte. Den Standort und Namen für sein Hotel hatte Eduard Sacher gut gewählt. Gleich gegenüber ist der Bühnenausgang der k.u.k. Hofoper, die 1869 mit der Premiere von Mozarts "Don Juan" eröffnet worden war. Sopranistinnen und Tenöre huschten nach erledigter Arbeit aber nicht rüber ins "Hotel de l' Opéra", sie gingen einfach nur "zum Sacher". Seit 1896 firmiert der Gastronomie- und Beherbergungsbetrieb hinter der heutigen Wiener Staatsoper auch offiziell als: Hotel Sacher.

Die Sitten verwilderten mit dem Untergang des Kaiser- und Königreichs Österreich-Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die adligen Stammgäste entweder verarmt oder ausgewandert. Und es kam noch schlimmer. In den 1920-er Jahren wurde sogar Jazz-ähnliche Tanzmusik als akustische Beilage zur Sachertorte an ihrem Original-Schauplatz gereicht.

Finsternis und Friedensbewegte

Apropos: Original. Der Kampf um die Schutzmarke "Sachertorte" beschäftigte bis 1963 die Gerichte der Republik Österreich. Schließlich einigten sich die Wider-Sacher außergerichtlich auf diesen Vergleich: Nur das Hotel Sacher darf die Bezeichnung "Original Sacher-Torte" verwenden, die Wiener Konditorei Demel muss ihr Produkt als "Eduard Sacher-Torte" anbieten.

Anna Sacher hat die finstersten Jahre ihres Hotels nicht mehr erlebt. Als sie 1930 starb, hatte sich Österreich zum beliebtesten Reiseziel der Deutschen entwickelt. 1933 stoppte die Nazi-Regierung diesen Trend mit der so genannten Tausend-Mark-Sperre: Jeder deutsche Staatsbürger musste vor einer Reise nach Österreich eine Gebühr von 1000 Reichsmark zahlen. Die österreichische Tourismus-Branche verlor auf einen Schlag 85 Prozent ihrer deutschen Gäste, zahlreiche Betriebe wurden ruiniert. 1934 meldete auch das Hotel Sacher Konkurs an.

1938 verkündete Adolf Hitler auf dem Wiener Heldenplatz mit pathetisch zitternder Stimme "vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich". - Mehr als 100.000 Österreicher schrien: "Sieg Heil!". An der Fassade des Hotel Sacher flatterte die Hakenkreuzfahne. Ab 1945 wurde Wien ähnlich wie Berlin von den Siegermächten kontrolliert. Amerikaner, Russen, Briten und Franzosen patrouillierten gemeinsam durch Wien und inspirierten damit zu dem Film-Klassiker "Die Vier im Jeep". Künstlerisch und kommerziell beeindruckender in Szene gesetzt wurde allerdings der Penicillin-Schwarzhändler Harry Lime, dargestellt von Orson Welles.

Nein, "Der dritte Mann" spielt nicht im Hotel Sacher. Doch der englische Autor Graham Greene logierte hier, als er für das Film-Drehbuch im zerbombten Wien recherchierte. Die Briten hatten sich im Sacher einquartiert und betrieben dort eine ordentlich sortierte Bar - Gin, Scotch, Irish Whiskey - und ein Restaurant für die gehobenen Dienstgrade.

Beim gemeinsamen Lunch im Sacher lieferte ein britischer Geheimdienst-Mitarbeiter dem Romancier die zündende Idee für eine Film-Kulisse. Ausgerechnet in dieser gepflegten Atmosphäre weckte der Location-Scout bei Graham Greene die Neugier auf das unterirdische Abwasserkanal-System der Stadt. Gleich nach dem Essen besichtigten Greene und sein Informant diese Kloaken-Unterwelt. - Igittigitt. Aber Drehbuch-Honorar stinkt nicht.

20 Jahre später verewigte sich ein weiterer Engländer mit seiner Frieden stiftenden Maßnahme in der Gästechronik des Hotel Sacher. John Lennon und seine frisch angetraute Ehefrau Yoko Ono nutzten 1969 das weltweite Medien-Interesse an ihren Schlafzimmer-Aktivitäten für die Verbreitung ihrer Botschaft: "Give Peace A Chance!"

Das Brautgemach der Eheleute Ono-Lennon war gerammelt voll mit Journalisten, als John und Yoko - versteckt unter weißem Leinen - über die Unfähigkeiten der Politiker, über die geheimen Wünsche der englischen Queen und über andere Weltprobleme schwadronierten. Die meisten Teilnehmer dieser Pressekonferenz in der Sacher-Suite 312 wollten oder konnten den Sinn des Polit-Happenings nicht ernsthaft hinterfragen. Einzig der damalige ORF-Reporter André Heller machte den Eindruck, als könne er John und Yoko respektieren und ihre Message verstehen: "Frieden".

Mit der Supermarkttüte ins Sacher

Was die zwei Friedensapostel da sonst noch im Sacher so trieben, erfuhren die Beatles-Fans ein paar Wochen später durch die Hit-Single "Ballad Of John And Yoko". Bei ihrem "Trip to Vienna" hatten die Hochzeitsreisenden zum Beispiel "chocolate cake in a bag" gegessen. John und Yoko waren also in einen Sack gekrochen und verspeisten darin eine Sachertorte - vielleicht heute noch ein empfehlenswerter Absacker nach einer durchzechten Nacht.

Es muss nicht immer gleich der Weltfrieden sein. Auch im Sacher geht es durchaus eine Nummer kleiner. Einem Leonard Bernstein genügte es zum Beispiel voll und ganz, wenn er sich bei der Ankunft "in seinem Wiener Wohnzimmer" sofort an das Klavier setzen und komponieren oder proben konnte. Hauptsache, dieser Zeitplan wurde penibel eingehalten: Morgens brachten die Möbelpacker sein Instrument - der Komponist der "West Side Story" verreiste niemals ohne eigenes Klavier - in das Bernstein-Zimmer, dann erledigte der Klavierstimmer seine Arbeit, gegen Mittag erschien der Maestro.

Noch so eine Angewohnheit: Als regelmäßiger Gastdirigent der Wiener Philharmoniker buchte Leonard Bernstein bei jedem seiner Besuche in der Welthauptstadt der Musik dieselbe Suite. Der Grund für diese Treue offenbarte sich der Sacher-Direktion erst, als Lenny bei einem seiner Hotel-Aufenthalte sein Lieblingsbild an der Wand vermisste. Kein Problem. Eduard Veits Gemälde "Schwarz und Blond" wurde sofort wieder dorthin gehängt, wo es hingehört.

AC/DC, die Callas, Mireille Matthieu, Comedian Harmonists, Otto Waalkes, die BeeGees und Andi Borg - sie alle übernachteten schon mal im Sacher. Doch der prominenteste Dauer-Hotelgast war kein Musikschaffender, sondern ein professioneller Musikhörer: Marcell Horace Frydman Ritter von Prawy. Oder einfach nur: Marcel Prawy. Bis zu seinem Tod im Jahre 2003 galt er als der österreichische "Opernführer der Nation". Sein Markenzeichen waren die Plastik-Einkaufstüten der Supermarkt-Kette "Billa", in denen er Noten und Aufzeichnungen herumschleppte.

Während der letzten zehn Lebensjahre von Marcel Prawy galt das Hotel mit dem kürzesten Fußweg zum Hintereingang der Wiener Staatoper als seine feste Wohnadresse. Das lässt auf den gehobenem Lifestyle eines Privilegierten schließen, es führt aber durchaus zu Komplikationen - vor allem dann, wenn im Sacher mal wieder ein Staatspräsident absteigt, das komplette Hotel zum Hochsicherheitstrakt erklärt worden ist und gegenüber auf dem Dach der Oper die uniformierten Scharfschützen auf der Lauer liegen.

Beim Staatsbesuch eines Machthabers der oberen Gefährdungsklasse wurde Marcel Prawy von der Polizei daran gehindert, seine Wohnung zu betreten. Protest zwecklos. Also wendete er jenes Mittel an, das in einer fremdenfreundlichen Stadt wie Wien immer sofort wirkt: Prawy erklärt in unbeholfenem Englisch, er sei ein arabischer Scheich und müsse unbedingt seinen Freund, den Präsidenten besuchen - und er wird durch gewunken.

Zum Glück hatte der Sacher-Stammgast nicht behauptet, er sei der Marcel Prawy. Die Polizei hätte ihn garantiert mitgenommen wegen des Verdachts, dass da jemand seine jedem ORF-Radiohörer vertraute Stimme imitiert, um ohne Befugnis hinein zu kommen in das Hotel Sacher.

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Autor:
Winfried Dulisch