Salzburg Dampfer und Alpengipfel

Der Bug des Bootes sticht in den See, die mattschwarze Wasseroberfläche wellt sich sanft im Dunkel des Morgens. 5.45 Uhr. Windstille. Das Boot nimmt Fahrt auf, Kälte spannt die Haut. Die aufgehende Sonne schmilzt die Dunkelheit fort und schnitzt mit ihrem gelben Licht Haifischzähne, Gugelhupfe, Schildkrötenrücken rund um den See. Langsam werden daraus bewaldete Berge, Fels unterm Graskleid, zu ihren Füßen Silhouetten von Häusern. Zu hören ist nur der Außenbordmotor, und als Nikolaus Höplinger ihn bei seinen Stellnetzen unter dem grauen, mächtigen Falkenstein auspöttern lässt, gar nichts mehr. "Viele Menschen halten diese Stille nicht aus", sagt der Fischer vom Wolfgangsee, "ich genieße sie."

Das Boot schwankt unter Höplingers grünen Gummistiefeln, als er das Netz aus 25 Metern Tiefe durchs trinkreine, jetzt tiefgrüne Wasser ans Tageslicht zerrt. Dreimal im Jahr tauscht der Wolfgangsee, gespeist von Zinkenbach, Ditlbach und diversen Spalten unten im karstigen Grund, sein Wasser aus. Er entlässt es bei Strobl am Ostufer durch das Flüsschen Ache.

Höplinger nestelt Saiblinge aus den Maschen. Die ellenlangen Fische fliegen ins Boot, die handgroßen zurück ins Wasser. Eine Stunde später ist der Kahn 30 Kilogramm schwerer. Kein doller Fang. "Na ja", brummt Höplinger, "wir haben Föhn ...".

Auf der Rückfahrt beobachtet der Fischer auf seiner Heckbank die ersten Hobbyangler, die still in ihren Ruderbooten hocken, im dampfenden Sonnenmilchdunst, der vom kalten See aufsteigt.

Höplinger fischte schon immer hier, so wie seine Vorväter seit drei Jahrhunderten."Wir können glücklich sein mit unserem See", sagt er und vertäut sein Boot um acht Uhr in St.Wolfgang, gleich neben dem schwankenden Anleger für die Ausflugsdampfer, die der Tag erst noch bringen wird.

Österreichische See-Fahrer gaben sich nicht immer mit Fischen und Ausflüglern zufrieden. Als das Land noch einen Kaiser hatte und die Adriahäfen Triest und Pula zu Österreich-Ungarn gehörten, schipperte das Alpenvolk mit der eigenen Marine über die Weltmeere, feuerte Kanonen ab, verfrachtete Missionare zu den "Heiden", entdeckte sogar ein Stückchen Arktis und nannte es nach seinem Kaiser "Franz-Josef-Land".

Die Doppelmonarchie gibt es seit 1918 nicht mehr, auch die Marine ist Geschichte. Heute schippern die Österreicher sich selbst und ihre Gäste in friedlicher Absicht über die Gebirgsseen des Salzkammerguts, die ehemalige Eiszeitlöcher sind, kaum eine Stunde Autofahrt von Salzburg entfernt. Von Wanderwegen durchzogen kugelt sich das Land drumherum, wölbt und windet sich, legt sich in Falten, runzelt die Stirn. Auf seiner wiesengrünen Haut werfen Bäume und Berge lange Schatten und die dick gemauerten Häuser liegen verstreut und scheinbar zufällig verteilt wie Brotkrümel auf einem Tisch. So als hätte ein Riese die Tischdecke plötzlich an allen vier Enden gestrafft und locker wieder auf die Tafel fallen lassen.

Und mittendrin der Wolfgangsee. Weißes Rössl, Sissy. Heile Welt in reiner Luft. Nice old Europe. Junge Koreaner mit 14 Tagen Jahresurlaub atmen am Hafen von St. Wolfgang tief durch. An der Promenade von Strobl nippen distinguierte britische Ladys mit großen Hüten an ihren Kaffeetassen, schütteln sich nasse Hunde. Im Sommer parken hier Reisebusse in endlosen Reihen.

Weiße Flotte zum weißen Rössl

In St. Gilgen sind japanische Gruppenreisende die ersten Kunden im Souvenirladen am Schiffsanleger. Hier machen sie erste Rast nach dem Spaziergang von den kleinen Pensionen durch verwinkelte Gassen an den geraniengeröteten, schnitzwerkverzierten Balkonen vorbei, in wohliger Erinnerung den in Butter gebratenen Saibling vom Vorabend, in Erwartung die gut einstündige Bootsfahrt über den quirligsten See der Region.

Um 9.15 Uhr setzt Gerhard Bachinger sein rotweißes Motorschiff "Salzkammergut" mit einem leichten Bums ans Ufer. Groß und massig ist der Kapitän, trägt raspelkurze Haare auf dem Kopf und drei goldene Streifen auf den Schultern - ein echter Seebär? "Eigentlich bin ich Lokomotivführer", erklärt Bachinger. Das hat er mal gelernt, so wie die meisten Kapitäne der sechs Liniendampfer auf dem Wolfgangsee. Denn die Schiffe gehören den Österreichischen Bundesbahnen, wie auch die Zahnradbahn, die von St. Wolfgang auf den 1782 Meter hohen Schafberg führt.

Zitternd löst sich die massige "Salzkammergut" vom Ufer, schwenkt den Bug seewärts und pflügt bald mit 25 Kilometern in der Stunde durch den Spätsommertag. Die Passagiere stützen die Köpfe auf die Reling und schauen im Rhythmus der Wellen wie die Wackeldackel über die Glitzerfläche hin zu den Bergen, an deren Füßen die Bäume das erste Herbstlaub in den See fallen lassen. Wer von der Schiffsspitze hinunter in die weiße Bugwelle schaut, glaubt zu fliegen, und wem das zu viel Bewegung ist, der legt sich auf eine Decksbank und starrt in den blauen Himmel, wärmt sich durch.

Als die "Salzkammergut" nach 50 Minuten in St. Wolfgang anlegt, legen die Bootspassagiere ihre Jacken ab. Ältere Herrschaften genießen auf der Terrasse des "Weißen Rössl" ihren Kaffee. Dahinter, in den engen Straßen des am Hang gebauten Städtchens, studieren Familien die Speisekarten für den Abend, später kühlen Wanderer ihre nackten Füße im Hafenbecken, und als die Nacht hereinbricht, schicken Trommler ihre Klänge durch St.Wolfgang und über den See zurück nach St. Gilgen.

Kapitän Bachinger holt sich ein Schokoladeneis. Oben auf der Brücke tippt er an den Steuerhebel und bringt die "Salzkammergut" auf Kurs nach Strobl, dem Ziel der Reise. Das Radio spielt "Sun of Jamaica". Bald aber werden die Herbststürme den jetzt so friedlichen See zum Grummeln bringen. "Dann haut's die Gischt übers Deck", sagt Bachinger. Dann wird aus dem Kapitän Bachinger zugleich der Seenotretter Bachinger, der verängstigte Segler und Surfer einsammelt, Tretboote ins Schlepptau nimmt, der wie ein Adler Ausschau hält nach wagemutigen Schwimmern, die stoisch ihre Bahnen ziehen, manchmal mitten rein in den Kurs der "Salzkammergut".

Auch für Bachinger wird es dann schon mal eng. Der Herbst bringt Nebel, nach 20 Metern beginnt das Nichts. Fällt Schnee, fällt das Radar aus. Bachinger fährt dann nach Kompass, schätzt anhand der Motordrehzahl die zurückgelegte Entfernung - und landet zuweilen am Niemandsland. "Du fährst im Schritttempo durch eine weiße Wand", sagt Bachinger. Der Kapitän und seine Passagiere sehen dann mitunter genauso aus im Gesicht. Wie damals, als sie bei Sturm in Strobl die Strandbar abgeräumt haben, mit "Kaiser Franz Josef I.", dem behäbigen Schaufelraddampfer von 1873 und überhaupt erstem Passagierschiff auf dem Wolfgangsee.

Doch heute bleibt Strobl heil. So sanft schubst der Kapitän die "Salzkammergut" an den Pier, dass die finger- bis armlangen Fische darunter nur träge zur Seite schwimmen und weiter schwanzschlagend über Steine und Schlingpflanzen durch das glasklare Wasser pendeln.

Eine Landschaft, die Sehnsucht weckt

Die Passagiere verlassen das schaukelnde Schiff, gewinnen wieder festen Boden. Bachinger verlässt sein "Büro mit der herrlichen Aussicht" und holt sich ein Brötchen. Friede liegt über Strobl. Am Abend wird sich die Promenade mit Sonnenuntergangsanbetern füllen, die ihre Abendbrotschnitten auf der Kaimauer ausbreiten und so lange nach Westen über das gefärbte Wasser schauen, bis der gelbe Ball rotgleißend hinter die Bergspitzen sinkt.

Wie viele Farben hat das Wasser? Mit wie vielen Grüntönen spielen die Wiesen? Wie klar kann ein Himmel sein? Das können die Urlaubsgäste hoch über den Seen erfahren, auf der Spitze des Schafberges, der auch "Abbiss des Teufels" genannt wird. Da oben, in 1782 Metern Höhe,haben sie den Überblick.

Bevor 350 italienische Leiharbeiter 1892/93 die Bahnschienen auf den Schafberg legten, kraxelte das Volk stundenlang bergauf. Kaiser Franz Joseph und andere feine Herrschaften ließen sich in Sesseln nach oben tragen. Heute zuckelt eine zähe kleine Dampfeisenbahn erst durch den Wald, dann über den steil abfallenden Grat und schließlich über Stein und Wiese hinauf in den Himmel, bis die Fahrgäste nach einer guten halben Stunde auf dem Dach der Salzburger Seenwelt stehen.

Hochnebelfetzen steigen auf. Über den immerweißen Bergen in der Ferne hängt ein rötlicher Schleier. Sonne und Mond stehen gleichzeitig am Himmel. Ganz unten, im Spielzeugland, wie hingekleckst die Seen. Mal grau, mal blau, mal türkis wie das Mittelmeer. Schraffiert oder glatt, spiegelnd oder matt. Sonne und Wolken bespielen Wiesen, Hügel und Berge. Nur eines fehlt dort oben am Schafberg: das Wasser selbst. Und vielleicht ein bisschen Ruhe.

Beides findet sich dort, wo Kaiser Franz Joseph, der prominenteste Sommerfrischler des Salzkammerguts, nie hinkam.Wo es keine großen Ausflugsschiffe gibt, sondern nur den lederbehosten Herrn Ebner mit seiner elektrischen Holzzille. In Fuschl, am Fuschlsee.

Es sind nur wenige Kilometer vom Wolfgangsee zu diesem vier Kilometer langen und knapp einen Kilometer breiten Kleinod, eingefasst von flachen Wiesen voll ratschendem Getier und waldreichen Hängen. Bis der Hotelier Herbert Ebner kam, gehörte der Fuschlsee den Fuschlern und den Fischen. Vor zehn Jahren aber ließ Ebner einen flachen Kahn für 20 Passagiere bauen. Seitdem fährt er Wanderer oder Räucherfischfreunde hinüber zur Schlossfischerei, und weil er nicht stören will, treibt er sein Boot mit einem nur leise surrenden Elektromotor an.

Wer mit Ebners Elektrozille zum Schloss Fuschl übersetzt, fährt nicht nur über einen See, er taucht in ihn ein. Er riecht die Feuchte des Wassers, spürt ein Prickeln, wenn er die Hand hineinhält, hört nichts außer dem leichten Wellenschlag am Bug, schmeckt die Luft, sieht, wie sich die nahen Bäume im Wasser spiegeln und die versteckten Bade- und Liebesbuchten am Rundweg.

Der See ist wie ein Brennglas, das die Jahreszeiten bündelt. Im Frühling glasklar vom Schmelzwasser, im Hochsommer trüber durch die Schwebstoffe, im Herbst gelb von den umstehenden Bäumen, im Winter weiß vor Eis.

"Wir haben's hier nicht so mit großer, organisierter Aktion", sagt Herbert Ebner, als er an diesem warmen Spätsommerabend seine Zille an den Strand von Fuschl setzt. Einige Enten balgen sich um Brotstückchen. Im schon leicht rötlich schimmernden Sand sitzen Männer und Frauen und Kinder. Die Gesichter nach Westen gerichtet blicken sie über den See.

Die Abendvorstellung beginnt.

Schlagworte:
Autor:
Christian Sywottek