Oberösterreich Reisebericht Donauradweg

Zwischen Schlögen und Aschach liegen die dunkelsten Stellen der Donau, die geheimnisvollsten Tiefen und die düstersten Hänge. Wer hier aus dem Sattel steigt, den kühlrippenbesetzten Helm abnimmt und die ständig über Aktien und Krankheiten redende Radlergruppe weiterziehen lässt, wer sich für ein paar Minuten im Unterholz versteckt und stille ist, dem werden sich die Geheimnisse des alten, wilden Flusses offenbaren.

Steht nicht dort, ein paar Meter weiter an einen Baum gelehnt, ein Schütze? Er hält den Bogen gespannt, den Atem an und einen jungen Hirsch im Blick. Hinter ihm rauscht der Strom, aus der Ferne sind Stimmen zu hören, aber das Tier lässt sich nicht stören. Der Schütze löst den Griff, der Pfeil sirrt davon, der Hirsch verschwindet im Gehölz. Damit steht fest: Heute gibt es wieder Fisch.

Fisch ist reichlich im Fluss, aber wenn einer der Jäger ein edles Tier erlegt, dann bleibt auch für ihn oft ein gutes Stück übrig, Kutteln oder Hirn. Der Kaiser kann ja nicht alles essen. Der Kaiser? Welcher Kaiser? Nehmen Sie irgendeinen. Fast alle Konrads, alle Karls und alle Heinrichs kamen hier entlang, die Großen und die Kleinen.

Auch heute kommen Konrads, Karls und Heinrichs hier entlang, aber auch Elsbeths und Hannelores. Fast alle tragen Kleidung, so bunt, wie sie eines Kaisers würdig wäre und auf dem Haupte Helme wie zum Kampf. Auch sie reisen nicht allein, manche sind in Gruppen von 50 oder mehr an den Ufern der Donau unterwegs. Radfahrer, Radwanderer und Radsportler, die meisten von ihnen gehören der eher erfahrenen Generation an.

Das liegt an zweierlei: Einerseits ist der Abschnitt der Donau zwischen Passau und Linz die schönste, wildeste, überraschendste Flussstrecke in unseren Breiten, andererseits geht es immer bergab. Und auch wer zurückwill, hat es leicht: Auf der gesamten Strecke von hundert Kilometern gibt es gerade mal 50 Meter Höhenunterschied.

In einer stillen Kehre der Donau, wo das Wasser ruhig in großen Strudeln fließt, schnappen auch heute die Fische, zum Greifen nah, nach Mücken, wie sie es immer taten. In Massen schweben die Quälgeister als graue Wolken über der spätsommerlichen Donau. An dieser stillen Stelle in der Nähe der Schlögener Schlinge, wo der Fluss auf seinem Weg nach Osten eine Pirouette dreht, kann man ein wenig den Zeiten nachspüren, als dies die Schlagader Europas war, Straße der Händler und der Krieger, der Könige und Kaiser.

Schon als Roms Trümmer noch rauchten und Mitteleuropa so finster war wie Hagens Bart, kam die furchtbar stolze Kriemhild hier entlang auf dem Weg, Frau Etzel zu werden und dann zur Mörderin. 1400 Jahre später nahm Franz Joseph an der Donau bei Linz seine Sisi in Empfang und führte sie heim. Auch das endete blutig. Und dazwischen? Außer Waffenklirren auch Mädchenlachen. Wie mag es hier geklungen haben, als 1719 Karl Alexander von Württemberg ein "Moidle-Schiff" auf den Balkan schickte mit 150 jungen Frauen, die seine im Banat verbliebenen, dort siedelnden Unteroffiziere heiraten sollten? (Nachfahren leben noch heute in Rumänien und Ungarn.) Ihr Lachen der Vorfreude und Klagen über die unsichere Zukunft sind in den Flusssedimenten gefangen.

Zwischen Passau und Linz

Ernst Neweklowsky, der Linzer Ingenieur, hat das alles vermerkt in seinem Lebenswerk über die obere Donau, ein gigantisches Kompendium all dessen, was an Schiffen, Frachten, Fahrten vorkam, dazu alle Sagen und Flüche der Schiffer, die Zollrechte und die Lieder, die den Fluss umgeben; in seinem Streben nach Vollständigkeit vergaß Neweklowsky aber auch nicht, Dichtung und Prosa rund um den Fluss auf wasser- und schifffahrtstechnische Korrektheit zu überprüfen.

Zwischen Passau und Linz, das ist die Schaltstelle zwischen West und Ost, hier kommen die Flussschiffe aus den reichen Städten Regensburg und Ulm entlang, es sind oft roh gezimmerte Boote, die nur für eine Fahrt halten sollen und am Ende an Holzhändler verkauft werden. Sie führen Waren mit sich, die vom Rhein kommen, und das heißt aus Flandern und Britannien, aber auch aus weiter Ferne, Batavia, Virginia. Sie fahren nach Osten, wo die Alte Welt immer älter wird, Wien, Budapest, der Balkan, das Schwarze Meer, die Krim, wo noch die letzten Goten lebten, Byzanz, Kolchis.

Die Donau war bis weit ins 19. Jahrhundert der Hauptverkehrsweg Europas. Der schnellste, der weiteste und auch der sicherste. Das Mittelmeer war lange Zeit von Piraten aller Art kontrolliert, die Landwege und Straßen zwischen Nordsee und Schwarzem Meer nur zum sehr geringen Teil von Kräften der Reichsstädte bewacht und ansonsten: Räuberland. Wer aber auf der Donau fuhr, dem konnte sich so leicht niemand in den Weg stellen, Angreifer vom Ufer waren leicht abzuwehren. So war die Donau auch der Weg der Werte: der edlen Tuche und Münzen, und auch für den, dem sie einen Umweg darstellte, lohnte sie sich. Der Weg etwa von Prag nach Budapest war auf dem Wasser fast doppelt so lang wie über Land, aber sicher genug, um auch mal Kronjuwelen zu transportieren.

Von all dem sieht man wenig auf dem Radweg nach Aschach, aber das Wissen, dass genau hier der alte Treidelpfad entlangführte, auf dem vor langer Zeit Floß und Schiff gezogen wurden, mag Blick und Vorstellungskraft des Radlers erweitern, auch wenn er oft genug von Dutzenden Mit- und Entgegenradlern verstellt ist. Mit diesem Blick kann er dann auch die graubraune Oberfläche des Stromes durchdringen und die Welt mit feuchten Augen sehen. Denn dies Wasser wird beherrscht von Zingel, Schleie und Karausche, von dem großen Wels, und bevor die Kraftwerke gebaut wurden, die aus der Strömung Strom machen, kam auch der gigantische, bis zu sechs Meter lange Hausen zum Laichen.

Am Ufer sind Biber und Schwarzstorch zu Hause, zwischen Blüten taumeln Russischer Bär, Fetthennen-Bläuling und - selbstverständlich - der Kaisermantel, während im feuchten Grund Gelbbauchunke, Kammmolch und - selbstverständlich - die Smaragdeidechse umherhuschen. Auch der Umweltschutz hat erkannt, was schon jeder Fischer wusste, dass dies ein ganz urtümlicher und unberührter Flecken ist. Hier nämlich, und ganz besonders zwischen Schlögen und Aschach, macht die Geschichte Pause.

Die obere Donau ist eine Besonderheit auf dem Weg von Schwaben bis ins Schwarze Meer, eine Strecke, die von europäischer Geschichte wimmelt, wo reiche Bürgerstädte und mächtige Herrschaftssitze sich reihen, wo am Ufer vom Geldzählen dürre Händler denselben Wellen nachschauten wie von der Macht fett gewordene Bischöfe. Hier jedoch gibt es keine alten Kirchen, die Burgen, die nach der Vertreibung der Ungarn im 10. Jahrhundert das Land zu sichern begannen, sie stehen oben auf den Höhen. Am Fluss aber hatte die Natur die Macht, nur auf dem Schwemmland, das sich in manchen Kehren gesammelt hat, krallte sich ab und an ein kleiner Bauernhof in den unsicheren Grund. An dem wegen seiner steilen Ufer unzugänglichen Teil der Donau zwischen Passau und Aschach lebten nie viele Menschen, zu karg der Boden fürs Vieh, zu schnell auch der eingeengte Strom für die Fischerei. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Fluss so gebändigt, dass an seinem Rand ungefährdet Hotels, Ausflugsrestaurants und Radwege möglich wurden.

Geschichtslos erscheinen Ufer und Grund, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich war der Fluss eine Bühne. Das größte Spektakel mag wohl das Jahr 1189 gesehen haben, als Kaiser Barbarossa mit 100.000 Mann auf dem Kreuzzug vorbeikam. Er hatte Angst vor dem Mittelmeer, man hatte ihm den Tod durch Ertrinken prophezeit, drum nahm er den Weg entlang der Donau. Er wird dort geritten sein, wo heute Radfahrer strampeln. So fühlte er sich sicher als Beherrscher des Flusses und des Wassers, der nasse Tod ereilte ihn dann erst in einem kleinasiatischen Bach.

Wer aber hier, als Perlentaucher etwa, sein Leben fristete, konnte erleben, wie die große Welt an ihm vorbeizog. Nur jede tausendste Flussmuschel enthält eine Perle, sie zu suchen, ist mühsam, aber auf Dauer kommt dann doch so etwas wie die perlenverzierte Linzer Bischofmütze zusammen. Heute zieht die große Welt mit 21 Gängen und Carbonrahmen an den Menschen vorbei, die hier leben und Speise, Trank und Logis anbieten. Da kommt auf Dauer auch einiges zusammen.

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Autor:
Roland Benn