Linz Österreichs wichtigster Industriestandort

Das Linzer Industriegebiet hat seine eigene Nomenklatur: Hier fährt man durch die Teerstraße, die Benzolstraße, die Pharmastraße oder die Stahlstraße. Benennungen wie in Zeiten, als man Fleischhauer- und Färbergassen anlegte. Man hätte die Straßen auch nach Erfindern, Industriekapitänen oder verdienten Gewerkschaftern benennen können. Linz macht das anders. Die Stadt bekennt sich zu Teer, Benzol und Stahl.

Nur wenige hundert Meter von Teer- und Pharmastraße entfernt bietet die Donau ein eigentümliches Bild. Am nordöstlichen Ufer bedecken saftige Wälder die Hügel, "wie im Paradies", meint Harry Kopececk, Obmann der Flugsportgruppe Union Linz, die am südwestlichen Ufer einen Flugplatz betreibt. Er schwärmt, dass er manchmal Biber sieht, wenn er nach einem Segelflug in den Fluss springt. Während Kopececk davon erzählt, hängen über dem Industrie-Areal in seinem Rücken blassgelbe Rauchfahnen und Wolken aus Fabrikdampf.

Dass Linz sich immer wieder als Österreichs bedeutendste Industriestadt bezeichnet, ist keine lokalpatriotische Prahlerei. In einer Stadt mit 190.,000 Einwohnern arbeiten rund 200.000 Menschen - die Linzer Statistik ist außergewöhnlich. Die Stadt zieht Pendler in Massen an. Mehr als 90.000 Menschen kommen täglich von außerhalb zum Arbeiten hierher.

Linz lebt schon lange gut von der Industrie, jetzt will die Stadt aber auch gut mit ihr leben. Früher war Oberösterreichs Landeshauptstadt berüchtigt für die rötlichen Wolken über den Stahlwerken und die Abgase des Chemieparks. Noch Mitte der achtziger Jahre stieß die Linzer Industrie pro Kopf eines jeden Einwohners jährlich rund 250 Kilogramm Staub, Stickoxide und Schwefeldioxid aus den Schloten. Inzwischen ist die Belastung der Luft um zwei Drittel zurückgegangen. Linz steht in puncto Luftqualität deutlich besser da als vermeintlich ungetrübte Städte wie Innsbruck oder Salzburg. Und Wolfgang Dopf, einer der Geschäftsführer im städtischen Energieversorgungsunternehmen Linz AG, erzählt nicht ohne Stolz, dass die Stadt eine Fernwärmequote von 50 Prozent aufweise, die mit Abstand höchste dieser umweltfreundlichen Heiztechnik in Österreich. Gut ein Sechstel seiner Energie gewinnt das Kraftwerk aus Holz und nicht aus Öl oder Kohle. Ein klarer Beleg dafür, wie innovativ die Linzer Industrie sei, meint Dopf.

Neue Ideen umzusetzen, ist schon seit Jahrhunderten eine Stärke der Linzer Industriellen. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts - der Hauptplatz der Stadt wird gerade mit schmucken Barockbauten bestückt - entsteht ein Betrieb, der eine Zeitenwende in der Wirtschaft einläutet. Die Wollzeugmanufaktur teilt die Produktion von Stoff-bahnen in verschiedene Arbeitsschritte auf. Damit ist das Ende des alten Handwerksprinzips besiegelt, bei dem ein Arbeiter ein Werkstück weitgehend allein betreut. Die neue industrielle Arbeitsteilung setzt sich durch. In der Manufaktur und den zuliefernden Werkstätten sind im Jahr 1791 fast 50.000 Menschen beschäftigt.

Zu einem Beispiel für Strukturwandel wird die Manufaktur lange bevor Wirtschaftspolitiker diesen Begriff erstmals in den Mund nehmen. Anfang des 19. Jahrhunderts hat das Unternehmen seine besten Zeiten bereits hinter sich, es folgt ein langer Abstieg. Er endet 1969 mit der Sprengung der verbliebenen Gebäude. Dass sie zu diesem Zeitpunkt unter Denkmalschutz stehen, vermag ihr Schicksal nicht zu ändern.

Der wirtschaftliche Schaden durch den Niedergang der Manufaktur hält sich in Grenzen, denn in Linz gibt es damals wie heute keine industrielle Monokultur. Eine Fabrik baut Lokomotiven, die zweite lässt Schiffe vom Stapel, eine dritte veredelt Zichorien zu Kaffeesurrogat, in der Nähe wird Bier gebraut, die Zigaretten dazu rollen im nächsten Werk vom Band - und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Linzer Warenangebot an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Der entscheidende Schritt, der Linz endgültig zur Industriestadt macht, steht da allerdings noch bevor.

Am 13. Mai 1938, kurz nach dem "Anschluss" an Nazi-Deutschland, erfolgt der erste Spatenstich für einen Standort der "Reichswerke AG Hermann Göring", benannt nach dem auf prahlerische Uniformen und Titel versessenen späteren "Reichsmarschall". Es folgt ein wirtschaftlicher Boom: Zwischen 1939 und 1944 verdreifacht sich die Zahl der Beschäftigten in der Linzer Industrie auf fast 25 000. Die gute Konjunktur hat freilich üble Ursachen. Mehr als 40 Prozent der Produktion dienen dem Zweck, Hitlers Krieg zu befeuern.

Die Linzer Waffenschmiede ist Ziel zahlreicher Bombenattacken. Rund die Hälfte des Industriebestandes wird beschädigt. Nach 1945 hat die neue demokratische Regierung mit den einstigen Göring-Werken ihre eigenen Pläne. Was zuvor größtenteils im Besitz des Deutschen Reiches war, wird nach Kriegsende nicht nur umbenannt in Vereinigte Österreichische Eisen- und Stahlwerke AG (VÖEST), sondern auch in österreichisches Staatseigentum überführt.

Der Staat ist anfangs ein erfolgreicher Unternehmer. Die VÖEST AG erlebt in den Jahren nach dem Krieg einen stürmischen Aufschwung, vor allem nach einer Erfindung, die Laien wenig sagt, in der Metallbranche aber als revolutionär gilt: Das so genannte Linz-DonawitzVerfahren ermöglicht die Herstellung von Stahl besonderer Güte. Auch die ebenfalls verstaatlichten Stickstoffwerke prosperieren, ebenso die unter dem staatlichen Tabakmonopol stehende Austria-Zigarettenfabrik. Die Folge: Mitte der sechziger Jahre stehen rund zwei Drittel der Linzer Industriebeschäftigten im Staatsdienst.

Die österreichische Spielart der Staatswirtschaft hegt und pflegt ihre Industrie, und die Arbeiter wissen das zu würdigen. Zwischen 1956 und 1990 bekommt die Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ) bei den Nationalratswahlen in der Stadt Linz durchgängig mehr als die Hälfte der Stimmen, in den siebziger Jahren sogar stets über 60 Prozent.

Solche Wahlergebnisse sind in-zwischen Vergangenheit. Heute liegt der Stimmenanteil der SPÖ, bei der das "S" inzwischen nicht mehr für "sozialistisch", sondern für "sozialdemokratisch" steht, um mehr als ein Drittel niedriger. Und auch die staatliche Stahl-, Chemie- und Tabakindustrie als Herz der Linzer Wirtschaft ist Geschichte. Die VÖEST AG wird 1973 mit der Alpinen Montangesellschaft Donawitz fusioniert, was das Abrutschen in eine tiefe Krise nicht verhindert, sondern eher beschleunigt. Von 1975 bis 1984 macht der neue Konzern fast jedes Jahr beträchtliche Verluste.

Es folgen - wie meistens in solchen Situationen - Privatisierung und Stellenabbau. Im Jahr 2000 haben die an die Börse gebrachten Nachfolgeunternehmen in Linz noch knapp 13 000 Beschäftigte, die meisten davon arbeiten bei der neuen Voestalpine. Seit den - zumindest was die Zahl der Arbeitsplätze angeht - besten Zeiten der Werke hat sich die Belegschaft halbiert. Die einstmals staatliche Austria Tabak erleidet ein noch dramatischeres Schicksal: Vor hundert Jahren war das Werk mit mehr als 1200 Stellen der größte Industriebetrieb der Stadt, 2007 geben die inzwischen japanischen Eigner die schrittweise Schließung bekannt. Die Linzer beklagen den Verlust von Arbeitsplätzen, dennoch müssen sie einräumen: Die Geschichte der Linzer Industrie ist voller Brüche, aber sie hat ein Happy End - im Moment zumindest.

Andere alte Industriestandorte in Nordengland, Belgien oder im Ruhrgebiet haben den Strukturwandel zwar beschworen, doch mit nur mäßigem Erfolg bewältigt. Linz hingegen hat für jede Stelle, die in der Großindustrie verloren gegangen ist, mehr als einen Arbeitsplatz dazugewonnen - bei kleinen Technikunternehmen, bei Banken, im Gesundheits- oder Bildungswesen oder in der Verwaltung. Mit der Folge, dass die Arbeitsmarktstatistik regelmäßig eine Erwerbslosenquote von weniger als vier Prozent ausweist.

Wolfgang Dopf vom städtischen Heizkraftwerk kennt diese Zahlen. Der Diplomingenieur weiß, dass seine Heimatstadt trotz aller durchlebten Krisen wirtschaftlich wohlauf ist. Er findet etwas anderes aber fast noch faszinierender. Am Kraftwerkskamin hat sich auf 135 Metern Höhe ein Turmfalke eingerichtet. Ein geschützter Greifvogel nistet mitten im Industriegebiet.

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Nikolaus Nützel