Oberösterreich Der Alpenrocker Hubert von Goisern

Träge wie Öl fließt der Fluss, schwarz ist jetzt das Wasser, es ist dunkel geworden. Von der hochgerüsteten Probebühne klingen von Backbord ein paar Akkorde, das Flussschiff fährt vorbei an Städtchen, an Kirchen mit Zwiebelmützchen, an Fassaden mit erleuchteten Fenstern. Ein behäbiger Mond ruht wie ein Marillenknödel über dem Wasser, die Schattenrisse der Tannen am Ufer heben sich vom dunkelblauen Nachthimmel ab, Kirchenglocken läuten. Hubert von Goisern sitzt stoisch in der Mitte der Bühne auf dem Schiff auf einem Plastikstuhl, die Ziehharmonika ruht auf seinem Schoß, er blickt in sich hinein. Feine Linien durchziehen Goiserns Gesicht, gebräunt ist es, vom Sommer auf dem Schiff. Jung sieht er aus, nicht wie die 56, die er ist.

Die Landschaft entrollt sich langsam hinter dem Schiff, Abendstille, durchbrochen vom ruhigen Disput, den die Bandmitglieder über die Tonart führen. Den ganzen Sommer lang fuhren er und die Band mit dem Schiffsverband, bestehend aus dem Schubschiff MS "Wallsee" und dem größeren Wohnschiff mit den Kabinen und der Bühne, den Main und den Rhein hinab, bis zur Nordsee. Gaben Konzerte in den Städten, die auf der Strecke lagen, bis hoch nach Rotterdam. Hatten Gastmusiker wie Xavier Naidoo mit ins Boot geholt. Im Vorjahr waren sie auf der Donau bis zur Schwarzmeermündung gefahren, hatten unterwegs Musiker und Bands getroffen, neue Melodien gehört und gespielt, Balkansound, Gipsytunes, hatten Konzerte gegeben. 2008 ging es dann in den Westen. Und 2009 soll in Linz, Kulturhauptstadt Europas, die "Linz-Europa-Tour 2007-2009" ihren Abschluss finden - mit einem Konzert und all den Musikern, die Goisern auf der Reise getroffen hat.

Jetzt ist die Band auf dem Rückweg nach Linz, morgen wird Schweinfurt angefahren, das nächste Konzert findet statt. "Die Tour ist jetzt bald vorbei. Ich werde da wehmütig, es ist schade - und doch wieder gut", sagt er, Hubert von Goisern, Volksmusiker, Weltreisender, Schweifender, Suchender, Goiserer. Geboren als Hubert Achleitner im oberösterreichischen Bad Goisern, hat er sich nach seinem Geburtsort genannt - den er beständig floh, der ihn aber auch immer wieder anzog.

Goisern, Goisern, es is a Graus, allweil wieder muaß i z'ruck zu dir, sonst halt i's nimmer aus. So heißt es in seinem Lied "Goisern", auf die Melodie von Ray Charles' "Georgia". Eine Liebes- und eine Ohnmachtserklärung an die Herkunft, die Heimat, an die Geborgenheit, aber auch an die Enge, an den Ort unter dem Dachstein, wo Hubert aufwuchs. "Goisern, Goisern, du gibst koa Ruah, deine Berg und deine Wiesen, de g'hern halt zu mir dazu."

Aber warum ist er dann, vor mehr als 30 Jahren, nach Südafrika gegangen? "Weil ich niemanden hatte, der auf meiner Wellenlänge war. Ich habe mich als Außenseiter empfunden. Als einen, der überall angeeckt ist. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich gesellschaftlich integriert war", sagt er. Er war anders als die anderen. Anders als der Bruder, der Vater und die Mutter. Schon aus der Blaskapelle war er als Jugendlicher rausgeflogen - die langen Haare! Der Eigensinn! Sogar die Trompete musste er wieder abgeben, was den Knaben sehr schmerzte. Irgendwann hatte ihm sein Großvater eine steirische, diatonische Ziehharmonika in die Hand gegeben, nach anfänglichem Widerwillen brachte sich Goisern das Spiel darauf selbst bei.

Solch eine Ziehharmonika liegt auch jetzt, an diesem lauen Abend, auf dem Schiff auf seinem Schoß. Sie ist sein Markenzeichen, steht für die Musik, die er macht: das Update klassischer Volksmusik, das Verschmelzen von Heimatklängen mit Weltmusik, mit Jazz, mit Neuem und Fremdem.

Mit Anfang 20 ging er nach Südafrika. Für das Land selbst hatte er sich gar nicht besonders entschieden - er wollte nur "weit, weit weg", wie auch einer seiner Hits heißt, und in Südafrika gab es die geringsten Visumsquerelen. Er fand dort einen Job als Chemielaborant, versuchte, einen eigenen Umgang mit der Rassentrennung zu finden, indem er schwarz-weiß gemischte Sportwettkämpfe veranstaltete, und gab nach einigen Jahren entnervt auf. Er heiratete eine Kanadierin und ging mit ihr nach Toronto. Er hat die Flüsse und Wälder Kanadas geliebt, die Weite des Landes, sagt er. In Toronto studierte er Musik und Flamencogitarre, so lange die Beziehung hielt. Dann reiste er weiter, auf die Philippinen, wo er bei Kopfjägern lebte, sich von ihnen in der Kunst des Nasenflötenspielens unterrichten ließ: Nicht mit dem Mund, sondern mit der Nase wird Atemluft in die Flöte geblasen. Vom Nasenatem glaubten viele Naturvölker, er stünde in näherem Kontakt mit der Seele als der profane Mundatem und sei daher heilig.

Im Gegenzug brachte Goisern den Kopfjägern österreichisches Liedgut bei. "Ich kam in den Jahren in der Fremde mehr dazu, mich mit meinen Wurzeln zu beschäftigen, mit dem, was ich vorher abgelehnt hatte: zum Beispiel den Jodler. Über allem lag für mich früher die Volkstümelei, der Schatten des Nationalsozialismus - aber ich konnte spüren: Da war etwas, in den alten Melodien, was mich unwahrscheinlich berührt hat. Etwas Archaisches. Außerdem sah ich ein, dass es keinen Sinn hat, alles neu erfinden zu wollen. Es gibt nun mal einfach Urformen, man kann auch sagen Traditionen, aus denen heraus sich alles entwickeln lässt." Goisern hatte entdeckt, woraus er künftig schöpfen wollte - und kehrte zurück nach Österreich.

Mit gut 30 Jahren beschloss er, Profimusiker zu werden. "Ich war zurück, mit Geschichten und Visionen im Gepäck, die mich noch mehr von den anderen entfremdet haben. Ich bin nomadisch, die meisten meiner Freunde strebten nach Sicherheit. Ich denke: Sicherheit gibt es nicht. Also brauche ich sie gar nicht erst anzustreben." Der Vater war alles andere als begeistert von der Zukunftsplanung seines Sohnes. "Er fand den Wunsch anmaßend." Goisern ging trotzdem nach Wien, um dort experimentelle Musik zu studieren. Und fing an, öffentlich zu spielen, in Kneipen, in Bars, manchmal hat er kaum vier, fünf Zuhörer. Erst allein, dann mit Wolfgang Staribacher aus Wien. Als "Wolfgang von Wien" stellten sie sich auf der Bühne vor und als "Hubert von Goisern". Sie spielten rockige, angejazzte, synkopische Volksmusik mit oft ironischen Texten, "Alpenrock" nannten sie ihren Stil. Sie gründeten 1986 ihre Band, die "Original Alpinkatzen". 1991 trennten sie sich - und ein Jahr später landete Goisern seinen größten Hit: das "Hiatamadl", das Hirtenmädchen. Goisern war wochenlang in den Charts, die Konzerte der Alpinkatzen füllten riesige Hallen.

Auf dem Schiff ist es leise geworden, Goisern geht zu Bett, in seine winzige Kabine, in der er nun schon seit Wochen schläft. Die Band sitzt noch beisammen. Am nächsten Morgen ist Goisern der Erste, der wach ist, auf den Fluss blickt, aufs Ufer. "Ich bin ein disziplinierter Mensch. Ich stehe auch hier auf dem Boot ganz früh auf. Die Energie am Morgen ist am klarsten. Und am besten überprüft man das bei Nacht Geschaffene in der Früh, ob es dem hellen Morgenlicht standhält." Über dem Schiff flattert eine Fahne, ein Drache ist das Emblem der Reise. Langsam kommt Bewegung an Deck, heute ist Konzerttag. Das Schiff wird festgemacht, die Bühne wird ausgefahren, in Sonnenbrille und Flipflops stehen die Geigerinnen auf der Bühne, die Probe geht los.

Nach der Zeit mit den Alpinkatzen reiste Goisern weiter, diesmal nach innen. Beschäftigte sich noch intensiver mit anderen Volksmusiken, wurde immer experimenteller - und verschmolz immer mutiger Klänge und Stile. Er zog sich in den Sommern in das alte, kleine Haus zurück, das er sich in Goisern gekauft hatte. In die Berge, in die alpine Welt, in der er sich geborgen fühlt - und die in ihm zugleich so viel Sehnsucht weckt: durch den Blick in die Ferne, den die Gipfel gewähren, die Sicht auf die Flüsse, die ins Irgendwo führen. Und riss sich dann wieder los aus Österreich, um in die Welt hineinzustürzen. Er ging nach Tibet, erkundete die Musik der Tibeter, holte tibetische Musiker nach Österreich, nahm mit ihnen ein Album auf - "Inexil". Er traf in Indien den Dalai Lama und beschäftigte sich mit östlicher Weisheit. Hubert von Goisern meditiert seit Jahren fast täglich.

Tibetische Gebetsfähnchen flattern im Sommerwind an einer Leine auf dem Schiff. Goisern blickt in die Sonne, zieht seinen Hut ein wenig ins Gesicht. Was ist Meditation? "Eins werden mit der Welt. Verstehen, dass alles mit allem zusammenhängt." Ist Musik Meditation? - "Gute Musik, gute Poesie, das sind schon Dinge, die einen über das sinnlich Erfahrbare hinaustragen können. Musik ist wie ein Zauber, wenn sie gut ist, dann kann er wirken und greifen." Komponieren rufe ein Gefühl von Entgrenzung in ihm hervor, sagt er. Aber: "Ein aufrechtes, integres Leben zu führen ist viel schwerer, als ein Lied darüber zu schreiben. Das zu leben, worüber man singt." In einem seiner neuen Lieder, "Leben" heißt es, sagt er das ähnlich: "Drum is' des ganze Leben a de größte Kunst."

Vor der Mainschleuse, an der die MS "Wallsee" festgemacht hat, sind die Radler abgestiegen, Spaziergänger machen Halt, an den Absperrungen bilden sich kleine Gruppen von Neugierigen. Gespannte Erwartung liegt über dem Schiff. Roadies stehen mit Kappe und Kippe und Pferdeschwanz im Abendlicht, in Buden werden Brötchen gehälftet, Bockwurstsemmeln werden hier später verkauft. Goisern muss auf die Bühne, probt ein Trompetensolo, Passanten applaudieren.

Goisern ging nach Afrika, spielte auf den Kapverden vor 90.000 Menschen. Ging nach Tansania in die Bergwelt von Gombe und freundete sich mit der Schimpansenforscherin Jane Goodall an. "Von Goisern nach Gombe" heißt der damals entstandene ORF-Dokumentarfilm. Wie weit von Goisern auch wegging, immer nahm er die Heimat mit. Er ging nach Lappland, um die Musik der Samen zu studieren. Und um wieder zurückzukehren nach Österreich. "A woanders g'fallts ma oft, aber dann ganz unverhofft, rührt se plötzlich was in mir, und z'ruck, z'ruck muaß i zu dir." Wenn er nicht tourt, lebt er mit seiner Frau und den beiden Kindern bei Salzburg, in den Sommern aber ist er in Goisern. "Ich bin noch nicht so weit, dass ich ganz zurückkönnte nach Goisern. Im hohen Alter vielleicht? Returning is the motion of Dao", sagt er. Rückkehr als Vollendung des Wegs.

Dann kommt Regen. Auf der Bühne wird hektisch geräumt, Planen werden gespannt und mit Gaffertape am Boden befestigt, die Band isst in der Zwischenzeit Kartoffelsuppe mit Würstchen, die Sängerinnen summen ein paar Takte. Immer stärker regnet es, immer schwerer fallen die Tropfen auf die Schirme der Zuschauer, die nun zu Hunderten stehen und auf den Konzertbeginn warten.

Doch der Regen legt sich, der Himmel färbt sich in betörendem Rot, und die Musiker legen los. Die Nacht breitet sich über die Szenerie, fast mystisch hört sich das Jodelsolo der Sängerin Maria Moling an, kraftvoll bricht sich die Musik Bahn, Goiserns Stimme schallt über den Platz, Laserlicht peitscht durch die Dunkelheit, beim "Hiatamadl" toben die Fans.

Gleichmütig rauscht und gluckert der Fluss, er wiegt sanft das Schiff. Morgen fahren sie weiter, zurück nach Österreich, morgen bringt er sie heim.

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Autor:
Verena Lugert