Tirol Meditatives Wandern in Leutasch

Leichtfüßig trippelt Wolfgang Neuner-Pfeiffer in seinen Barfußschuhen voran. Vier Kilometer lang führt der gebürtige Tiroler eine Gruppe auf einer Route entlang des Wettersteingebirges, dessen Gipfel bereits im Morgenlicht leuchten. Es ist keine gewöhnliche Wanderung.

Meditative Wanderung in Tirol

Die Übungen tragen zur Entspannung bei

Auf der ersten Lichtung unterweist der 42-Jährige die Gruppe in Dehn- und Streckübungen. „Wie die Wildgans Wasser trinkt“ ist eine davon. Was für Europäer exotisch klingt, stammt aus der tibetischen Bewegungslehre Lu Jong, die auch als Heilyoga bezeichnet wird. Die erste Übung sieht genauso grazil aus, wie ihr Name klingt. Die Hände der Teilnehmer sind in die Hüften gestützt, die Beine weit gespreizt. Sie beugen ihre Oberkörper mit geradem Rücken so weit wie möglich nach vorne, während die Knie gestreckt bleiben. Beim Vorbeugen atmen sie aus, bei der Aufwärtsbewegung wieder ein. Jeder kann bei den Übungen sein eigenes Tempo wählen. Nur das stoßweise Ausatmen der Gruppe ist jetzt noch zu hören.

„Meditative Wanderung“ nennt sich das Konzept, das gestressten Großstädtern ein besseres Körperbewusstsein vermitteln will „Schon das bewusste Wahrnehmen des Atems ist für viele erst einmal ungewohnt“, sagt Neuner-Pfeiffer in ruhigem Tonfall. Der drahtige Mann mit den braunen Locken ist nicht nur zertifizierter Wanderführer, sondern auch Entspannungstrainer und Yogalehrer. Mit seiner Frau Maria betreibt er seit 2008 die Pension „aufatmen“ im Leutaschtal, in der man Yoga-Kurse und Meditationsseminare buchen kann. Oder eben Wanderungen, die Entschleunigung lehren. Loslassen, einlassen, wahrnehmen und spüren, das sind die vier Grundpfeiler seiner Tour. Dazu gehört auch, dass die Teilnehmer während der Wanderung ihre Gespräche auf ein Minimum reduzieren. Und sich nicht zum Ziel machen, Erwartungen zu erfüllen.

Ohne Hast bewegt sich die Gruppe schweigsam durch die Bergwelt in Tirol. Auch Untrainierte können die Strecke, deren höchster Punkt auf 1150 Metern liegt, körperlich problemlos bewältigen. Der Weg führt zunächst an Bauernhöfen und üppig grünen Wiesen vorbei, danach geht es weiter bergauf durch einen Mischwald. Während der Wanderung schärft Neuner-Pfeiffer die Sinne der Gruppe mit Fragen: „Wie fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an? Welche Geräusche – nah und fern – können meine Ohren wahrnehmen? Wie viele verschiedene Grüntöne sehen meine Augen?“

Meditative Wanderung in Tirol

Idyllischer Blick in die Berge

Der Wald ist mittlerweile dichter geworden, der breite Weg wird zu einem kleinen Pfad, der sich durch das Unterholz schlängelt. Gelegentlich schreckt ein Vogel aus dem Dickicht auf.
Mit Neuner-Pfeiffers Fragen dringen neue Geräusche und Farben ins Bewusstsein. Die Schattierungen der Blätter und Nadeln, die Struktur der Baumrinden, die manchmal fein, manchmal furchig wie ein altes Gesicht wirkt. Die bunten Farbtöne der Flechten, das dunkle Moos und die Tautropfen auf den Grashalmen. Wer ein gutes Gehör hat, kann das Rauschen der Leutascher Ache, einem Nebenfluss der Isar, in der Ferne ausmachen. Fragen, die zuvor noch die Gedanken beschäftigten, sind plötzlich weit weg. Die Mischung aus Bewegung und Meditation zeigt Wirkung: Wer es schafft, sich auf seine Wahrnehmungen zu konzentrieren und seinen Körper zu spüren, hat gute Chancen, sich zu entspannen.

Der Wald lichtet sich und gibt den Blick auf die Hohe Munde frei. Von Zeit zu Zeit spucken die beiden Gipfel Flugzeuge aus. Sie starten vom nahegelegenen Flughafen in Innsbruck. Nach kurzer Zeit sind sie aus dem Blickfeld verschwunden, nur der Kondensstreifen verweilt noch etwas länger am blauen Himmel. Auch die Gedanken wirken nach. „Meditieren lernen ist wie für einen Marathon zu trainieren“, sagt Neuner-Pfeiffer. „Es ist alles eine Frage der Übung.“

Meditative Wanderung in Tirol

Wolfgang Neuner-Pfeiffer bringt gestressten Städtern das Meditieren bei

Infos: Neuner-Pfeiffers Wanderung ist Teil der Themenreihe „Entdecke die Natur“, die die Olympia- Region Seefeld ihren Besuchern seit Frühjahr 2015 anbietet. Kräuter- und Kneippwanderungen sind ebenso Teil des Angebots wie Sagen- und Kulturwanderungen. Wer eine gültige Gästekarte hat, kann daran ohne Zuzahlung teilnehmen. Weitere Informationen zu den Wanderungen gibt es auf www.seefeld.com. 

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Autor:
Jessica Mintelowsky