Europop Lifestyle auf der Alm im Salzburger Land

Manchmal funktionieren Reisethemen wie Popmusik. In Zeiten rasanter Geschwindigkeit und digitaler Dauervernetzung gewinnt das Einfache und Erdige an Bedeutung. Die Almhütte etwa, eine Art Johnny Cash unter die Urlaubszielen, erfährt seit einigen Jahren eine erstaunliche Renaissance. Und das nicht bei den Kumpels aus München, wo die zünftige Bergtour zum Entspannungsprogramm eines verlängerten Wochenendes gehört. Das Salzburger Land, seit ehedem das "Land der Almen" fängt diese Lifestyle-Bewegung mit 147 zertifizierten Hütten ab, die unter dem Marketing-Motto "Salzburger Almsommer" (http://www.salzburgerland.com/almsommer/index.html) für Qualität stehen.

Bereits vor zwei Jahren ging eine Meldung durch die österreichische Presse, dass der Almkäse in den Hütten der Region, immerhin 30.000 Kilo, am Saisonende nahezu ausverkauft war. Offenbar eine Nische mit Potential. Doch nicht nur die Stationen mit ausgezeichneter Bewirtung profitieren vom Wandertrend. Auch die Vermietung von privaten Almhütten an Selbstversorger ist längst über den Geheimtipp-Status hinaus, zumal regionale Internetportale die direkte Buchung ermöglichen.

Wir hatten uns für eine Almhütte auf dem Breitenberg in der Nähe von Bad Hofgastein entschieden. Nach 15 Minuten Bergfahrt knirscht der Kies auf der Serpentine. Unser Vermieter Markus Viehauser lässt seinen Ford Ranger auf rund 1300 Höhenmetern ausrollen. Er betreibt im Tal einen Biobauernhof, wo es selbstgebrautes Bier aus Krügen und Kümmelbrot von der Großmutter gibt. Eine Auswahl ganz im Sinne des Almsommer-Zertifikats, die auch auf der von ihm bewirteten Schmaranz-Hochalm serviert wird.

Wir werden durch eine Senke zu einem gedrungenen Gebäude aus dunkelbraunem Holz geführt. Über Fichten hinweg blickt man ins weite Gasteinertal. Die nächste Alm ist rund 20 Minuten Fußweg entfernt. Viehhauser erklärt kurz den Holzofen, mit dem das Kochen und Heizen erstaunlich unkompliziert gelingt. Über eine schmale Stiege geht es hoch in die Schlafkammer in der Dachschräge. Menschen über 1,80 Meter müssen hier den Kopf einziehen. Als Kühlschrank dient ein ausgehöhlter Baumstamm im Vorgarten, der mit Bergwasser gespeist wird, in dem zwei mit Steinen beschwerte Plastikkästen stehen. Die warme Dusche ist ein echter Hüttenkomfort; sofern denn die Solarzelle genügend Energie liefert. In der pechschwarzen Nacht herrscht absolute Ruhe, die für Großstädter fast gefährlich wirkt. Am nächsten Morgen schaut neugierig eine Kuh zum Fenster hinein.

Unsere erste Wanderung führt uns zur benachbarten Riedl-Alm, auf der Suche nach Bier und einem anständigen Jausen-Teller. Riedl-Wirt Sepp Dürnberger wohnt hier und verdingt sich in einer typischen Mixtur aus Almwirtschaft und Tourismus. Vor seiner Haustür grasen Zuchtlamas, die er für ein zünftiges Lama-Trekking durch die Bergwelt anbietet. Bei unserem Besuch rattert er mit einer Treckerladung quietschfideler Mädels aus dem Tal heran. An den Tischen wird mit lautem Hallo ein Junggesellinnen-Abschied zelebriert. Auch die heile Welt der Almen kommt gelegentlich nicht an der Partymoderne vorbei. Weitaus spiritueller geht es zu, als wir oberhalb von Dorfgastein mit der Seilbahn zur Gipfelstation Fulseck fahren. Hier führt die Markierung 7A über eine Höhenroute mit dem verwegenen Doppelnamen Biotopensteig und Kraftplätzeweg. Informationstafeln entlang der Strecke verweisen auf die kosmische Energiezentren, die hier an bestimmten Stellen zu Tage treten sollen. Hochgebirgswandern mit esoterischer Note.

Weitaus handfester ist dagegen das Greifvogelprogramm im benachbarten Rauriser Krumltal. Im topmodernen Informationszentrum "Könige der Lüfte" an der Dorfstraße von Rauris/Wörth zeigen interaktive Filmprogramme die Geschichte der Wiederansiedlung des Bartgeiers. Ein Touchscreen-Quiz für Kinder erklärt, wie die Greifvögel im heutigen Kulturraum überleben und das gelegentlich eine von steilen Hängen abgestürzte Kuh den Vögel überlassen wird. Das Langzeitprojekt begann einst mit der Auswilderung von jungen Geiern aus dem Zoo. Nach Rückschlägen brüten die einst ausgerotteten Tiere nun wieder in der Region. Beim Marsch ins Krumltal stoßen wir auf eine Nationalpark-Rangerin, die akribisch Steinadler beobachtet, die hier ebenfalls wieder heimisch geworden sind.

Auf der Rückfahrt aus der betreuten Wildnis schauen wir noch beim "Bauernherbst" im Gasteiner Tal vorbei, um Brot, Schinken und Holundersaft direkt vom Erzeuger zu besorgen. Erst oben auf der Hütte fällt uns auf, das niemand mehr die Alternativpläne mit den Radon-Heilstollen oder dem verblichenen Flair von Bad Hofgastein erwähnt. Die Natur und der Zauber der Hütte hat uns komplett gefangen. Wir gehen früh schlafen.

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Autor:
Ralf Niemczyk