Norwegen Die Stadt Stavanger

Es regnet nicht. Also doch Königswetter. Niemand hätte am Vorabend nach wahren Sintfluten hierfür auch nur eine Krone gewettet. Der am Skagenkai ausgerollte rote Läufer bleibt trocken, die Königin kann kommen. Sie will ihren 70. Geburtstag in Stavanger feiern, wo Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Oslo gänzlich unbekannt sind. Reich geworden ist die Stadt, dynamisch, weltläufig und sehr teuer. Und Hauptstadt wird sie auch, europäische Kulturhauptstadt, 2008.

Die königliche Yacht "Norge" nähert sich dem Skagenkai, hinter dem in Jahrhunderten eine bunte Holzhäuserkulisse zusammengewachsen ist. Die erwartungsvollen Landeskinder lassen ebenso viele Kulturhauptstadt-Fähnchen flattern wie Nationalflaggen, und das soll was heißen in Norwegen. "Open Port" ist das Motto des Europa-Jahres, was Offenes Tor, aber auch Offener Hafen bedeuten kann. Jetzt legt die "Norge" an. Der Zuschauer Jone Sivertsen kennt sie genau, er gehörte in den neunziger Jahren als Bootsmann zur Besatzung und musste auf der Bootsmannspfeife eine bestimmte Melodie pfeifen, wenn König Harald zur Saisoneröffnung im Mai an Bord kam und die Yacht von der Brücke bis zum Maschinenraum gründlich inspizierte.

An diesem Morgen aber ist kongen Gastgeber anderer gekrönter Häupter Europas, die sich von seinem Staatsschiff über den nahen Markt zu einer Musikandacht im neun Jahrhunderte alten Dom St. Svithun begeben, wo auch ein Lied für Königin Sonja gesungen wird. "Königin in der Domkirche zu Tränen gerührt", schreibt Stavanger Aftenblad. Und so persönlich, wie es zwischen Hoheiten und Volk nur in Skandinavien sein kann, geht es den ganzen Tag, mit Folklore im Stadtpark, Armeemusikkorps und Stavanger Brassband, mit einem Spaziergang der Majestäten durch die Straßen im Zen- trum, im Kulturhaus Sølvberget mit Kindern, ihren Bildern und ihrem Theaterstück für die sich kulturell vielseitig engagierende Landesmutter.

"Eine Kulturkönigin, die Glanz über die Kulturhauptstadt bringt", sagt ordfører Leif Johan Sevland, der Bürgermeister, in seiner Begrüßung. Zum Glanz gehören natürlich auch Attraktionen, und von einer der Zugnummern des Festivaljahres gibt das berühmte kalifornische Tanzensemble Project Bandaloop schon jetzt am Geburtstag der Königin eine Kostprobe. Mit akrobatischem Totaltheater hoch oben an der Fassade eines Bankgebäudes bringt es die Nerven des blaublütigen wie des bürgerlichen Publikums zum Kitzeln. 2008 wird das Spektakel an den Felswänden der nahen Gloppedalsura stattfinden, der größten Geröllhalde Nordeuropas.

Am Abend, pünktlich zur Abfahrt der "Norge" und der königlich-dänischen Yacht "Dannebrog", können die Wolken über Stavanger das Wasser nicht mehr halten. Ein nordisches Königsmärchen geht zuende unter Regenschirmen, die die königlichen Hoheiten höchstselbst an Bord balancieren. Stavanger aber kehrt zum Alltag zurück, und der heißt Business, Geld verdienen, viel Geld.

Die Öl- und Erdgasfunde 300 Kilometer südwestlich von hier in der Nordsee kamen um Weihnachten 1969 gerade rechtzeitig, um die Westküstenstadt mit ihrer stagnierenden Fisch- und Werftindustrie auf einen neuen wirtschaftlichen Kurs zu bringen. Jetzt war der Bau von Bohrplattformen, Pipelines und Spezialtankern angesagt, um die Ölfelder Ekofisk, Statfjord, Gullfaks, Troll und viele andere zu erschließen und auszubeuten.

Amerikanische, britische, französische und niederländische Experten wurden nach Stavanger geschickt, Arbeitskräfte aus der Stadt gingen hinaus in die Nordsee auf die Plattformen, schufteten 14 Tage lang und kehrten für vier Wochen zurück, um den reichlichen Verdienst unter die Leute zu bringen, bis heute. Gern in den Kneipen und Restaurants am Hafen, wo drinnen und draußen eine multikulturelle Gesellschaft bei Musik bis in die Nacht trinkt und feiert.

Mit dem Wohlstand wuchsen die Geschäftshausetagen internationaler und norwegischer Konzerne. Die kühle Nüchternheit der neuen Zweckarchitektur ging eine gerade noch erträgliche Allianz ein mit der Romantik der größten skandinavischen Innenstadt in Holzbauweise. In Gamle Stavanger, der Altstadt entlang der Bucht Vågen, spaziert man durch verwinkelte, teils steil ansteigende Gassen mit sich aneinanderschmiegenden Holzhäusern, manche krumm und älter als 200 Jahre. Clematis und Stockrosen wachsen vor den weißen Fassaden und Türen, die in Wohnungen oder kleine Ateliers führen. Dies ist die still gewordene Welt des einstigen quirligen Seemanns- und Handwerkerquartiers, wo niemand den Plausch mit einer neugierigen Katze auf dem Kopfsteinpflaster stört.

Von hier kamen einst viele Frauen, die in der nahen Øvre Strandgate bei der Stavanger Preserving Co. Sprotten verarbeiteten. Die Konservenfabrik, seit 50 Jahren geschlossen, ist heute das einzige Konservenmuseum der Welt. Zu Recht befinde es sich in Stavanger, sagt Museumschef Piers Crocker, der im Sommer dienstags und donnerstags die alten Öfen zum Räuchern des zarten brisling wieder mit Eichenholz befeuern lässt und jetzt die alten Techniken mit Begeisterung vorführt. Schließlich habe es zu besten Zeiten 59 dieser Fabriken in der Stadt gegeben, die geräucherten Sprotten oder norwegischen Sardinen in Öl seien ein Weltmarktschlager gewesen. Was die Sammlung von 3.000 Etiketten beweist, darunter solche mit Markennamen wie "Kaiserkrone" und "Deutschland über alles" auf den Exportbüchsen für den deutschen Markt (Königin Sonjas Bankettgästen wurde die Vorspeise, Erbsenpürree mit Krabben und Sardinen, in einer stavangerschen Sprottendose gereicht).

Das Erdöl, das die Ölsardinen als Wohlstandsquelle Stavangers ablöste, bekam ebenfalls sein Museum. An der Hafenbucht Børevigå 1997-99 errichtet, wirkt der an eine Bohrplattform erinnernde Bau selbst wie ein Exponat, der das Museumsthema interpretiert. Norsk Oljemuseum ist ein Spiegel des unersättlichen Appetits auf einen der wichtigsten Rohstoffe der Welt und präsentiert interaktiv und audiovisuell, wie dieser mit grandioser Offshore- und Tiefwassertechnik gestillt wird.

Trond Dyrskog bewegt sich langsam durch einen rotierenden Tunnel des Ölmuseums, in dem ein Helikopterflug zu einer Bohrplattform simuliert wird. Er hat weder mit Öl noch mit Gas etwas zu tun, lebt aber recht gut davon. In den achtziger Jahren schmiss er seinen Job als beamteter Lehrer und gründete eine Ich-AG, als språkkonsulent, als Sprachlehrer für ausländische Ölexperten. Inzwischen beschäftigt er 18 Lehrer, die nicht nur Norwegisch unterrichten, sondern auch Russisch, Spanisch und Arabisch, denn längst sind Norweger gesuchte Spezialisten auf Ölfeldern und Bohrinseln in aller Welt. Viel Zeit hat Trond Dyrskog jetzt nicht, er ist noch in zwei Konzernvorstandsetagen angemeldet. Akquisition ist alles, und natürlich macht er auch auf der ONS Kontakte.Wenn alle zwei Jahre diese zweitgrößte Ölmesse der Welt stattfindet, sind Gästebetten in Stavanger rar. Privatleute räumen Haus und Wohnung und kassieren in wenigen Tagen halbe Monatsmieten.

Viele verschwinden dann in ihren Sommerhütten, im Gebirge oder an der See.Am Wochenende sind sie dort sowieso am liebsten. Das Vergnügen wird nur am späten Sonntagnachmittag durch Stau getrübt, wenn alle wieder in die Stadt wollen. Auch vor den vielen Fähren vertröstet man sich die lange Wartezeit mit den Sportberichten im Autoradio. Was macht da schon noch die horrende Maut aus, die man auf der Schnellstraße kurz vor der Einfahrt nach Boomtown elektronisch berappen muss. Man war in der Natur und lässt sich in seinem Seelenfrieden nicht stören.

Die Leute von Stavanger sind mit einem wunderschönen Umland gesegnet, der wilden Schärenküste mit alten Leuchttürmen, dem weiten Dünenstrand von Sola, der Wikingerinsel Karmøy mit vorzeitlichen Denkmälern und lieblichen Tälern wie Gjesdal. Der Lysefjord aber übertrifft alles. Vom Fiskepiren in Stavanger verkehrt eine Fähre nach Tau im idyllischen Landstrich Ryfylke, von dort geht es über die Straße Rv 13 zur Preikestolhytta. Sie ist Ausgangspunkt einer der schönsten Wanderungen, die man in Norwegen unternehmen kann. Die Predigerkanzel ist der wie mit einem Schnitzmesser aus der nördlichen Gebirgskette des Lysefjords herausgearbeitete spektakuläre Felsvorsprung, der jedes zweite norwegische Fremdenverkehrsplakat ziert.

Zwei Stunden muss man rechnen für den knapp vier Kilometer langen Törn auf Schotterwegen und Waldpfaden, über Geröll und nackte glatte Felsen. Mehr bergauf als bergab, die Füße werden trittsicherer, aber auch leichtsinniger. Irgendwo rechts und links soll es noch Reste alter Bergbauernhöfe geben. Kiefer,Wacholder und Beerenbüsche auf den Anhöhen, Zwergbirke, Wollgras und Sonnentau im fast lieblichen Moor Krogebekkmyra, das in einer weiten Schlucht liegt und das der Wanderer auf einem Holzplankensteg durchquert. Fast zum Schluss zwei kleine Seen in Granitsenken, ideal zum Baden. Nun noch eine kurze Anhöhe bis zu dem sagenhaften Plateau mit dem wunderbaren Blick über den Lysefjord. Am Ziel und am Abgrund. Es hat wenig Sinn, sich gegen ein erhabenes, feierliches Gefühl zu wehren.Am besten, man macht jetzt den Picknick- Rucksack auf.

Wer war nicht alles schon hier oben! Das Sinfonieorcherster von Stavanger, Brautpaare zur Trauung und wahrscheinlich lebensmüde Artisten und Jongleure. Sechshundert Meter tiefer tuckern die Touristenboote auf dem Lysefjord. Preikestol-Prickel von unten. Erklärungen gibt es in vier Sprachen vom Band, und die Bockwurst und die Cola sind teuer. Die Passagiere schauen gebannt zu den steilen Felswänden hinauf und erfahren, das die Wassertiefe des Lysefjords fast der Höhe des Preikestolen entspricht. 100.000 Besucher jährlich kommen über Fjord oder Fjell zu der Kanzel. Zur Überraschung neuerdings auch Schweden, die man westlich von Oslo eigentlich nie sah. Sie kommen gern mit den Flugzeugen der Tiroler Welcome Air, die seit kurzer Zeit von Innsbruck und Graz über Hannover und Göteborg nach Stavanger fliegt.

Das Ausflugsschiff im Fjord drosselt jetzt die Motoren und schleicht sich langsam an die Felswand heran. Hier rauscht ein Wasserfall. Einer von der Crew lehnt sich über den Bug und hält einen Eimer unter den Schwall. Im Nu sind Plastikbecher verteilt, und andächtig wird das Quellwasser gekostet. Ein Elixier von der Reinheit des ersten Schöpfungstages, ein wahrhaft königliches Labsal! Ob Königin Sonja auch schon davon probierte?

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Autor:
Tibor M. Ridegh