Skandinavien Norwegen, ein Land der Sehnsüchte

MERIAN.de: Herr Marx, es ist Mitte Mai, und heute morgen hat es geschneit in Oslo. Sind das nicht Momente, in denen es einen Rheinländer wie Sie wieder in die alte Heimat zieht?

Stefan Marx: Nein. Wobei heute vermutlich auch jeder Norweger aufgestanden ist und beim Blick aus dem Fenster gedacht hat: "Mensch, das muss jetzt aber nicht sein." Dieses Wetter ist sogar für Oslo zu dieser Jahreszeit außergewöhnlich. Wobei ich den Schnee liebe. Hier gibt's jedes Jahr einen richtigen Winter, nicht nur alle 20 Jahre, so wie in Deutschland. Ich kann die Langlaufskier hinterm Haus in den Schnee werfen und in die Loipe steigen. Meiner Tochter, sie ist zwei Jahre alt, musste ich heute allerdings erstmal erklären, dass der Schlitten jetzt nicht wieder hervorgekramt wird und dass ich sie damit nicht zum Kindergarten ziehen werde.

MERIAN.de: Sie leben seit 13 Jahren in Norwegen. Was hat Sie bewogen, mit Mitte Zwanzig hierher zu ziehen?

Marx: Die gewisse Norwegen-Sehnsucht liegt wohl in der Familie. Schon mein Vater ist in den fünfziger Jahren mit den Pfadfindern bis zum Nordkap gereist - auf Schotterpisten, das war noch ein richtiges Abenteuer. Und später ist er dann mit uns jeden zweiten Sommer nach Norwegen gefahren. Ich war, glaube ich, fünf Jahre alt, als ich das erste Mal zum Zelten hierher gekommen bin.

MERIAN.de: Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Marx: Die grandiose Natur, die Fjorde … Das sind Bilder, die zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören. Ich habe nach der Schule unter anderem auch Norwegisch studiert. 1997 bin ich dann mit meiner Frau, einer Schwedin, berufsbedingt hierher gezogen.

MERIAN.de: Fühlen Sie sich heute mehr als Norweger oder als Deutscher?

Marx: Das ist nicht so leicht zu sagen, eigentlich ein bisschen von beidem. Vielleicht doch mit Tendenz zu "ein Deutscher in Norwegen". Ich wurde vor ein paar Jahren gefragt, ob ich nicht die norwegische Staatsangehörigkeit annehmen wollte. Das habe ich nach langem Überlegen nicht getan, denn dafür hätte ich die deutsche aufgeben müssen. Es ist ja nicht erlaubt, beide Staatsangehörigkeiten zu haben. Wobei mir das allerdings am liebsten wäre. Das würde meinem Gefühl am besten entsprechen.

MERIAN.de: Was gefällt Ihnen hier? Gelten Norweger nicht auch als ein bisschen reserviert im Umgang mit anderen Menschen? Fast jeder hat eine Hütte mitten in der Natur, in die er sich bei nahezu jeder Gelegenheit zurückzieht.

Marx: Das Klischee, dass der Norweger sich in sein Haus oder seine Hütte zurückzieht, das stimmt - im Winter. Unsere Nachbarn, zu denen wir einen sehr guten Kontakt haben, sehe ich sechs Monate fast gar nicht - und dann sechs Monate jeden zweiten Tag. Im Sommer trifft man sich, sitzt gemeinsam auf der Terrasse beim Kaffee, unterhält sich und wird dabei irgendwie ganz südländisch. Wird's dann wieder kälter, macht man die Tür zu. Meiner Erfahrung nach kommt man allerdings sehr schnell in Kontakt mit den Menschen hier. Norweger sind eigentlich sehr offen.

MERIAN.de: Wenn man Sie bitten würde, mal ein paar treffende Zeilen über Norwegen zu schreiben, ein Kurzporträt, was müsste darin stehen?

Marx: Norwegen ist ein Land mit großen Kontrasten. Im Winter ist es extrem dunkel, im Sommer scheint die Mitternachtssonne. Man hat hier alles, von Sommern mit 30 Grad im Schatten und Baden im Fjord bis hin zum Winter mit minus 30 Grad und Skilaufen im Gebirge. Diese Kontraste in der Natur spiegeln sich auch in den Menschen wider.

MERIAN.de: Können Sie uns das etwas genauer erklären, bitte?

Marx: Wir sitzen hier ja zum Gespräch in Aker Brygge, dem Amüsier- und Geschäftsviertel von Oslo, in dem die Banker zu Hause sind und die Öl-Investment-Manager. Wenn man aber 20 Kilometer fährt, ist man auf dem Land, in der tiefsten Natur, bei den Bauern, die ein gänzlich anderes Leben führen. Norwegen lebt von seinen Kontrasten, von den beschaulichen roten Holzhäuschen auf der einen, von den großen Ölplattformen im Meer und dem Business hier in Oslo auf der anderen Seite.

MERIAN.de: Norwegen steht bei den Deutschen weit oben in den Ranglisten der beliebtesten Auswander- und Urlaubsländer. Warum gilt Norwegen uns als Land der Sehnsüchte?

Marx: Mit Norwegen verbindet man traditionell die unberührte Natur. Die Weite, die Fjorde, die Gebirge … Vergleichbares findet man in Deutschland nur sehr vereinzelt. Und inzwischen kommt hinzu, dass Norwegen eines der Länder mit der höchsten Lebensqualität weltweit ist. Gerade wurde eine Untersuchung veröffentlicht, die Norwegen wegen seines Sozialsystems für Mütter zum lebenswertesten Land der Welt erklärt. Außerdem werden hier ja auch die Väter quasi vom Staat verpflichtet, mindestens sechs Wochen Elternzeit zu nehmen. Und weil meine Frau im letzten Jahr ihre Elternzeit mit ein paar Wochen unbezahlten Mutterschafts-Urlaubs ergänzt hatte, konnten wir - während meiner Elternzeit - insgesamt knapp drei Monate in Italien verbringen.

MERIAN.de: Überhaupt, heißt es, die Norweger seien sehr freizeitorientiert. Tatsächlich erlangt man hier den Eindruck, als werde ständig geangelt, gejagt oder im Fjord gebadet …

Marx: Das stimmt. Am Freitag bilden sich spätestens um 13 Uhr lange Staus auf den Ausfallstraßen Oslos. Der Traum eines jeden Norwegers ist ja die Hütte in der Natur. Wir haben auch ein wunderschönes kleines Holzhaus mitten im Wald, unser eigenes Stückchen Norwegen. Und der Small-Talk hier dreht sich auch meist darum, wo man am Wochenende war, wo man seine Hütte hat und wie gut das Mobilfunknetz dort ist (Lacht.). In Deutschland wird ja erstmal gefragt: Was arbeitest du, und was hast du studiert? Zu Anfang meiner Zeit in Norwegen als Geschäftsführer einer IT-Firma war ich geradezu geschockt, als mich der Aufsichtsrat quasi dazu zwingen musste, im Sommer vier Wochen Urlaub zu nehmen - am Stück! Das gibt es in Deutschland ja gar nicht in so einer Führungsposition.

MERIAN.de: Weshalb ist das in Norwegen anders?

Marx: Hier herrscht eine viel größere Akzeptanz dafür, dass nicht nur die Arbeit, sondern auch das Leben wichtig ist.

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Autor:
Philip Wesselhöft