Norwegen Musik aus Bergen

"Es ist ganz einfach", erklärt Sophia. "Entweder man kann mit dem Regen leben oder nicht. Sich aufregen bringt nichts." Sie dreht die Musik auf und fängt hinter dem Tresen ihres kleinen Cafés "Muffin og Hekkel" an zu tanzen. An durchschnittlich 250 Tagen im Jahr fällt in Bergen Wasser vom Himmel. Da sollte man seine Laune nicht vom Wetter abhängig machen. Sophia und ihre Freunde Mikal, Guro und Stein, die heute die einzigen Gäste im "Muffin og Hekkel" sind, wissen, wie man sich die Zeit am besten vertreibt. Sie alle haben in irgendeiner Form mit Musik zu tun: Sophia singt in der Band Micropops, Stein ist DJ, Guro hat einen Master in Elektronischer Musik, und Mikal ist einfach "verrückt nach Indierock". Auf einem DIN-A4-Zettel listet er die besten Bands aus Bergen auf und hat schon bald keinen Platz mehr zum Schreiben.

Da stehen bekannte Namen wie Kings Of Convenience, Röyksopp oder Annie, aber auch Newcomer wie Real Ones, Kakkmaddafakka oder Casiokids. "Und das sind noch längst nicht alle." Bergen, mit rund 260.000 Einwohnern Norwegens zweitgrößte Stadt, ist eine Musikhochburg. Ständig gibt es neue Bands zu entdecken.

Der Fischmarkt lockt keinen Einwohner, die Bars umso mehr

"Am besten im 'Vamoose', wo schon Kings Of Convenience ihre ersten Auftritte hatten", erzählt Mikal. Was man sonst noch in Bergen gesehen haben muss? "Schreib bloß nichts über den Fischmarkt, da geht niemand von uns hin", antwortet Stein. "Aber fahr unbedingt mit der Bahn auf den Berg, und schau von dort aus auf den Fjord und die Stadt. Und komm heute Abend mit uns trinken. Wir Norweger überschreiten beim Saufen alle Grenzen."

Auf dem Weg zur Floyen-Bahn in der Nähe des Hafens öffnet sich die Wolkendecke. Ein magischer Moment. Die Stadt fängt an zu strahlen, die Konturen verschärfen sich, der Fjord glitzert in Gletschereis-Blau. Salzig ist die Luft, es riecht nach Fisch. Möwen kreischen.

Senkrecht geht es in einer Art vertikaler U-Bahn mit Panoramafenstern 300 Meter den Berg hinauf. Erst rücken die vielen bunt bemalten Holzhäuser Bergens ins Blickfeld, dann die Kreuzfahrtschiffe auf dem Fjord, schließlich die sieben Berge, von denen die Stadt umgeben ist. Oben angekommen, ist man mitten in der Natur. Hinter einem Ausflugslokal führt ein Wanderweg in einen dichten Tannenwald voller Moos und kleiner Bäche. Knapp zehn Minuten dauert die Bahnfahrt - so schnell gelangt man in kaum einer anderen Großstadt ins Grüne.

Zurück ins Zentrum führt ein Serpentinen-Pfad. Eine halbe Stunde dauert es, dann kommt man unten in Bergens Altstadt Bryggen an, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Dort stehen die Häuser so eng beieinander, dass ihr feucht duftendes Holz sämtliche Geräusche der Stadt verschluckt. Kleine Brücken und Leitern verbinden die schiefen Gebäude miteinander. Ihr Inneres birgt Läden, die Angelruten und Bilder von Eisbergen verkaufen. Kaum zu glauben, dass die Gebäude schon mehr als 300 Jahre Regen und Sturm trotzen.

Kulturgut aus Bergen: Blackmetal

Am Abend gibt es ein weiteres Kulturgut zu bestaunen: Blackmetal. "Die härteste Form des Metals wurde in Bergen erfunden", erklärt Stein, der vorm "Garage", dem ältesten Rockclub der Stadt, wartet. Im Keller tritt gerade eine Band namens Resonant auf. Der Sänger sieht aus wie ein Selbstporträt von Albrecht Dürer und bearbeitet breitbeinig seine Gitarre. An der Absperrung vor der Bühne krallen sich zwei Männer mit breiten Schultern fest und schütteln ihr Haar. Überraschend, wer sonst noch im Publikum steht: Jungs in bunten Ringelshirts und engen Jeans und Mädchen in Blümchenkleidern. "Typisch Bergen", sagt Stein. "Egal ob Metal, HipHop oder Techno: Man trifft überall die gleichen Leute. Alle sind sehr offen."

In der Kneipe "Vamoose" auf der anderen Straßenseite treffen wir später auf Maren. Sie arbeitet für das Musiklabel "Made", trägt eine blonde Ponyfrisur und einen Stoffbeutel der Band Young Dreams: eine der vielen Bands, die sich beim wöchentlichen Indie-Jam in der Bar einen Namen gemacht haben. "Es ist so leicht, sich in Bergen zu vernetzen", erzählt sie. "Alle Musikszenen unterstützen sich gegenseitig. Man lebt nicht so abgetrennt voneinander wie etwa in Oslo." Stein arbeitet derweil daran, seinen Plan vom hemmungslosen Trinken in die Tat umzusetzen. Er bestellt die dritte Runde Whisky-Bier und schlägt vor, ins "Opera" weiterzuziehen.

Dort spielt Discos, Discos, "eine der angesagtesten Indiebands derzeit", sagt Maren, als wir dort vor der Bühne stehen. Nach dem Auftritt brüllt uns Gitarrist Stian enthusiastisch in die Ohren: "Wir machen Musik, weil wir einfach müssen. Das kommt aus tiefstem Herzen."

Großer Wert wird auf die musikalische Ausbildung gelegt

Die gleiche Leidenschaft teilen die drei Musiker von Kakkmaddafakka, die sich am nächsten Nachmittag auf den Cordsofas ihres Proberaums im Szene-Stadtteil Håkonsgaten lümmeln. "In Norwegen bekommen alle Kinder in der Schule eine sehr gute musikalische Ausbildung. Deshalb gibt es hier so viele blutjunge Bands, die sich gegenseitig zu Höchstleistungen anstacheln. Das musikalische Niveau der Stadt ist extrem hoch", erklärt Paul. Die drei Anfang 20-Jährigen waren schon mehrmals auf Europatournee und sind sogar in New York aufgetreten.

Ausblick auf Bergen
Fjord Norway
Ausblick auf die Stadt
Aus Bergen wollen sie aber niemals wegziehen. "Auch wenn es hier so viel regnet: Einen schöneren Ort als Bergen an einem sonnigen Tag gibt es nicht." Draußen ist gerade so ein Tag. Ein Tag, an dem die Einwohner aus ihren Wohnungen kommen, in Cafés sitzen, am Hafen entlang - spazieren oder in den zahlreichen Secondhand- und Plattenläden stöbern. Auch wenn solch ein strahlender Himmel nicht die Regel ist – wenn die Sonne scheint, dann scheint sie in Bergen länger als anderswo.

CAFÉS in Bergen: 

Muffin og Hekkel Heißt übersetzt "Muffin und Häkeln". Skostredet 12

Kaffemisjonen: Den besten Kakao der Stadt gibt’s hier: nicht aus Pulver, sondern aus fester Schokolade, die in heißer Milch aufgelöst wird. Øvre. Korskirkeallmenning 5

Det Lille Kaffekompaniet: Gemütliches Mini-Café mit Blick auf eine schmale Gasse. An verregneten Sonntagen sitzen hier Studenten über ihre Bücher gebeugt und hören nebenbei Patti Smith. Nedre Fjellsmauet 2

BARS & CLUBS in Bergen

Vamoose: Musikerkneipe im Ausgehviertel Håkonsgaten. Montags Indie-Jam mit Newcomerbands. Erlend Øye von Kings Of Convenience ist Stammgast. Håkonsgaten 27, vamoosebergen.com

Legal Bar: Nachtschwärmer-Sammelbecken mit holzvertäfelter Bar. Cocktail-Tipp: Moulin Rouge. Håkonsgaten 9 Café Opera Restaurant, Bar und Club auf zwei Ebenen. Von Donnerstag bis Samstag treten Bands und DJs auf. Engen 18, cafeopera.org

Hulen Club in einer unverputzten Höhle im Universitätshügel. Rock- und Metalbands machen hier so viel Lärm, wie sie wollen. Olaf Ryes vei 48

Landmark: Hier ist der Zeitgeist zu Hause. Experimentell und zukunftsweisend: Auf den zwei Bühnen der "Kunsthall"-Bar treten die innovativsten Musik-Acts des Landes auf. Rasmus Meyers allé 5, www.kunsthall.no

Garage: Langhaarige Lederjackenträger bevölkern den ältesten Rockschuppen der Stadt. Im Keller machen Metal- und Indiebands Krach. Christiesgate 14, garage.no

SHOPS in Bergen

Boogaloo: Bücher von Charles Bukowski, selbst gestrickte Mützen und CDs von norwegischen Bands. Ein wunderbarer Laden zum Stöbern – vor allem wenn im Hintergrund eine Platte von Jane Birkin läuft. Skostredet 16 

Norwegian Rain: Stilvolle Regenkleidung in puristischem Design, die man sogar an sonnigen Tagen tragen würde. Skostredet 9a, norwegianrain.com

Magnussen’s Brukt og Antikt: Der Antiquitätenladen hängt voller Trompeten und Hirschgeweihe. Øvregt 6

HOTEL-TIPPS in Bergen

Scandic Hotel Bergen City: Modernes Businesshotel in bester Lage. Hakonsgaten 2, 

Augustin: Das älteste familiengeführte Hotel der Stadt. Sehr persönliche Atmosphäre, große Zimmer, Hafennähe. C. Sundtsgate 22, www.augustin.no

Infos zur Stadt Bergen: www.visitbergen.com

Autor

Aileen Tiedemann