Norwegen Mit der Flåmsbahn über die Berge

Fast geräuschlos entfernt sich der Zug Nr. 601 der Bergenbahn aus Oslo, rattert alsbald über eine der langen Eisenbahnbrücken Norwegens, schnellt durch grüne Wiesen. Und wir lassen uns davontragen. 470 Kilometer von Ost nach West, nach Bergen. Geschäftsleute, Familien und Touristengruppen sitzen entspannt auf den roten Stoffsitzen des stromlinienförmigen Intercity und denken wohl keine Sekunde daran, welch ein mühseliges und abenteuerliches Unterfangen der Bau dieser Bahnlinie vor 100 Jahren war. An der geplanten Strecke gab es weder Weg noch Steg, also mussten erst Transportwege geschaffen werden.

Von 1894 bis 1909 waren 15.000 Arbeiter mit dem schwierigsten Eisenbahnbau Europas beschäftigt. Sie gruben sich durch massiven Gneis, bauten 300 Brücken und benötigten sechs Jahre für den 5,3 Kilometer langen Gravhals-Tunnel - einen von rund 180 Tunneln auf der Strecke. Draußen rauschen dunkle Wälder vorbei, vor roten Holzhäusern blühen lila Dahlien, und ganz nah türmen sich Berge auf, über die Bäche sprudelnd zu Tal stürzen. Wiesen, Häuser, Berge, Wiesen bis Ål, bis unsere Bahn die Berge erklimmt.

Der Himmel kennt jetzt keine Farben mehr, schon Geilo, der 794 Meter hoch gelegene Wintersportort, ist eingehüllt in eine graue Decke aus tiefen Wolken. Nächster Halt: Ustaoset. Als hier, 1907, ein Teil der Bergenbahn eröffnetwerden sollte, versanken die Gleise im Schnee, und der Zug kam nicht durch. Zeit zum Aussteigen. Im Winter laufen sie hier Ski, rodeln, wandern auf die eisigen Berge und bestaunen den Prestholtskarvet, der 1855 Meter hoch überm Ort thront. Jetzt regnet es, die Wege sind matschig. Ustaoset, eine Handvoll Häuser und Hütten, ist leer. Keine Menschen, nur Stille. "Jaha", sagt der Barmann vom Høyfjellshotel, "hier ist der Mittelpunkt Norwegens.

Bald liegen wieder mehr als drei Meter Schnee." Händereiben. "Dann ist Ustaoset ein Traum. Wirklich." Wir fahren den schimmernden Ustavatn-See entlang, in einem Ruderboot hocken zwei Männer und angeln. Höher und höher klettert jetzt Zug Nr. 601. Am Fenster zieht eine braune Bergmasse vorbei, auf ihr klebt spärliches Grün, und eine Amerikanerin stöhnt: "Oh dear, und Christie fragte noch, was wollt ihr bloß in Norwegen, da sieht doch alles gleich aus." Doch mit einem Mal wellt sich das Land, oben, nahe Finse, 1222 Meter hoch, und noch höher liegt ein See, zur Hälfte gefroren, ringsum Schnee.

Wir sind auf der riesigen Hochfläche Hardangervidda. Die Amerikanerin beschließt, Christie für eine dumme Kuh zu halten. Der Zug verschwindet im Finsetunnel, 10,6 Kilometer lang, wie die Anzeige im Abteil rot leuchtend mitteilt. Von jetzt an fahren wir bergab, hin und wieder taucht die Bahn unter Schutzdächern gegen den Schnee hindurch. Stopp in Myrdal. Japanische Reisegruppen warten auf Gleis 4, dort fährt gleich die Flåmsbahn ab. Achtzehn Jahre dauerte es, bis ihre Gleise in den Berg gelegt waren, bis 1940.

Es gibt wahrscheinlich keine andere Bahn der Welt, die auf 20 Kilometern eine Höhe von 864 Metern überwindet. Ein normaler Zug, ohne Zahnräder oder andere Tricks. Quietschend legen sich die Waggons in die Kurven und schleichen durch Tunnel. Halt am Kjosfossen. 93 Meter stürzt der Wasserfall in die Tiefe, direkt neben dem Zug. Ein geheimnisvoller Ort. Plötzlich schwingen elegische Klänge durch die Luft, und auf einer Ruine tanzen walkürenhaft vier Elfen. Die Japaner winken und knipsen ihre Digitalkameras voll. Die Flåmsbahn windet sich hinab, wieder und wieder türmen sich Felsen bizarr übereinander, strömen Wasserfälle. Flåm ist die Endstation für heute.

Am nächsten Morgen bringt uns die Flåmsbahn zurück zu den Gleisen der Bergenbahn. Der Tag ist grau, die Berge sind dunkelgrün, und Zug Nr. 601 rollt durch immer längere Tunnel. Ankunft in Bergen. Regen platscht auf das Kopfsteinpflaster, das uns vorbeiführt an der Jørgenskirche und über den Fischmarkt, wo es Hummer und rote Elchwurst gibt. Wir gehen zum Hafen und mitten hinein in die alte Stadt, nach Bryggen. Windschiefe, aber stolze hölzerne Kaufmannshäuser reihen sich hier, einst abgebrannt, 1702 wieder aufgebaut, rot, weiß und braun gestrichen.

Hier am Vågen, dem Hafen, hatten im 14. Jahrhundert deutsche Hansekaufleute Bryggen gegründet, das noch bis 1945 "Tyske Bryggen", Deutsche Brücke, hieß. Hinter den historischen Fassaden wurden kleine Läden eröffnet, in den winzige Seitenstraßen erhielt sich ein Hauch von Salz, Fisch und Teer. Unaufhörlich fällt das Wasser vom Himmel. Aber wen stört das schon in Bergen, wo es 280 Tage im Jahr regnet? Von oben betrachtet, auf dem Fløyen, 320 Meter über der Stadt, scheint Bergen in den Herdlafjord hinausschwimmen zu wollen. Aber die hellgetünchten Holzhäuser unten in der Altstadt, in deren Puppenstubenfenstern die Geranien blühen, erscheinen in den Regenfluten noch geborgener und behaglicher. "Ach", sagt eine junge Frau, "der Regen ist doch charmant." Ihr Freund nickt. "So ist es immer frisch, und wir bleiben jung."

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Franz Lenze