Norwegen Bergen rockt

Bergen ist eine seltsame zweitgrößte Stadt - zumindest für ein Land, das dank seiner Ölvorkommen zu den erfolgreichsten Industrienationen der Welt zählt. Bergen ist klein, sehr klein sogar. Und sehr verwinkelt.

In Douglas Adams Roman "Per Anhalter durch die Galaxis" steht geschrieben, dass der Planetenbaumeister Slartibartfast für seinen fjordreichen Norwegen-Entwurf mit einem Designpreis ausgezeichnet wurde. In Bergen kann man das besonders gut nachvollziehen. 250.000 Einwohner? Die verteilen sich sehr dezentral auf die Hänge und Täler der sieben Berge rund um den Hafen. Und auf die vielen Inseln, Halbinseln, Landzungen, Buchten, auf die Ufer der tausend Meeresarme.

Die Vororte rücken in Bergen aus allen Richtungen so nah an die Innenstadt heran, dass es eigentlich keine echte City gibt. Das Zentrum besteht im Wesentlichen aus einem blauen Stein. Und der liegt in der verkehrsberuhigten Fußgängerzone, ein Treffpunkt für die Partygänger am Abend. Wobei, "verkehrsberuhigt"? Im Prinzip gibt es in Bergen keinen Verkehr, den es zu beruhigen gilt.

Um aber beim Stein zu bleiben, beziehungsweise bei den Menschen, die sich hier treffen. Bergen ist Heimat von 30.000 Studenten, die an fast unsichtbaren Hochschulen studieren. Viele Fakultäten nämlich sind in Gründerzeitvillen im Altbauviertel südöstlich der "Innenstadt" untergebracht, sehr unscheinbar, etwa 30 Sekunden strammen Fußmarsches vom blauen Stein entfernt. In diesem Mischviertel aus Wohngebiet und Studierbetrieb existiert ein äußerst vitales Nachtleben.

Heute Abend ist im Garage "Girls Ball" angesagt. Der Club gilt als Bergens Metal-Zentrum. Angekündigt sind drei lokale Bands, die noch durchstarten wollen: die Hardrockgruppe Sandmarx, deren 20-jährige Sängerin Sandra Szabo ein bisschen so wirkt, als sei Lena Meyer-Landrut vom Teufel geküsst worden. Arvandor, die Gothic-Rock mit blutroten Lippen spielen. Und AnOtherBand, ein Country- und Bluesgrass-Sextett mit drei Sängerinnen, die selbst zu Thanksgiving im tiefsten Texas die Masse zum "Yippie-ai-yeah" animieren würden. Aber Country in einem Land, in dem man statt Kühen allenfalls Lachse hütet?

"Klar geht das!", sagt Mona Størseth, Leadgitarristin, Sängerin von AnOtherBand - und hochschwanger, wie die kleine Trommel im Leoparden-Stretchkleid verrät. Das dezent Dreckige, Verruchte hinter den vermeintlich lieblichen Melodien sei es, dass sie am Country liebe. Und Bergen "ist für jeden Musikstil das geeignete Pflaster, eine wahnsinnig kreative Stadt. Hier halten alle zusammen, ob Thrash-Metal oder Country. Es gibt keinen Neid, nur gegenseitige Unterstützung", erklärt Størseth, während sie nach dem Gig leicht schnaufend an der Theke steht und ein Wasser trinkt - neben sich ihren Lebensgefährten, dessen Leder-Outfit auf einen etwas härten Musikgeschmack hindeutet.

"Bergen - das neue Seattle" hatte die Londoner "Times" vor ein paar Jahren schon behauptet. Und tatsächlich: Erstaunlich viele Bands und Künstler stammen aus Bergen, da braucht man gar nicht bis zu Edvard Grieg zurückzugehen, dem melancholischen Mozart Norwegens. Zur letzten Jahrtausendwende eroberten eigenwillig-charismatische Acts wie die Kings of Convenience oder Röyksopp die Popwelt. Aktuell ist von ausgezeichneten Bands wie 66 Crusher brettharter Progressive Thrash Metal zu hören.

Neue Bands formieren sich quasi wöchentlich, so wie Babe Rawlins, die einen satten Blues-Pop spielen und erst Anfang Mai in Bergen ihr Debütalbum "Sturzgeburt" vorstellten. Oder Testpilot, die zwischen Grunge und Metal pendeln. Stets aufs neue wird Bergen seinem Ruf als eine Stadt gerecht, die zwar hinter den sieben Bergen liegt, die aber vielleicht auch gerade wegen der abgeschiedenen Lage ganz eigene, raue künstlerische Ausdrucksformen hervorgebracht hat.

In Bergen gibt es eine Menge interessanter Clubs, wie zum Beispiel Hullen, Bühne für eher härtere Rockgangarten, in einem ehemaligen Bergstollen gelegen. Oder das studentische Kvarteret, in dem meist drei Konzerte gleichzeitig stattfinden. Oder eben die Metal-Hochburg Garage, wo allerdings auch schon seichtere Bands wie Muse oder Coldplay gespielt haben, kurz bevor sie weltberühmt wurden. Warum das kleine Bergen so kreativ ist? "Wir haben hier eben ein sehr dankbares, sehr neugieriges Publikum", sagt Sängerin Størseth.

Und es ist wohl so, dass im niedlichen Bergen, der Stadt der hunderttausend Holzhäuschen und verträumten Gässchen, einer Stadt am Rande Europas, mit dem Blick über den Atlantik und dem Rücken zum Hardangervidda-Gebirge, man sich ab und zu musikalisch die Kante geben muss. Dafür sind Künstler wie Mona Størseth, die hauptberuflich in der Verwaltung einer Kulturstiftung arbeitet, gerne bereit, alles zu geben. Im August sei Stichtag, verrät sie mit Blick auf ihren Bauch. Und Anfang September stünden schon wieder die nächsten Auftritte an. "The Show must go on", sagt sie, lacht und wird von ihrem Freund durch die Tür an die frische Luft gezogen.

Service: 10 Tipps für Bergen

First Hotel Marin: Hotel direkt an der Hafenkante in Bergens historischem Altstadtviertel. DZ um 200 Euro. Rosenkrantzgaten 8, Tel. +47-53051500

Skansen Pensjonat: Charmantes Minihotel mit nur acht Zimmern oberhalb des Hafenviertels, mit Frühstücksterrasse, die den besten Blick über Bergen bietet. DZ um 90 Euro. Vetrlidsallmenningen 29, Tel. +47-5531 9080

United Sardine Factory - USF: Kulturzentrum in ehemaliger Sardinen-Fabrik mit Kunstausstellungen, Café mit schönem Ausblick auf den Fjord, Kino und Konzertbühnen. Georgernes Verft 12, Tel. +47-5530 7410

Garage Q: Angesagter Kellerclub in Bergens Szeneviertel südöstlich der Innenstadt. Meist Bühne für Hardrock- und Metalbands, aber auch Pop und Country haben ihren Platz. Christiesgt. 14, Tel. +47-5532 1980

Das Studentenkulturzentrum "Det Akademiske Kvarter", kurz Kvarteret, hat meist erstaunlich progressive, junge Bands und international bekannte Künstler im Programm. Olaf Kyrres gate 49, Tel. +47-4062 6601

Nordnes Halbinsel mit Park und Badestelle an der Spitze, ca. 15 Minuten zu Fuß vom Zentrum entfernt. An Sommerwochenenden legen im Park DJs auf - mit Blick in den Sonnenuntergang am Fjord.

Mit dem kleinen Ausflugsboot White Lady, Abfahrt am Fischmarkt, geht es auf eine lohnenswerte, vierstündige Tour in die wunderschöne Fjordlandschaft vor Bergen. Tel. +47-5525 9000

Hanne på Høyden: Gutes Restaurant mit norwegisch-mediterraner Küche, in ruhiger Nebenstraße. Fosswinckelsgate 18, Tel. +47-5532 3432

Pygmalion: Café und ökologisch ausgerichtetes Lunchrestaurant in gemütlicher Nebenstraße, eine Minute vom Hafen entfernt. Spezialität: gefüllte Pfannkuchen. Nedre Korskirkeallmenning 4, Tel. +47-5532 3360

Det Lille Kaffekompaniet: Winziges Café im Holzhausviertel, direkt neben der Talstation der Floibanen gelegen. Wird regelmäßig als Norwegens bestes Café ausgezeichnet - man schmeckt's. Nedre Fjellsmau 2, Tel. +47-5532 9272

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Autor:
Philip Wesselhöft