Norwegen Stadtporträt Trondheim

Trondheim erwacht an diesem Sonntagmorgen nur langsam. Es ist halb elf und in Bakklandet meint man, hinter den bunten Holzfassaden hier und da ein leises Schnarchen vernehmen zu können. Nur eine deutsche Reisegruppe eilt mit gezückten Kameras durch die Straßen, die mit ihrem sauberen Kopfsteinpflaster und den farbenprächtigen Blumen vor den Haustüren so aussehen, als hätte sie sich für diesen Fototermin extra fein gemacht. Bakklandet wurde im 17. Jahrhundert errichtet, unter schwedischer Belagerung zerstört und nach dem Wiederaufbau von Fischern, Seeleuten und Arbeitern bewohnt. Heute ist das vielleicht schönste Viertel der Stadt restauriert, gehört zum UNESCO Weltkulturerbe und beheimatet Wohnhäuser, Cafés und kleinen Läden.

Eine der deutschen Touristinnen bleibt stehen. "Wie eine große Puppenstube", sagt sie entzückt, blickt eine Seitenstraße mit roten, gelben und blauen Häusern hinunter, wird von der Reiseleiterin, einer energischen Frau um die 60, aber gleich zur Eile angetrieben. "Wir müssen jetzt erst einmal zu den Speicherhäusern – wir kommen später wieder."

Die Stadt der Studenten

Kurz darauf sind die Senioren um die Ecke verschwunden und verpassen, wie sich nach und nach die ersten Türen öffnen und Bakklandet mit der sittsam-adretten Puppenstube von eben gar nicht mehr viel gemein hat. Über die Straße schlendert lässig die norwegische Version des Marlboro-Mannes: Cowboyhut, Dreitagebart, verwegenes Lächeln - allerdings galoppieren seine Pferde nicht über die Prärie, sondern über die Boxershorts, die er unter dem offenen Bademantel trägt.

Vor einem Fenster steht ein anderer junger Mann, der zwar schon richtig angezogen ist, aber so aussieht, als würden ihm ein paar weitere Stunden im Bett nicht schaden. Er klopft mehrmals an die Scheibe und lässt sich ratlos auf die Treppe vor der Haustür plumpsen, als niemand reagiert. In einem offenen Hausflur werden Tüten mit leeren Bierdosen gestapelt, ein paar Mädchen laufen kichernd die Straße entlang. Hinter der adretten Fassade ging es am Vorabend offenbar hoch her.

Wer Trondheim, mit rund 174.000 Einwohnern nach Oslo und Bergen die drittgrößte Stadt Norwegens, kennt, ist darüber nicht verwundert. Denn erstens lassen sich die Trondheimer kaum einen Anlass zum Feiern entgehen und zweitens wimmelt es in der Stadt von Studenten. Jeder sechste Trondheimer besucht die Universität – eine Jungkur für das historische Stadtbild und eine   Bereicherung für Trondheims Nachtleben. Die wilden Studentenpartys steigen vor allem im roten "Runden Haus" der Studentengemeinschaft, in dem unzählige Kneipen, Cafés, Konzertsäle und Discos mit einem labyrinthischen Gängesystem verbunden sind, aber natürlich auch in den Bars in der City, Wohnheimen und Studenten-WGs.

Wenn nicht gefeiert wird, wird gelernt. Nicht umsonst gilt Trondheim als Kaderschmiede für Naturwissenschaftler und Ingenieure. Wer sich am Campus beweist, kann sich nach dem Examen direkt beim Nachbarn der Uni bewerben: Sintef, Skandinaviens größte unabhängige Wissenschaftsstiftung beschäftigt zurzeit 2.100 Mitarbeiter aus 68 Ländern. Alle zwei Jahre findet in der Stadt an der Nidelva ein internationales Studentenfestival statt – laut der Organisatoren das größte der Welt. Im Rahmen der Veranstaltung wird der Student Peace Prize verliehen. Die Gewinner des Friedenspreises werden in der Innenstadt auf dem "Walk of Piece" - Trondheims Antwort auf Hollywoods "Walk of Fame" - verewigt.

Den rund 30.000 Studenten und ihren Fahrrädern ist es vielleicht auch zu verdanken, dass in Trondheim 1993 der weltweit erste Fahrradlift entwickelt wurde. Wer von der Gamle Bybro den steilen Anstieg im Brubakken hoch radelt, kommt dank dieser Erfindung nicht mehr aus der Puste, sondern kann seinen rechten Fuß auf die Liftrampe stellen und sich und seinen Drahtesel bequem hinauf rollen lassen.

Wikinger und Missionare

Mit der gleichen Hingabe wie sich die Stadt um ihren akademischen Nachwuchs kümmert, liebt und pflegt sie ihre Geschichte. Und die ist lang. Vor über 1000 Jahren, im Jahr 997, gründete Olav Tryggvason an der Stelle, an der die Nidelva in den Fjord mündet, eine Siedlung und gab ihr den Namen Nidaros. Den Wikingerkönig, der die Norweger mit Bibel und Schwert zum christlichen Glauben bekehren wollte, haben die Stadtväter etliche Jahrhunderte später, im Jahr 1921, mit einem Denkmal buchstäblich in den Himmel gehoben. Mitten auf dem Marktplatz steht der Krieger auf einer rund 16 Meter hohen Säule und schaut die Munkegate hinunter zum Meer.

Nidaros blieb nach seiner Gründung 200 Jahre lang norwegische Hauptstadt und erlebte noch mehrere einflussreiche Männer mit dem Namen Olav. Der heute berühmteste ist der König und Missionar Olav Haraldsson. Allen, die sich nicht taufen lassen wollten, begegnete Haraldsson laut der Chronik zur Tausendjahrfeier Trondheims sehr brutal. Nachdem er 1030 in der Schlacht bei Stiklestad durch das Schwert eines heidnischen Feindes starb, wurde er zunächst am Flussufer begraben. Als man den Leichnam nach einem Jahr wieder ausbuddelte, fand man ihn – so erzählt wenigstens die Legende - unverwest und mit nachgewachsenen Haaren und Fingernägeln vor. Aus Olav Haraldsson wurde „Olav, der Heilige“,  der Trondheim alias Nidaros zu Ruhm und Reichtum verhelfen sollte und bis heute Norwegens Schutzpatron ist. Zu den sterblichen Resten des heiliggesprochenen Märtyrers pilgerten Gläubige aus ganz Europa, 40 Jahre später begann auf seiner letzten Ruhestätte der Bau des Nidarodoms.

1152 wurde die Stadt Sitz des Erzbischofs, dessen Diözese Norwegen, Grönland, Island und kleinere nordatlantischen Inseln umfasste. Der letzte Erzbischof Olav Engelbrektsson floh 1531 vor den Tumulten der Reformation. Im selben Jahr brannte die noch unvollendete Kathedrale ab und erinnerte bis zum Wiederbau im 19. Jahrhundert nur als Ruine an die klerikale Herrschaft.

Eine Stadt, viele Festivals

Heute ist der Nidarosdom Nationalheiligtum, Pilgerziel und Touristenmagnet. Jedes Jahr vom 28. Juli bis 5. August wird der Nidarosdom zum Mittelpunkt des bunten "St. Olav Festivals", das mit Gottesdiensten, Theaterstücken, Konzerten und einem Mittelaltermarkt an den einstigen König erinnert. Gleichzeitig widmet sich das Trøndersk Matfestival kulinarischen Genüssen. Künstler und Besucher aus aller Welt besuchen die jährlich stattfindenden Festivals "Trondheim Jazz Festival", "Kammermusikfestival Trondheim", "Filmfestival Kosmorama" sowie das "Nidaros Blues Festival" - für eine Stadt mit weniger als 200.000 Einwohnern sind das ziemlich viele. 

Wer leisere Töne bevorzugt, geht in der mittelnorwegischen Küstenstadt auf Besichtigungstour.

Dank dem digitalen Stadtführer (in Norwegisch und Englisch), den man auf der Internetseite des Trondheimer Tourismusamtes kostenlos downloaden kann, und der übersichtlichen Größe Trondheims ist das Sightseeing auch auf eigene Faust ganz einfach. Die App für iPhones und Android platforms führt zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Geschäften. 

Zu den Highlights zählt Munkholmen. Die "Mönchsinsel" im Trondheimsfjord war im Lauf der Geschichte Hinrichtungsstätte der Wikinger, Standort für ein Benediktinerkloster, Gefängnis und Seefestung. Die Letzten, die Munkholmen für militärische Zwecke nutzten, waren die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Während der Okkupation Norwegens errichteten Hitler Truppen auf der Insel, die im Sommer täglich mit dem Boot erreicht werden kann, unter anderem sechs Flugabwehranlagen. Heute ist Munkholmen vor allem beliebtes Ziel für Badeausflüge.
Dem Wetter trotzen

So spannend die historischen Stätten und Museen der Stadt auch sind – wer Trondheims wahren Charme kennenlernen will, sollte sich die Zeit nehmen, um ziellos umher zu schlendern und das zu tun, was zu den Lieblingsbeschäftigungen der Trondheimer gehört: in einem Café sitzen, das Treiben auf der Straße beobachten, Freunde treffen und neue Bekanntschaften schließen. Wann immer das Wetter es zulässt, sitzt man dabei draußen – wärmende Wolldecken liegen fast überall bereit. Auch an diesem Sonntag  sind die Straßencafés bei 12 Grad und Wind, für die nordische Stadt also fast noch ein Sommertag, bis auf den letzten Platz besetzt, so auch das charmante "Antikvariat, Musikkafe & Bokbar" in Bakklandet, in dem es ein ganzes Zimmer voller Schmökermaterial und regelmäßig Live-Musik gibt. Für richtig kühle Tage empfiehlt die Küche eine deftige Fleischsuppe, aber heute reichen heiße Waffeln zum Aufwärmen. "In Trondheim ist alles toll, außer das Wetter", klärt uns eine Norwegerin vom Nachbartisch auf, als es anfängt zu nieseln, und wickelt sich lachend in eine Decke. 

INFOS über Trondheim:

Anreise: Am schnellsten erreicht man Trondheim mit dem Flugzeug, meist mit einer Zwischenlandung in Oslo. Von Frankfurt bietet die Lufthansa aber auch Direktflüge an. Am schönsten ist die Anreise aber mit dem Boot. Die Schiffe des Hurtigruten-Küstenexpresses zwischen Bergen und Kirkenes legen täglich im Trondheimer Hafen an.

Reisezeit: Trondheim ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert, besonders schön ist es aber im Sommer, wenn es in den "Weißen Nächten" kaum noch dunkel wird. Auch einige Sehenswürdigkeiten sind nur in der Hauptsaison geöffnet. Bei der Reiseplanung sollte man außerdem daran denken, dass einige gute Restaurants Sonntags und Montags geschlossen sind.

Ausführliche Infos (Norwegisch und Englisch) und den digitalen Stadtführer bekommt man unter www.trondheim.com, Infos auf Deutsch bietet die Seite www.visitnorway.com/de/Reiseziele/Mittelnorwegen/Trondheim

Autor

Heidi van Elderen