Norwegen Per Anhalter durchs Land

Es gibt keine Nacht mehr. Um elf Uhr glänzen die Dächer von Bergen im Abendsonnenschein, der von Norden kommt, grell vom Ende der Welt", schrieb Alfred Andersch in seinen "Wanderungen im Norden". Und so ist es auch jetzt. Mitte Juni, der längste Tag des Jahres steht kurz bevor:Wir sind spät nachts in Bergen und es ist noch hell. Eine eigenartige Stimmung liegt über der Stadt - die Straßen sind ganz leer. Bergen schweigt. Hin und wieder durchbricht ein Röhren die Stille.Kein verirrter Elch. Nur ein einsamer Heimkehrer, der den ersten warmen Tag des Jahres mit einem Akvavit zu viel begossen hat.

Wir stehen am Anfang einer Reise von Bergen nach Ålesund, über Fjord und Fjell. Mit Boot und Bus, per pedes und per Anhalter. Eine Woche zwischen Hochgebirge und Hochsee .Auf der Suche nach der Natur, den Menschen, den Geschichten von Vestlandet. Die beiden Städte trennen nicht einmal 250 Kilometer. Aber einen direkten Weg gibt es nicht. Zu viele, zu steile Berge. Zu viele, zu tiefe Fjorde. 566 Kilometer werden wir am Ende zurückgelegt haben - davon 262 auf dem Wasser, 25 zu Fuß.

Unsere Fähre geht in aller Frühe vom Kai am Bergener Fischmarkt, die Händler bauen gerade ihre Stände auf. Arvid Olsen ist Matrose auf MS "Fjordprins". Eben hat er die Taue eingeholt, jetzt sitzt er in seiner Kajüte, isst zum schwarzen Kaffee eine Lefse - kalten Teig mit Zimt, eine Spezialität hier in Vestlandet. Die Motoren spritzen zwei mächtige Fontänen ins Hafenwasser - und schon ist Bergen verschwunden. "Früher dauerte die Fahrt bis in den Sognefjord drei Stunden, heute sind wir in einer Stunde da", sagt Arvid. Der Kapitän lenkt das Schiff mit Höchstgeschwindigkeit durch die Schären. An manchen Stellen könnte man ans Ufer spucken. In Vardetangen gehen wir von Bord. Eine Gemeinde, die 489 Inseln umfasst. Die Landkarte sieht hier aus wie ein von Motten zerfressenes Hemd. Eigentlich könnte jeder Einwohner allein auf einer Insel leben.Auf seiner øy, skjære oder holme - Norweger haben nicht zufällig so viele verschiedene Ausdrücke für "Insel" wie Eskimos für den Schnee.

Bootswechsel. Die Fahrt nach Fedje, einer kleinen Insel nördlich von Bergen, geht in eine Art Freilichtmuseum. Am Hafen stehen bunte Häuschen um eine alte Sardinenfabrik, das einzige Verkehrsmittel ist eine Kabelfähre mit Handantrieb. Über den Ort wacht eine große, weiße Kirche. Doch was gibt's zu bewachen? Die Türen sind ohnehin nicht abgeschlossen. Hotels gibt es nicht, Restaurants auch nicht.Wer in der westlichsten Gemeinde Norwegens nach einem Zimmer fragt, bekommt ein Holzhäuschen am Wasser, mit Steg und Boot. Der Postbote grüßt uns schon am ersten Tag, am zweiten Tag stoppt er seinen roten Kastenwagen für einen kurzen Plausch."Wir sind eben nur 630 Menschen", sagt er. "Nein, 629. Unsere Dorfälteste ist vor kurzem mit 101 gestorben."

Nur noch einen Fischer gibt es - und Walfänger Oddvard Nilsen-Husa. Im Winter Makrele, im Sommer Wal, so haben es schon Vater und Großvater gehalten. Sie waren mal zwölf Walfänger auf Fedje, heute gibt es im ganzen Land noch 32 Walkutter. Oddvard kramt sein Fotoalbum hervor. "Hier", er deutet auf ein Bild, das ihn mitten in einem Handgemenge zeigt. "Da hatten wir eine kleine Prügelei mit Greenpeace- Leuten." Heute warten die ehemaligen Walfänger von Fedje, manche über 80 Jahre alt, unten am Kai, wenn Oddvard von der Jagd zurückkehrt. Gemeinsam zerlegen sie das Tier. Zwei Wochen dauert es, bis ein Zwergwal zerschnitten und verpackt ist. "Schließlich sind manche zehn Meter groß", sagt Oddvard, als er uns stolz sein Boot zeigt, das Deck, die Kajüten, die Harpune.Vor drei Jahren erst hat er es gekauft. Für 25 Millionen Kronen - mehr als drei Millionen Euro. "Eine Investition für meine Familie. Und für Fedje." Demnächst wird Oddvards 29-jähriger Sohn das südlichste Walfangschiff Norwegens übernehmen.Auch wenn dessen Frau da ganz anderer Meinung ist.

Die anderen Männer arbeiten auf den Ölplattformen oder sind Lotsen, wie Erling Walderhaug, der Bürgermeister. Wenn die großen Supertanker kommen, wird der 64-Jährige mit dem Helikopter auf die Kommandobrücken gebracht. Er kennt den Weg durch die Schären wie kein zweiter. "Wir leben gerne hier.Wir haben alles, was wir brauchen", sagt er. In dem einzigen Geschäft der Insel gibt es Lebensmittel und Medizin,Tageszeitungen von gestern, Honigmelonen aus Spanien und neongelbe Hochsee-Overalls. Alles da. Nur kein Fisch. "Fisch willst du?", die Kassiererin schaut verdutzt."Wer hier Fisch will, fährt mit dem Boot raus und angelt sich einen."

Der Fjord liegt da wie Gelee. Grün und still. Am Steg kleben zwar Algen, aber das Wasser schmeckt tatsächlich süß. Etwas salzig im Abgang. Das Meer ist 200 Kilometer entfernt. "Mit dem Wasser der Flüsse kommen auch tonnenweise Sedimente ins Tal", erklärt der Glaziologe. Jedes Jahr werde der Fjord drei Meter kürzer. "Manche vergleichen den Gletscher mit einem Fabelwesen, das auf einem Berg eingeschlafen ist und seine Fühler auf allen Seiten in die Täler ausstreckt", sagt Orheim später, als wir auf der Veranda nach oben blicken, hinauf zum blauen Eis des Jostedalsbre. Das Entdeckerfieber hat uns nun endgültig gepackt. Schon Kaiser Wilhelm II. kam nach Mundal, um auf einem bestimmten Stein auf den kalbenden Gletscher zu blicken.

Wir wollen weiter hinauf. Zur Flatbrehytta, 1000 Meter über dem Fjord. Der Flatbre, ein Seitenarm des Jostedalsbre, mag zwar flach sein - zumindest verspricht das der Name. Der Weg hinauf ist es nicht.Wir treffen zwei junge Norweger mit Ski auf den Rücken. Es ist kühl, angenehmes Bergsteigewetter. Dann fängt es an zu regnen.Weiter oben geht der Regen in Schnee über. Eine weiße Wand versperrt uns den Weg zum Gletscher. Nicht das Eis, die dichten Wolken machen einen weiteren Aufstieg zu gefährlich. Wir verzichten auf den Gletscher. Vorerst. Lassen die beiden Jungs auf der Hütte zurück - lachen auch nicht mehr über ihre Idee, unbedingt im Juni noch Skifahren zu müssen. Hier oben ist Winter. Ewiger Winter. Zurück ins Hotel Mundal, zurück an den Kamin.

Vom südwestlichen Ende des Jostedalsbre zum nordöstlichen. Von Fjærland nach Stryn - es ist genau eine halbe Umrundung des größten Festlandgletschers Europas. Aber wer 487 Quadratkilometer Schnee und Eis umfahren will, ist einen halben Tag unterwegs.Wir verlassen Fjærland durch den Tunnel, der das Tal seit 1986 mit der Außenwelt verbindet. Auf der anderen Seite folgen wir den Lachsflüssen, passieren die hölzernen Angelstege über dem weißen Wildwasser, dann geht es noch über einen Pass (der Busfahrer überwindet die 600 Höhenmeter in 15 Minuten), und vor uns liegt der Nordfjord. Der kleine Bruder des Sognefjords. Endlich reißen die Wolken auf.Wir blicken hinab aufs dunkelblaue Wasser. Und hinauf ins hellblaue Eis des Jostedalsbre. Ein Postkarten-Panorama.

Weiter nach Stryn, von dort nach Geiranger. Es fährt nur ein Bus am Tag. Den haben wir verpasst. Zwei blonde Schwedenmädchen nehmen uns in einem weißen Saab mit. Sie arbeiten den Sommer über auf einer Alm, Kühe versorgen, melken. Ob wir nicht mitkommen wollen, fragen sie. Leider müssen wir ablehnen. Die Zeit wird knapp. Statt zwei Schwedinnen bekommen wir 2000 Japaner. Das Dorf Geiranger am Ende des Fjords ist das Neuschwanstein Norwegens. Imposant und wunderschön, aber hoffnungslos überfüllt. Von Menschen, Holztrollen und Souvenirgeschäften. Ein Ort wie ein guter Horrorfilm, aber wegschauen will man dann doch nicht.

Nach Hellesylt, nach Sykkylven. Orte, die nicht besonders norwegisch klingen. Der Westen ist anders. Die Leute sprechen hier anders, essen anders, denken anders. Norwegen heißt hier auch nicht Norge, sondern Noreg. Das Vestland ist Nynorskland. Man spricht Neunorwegisch. Kantiger als in Oslo.Kein falsch betontes Dänisch, wie die Leute hier sagen. Ivar Aasen hat die Sprache im 19. Jahrhundert erfunden. Wir sind in seiner Heimat.

Und dann endlich Ålesund. Hier gibt es viele schöne Jugendstilhäuser, farbig und von etwas zurückhaltender Pracht. Sie repräsentieren das Ålesund nach 1904. Nachdem ein Großbrand das Zentrum zerstört hatte, wurde es mit Spenden auch aus Deutschland neu errichtet.Wilhelm II. ordnete sofortige Hilfslieferungen an, und zahlte aus seiner Privatschatulle. Noch heute ist eine Hauptstraße nach dem Norwegen-Fan benannt.

"Der Morgen ist blau. Die Küste und die Inseln liegen gewaltig und vollkommen leer unter einem Sommerhimmel, in einem homerischen Licht", schrieb Alfred Andersch, als er hier war. Unser Morgen ist grau und kalt.Wir gehen den Kai entlang. Irgendwo muss hier doch eine Fähre gehen, die uns zurück in den Süden bringt. Zurück in den Sommer.

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Autor:
Jan Kirsten Biener