Norwegen Mit dem Postschiff bis zum Nordlicht

Windstärke drei modelliert winzige Wellen in die graublaue See. Frischt die Brise auf, bekommt das Wasser eine Gänsehaut. Während über unseren Köpfen dunkelgraue Wolkenfetzen hängen, nimmt der Horizont ein Bad in den freundlichsten Blautönen – da wollen wir hin: 15 Uhr ist es, als das Schiff den Hafen von Bodø, rund hundert Kilometer hinter dem Polarkreis, verlässt und Kurs nimmt auf die Lofoten-Inseln in der sonnigen Ferne, die Winterwunderwelt in Norwegens hohem Norden.

Unser Schiff heißt „Richard With“. Es pflügt mit 15 Knoten, rund 28 Kilometern in der Stunde, durch den Vestfjord. Als wir uns dem Ziel nähern, färbt die späte Nachmittagssonne die bis zu tausend Meter hohen, vereisten Bergzacken der Inselkette glutrot. Wer jetzt gerade ein Schläfchen hält, macht den Fehler seines Lebens. Die Nordlicht-Erfahrenen drängen sich an der Reling, Daunenjacke an Daunenjacke. Und legen die Kamera nur aus der Hand, um sich mit einem Schluck Kaffee aus roten Thermo-Bechern zu wärmen, die haben sie eilig vom Bord-Café mit an Deck genommen. Vier Stunden dauert die Überfahrt nach Stamsund auf der Insel Vestvågøy – es ist der Auftakt für eine der schönsten Seereisen der Welt, im Sommer wie im Winter: mit einem Postschiff der Hurtigruten entlang der kantigen Fjordküste Norwegens unterwegs zu sein.

Wir machen das zum dritten Mal, wie
der im späten Winter. Wie auf unserer 
Hochzeitsreise vor 24 Jahren mit der 
„Harald Jarl“. 35 Passagiere leisteten uns
 damals Gesellschaft, 450 sind es dies
mal, womit die „Richard With“, 30 Jahre
 jünger als die „Harald Jarl“, nur zu zwei
 Dritteln ausgelastet ist. Denn sie hat die
 Dimension eines Kreuzfahrtschiffs: sieben Decks mit komfortablen Kabinen, 
zwei verglaste Salons. Doch auch sie 
transportiert noch kistenweise Briefe,
 Güter sowie Passagiere und läuft zwi
schen Bergen im Süden und Kirkenes im Norden 34 Häfen an – dieselben wie schon 1893, als Hurtigruten an den Start ging. Und noch immer können die Küstenbewohner die Uhr nach den Postschiffen stellen.

Ein Fest mit reichlich Honigbier, Süßkartoffeln und Beeren-Jus

Einige von ihnen stehen am Kai, als unser Schiff in den Hafen von Stamsund einläuft. Schauen zu, was das Schiff so aus seinem Bauch entlässt: einen Flachbildschirm, von irgendjemandem im Ort sicherlich lang erwartet, ein nagelneues Auto, einen Sarg. Stamsunder gehen von Bord, ihre Angehörigen und Freunde und auch ein paar von uns Touristen.

Das Nordkap.
J. Wildhagen/visitnorway.com
Das Nordkap.
Während die „Richard With“ weiter nach Svolvær stampft, bringt uns ein Bus durch das stille, große Weiß der Winterlandschaft ins Wikingermuseum, Nachbau eines Langhauses aus uralter Zeit. Da feiern wir nach überlieferten Wikinger-Regeln ein Fest mit Gesang, reichlich Met (Honigbier), zartem Lammfleisch, Süßkartoffeln, Beeren-Jus und Rahm.

Nach drei Stunden müssen wir die Krüge sinken lassen. Schade, doch die Zeit läuft. Nur rechtzeitig wieder an Bord sein, bevor das Schiff in Svolvær aus dem Hafen dampft.


Eine Reise mit Hurtigruten kann einen ganz schön in Trab halten: Die berühmte Eismeer-Kathedrale bestaunen wir in Tromsø. In einem mit Rentierfell bespannten Hundeschlitten lassen wir uns in Honningsvåg über Stock und Stein ziehen. Abenteuerlich ist es auch, im Licht der Sterne mit Motorscootern über die verschneite Hochebene von Kirkenes zu brettern. Oder mit Schneeschuhen an der russischen Grenze herumzustapfen – trotz kundiger Führung durch einen Samen kein Spaziergang. Ganz grandios: an Europas nördlichstem Punkt zu stehen, dem Nordkap, ein windumtoster Schieferfels 300 Meter über dem Meer.

Die Stille der Landschaft aus Stein und Eis, die Klarheit der Konturen: Es ist leicht, sich in Norwegen zu verlieben. In jedem Hafen leuchten bunte Holzhäuser. Auf Holzgittern hängen Kabeljauhälften zum Trocknen, der berühmte Stockfisch. Jede Seemeile gibt es Neues zu sehen: Einmal entdecken wir Hunderte vom Meerwasser glatt geschmirgelte Insel-Buckel, die Sonnenstrahlen mit rotgelbem Licht übergießen. Sich in ein Buch zu versenken fällt schwer. Immer ist da das Gefühl, etwas zu verpassen. Wie gut, dass die Nächte zu dunkel sind zum Sightseeing. Die gleichmäßigen, leisen Geräusche der Schiffsmotoren lassen einen doch in den Schlaf gleiten.

Eine Schiffstour entlang der Fjordküste.
A. Giubelli/visitnorway.com
Eine Schiffstour entlang der Fjordküste.
Um 6.30 Uhr legen wir 250 Kilometer nördlich des Polarkreises an. Die kleine Stadt Harstad erwacht gerade. Ein Blick durchs Bullauge unserer Kabine zeigt, dass im Hafen Schneeräumfahrzeuge mit Blinklicht im Einsatz sind. Es ist entschieden zu früh und zu eisig hier oben für einen Landgang. Stattdessen nehmen wir uns Zeit für das reichhaltige Frühstücksbuffet.

Die Mahlzeiten an Bord sind ein Ereignisse, alle, morgens, mittags, abends. Die Schiffsköche servieren vor allem Fisch, viel Lachs, in zahlreichen Varianten. Ein Highlight für uns: der Abend, als die Fischer vom Kjøllefjord, östlich vom Nordkap, mit riesigen Königskrabben die Gangway hochkommen. Bei Tisch knacken wir das weiche Fleisch aus dem Panzer.

Die Übernachtung im Eishotel gehört zu den Höhepunkten der Reise

Ein paar Tage lang gemeinsam an einem Tisch zu sitzen, das schafft fast familiäre Nähe. Wir fotografieren uns gegenseitig und beschließen das Essen mit einer wilden Schneeballschlacht im Hafen. Wunderbar, am nächsten Nachmittag im gurgelnden Whirlpool-Spa im Heck der „Richard With“ abzutauchen, harte Wasserstrahlen massieren Arme, Beine, Bauch. Mir gefällt das Bad auch bei ordentlichem Seegang, durch die Scheiben beobachte ich das sturmumtoste Nordkap. Die schräg stehende Sonne färbt die vom Wind gepeitschten Wogen währenddessen bronze.

Unser letzter Hafen ist Kirkenes. Die letzte Stadt vor der russischen Grenze, nach dieser Station machen sich die Schiffe wieder auf den Rückweg. Doch zuvor übernachten wir noch im Eishotel, sicher ein Höhepunkt der Reise. Bei minus vier Grad streicht die gefrierende Atemluft über meine Nasenspitze. Die Wangen sind frostig kalt, den Rest meines Körpers halten lange Unterwäsche, Mütze und Polarschlafsack jedoch kuschelig warm. Dennoch verlasse ich noch einmal mein warmes Nest und stapfe durch die stille, unberührte Winterwunderwelt – um den glitzernden Sternenhimmel zu bewundern.

Reise-Informationen:

Abenteuer Arktis: Die 5-tägige Reise von Bodø nach Kirkenes kostet ab 1695 Euro p. P und beinhaltet die Schiffspassage in einer Außenkabine, Vollpension, Nordkap-Ausflug, eine Hotelübernachtung in Kirkenes sowie die An- und Abreise per Linienflug. Die klassische Reise von Bergen bis Kirkenes dauert 7 Tage und ist individuell zu verlängern.

Die Schiffe: Die „Richard With“, Baujahr 1993, gehört zur mittleren Generation und bietet bis zu 700 Passagieren modernen Komfort. Die „MS Trollfjord“ und „MS Midnatsol“ liefen 2002/2003 vom Stapel und sind schwimmende Hotels der Luxusklasse für 800 Passagiere. Wer es tradi- tionell mag, geht an Bord der „MS Lofoten“, ausgestattet für 400 Gäste.

Mehr Info: Hurtigruten GmbH, Burchardstraße 14, 20095 Hamburg, Tel. 040/37 69 30, im Internet: www.hurtigruten.de

Schlagworte:
Autor:
Christiane Fricke