Norwegen Fjorde, Lachse und ein wenig Nervenkitzel

Die kleine Gemeinde Sauda ist Endstation. Weiter nördlich geht es im Winter von hier aus nicht - nicht mit dem Schiff, und auch nicht mit dem Auto auf dem Rijksveg 520, einer der längsten Touristenstraßen Norwegens. Wer Sauda in der kalten Jahreszeit erreicht, hat genau zwei Möglichkeiten: Bleiben oder zurückfahren nach Stavanger, in die norwegische Ölmetropole zwei Fährstunden südlich von hier.

Im Winter nutzen viele Norweger aus Hjelmedal und Stavanger die Fährverbindungen in die schneereiche Welt am Ende des Saudafjord, um hier dem Skilanglauf nachzugehen. Zwei Meter Schnee sind keine Seltenheit in den bis zu 1500 Meter hohen Bergen rund um die 4500-Seelen-Gemeinde in der norwegischen Provinz Rogaland. Bis 1899 wurde in der Nähe Zinkabbau betrieben. Ein Stahlwerk in Sauda, direkt am Fjord gelegen, kündet noch von der schweißtreibenden Arbeit. Doch die Zeiten sind hart: Von einst 1500 Mitarbeitern reduzierte die Geschäftsleitung des Werkes die Belegschaft auf heute verbliebene 200. Ein harter Schlag hier in der norwegischen Provinz.

Ein Rundwanderweg von Heuschober zu Heuschober

Ein paar Kilometer weiter südlich in Maldal schmatzt bei jedem Schritt das saftige Gras unter den Wanderstiefeln. Quer durch das Maldalland führt ein Rundwanderweg von Heuschober zu Heuschober. "Jeder Schober hat seine eigene Geschichte", sagt Ragnar Fosstveit, der die Region um Sauda und Maldal von Kindes Beinen auf kennt. Rendsdalløa, Peraløa, Krokavatløa, Longamyrløa - die Namen klingen exotisch. Das Gelände jedoch ist Bilderbuchnorwegen. Mal morastig, mal felsig, bergauf und bergab. Dazu der stete Blick auf Berge und Seen, auf die rot gestrichene, sich im ruhigen Bergseewasser spiegelnde Fischerhütte des Maldal-Clans. Einatmen. Ausatmen. Luft schnappen. Zeit ist hier keine feste Größe. Tiefenentspannung pur.

Auch Bjørn Moe ist tiefenentspannt. Ein Norweger halt. Ein Mann wie ein Baum, dem man ohne Rückfrage abnimmt, dass er das selbstgebraute Bier, das er seinen Gästen auf Mo Laksegard, Moe's Lachsfarm eine halbe Fährstunde südlich von Sauda serviert, persönlich einem Qualitätstest unterzieht. Eigentlich würde Bjørn Moe sein Gebräu auch gerne abfüllen und weiterverkaufen. Aber: "Ich darf es nicht. So ist Norwegen. Das sind die Regeln." Am Suldalslagen nahe der Gemeinde Sand hat sich Bjørn Moe auf zweieinhalb Kilometern Flusslänge die Fischereirechte gesichert.

Seinen Hof führt der Lachsfarmer in vierter Generation. Die Lachse kommen ganz freiwillig hierher - vorbei auf ihrem Weg aus der Nordsee zurück zu ihren Schlupfplätzen, wo sie laichen und dann sterben. Doch wer bei Bjørn Moe Lachse angeln will, braucht Durchhaltevermögen. Zwischen acht und zwölf Kilogramm bringt ein ausgewachsenes, vollgenährtes Normalexemplar hier auf die Waage. Bjørn Moes persönlicher Fangrekord liegt bei 18 Kilogramm, erzählt er nicht ohne Stolz.

Lachs in Weißweinsauce - eine wahre Köstlichkeit

Ganze 34 Kilogramm schwer soll gar ein Lachs gewesen sein, den ein Engländer 1913 nach zwölfstündigem Kampf aus dem klaren Wasser des Suldalslagen gezogen haben will. Anglerlatein oder nicht - man weiß es nicht. Bjørn Moe indes lässt keine Zweifel. Auch nicht, wenn es um die Lachssafaris geht, die bei seinen Gästen besonders in der Spätsommersaison beliebt sind. "Das Wasser ist zu dieser Zeit nicht kalt. Etwa zwölf Grad warm." Und später im Jahr, wenn sich die Schwimmer mit Neoprenanzug in den Suldalslagen stürzen und sich mit der Strömung flussabwärts durch die Lachskolonien treiben lassen? "Na dann ist es nur ein bis zwei Grad warm", sagt Bjørn Moe und grinst.

Ein Kalt-Warm-Gefüge scheint der Mann nicht zu kennen. Dafür ist der Lachs in Weißweinsauce, den Moe's Mutter Borghild im Gastraum der Farm serviert, eine wahre Köstlichkeit. Zu besonderen Anlässen lässt es sich die Dame des Hauses trotz ihres betagten Alters nicht nehmen, selbst aufzutischen. Etwa dann, wenn der König vorbeischaut. Was durchaus vorkommen kann im kleinen Norwegen. Olav V. schaute 1982 auf Mo Laksegard vorbei. Ein Dutzend Jahre später waren es dann Harald und Sonja, die sich den kulinarischen Hochgenuss von Borghild Mo nicht entgehen lassen wollten. Der "Stuhl der Könige" steht seither ebenfalls im Gastraum des Hauses. Auf ihm sitzt heute standesgemäß der unumstrittene König der Lachsfarm. Bjørn Moe. Natürlich.

Die mystische Anziehungskraftdes Preikestolen

Ob Bjørn Moe schon einmal zu den rund 150.000 Wanderern gehörte, die jährlich den Preikestolen, den "Mount Everest" Norwegens besteigen, bleibt indes sein gut gehütetes Geheimnis. Aber: Kein anderer der zahlreichen Felsblöcke Norwegens strahlt eine solche mystische Anziehungskraft auf Wanderer aus wie der mächtige Fels hoch über dem Lysefjord. Kurz vor dem Ziel, da, wo man als Wanderer während des Aufstiegs das Lichterspiel beim Blick hinab auf den Lysefjord schon hinter sich gelassen hat, verengt sich der Weg. Jedes Straucheln, jeder unbedachte Schritt kann nun ein Schritt zuviel sein. Einen Halt gibt es hier nicht. In Aufstiegsrichtung links ist der Abgrund mehr als 400 Meter tief. Die Bond-Maxime "Man lebt nur zweimal" ist hier außer Kraft gesetzt. "Living on the edge" passt da schon eher.

Menschen mit Höhenangst sind hier eigentlich fehl am Platz. Und dennoch laufen auch sie zu Hunderten diesen Wanderweg hinauf. Angekommen auf der "Kanzel" zeigt sich auch warum. Die fußballfeldgroße Plattform 600 Meter über dem Lysefjord ist das steingewordene Borderline-Syndrom. Ein Quadrat, vier Seiten, drei davon Abbruchkanten. Der Blick unbeschreiblich, der Nervenkitzel auch. Champagnerkorken knallen. Menschen feiern hier ihren Geburtstag. Und ihre Eheschließung. Für nachträglich Unentschlossene ist der direkte Rückfahrschein nur wenige Schritte entfernt. Einige Wagemutige trauen sich bis ganz auf den Felsrand, lassen die Füße über den Abgrund baumeln. Das Gefühl der totalen Freiheit setzt ein. Nur Fliegen müsste man jetzt noch können - und die Tiefenentspannung Rogalands wäre vollkommen.

Autor

Thorsten Keller