Norwegen Drei Namen für den Dorsch

Fetter Fang. Im Bauch des Fischkutters "Iversen Jr." stapeln sich dicke Dorsche. Am Kai von Ballstad steht ein Kranmann im Regen und hievt mit einem Haken den frischen Fisch an Land, in der Fabrik werden die Messer gewetzt. Kapitän Børge Iversen klettert über die Reling, zieht die festen blauen Gummihandschuhe mit den Spikes über, gesellt sich zu den Fabrikarbeitern und zückt ebenfalls die Klinge.

Ihm gegenüber an der Fischrutsche steht Sohn Roy: einen Kopf größer, gut eine Schulter breiter, stämmige Statur, braunes Haar anstatt des väterlichen Rot - der junge Bär und der alte Fuchs. Ein eingespieltes Team, mit zusammengekniffenen Augen und selbst gedrehten Zigaretten in den Mundwinkeln. Eigentlich ist Rauchen in Norwegen so gut wie überall verboten, aber das sag mal einem Iversen! Der lacht nur.

Heute hat Børge Iversen allen Grund dazu, denn der nächtliche Beutezug brachte 1500 Kilo Skrei. Der Dorsch, der zwischen Januar und März zum Laichen aus der eisigen Barentssee in den warmen Vestfjord zieht, wird von den Kuttern abgefangen. "Früher waren mal 30.000 Fischer draußen und fingen Millionen von Skrei, heute sind wir nur noch 3000. Weil die großen Schwärme ausbleiben", sagt Iversen, und die Kippe klebt an der Lippe, wippt auf und ab.

Trotz der Gnade des Golfstroms, der Norwegens Küste vom Eis frei hält und in der Vergangenheit mit reichlich Fisch segnete, zählen die Fischer wie ihre Beute zu einer vom Aussterben bedrohten Art: Wer sein Boot abwrackt, bekommt vom Staat dafür eine Prämie. Die hätte Iversen auch kassieren können, als er ein gebrauchtes Boot samt Fangquote erwarb. Er aber ließ sich nicht beirren, fuhr mit dem Kutter hinaus, fing viel, zu viel, und versenkte sich dabei selbst, weil der Fang durch den morschen Boden brach. Ein Freund habe ihn aus der eisigen See gefischt, erzählt später seine Frau Mary Ann beim Frühstück. Rauchend und mit Kaffeetasse in der Hand.

Er hätte auch auf eine der vielen Bohrinseln gehen können, um dort sehr viel Geld zu verdienen. "Ich mag keine Bohrinseln, und ich will auch keine Bohrinsel vor der Haustür", sagt Iversen. Kapitän Rotbart sagt nicht nur was er denkt, sondern vertritt seine Meinung auch als roter Gemeinderat der Lofoten-Insel Vestvågøy gegenüber den regierenden Genossen seiner Arbeiterpartei.Wo Statoil draufsteht, da reden auch die Politiker mit, sie dirigieren den norwegischen Wohlfahrtsstaat vom südlichen und tausend Kilometer entfernten Oslo aus und können nicht immer nachvollziehen, was die Parteifreunde am Polarkreis bewegt.

Die beiden Fischer haben nach getaner Arbeit erstmal Hunger. Ihr Fang ist gut versorgt, die kopflosen Leiber wandern weiter ins grobkörnige Salz, wo sie sich weiß paniert in den beliebten Klippfisch verwandeln werden. Die gesammelten Dorschköpfe gehören den Kindern, der Nachwuchs säbelt die Zungen heraus und kassiert für die Delikatesse 50 Kronen pro Kilo. Gutes Taschengeld im Sinne der uralten Tradition. Vater Iversen rollt die Tonne mit den toten Augen in eine Ecke der Halle und hängt ein Namensschild daran, die Köpfe sind reserviert für seine 14-jährige Tochter Siv.

In der Wohnküche schenkt Mary Ann Iversen ihren zwei Seemännern dampfenden Kaffee ein, und das Holzhaus ist erfüllt vom Duft-Gemisch aus Kaffee, Tabak - und Fisch. Denn zum Frühstück gibt es Fisch. In allen Variationen: geräucherten Lachs, geräucherte Makrele, Dosen mit Hering in verschiedenen Soßen und Kaviar - aus Tuben.

Die Liebe der Norweger zur Konserve muss vom Stockfisch stammen. Das einstige Gold der Lofoten ist seit tausend Jahren der Exportschlager, wegen des intensiven Geschmacks und seiner langen Haltbarkeit. Damit sich ein gemeiner Dorsch in einen edlen Stockfisch wandeln kann, muss dieser kopflos sein, aufgeschlitzt bis zur Schwanzflosse und ausgeweidet. Dann hängen die Männer den Fisch an Holzgerüsten auf, manche sehen aus wie Dachstühle, andere wie Hopfengestelle, und lassen ihn im Freien rund drei Monate trocknen.

Seit geraumer Zeit jedoch sei auf die Natur kein Verlass mehr, sagt Steinar Larsen. "Die Fische brauchen kalte und trockene Luft, ein wenig Regen oder Eis macht nichts, wird es aber zu warm und zu feucht, verdirbt der Fisch." Am südlichsten Zipfel der Lofoten-Insel Moskenesøy in Å leitet er das einzige Stockfischmuseum der Welt, in der früheren Fischfabrik seiner Familie. Er weiß alles über die brettharten Fischmumien: Dass die Leiber mit dem Rücken gegen Südwest baumeln müssen, um gefeit zu sein gegen Regen, dass der Fisch zur Erntezeit rund 80 Prozent seines Gewichts verloren hat, weil das Fett verschwand und das Eiweiß geblieben ist. Dass in der Saison auf einer Fläche von 400.000 Quadratmetern die Fische im Wind wehen. Die deutsche Hanse als Generalimporteur mit Sitz in Bergen hielt bis 1550 das Handelsmonopol auf Stockfisch und unterschied das Produkt schon damals in fünf Qualitäten mit 16 Kategorien, sagt Larsen. Und wie früher reklamieren 90 Prozent der Premium-Qualität die italienischen Abnehmer für sich.

"Schuld an der Stockfisch-Euphorie in Italien war ein gewisser Pietro Querini", erzählt Larsen. Der venezianische Kaufmann wollte 1431 nach Flandern segeln, kam völlig vom Kurs ab, erlitt Schiffbruch vor Schottland. Der Golfstrom nahm ihn und die Gefährten mit in den hohen Norden, zu seiner Zeit ebenfalls ein Ende der Welt. Fischer der Insel Røst fanden die Gestrandeten, päppelten sie wieder auf, und die Legende sagt, dass später Babys mit zuvor nie gesehenen Muttermalen die Insel bereicherten. Tatsache ist, dass die Gäste Stockfisch als Reiseproviant für den weiten Weg in die Heimat mitbekamen, und seitdem gehört stoccafisso zur nationalen Küche Italiens.

"Ja, die alten Geschichten", sagt Børge Iversen und fingert Tabak ins dünne Zigarettenpapier. "Ich kann dir eine ganz aktuelle erzählen, doch die ist leider nicht so schön, eher gruselig. Die Geschichte von der riesigen Kamtschatka-Krabbe, die jetzt Dauergast bei uns ist.Ausgewachsen wiegt sie ungefähr zehn Kilo, kann fast zwei Meter groß werden, frisst alles, was sie findet und vermehrt sich ungehemmt, weil sie kaum natürliche Feinde hat - wahrlich kein Fisherman's friend."

Worüber sich ein paar Kollegen in den nördlichen Provinzen sogar freuen, so sie eine der wenigen Lizenzen zum Fischen der Krabbe besitzen. Denn das als Feinkost gehandelte Fleisch des Ungetüms erzielt Spitzenpreise. Iversen aber sieht richtig rot, wenn die Krabben seine Netze ruinieren oder als gefürchteter Beifang die Dorsche anknabbern. Er würde die Krabben am liebsten alle wegfangen - nicht um reich zu werden, sondern um die Welt zu retten, oder zumindest seine Lofoten-Küste. Denn das Heer der Monster vom Meeresgrund schreite unaufhaltsam voran, sagt Nina Jensen vom World Wildlife Fund.

Sie sei selbst entsetzt, sagt die Meeresbiologin, dass eigentlich niemand genau wisse, was dort unten passiere. "Offiziell wird die Anzahl auf vier Millionen geschätzt, es können aber auch 40 Millionen sein. Die Regierung sieht nur den Rohstoff, weniger die Bedrohung." In den sechziger Jahren holte die Sowjetunion tausende Krabben aus dem Pazifik und siedelte sie in der Barentssee an. Russland sah auch nur den Rohstoff, brauchte mehr Meeresfrüchte fürs Volk. Das Experiment gelang. "Die Krabbe aber ist eine fremde Art im Eismeer, sie wird weiter in den Süden wandern und dabei alles zerstören. Wir können nur hoffen, dass die Jagd bald eröffnet wird, bevor es zu spät ist."

Auch für Iversen wird es langsam Zeit, denn am Kai wartet bereits eine kleine Angelpartie auf ihn. Drei Herren um die Fünfzig, vermummt in dicke Regenkleidung, kämpfen bereits mit den orangefarbenen Schwimmwesten. Das Trio möchte hinaus auf den bewegten Vestfjord, wo die vergangenen zwei Tage die Skrei-WM tobte: die jährliche Weltmeisterschaft im Dorschangeln. Seit 1991 pilgern die Petrijünger aus Skandinavien, Russland und Resteuropa zum Konklave nach Svolvær, um mithilfe von Carbon-Ruten,Titan-Rollen und Aquavit in Edelstahl den neuen Papst an der Angel zu küren. Nur die Länge zählt, oder das Gewicht.

Bewohner der restlichen Fischerdörfer betrachten das Spektakel eher skeptisch, andere strafen es mit Ignoranz.Wenn die Fischer mit Touristen an Bord in See stechen, dann zum Fischefangen nach traditionell norwegischer Art: Eine Schnur wird von einem Brett gewickelt, Haken werden wie Klammern an einer Wäscheleine daran befestigt und die Leine über die Reling auf und ab gezogen. Früher habe er sich nichts aus Touristen gemacht und sei zur Hochsaison, wenn hunderttausend Gäste die Inseln besetzen, zum Heringfangen in die Barentssee geschippert, erzählt Iversen. Doch da krabbelt überall die Kamtschatka-Krabbe und verdirbt den Spaß, dann lieber ein Schwarm von Touristen.

Familie Iversen renovierte die rorbuer, die eigenen alten Fischerhütten, die bei den Fremden so beliebt sind, und kaufte noch ein paar Fertigmodelle aus dem Baumarkt als Ferienhäuschen dazu: innen Kiefer rustikal mit Dusche und Satelliten- Fernsehen und außen viel rote Farbe. "Jetzt bin ich jeden Sommer bei meiner Familie, das ist schon ein schöneres Leben, als immer unterwegs zu sein. Und die Angeltouren mit den Touristen entspannen einfach", sagt Iversen.

Mittlerweile schwappen die Wellen etwas höher, die "Iversen Jr." rollt hin und her, und nur noch zwei Angler ziehen die Strippen an Bord, ihr Freund hat sich aufs Füttern der Fische verlegt. "Es ist eben nicht jeder zum Fischer geboren", sagt der Kapitän, dreht mit der Rechten seine Zigarette fertig und mit der Linken auf den neuen Kurs: zurück zu seinem Sjøstrand nach Ballstad, der fette Fang muss in die Pfanne.

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Autor:
Stefan Becker