Monaco Formel 1 im Schneckentempo

Alle wollen im Prinzip immer nur das Eine - mit möglichst authentischem Schumi-Feeling jene 3,34 Kilometer runterreißen, auf denen die Silberpfeile, Ferraris und andere Luftverpester seit 1950 ihre Meisterschaft austragen. Alle bis auf Stephane Dray. Er hat bei seiner Rundfahrt das etwas andere im Blick. "Ich würde keinem Ortsfremden empfehlen, diese Strecke mit dem Fahrrad zu benutzen," warnt er eindringlich und wirft den anheimelnd surrenden Elektromotor seines Zweisitzers - Typenbezeichnung Estrima Biro an. Autofahrer in Monte Carlo seien nicht daran gewöhnt, die engen und kurvenreichen Straßen mit unmotorisierten Zweiradfahrern teilen zu müssen.

"Nur den David Coulthard sehe ich hier manchmal, wenn er auf dem Fahrrad seinen Frühsport betreibt", sagt Dray. Ausgerechnet David Coulthard. 2000 und 2002 hat er den Grand Prix de Monaco gewonnen, 2001 fuhr der Schotte auf McLaren Mercedes mit durchschnittlich 152 km/h sogar die schnellste Rennrunde, obwohl er das Rumkurven in diesen engen Gassen immer als "reinen Irrsinn" bezeichnet hatte. Nelson Piquet, dreifacher Weltmeister, jedoch niemals Gewinner in Monte Carlo, dafür aber 1983 mit der schnellsten Runde mit einem für heutige Maßstäbe relativ behäbigen Durchschnitt von 136 km/h - verfluchte den Monaco-GP sogar als "Hubschrauber-Fliegen im Wohnzimmer".

Drays Schneckenhäuschen nähert sich inzwischen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45 Kilometern pro Stunde jenem Tunnel, den die F1-Piloten im Blindflug mit Tempo 300 durchqueren. Gleich hinter der Ausfahrt deutet er nach links: "Siehst du die 'Force Blue'? Diese Yacht gehört dem Briatore. Dort drüben im Café Sass triffst du jene Formel-1-Leute, die nicht mit der eigenen Yacht kommen, die Techniker, ab und zu auch der Lewis Hamilton und die anderen Fahrer." Schon für den legendären Sportkarossen-Fabrikanten Enzo Ferrari spielte dieses Café die Rolle einer Zweitadresse - zumindest dann, wenn der Rennzirkus in Monaco gastierte.

Weiter geht die Fahrt, mit Einwürfen von "Da oben wohnt Roger Moore" über "Dieses Appartement gehörte mal dem Michael Schumacher" bis hin zu: "Was glaubst du, wer da unten residiert?" Die Mauer rund um den Bungalow mit dem fantastischen Blick auf das Mittelmeer lässt vermuten, dass der Eigentümer sich vor Einbrechern fürchtet. "Irrtum. Die Mauer schützt vor Ausbrechern. Es ist das Gefängnis von Monaco", sagt Dray. Und was muss ich tun, um diese herrliche Aussicht genießen zu dürfen? "Das wurde nicht gebaut für Schokoladen-Diebe. In diesem Gefängnis sitzen Verbrecher, wie es sie nur in Monaco geben kann." Also Betrüger und Wirtschaftskriminelle der gehobenen Preisklasse.

Für Taschendiebe und andere Kleindelinquenten empfiehlt sich der Küstenstreifen südwestlich von Monaco - also Nizza, Cannes, St. Tropez, Antibes und die übrige Côte d'Azur, wo die Polizei-Dichte weniger hoch ist. Denn im Fürstentum kommt auf 70 Monegassen jeweils ein Ordnungshüter, elf Polizei-Dienstellen verteilen sich auf 2,02 Quadratkilometer und mehr als 500 staatliche und private Videokameras sind hier ständig im Einsatz. Ein Mord findet in Monaco statistisch nur alle zehn Jahre statt. Die Untertanen von Albert II. genießen eine hohe "gefühlte Sicherheit", die auch von den Tourismus-Managern gerne hervorgehoben wird.

Und was haben die Monegassen davon, dass ihr Fürst sich als Schützer der Umwelt, vor allem der Meere, zu profilieren versucht? Stephane Dray beginnt seine zweite Runde über den Circuit de Monaco mit dem Hinweis: "Rainier III. hat jedes verfügbare Fleckchen Erde seines Fürstentums bebauen zu lassen. Sein Sohn macht diese Bausünden wieder gut, indem er bei den Untertanen das Öko-Bewusstsein weckt."

Der Erfolg dieser Kampagnen ist in den Straßen von Monaco heute schon zu sehen: Auf jeden Bentley, Rolls Royce und die übrigen Sprit-Vielfraße kommt mindestens ein Energiespar-Auto. Immerhin hat Monaco immer schon versucht, das Verkehrsaufkommen auf seinen Straßen zu reduzieren - zumindest an jenen Wochenenden, wenn hier höchstens 24 Fahrzeuge zugelassen waren. Vorausgesetzt, ihre Piloten hatten sich für den Grand Prix qualifiziert.

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Autor:
Winfried Dulisch