Monaco Casino Monte Carlo - Mick Jagger darf rein, Fürst Albert nicht

Man kann die Geschichte des Glücksspiels bis in graue Vorzeit verfolgen, selbst in christlichen Mythen wird gezockt. Schließlich sollen römische Soldaten um das Gewand des gekreuzigten Jesus gewürfelt haben. Der Titel des ältesten Gewerbes der Welt geht an einen anderen Geschäftszweig, womöglich aber nur um Haaresbreite. Um Besitztümer gespielt wird gewiss bereits solange, wie es Besitztümer gibt. Und am liebsten dort, wo man viel davon hat. Womit man bei Monaco wäre.

Ganz so einfach ist die Rechnung dann allerdings doch nicht. Denn die Gründung der Spielbank Monte Carlo war nicht die brillante Idee liquider Privatmänner mit Vorliebe fürs Kartenspiel: Das Glücksspiel sollte die Wirtschaft des defizitären Landes erst ankurbeln. Unter Fürst Charles III. wurde das Casino am 18. Februar 1863 eröffnet, die Leitung übernahm François Blanc, der zuvor die Spielbank im hessischen Bad Homburg führte. Noch heute brüstet sich das Etablissement in der Provinz mit dem Namen "die Mutter von Monte Carlo" - nachvollziehbar, wenn der Spross derart Karriere gemacht hat.

Nachdem Blanc dem Lockruf ins Fürstentum folgte, verwandelte er die etwas krude Idee des Landesvaters in einen Erfolg. Wenn einem beim Stichwort "Monaco" als allererstes die Spielbank einfällt, hat das geschichtlich sogar eine gewisse Berechtigung. Um das Grand Casino herum entstand nämlich erst die Infrastruktur, die es erlaubte, hier sein sauer verdientes (oder geduldig ererbtes) Geld in den Staatssäckel zu werfen. Blanc ließ Hotels aus dem Boden stampfen und setzte sich für den Bau von Straßen und einer Eisenbahnlinie ein. Das Konzept ging auf: Nur wenige Jahre später finanzierte sich der Staatshaushalt durch die Einnahmen der Spielbank, seitdem werden in Monaco keine direkten Steuern eingetrieben. Dass das Casino die Ausgaben des Landes auch heute noch deckt, ist allerdings eine hartnäckige Legende. Hier ansässige Unternehmen müssen sehr wohl Abgaben zahlen, von der Steuerpflicht sind nur Privatpersonen entbunden - Mehrwertsteuer zahlt man aber auch hier.

Nur für drei Monate standen in Monaco die Glücksräder still: Im deutsch-französischen Krieg 1870 wurde das Casino geschlossen. Ironischerweise gingen daraufhin viele Geschäftsleute aus Nizza auf die Barrikaden, die sich zuvor aus moralischen Gründen für die Schließung des Spieltempels ausgesprochen hatten. So tief hatte sich die Spielbank in die Wirtschaft der Region eingegraben, dass der Handel ihr Fehlen zu spüren bekam. Am 1. Dezember öffnete das Casino wieder - und blieb es durch zwei Weltkriege und wirtschaftliche Verwerfungen hindurch.

Seinen ersten handfesten Skandal erlebte das Casino bereits in den ersten Jahren. Der britische Ingenieur Joseph Jagger rückte der Bank mit brachialer Mathematik auf den Leib. Er notierte mithilfe von sechs Komplizen penibel die Ergebnisse von sechs Rouletterädern in Monte Carlo und stellte fest, dass eines gewissermaßen "eierte": Das Rouletterad schien neun der 37 Ziffern zu begünstigen. Eine Erkenntnis, die sich gewinnbringend einsetzen ließ: Im Juli 1875 gewann Jagger an 3 Tagen 60.000 Pfund. Wem das "nur" wie eine stolze Summe erscheint, bereinige das Ergebnis um die Inflation. Im 21. Jahrhundert hätte Mr. Jagger die Bank um 3 Millionen Pfund erleichtert.

Die wechselnde Gunst Fortunas

Zwar versuchte die Spielbank den (vermeintlichen) Glückspilz zu verwirren, in dem sie die Roulettetische vertauschte, der Gefoppte fand dennoch nach einer Pechserie "seinen" Tisch wieder. So ging das Spiel hin und her, das Casino ging schließlich dazu über, die Zahlen auf dem Rad täglich zu vertauschen. So geht Glücksspiel auch. Letztendlich gab Jagger auf, immerhin mit 65.000 Pfund auf der Tasche. Seitdem gilt er als der erste "Mann, der die Bank von Monte Carlo gesprengt hat". Ziemlich Rock'n'Roll - wenn man dem britischen glauben darf, ist Mick Jagger von den Rolling Stones sogar ein entfernter Verwandter des schlauen Fuchses.

Der zweite Herr, der sich mit dem Titel schmücken darf, ist ein gewisser Charles Wells, der rund fünfzehn Jahre später auf der Bildfläche erschien. Im Gegensatz zum analytischen Jagger war Wells ein ziemlicher Hallodri, der sich selbst als Erfinder verstand, das Geld seiner Investoren allerdings am Spieltisch verpulverte. Mit 4000 Pfund, die er sich erschlichen hat, sprengte er im Juli 1891 zwölfmal die Bank - er gewann jeweils mehr Jetons als zu der Zeit auf dem Tisch lagen. Kurioserweise gelang ihm das ohne Mogelei oder wirkliches System, eher nach einer simplen, höchst riskanten Strategie, die unter Spielern als Martingale bekannt ist: Nach jedem Verlust wird der Einsatz verdoppelt, sodass der nächste Gewinn alle Verluste wieder aufhebt. Im Song "The Man Who Broke The Bank At Monte Carlo", der von Wells inspiriert ist, heißt es: "Dame Fortune smiled upon me as she'd never done before." Man sagt, von 30 Rouletterunden hätte Wells 23 gewonnen.

Wells wurde zu einer mittleren Berühmtheit, nicht zuletzt dank dieses Liedes. Als gemachter Mann kehrte Wells im darauffolgenden Jahr nach Monte Carlo zurück. Aber da hatte sich Fortuna bereits jemanden anderes angelacht: Wells verlor sein eigenes Geld und das seiner Investoren, denen er nach wie vor erzählte, er sei ein brillanter Erfinder. Wegen Betrugs landete er im Gefängnis und starb 1926 verarmt in Paris.

Die Pracht, der sachte Halbweltruch, der Nervenkitzel zwischen schnellem Reichtum und rascherem Absturz übt eine ungebrochene Faszination aus, weckt Begehrlichkeiten und kitzelt Phantasien. Der mondäne Agent im Dienste Ihrer Majestät bewegt sich hier mit einer selbstverständlichen Eleganz: Ian Flemings James Bond war im Film hier öfter zu Besuch, ob in "Sag niemals nie", in "GoldenEye" oder im fiktiven "Casino Royale" in Royale-Les-Eaux, das ähnlich edel wie das Fürstentum zu sein scheint.

Ironischerweise dürfen allerdings die Glamourösesten der Prominenz Monacos eigentlich nicht ins Casino. Wie auch andernorts üblich, wird den Ortsansässigen kein Eintritt gewährt, eine Vorsichtsmaßnahme aus alten Zeiten, damit niemand hier Haus und Hof verspielt. (Zudem soll das Casino ein Ort der Anonymität sein - so würde vor Gästen auch niemals ein Croupier einen Kollegen mit Namen ansprechen.) Die Ausweispflicht an der Tür hieße, dass Fürst Albert und seine frisch Angetraute keinen Fuß in die Spielbank setzen dürften. Vielleicht macht der Türsteher aber mal eine Ausnahme.

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Autor:
Michael Weiland