Lettland Riga ist Kulturhauptstadt 2014

Täglich trifft man ihn irgendwo hier in Kaiserwald (Mezaparks), Rigas grünstem Bezirk am Stadtrand, wo elegante alte und postmoderne Villen neben moosüberwachsenen Holzhäuschen stehen, wo im Zoo die Pfauen mit den Möwen vom nahen Stint-See (Kisezers) aus demselben Napf picken. Jeden Tag schlurft der Alte von der Straßenbahnhaltestelle zur Post, zur Konditorei, zum Lebensmittelladen, und dann macht er eine Verschnaufpause in der Apotheke, wo er sich den Blutdruck messen lässt. Jedes Mal sagt er garantiert: "Was für ein herrliches Wetter heute!" Für ihn ist das Wetter immer herrlich.

Hin und wieder setze ich mich neben ihn auf die Bank. Dann erzählt er: aus seinem Leben, von der Stadt. Manchmal bittet er mich, hinzufahren. Dorthin, wohin zu fahren ihm die Kraft fehlt - in die Altstadt, zu den Boulevards, auf die andere Seite der Düna. Hinzufahren und ihm hinterher zu erzählen, was sich alles verändert hat in seinem Riga, was neu gebaut, was aufpoliert, was abgerissen wurde, welchem betagten Holzhaus in der City beschieden ist, allmählich zu verrotten - oder jäh in Flammen aufzugehen.

Manchmal fahre ich tatsächlich los - um durch die Stadt zu streifen, zu beobachten, genauer hinzuschauen. Danach berichte ich ihm alles, wohlwissend, dass er seine Bitte schon längst vergessen hat und ebenso schnell vergessen wird, was ich ihm erzähle. Aber das spielt keine Rolle, Hauptsache ist, dass es diesen Augenblick gibt, der uns daran erinnert, was uns von klein auf ins Herz gepflanzt wurde: Wir beide lieben unsere Stadt.

Die City beginnt für mich dort, wo die Tram ächzend in die Suworowstraße (Krisjana Barona iela) einbiegt. Hier steht das bekannte Kaufhaus "Welt des Kindes" (Bernu pasaule), von dem nur der Name übrig geblieben ist - in dem Gehäuse residieren jetzt Supermarkt, Pizzakette und Bankomaten, treffender wäre also der Name "Geld des Windes". Gleich darauf geht es am "Istaba" vorbei. "Istaba" heißt "Zimmer", und das winzige Restaurant, das es sich auf der Galerie über einer Galerie für alternative und naive Kunst bequem gemacht hat, verströmt tatsächlich ein lässiges Wohnzimmerflair. Wer hier einkehrt, kommt nicht so schnell wieder raus, und deshalb fahre ich jetzt weiter.

Schwarzhäupterhaus
Natalie Kriwy
Das Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz in Riga.
Die Altstadt, ich muss das gestehen, zieht mich am wenigsten an. Dieses Sammelsurium aufgehübschter Häuser, Speicher und Kirchen, kleiner Cafés und winziger Hotels, verknüpft durch jahrhundertealtes Kopfsteinpflaster und eine Vielzahl ehrwürdiger Museen, dieser als "Herz von Riga" bezeichnete Teil der Stadt ist mir fremd geworden. Der touristische Overkill, das rund um die Uhr anhaltende Getriebe hat für mich nichts mehr mit dem Gleichklang einer erhabenen Stadt gemein. Alt-Riga leidet an Arrhythmie, einer Unregelmäßigkeit des Herzschlags. Gewiss, die Häuser sind renoviert, die Altstadt ist gepflegt und aufgeräumt, alles wirkt wie auf einer Hochglanzpostkarte, aber ständig verlaufe ich mich dort. Alt-Riga beginnt immer mehr, den Altstädten anderer Metropolen zu gleichen, wo Sprachen, kurze Röcke und knappe T-Shirts, Hast und Begier, Lust auf Party und tränenverschmierte Wimperntusche in einen Topf geworfen sind.

In der Kulturhauptstadt 2014 sich lettische Trachten nach Maß nähen lassen

Und trotzdem - hier treffen sich die Menschen, ob nun verabredet oder nicht. Touristen und Rigenser sitzen auf denselben Sommerterrassen. Und es ist der einzige Ort in der Stadt, wo man sich lettische Trachten nach Maß nähen lassen kann - direkt unter dem Rathaus. Inzwischen wird die Kundschaft immer jünger: Hippe Leute (keine Hippies, sondern Banker und Juristen!) heiraten in Volkstracht und feiern in dieser Kluft das Mittsommerfest Ligo. Das ist mitnichten Weltflucht, sondern Besinnung auf das unverwechselbar Eigene, das es in Lettland wieder geben darf.

Die Düna in Riga.
Arthur F. Selbach
Die träge fließende Düna mit der Vansubrücke und der ZEntrale der Hansabank im Hintergrund.
Wenn es mir gelingt, die Altstadt zu durchqueren, ohne ihren modischen, kulinarischen oder philharmonischen Verlockungen zu erliegen, dann finde ich mich am Ufer der Düna wieder. Die Düna ist für mich die wahre Arterie der Stadt. Ich bin auf ihr spazieren gefahren, im Paddelboot, auf einer Motorjacht und einem Ausflugsschiff: die ganze Strecke von den flussaufwärts gelegenen Trabantenstädten, die für ihre Kinder und Rentner Uferstrände angelegt haben, bis zur Mündung in die Rigaer Bucht, vorbei an Industrie- und Jachthafen, Werften und Lagerhäusern, unter Brücken hindurch, um Flussholme herum. Es ist schade, dass die Düna noch im Dornröschenschlaf liegt: An ihrem Ufer gibt es nur wenige Bootsanlegestellen, wo man ein Segel- oder Motorboot für Flussfahrten mieten kann, und lediglich zwei Cafés, die sich beide auf Kiepenholm (Kipsala) befinden.

Eine alte Gipsfabrik, die in trendige Wohnungen verwandelt ist

Diese Flussinsel ist ein Zauberland: Von der Schrägseilbrücke geht es vorbei an Schwimmbad und Messehallen, wundersamerweise noch nicht abgeholzten, sich selbst überlassenen Apfelhainen und halb zerfallenen Häusern und Hütten, vorbei an herausgeputzten neuen Reihenhäusern. Nach einem guten Kilometer lüftet die Insel ihr Geheimnis: eine Handvoll sorgfältig restaurierter alter Holzhäuser, eine alte Gipsfabrik, die nun in trendige Wohnungen verwandelt ist, und eine lange, kopfsteingepflasterte Promenade, an deren einer Seite sich eine Reihe eleganter Holzhäuser präsentiert und auf der anderen ein 180-Grad-Panorama von Rigas Zentrum jenseits der Düna.

Blick über die lettische Hauptstadt Riga.
Arthur F. Selbach
Blick über Riga: An lauen Sommerabenden trifft man sich in den rooftop-Bars der Stadt.
Ich setze mich im "Café Hafenblicke" ("Ostas skatu kafejnica") ans Fenster und sehe mich satt. Schaue hinüber zum anderen Ufer, von den Verladekränen zum Passagierhafen, weiter zum Rigaer Schloss und den Kirchtürmen der Altstadt bis zur im Zuckerbäckerstil der Stalinära gebauten Akademie der Wissenschaften. Hierher würde ich mein Alterchen aus Kaiserwald gern mitnehmen. Weil er es aber bis hierher nicht schafft, bringe ich ihm nur die Geschichten. Geschichten, die heimlich zwischen Zaunlatten hindurch erspäht und erlauscht sind. Außerdem bringe ich ihm dann und wann etwas vom vielleicht buntesten Markt Europas mit - vom Rigaer Zentralmarkt mit seinen Hallen, deren Dachkonstruktionen von ehemaligen Zeppelinhangars aus dem Ersten Weltkrieg stammen. Wenn ich dort einkaufe, bedauere ich, nicht in Begleitung zweier Gewichtheber zu sein, die all die Leckereien tragen könnten, nach denen es Bauch und Auge verlangt.

"Republik Friedenstraße" - heute eine beliebte Flaniermeile in Riga

Auf dem Heimweg gleitet die Tram durch die Miera iela, die einst Friedenstraße hieß, weil sie zum Friedhof führt. In der Sowjetzeit, als die Tram noch rumpelte, war diese Straße für ihre Schokoladenfabrik und die Geburtsklinik bekannt; in den vergangenen Jahren jedoch hat sie sich derart organisch und lebendig in den Rigaer Puls eingeflochten, dass der Volksmund ihr einen neuen Namen verlieh: "Republik Friedenstraße", "Miera ielas republika". Die Straße ist heute eine etablierte, beliebte Flaniermeile. Es gibt kleine alternative Clubs und Cafés, winzige Läden, deren meist jugendliche Inhaber mit Selbstgemachtem oder Antiquitäten handeln. An sonnigen Tagen stellen sie Tisch und Stühle vor den Laden, trinken Tee oder Wein und bieten den Passanten an, auf einen Plausch reinzuschauen.

Noch einmal steige ich unterwegs aus der Tram: an der Haltestelle Lielie Meza kapi (Großer Waldfriedhof). Vor allem an heißen Sommertagen komme ich gern her. Unter den riesigen Bäumen ist es schattig und still. Viele der Inschriften auf diesem alten Friedhof sind auf Deutsch. Ich komme im Mai, wenn die Linden blühen und die ganze Welt im Gesumm der Bienen versinkt. Und ich gehe im Herbst hierher, wenn die vom Frost gebissenen Ahorne die Welt mit Farben überhäufen.

Es ist ein wolkenverhangener Tag, in Riga - der Kulturhauptstadt 2014 - nieselt es, und ich habe Kopfschmerzen. Ich gehe in die Apotheke, um mir ein Schmerzmittel zu besorgen. Und dann kommt es herein. Mein Kaiserwald-Männlein. "Herrliches Wetter, nicht?", dröhnt es, dass die Kunden unwillkürlich zusammenzucken. Der Alte lässt sich auf der Bank nieder und ruft: "Komm, Mädel, setz dich! Und jetzt erzähl mir - was hast du heute alles gesehen?" Und ich berichte: wie weit der Bau der neuen Nationalbibliothek vorangeschritten ist, dass das Nationale Kunstmuseum renoviert wird und ein Jahr lang geschlossen bleibt, wo ein neues Café und eine Buchhandlung aufgemacht haben und dass sich am Nachmittag zwei Regenbogen über ganz Riga gespannt haben. Der Alte lacht leise und kehlig und sagt: "Das Leben und Riga sind doch schön, nicht wahr?«

Und ich werde angesteckt. Angesteckt von seinem Lachen, seiner Freude. Endlich bin ich an der Reihe, aber: Ich brauche keine Pillen mehr. Die Kopfschmerzen sind weg. Verwirrt druckse ich herum, bis mir endlich einfällt: "Einen Riegel Hematogen bitte! Nein, besser zwei." Dann wende ich mich zu dem Alten, um mit ihm diese Süßigkeit, die Stierblut enthält, zu teilen. Doch die Bank ist leer. Auch an der Tramhaltestelle ist der Alte nicht, nicht in der Konditorei, nicht im Lebensmittelladen. Er ist nirgendwo. Ringsum ist nur Riga und das Leben, eines so schön wie das andere. Und heute gleichermaßen süß. So süß wie Hematogen. (Matthias Knoll übersetzte den Text aus dem Lettischen)

Ein Besuch in Lettland lässt sich wunderbar mit einem Abstecher nach Litauen und Estland verbinden.Und nirgends ist die Vergangenheit so gegenwärtig, die Zukunft noch so ungewiss wie im baltischen Hinterland. Die schönsten Bilder einer 2470 Kilometer langen Reise durchs Baltikum abseits der großen Transitstraßen - zu Menschen, die Steine klopfen, selbstgebrannten Wodka trinken und Berlin erobert haben.

Dieses Jahr sind Europas Kulturhauptstädte die französische Stadt Marseille und das ost-slowakische Košice.

Autor

Dace Ruksane

Ausgabe

Riga 06/2013