Lettland Baltischer Glanz

700 Jahre lang lebten Deutsche im Baltikum - viele als Gutsherren, die ein strenges Regiment führten. Ihre Landgüter und Herrenhäuser liegen rings um Riga, jahrzehntelang unbeachtet und dem Verfall überlassen. Heute haben die Letten ein neues Ziel: Das Erbe retten.

Fährt der Besucher heute in Lettland aufs Land, findet er fein restaurierte Gutshäuser, einige prächtig, andere verwunschen, die meisten von bestechendem Charme. Liebevoll gepflegte Zeugnisse der deutschen Vergangenheit - als hätte es den Groll zwischen lettischen und deutschen Balten nie gegeben. Die ersten Kontakte zwischen Deutschen und den Stämmen an der Düna waren friedlich. Im 12. Jahrhundert kommen Lübecker Koggen über die Ostsee: Fernhändler, die den Fluss hinauf nach Russland fahren, um dort Geschäfte zu machen. Selbst die Missionare, die bald mitsegeln, erregen kaum Anstoß. Mancher Heide konvertiert - bis sich herausstellt, dass mit dem Christentum Abgaben verbunden sind. Der Ortsbischof wird erschlagen. Unter den Deutschen verbinden sich daraufhin um 1200 religiöser Eifer, Ehrgeiz und Gier zu einem aggressiven Gemisch. Der Erzbischof von Bremen weiht einen seiner Neffen, Albert von Buxhövden, zum Bischof von Livland: So nennen die Deutschen das Land jenseits der See nach einem an der Küste siedelnden Volk, den Liven.

1201 gründet Albert einige Kilometer die Düna aufwärts, an der Einmündung des Rigebachs, eine Stadt und befestigt sie: Riga. Er bringt Kreuzritter mit ins Land, gewinnt die Kaufleute für seinen Krieg. Ein jahrzehntelanges Gemetzel beginnt. Gegen Ende des Jahrhunderts sind die ausgebluteten Völker auf dem Gebiet des heutigen Lettland und Estland unterworfen. Die Macht teilen sich nun Bischöfe, Ritter des Deutschen Ordens und mehrere Handelsstädte. Eine Konföderation voller Rivalität und innerer Konflikte. Zudem vergeben Bischöfe und Orden Land an Vasallen, die aus Westfalen, dem Rheinland und Niedersachsen zuziehen: Ein selbstbewusster Landadel wächst heran.

In den rund 300 Jahren, die das Machtgefüge hält, sinken die Einheimischen zu Leibeigenen herab - und die Eroberer werden zu Einheimischen. Die Schicksale von Siegern und Besiegten verflechten sich. 1558 fällt Iwan IV. von Moskau über das Land her, ihm folgen polnische, dänische und schwedische Invasoren. Alt-Livland zerbricht; im Süden entsteht das Herzogtum Kurland, in den nördlichen Provinzen Livland und Estland wechseln die Herren. Als schließlich russische Zaren die Regionen wieder unter ein Szepter bringen, ist der Deutsche Orden an der Ostsee längst Geschichte, die Macht der Bischöfe von der Reformation weggefegt. Geblieben sind die deutschbaltischen Kaufleute, Handwerker, Pastoren, Adligen. Das backsteingotische Riga und seine Schwesterstädte, die Landgüter. Und die Not der Leibeigenen.

Praktisch ohne Rechte, wie Sklaven frei veräußerlich, sind sie ihren Herren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Haben sie Glück, behandelt ein gottesfürchtiger Baron sie als Mitgeschöpfe. Treffen sie es schlecht, quetschen harte Besitzer, Pächter oder Verwalter sie aus bis aufs Blut, strafen willkürlich mit Peitsche und Pranger, verkaufen Untertanen nach Gutdünken, auch in die gefürchtete russische Armee. Die Bauern indes wehren sich. Gemeinden verweigern kollektiv den Gehorsam, wiederholt kommt es zu Aufständen. Nicht wenige Leibeigene fliehen auf milder geführte Güter oder in die Städte. Zuweilen hilft Schlitzohrigkeit: Wer keine Heiratserlaubnis erhält, mag sie mit einer Schwangerschaft doch noch erzwingen. Kluge Gutsherren kennen diese faktischen Grenzen ihrer Macht und arrangieren sich mit den Untertanen, so gut es eben geht.

Schloss Mesothen in Lettland
Peter Hirth
Heute wird nicht für die Herrschaft, sondern für Hotelgäste gesorgt - wie hier im Schloss Mesothen.
Von wiederkehrenden Kriegen und der Pest gebeutelt, leben sie zumeist in Gutshäusern, die eher großen Bauernhöfen gleichen. Meistens aus Holz gebaut und strohgedeckt, verfügen die Herrensitze nur über wenige Zimmer, zuweilen nicht einmal einen Schornstein. Anwesen wie das prächtig ausgemalte, mit einem Mansarddach versehene Orellen (Ungurmuiza) sind lange die Ausnahme, und noch Anfang des 19. Jahrhunderts mokiert sich die aus dem Rheinland eingeheiratete Sophie von Hahn über primitive, von Ödnis umgebene Adelssitze, deren Bewohner kaum mehr als "betitelte Bauern" seien, Habenichtse "mit einem Frack und einem Stammbaum".

Die Hahns hingegen gehören zur deutschbaltischen Aristokratie. Zu einer begüterten, gebildeten Elite, die sich in den Jahren einer wilden Agrarkonjunktur um 1800 von der Mehrheit ihrer Standesgenossen absetzt. Diese mächtige Schicht errichtet nun einige der schönsten Kulturdenkmäler Lettlands, Schlösser wie das vom anhaltinischen Wörlitz inspirierte Elley (Eleja) oder das mächtige Mesothen (Mezotne); selbst Wirtschaftsgebäude werden klassizistisch oder neugotisch verziert. Um die Höfe herum lassen ihre Besitzer Parks anlegen, das Innere schmücken Wandmalereien und luxuriöse Tapeten, reiche Stuckdecken und kunstvoll gekachelte Öfen, damastbezogene Sofas, englische Standuhren, Augsburger Tafelsilber, Ahnengalerien.

Porzellan im Schloss Ruhenthal in Lettland.
Peter Hirth
Schloss Ruhenthal: Auf dem üppigen Konsolenkandelaber im Ovalen Porzellankabinett stehen Stücke aus China und Japan.
Sie alle aber überstrahlt Schloss Ruhenthal (Rundale), von der Fertigstellung 1769 bis zur russischen Annexion 1795 Sitz des Herzogs von Kurland. Als barockes Meisterwerk, das aus dem fernen Nordosten Europas nach dem großen Versailles schielt, kündet die Residenz von einem Machtanspruch - der indes grandios scheitert. Im Gegenteil verliert der Herzog erhebliche Teile seiner Macht und seines Besitzes an streitbare Adelsfamilien, die seine Herrschaft nicht akzeptieren - und nicht zuletzt aus dieser Beute die eigenen Anwesen finanzieren.

Die Gutsherren in der bereits früher an Russland gefallenen Nachbarprovinz Livland verdienen ihr Geld vor allem mit Schnapsbrennerei. "Die Deutschen - Verbreiter der Trunksucht": Aus der Luft gegriffen ist der Vorwurf nicht. Allerdings liefern sie einen Großteil ihres Branntweins nach Russland. Oder trinken ihn selbst: "Wer in Deutschland drei Weingläser Branntwein trinken würde", schreibt ein baltischer Freiherr um diese Zeit, "dürfte sich bald den Ruhm eines Säufers erwerben", während dies hier "das gewöhnliche Maß ist, das jeder in den vornehmsten Ständen täglich trinkt, ohne nur aufzufallen." Mit wachsendem Wohlstand entfaltet sich auf den Landsitzen der Begüterten ein geselliges Leben - über das die anspruchsvolle Sophie von Hahn freilich klagt, es kreise "in diesem nur halbzivilisierten Land" vor allem um die Jagd, Duelle, den Getreidepreis und Anekdoten.

Kunstgegenstände im Gutshaus Kukschen.
Peter Hirth
Kunstgegenstände kamen aus St. Petersburg, helle Möbel aus Schweden, Tapeten und Dekor aus Frankreich.
Darin steckt einige Ungerechtigkeit. Der Adel investiert in Bildung, und sei es nur, damit seine Söhne die enormen Karrierechancen nutzen können, die das russische Imperium bietet. Zugleich jedoch beschneidet Russland mit neuen Regeln die Macht der Gutsbesitzer. Viele von ihnen sind entsetzt, als unter der Ägide aufgeklärter Bürokraten und einiger deutschbaltischer Aristokraten ab 1816 die Leibeigenschaft an der Ostsee abgeschafft wird. Es ist ein Einschnitt mit weitreichenden Folgen. Im Lauf des Jahrhunderts wächst eine Schicht starker lettischer Freibauern heran - und ein verarmtes Proletariat, das zunehmend in die Städte abwandert und die rasante Industrialisierung vor allem Rigas erst möglich macht. Die nationale und soziale Unzufriedenheit nimmt zu: Immer mehr Letten wollen die politischen Privilegien und die soziale Vormacht der deutsch-baltischen Minderheit nicht länger akzeptieren.

Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert sieht noch einmal eine Blüte der Gutsarchitektur. Es regiert das "Neo": Neu-Gotik und wiederbelebtes Rokoko, Neo-Barock wie auf Dickeln (Dikli). Vereinzelt wird auch im Jugendstil renoviert; ausnahmsweise findet man gar eine modernistisch reduzierte, streng geometrische Einrichtung. Dann aber schlägt die Geschichte über den Gütern mit aller Macht zusammen. 1905/06 wird das Zarenreich von einer Revolution erschüttert, die bis in die Peripherie dringt. Lettische und estnische Rebellen verwüsten über 180 Adelssitze, treiben die Herren zur Flucht in die Städte - oder außer Landes. Zwar gelingt es noch einmal, die Empörung blutig niederzuwerfen. Doch 1918 geht aus den Wirren des Ersten Weltkriegs und der russischen Oktoberrevolution ein lettischer Nationalstaat hervor, der zwei Jahre später die Gutsbesitzer enteignet.

Etliche wandern aus, andere wirtschaften auf bescheidenen "Restgütern" weiter. 1939 endet auch ihre Geschichte: Nachdem Hitler mit Stalin Osteuropa geteilt und der Sowjetunion das Baltikum überlassen hat, werden die verbliebenen Deutschbalten ausgesiedelt. Unter der unsinnigen Parole "Heim ins Reich" müssen sie ihre tatsächliche Heimat verlassen zugunsten eines ihnen fremden Landes, in dem vor Jahrhunderten einmal ihre Vorfahren lebten. Sowohl während der ersten lettischen Republik als auch unter sowjetischer Herrschaft verfallen die Güter. Teils unbeachtet, teils rasch abgenutzt als Schulen, Sanatorien, Heime, Molkereien oder Zentren kollektiver Landwirtschaftsbetriebe. Doch bereits in der Sowjetzeit treten Denkmalschützer auf, die ideologische Engstirnigkeit hinter sich lassen. Sie sichern Orellen, restaurieren Ruhenthal, bewahren Mesothen vor dem Verfall. Seit Lettland 1991 seine Unabhängigkeit zurückgewonnen hat, ist aus diesen Anfängen ein bemerkenswertes Rettungsprogramm hervorgegangen. Über 150 Herrenhäuser stehen unter Denkmalschutz, Museen holen die Vergangenheit ins Gedächtnis zurück. Wo Schulen in den alten Landsitzen untergebracht sind, wird Kulturgeschichte zum Anschauungsunterricht.

Vor allem aber hat der Staat einen mächtigen Verbündeten gefunden: privates Kapital. Investoren, Liebhaber, zivilgesellschaftliche Organisationen bauen Ruinen wieder auf und - wichtiger noch - füllen sie mit neuem Leben. Als Hotels- und Gastronomiebetriebe wie in Kukschen (Kuksu muiza) oder auf Schloss Dickeln als Tagungsstätten, Ausstellungs- oder sogar Wohnhäuser. Nicht zuletzt engagieren sich Nachfahren der über alle Welt verstreuten Deutschbalten und ihre Vereinigungen.

Vieles ist unwiederbringlich verloren; etliche Projekte sind seit 2008 der Finanzkrise zum Opfer gefallen. Und natürlich gibt es Widerspruch, Gleichgültigkeit. Doch die Mehrheit der Letten hat den historischen Nachlass ihrer vormaligen Nachbarn angenommen. So können die deutschen Betreiber des Hotel-Restaurants im Herrenhaus Kukschen unbefangen von einem "lettischen Kulturerbe" sprechen - und zugleich die Geschichte der deutschbaltischen Erbauer und Besitzer erzählen. Aus feindselig verkeilten Nationalgeschichten wird eine geteilte Landesgeschichte. Zu der die auf Kukschen angebotene lokale Küche ebenso gehört wie ein kräftiger Digestif: "Wo ist der Sterbliche", fragt eine Landeskunde von 1805 zu den baltischen Trinkgewohnheiten, "der nicht in dieser sublunarischen Welt sich aus dem abgespannten Zustand in einen erhöhten, und wäre es auch durch künstliche Mittel, zu versetzen sucht?"

Autor

Mathias Mesenhöller

Ausgabe

Riga 06/2013