Dubrovnik Kroatiens Exklave

Mittagessen gibt es auf dem Markt, gleich hinter der Kirche St. Blasius, wenn am alten Uhrturm die Hammermännchen Maro und Baro den Glockenschlag zwölf ankündigen. Dann ist Salko, der staatliche Taubenfütterer, mit seinem Plastikeimer zur Stelle, die Touristen mit ihren Fotoapparaten, und dann geht's los: die guten ins Kröpfchen und die schlechten auch. Wäre dies Venedig, hätten die Stadtväter Angst um ihren Campanile wegen der zersetzenden Kraft der Exkremente, aber dies ist Dubrovnik, die andere Seite der Adria - und da hat man schon immer versucht, sich mit allen gut zu stellen, sogar mit den Tauben. Aus der Vogelperspektive gleicht die Altstadt einer Auster, die sich an ihren Felsen klammert, auch wenn die Einwohner den Beinamen "Perle der Adria" bevorzugen. Wunderschön liegt sie da, die Felsenfestung mit ihrem Architektur-Mix aus italienischer Renaissance und Einsprengseln des Barock, mit ihren dunklen Altstadtgassen und der breiten Hauptstraße, der Placa, in strahlendem Weiß, mit den zahlreichen Straßencafés.

Eingeschlossen in dicke Festungsmauern, leicht geöffnet nur zum Meer, abgeschirmt gegen die neuen Stadtteile und das Hinterland ist die Stadt eine Welt für sich, immer schon gewesen, und das prägt ihre Bewohner. Gospari nennen die übrigen Kroaten sie. Das heißt "Herren", und so benehmen sie sich auch.

Zum Beispiel ist es hier wichtiger als anderswo, alteingesessen zu sein. Also zu jenen acht Prozent der 50.000 Dubrovniker zu gehören, die in der Altstadt wohnen, wo man auf Schritt und Tritt glaubt, dem Geist der Geschichte zu begegnen. Wo rauer Stein, filigrane Rosetten, wuchtige Mauern, Paläste und Patrizierhäuser von der Herrlichkeit der Seerepublik Ragusa künden. Wo im 14. Jahrhundert eine der ersten Apotheken Europas bestand, Kranke sich im staatlichen Hospital kurieren lassen konnten und Ärzte von der Stadt angestellt waren.

Dubrovnik ist bis heute immer etwas Einzigartiges gewesen: römische Siedlung, Festung gegen die Slawen im 7. Jahrhundert, venezianische Kolonie und dann freie und reiche Seerepublik Ragusa seit dem 14. Jahrhundert. Den Türken getrotzt und sich erst 1806 ergeben, als Napoleon einmarschiert. Danach Provinzstadt im österreichischungarischen Reich, privilegierte Touristenhochburg unter Tito, Weltkulturerbe, bevorzugtes Ziel serbischer Zerstörungswut im Balkankrieg.

Rund zwei Drittel der Altstadt haben serbische Einheiten kaputtgebombt. Allein am Nikolaustag 1991 regneten 2000 Granaten auf die Stadt. Ohne militärischen Sinn auf Hotels und Baudenkmäler gezielt. Heute sind die äußeren Schäden behoben, die Dächer neu gedeckt. Ein Meer von leuchtendem Orange, unterbrochen vom verwaschenen Schmutzig-Rot der Gebäude, denen die Granaten nichts anhaben konnten. Einige Geschosse prallten einfach von den mehr als sechs Meter dicken Mauern des Festungsringes ab und plumpsten ins Meer. Fast als hätte St. Blasius selbst die Bomben abgelenkt, so wie einst, als er die Kanonenkugeln angreifender Schiffe mit den Händen fing und zurückwarf. Seine Stadt trägt den Heiligen auf Händen, das zeigen zumindest die Statuen, die in Mauernischen und Torbögen an den einstigen Bischof erinnern, der seit dem 12. Jahrhundert als Schutzpatron der Stadt verehrt wird. Seine vergoldete Silberstatue befindet sich auf dem Hochaltar in der nach ihm benannten Kirche Sveti Vlaho (Heiliger Blasius) gleich neben der Rolandssäule.

Der Krieg hat die Dubrovniker geschockt, mehr vielleicht als die übrigen Kroaten. Denn aus Kriegen hatte sich Dubrovnik stets herausgehalten. Die alte Handelsrepublik hatte früh begriffen, dass alles seinen Preis hat. Und war immer bereit, zu zahlen, schon als die Stadt noch Ragusa hieß und sowohl den Ottomanen als auch den Venezianern Tribut zahlte. "Non bene pro toto libertas venditur auro", nicht für alles Gold der Welt wollten die Bürger ihre Freiheit verkaufen, so ihr Wahlspruch. 800 Jahre lang, von 1000 bis 1806, war die Welt der Ragusaner in Ordnung. Meisterhaft verstanden es die Räte der Republik, feindliche Eroberungsgelüste in freundschaftliche Handelsverträge umzuwandeln. Es war die Zeit Gewinn bringender Charakterlosigkeit, geschmeidiger Höflinge, gut gefüllter Schatzkammern und sorgfältig durchdachter Lösungen in der Kommunalpolitik.

Es gab sauberes Trinkwasser aus den Bergen, eine Kanalisation, die heute noch genutzt wird, und so etwas wie Demokratie. Jeder Edelmann, der das 20. Lebensjahr vollendete, wurde Mitglied des Consilium Magnum, des Großen Rates. Der Rat wählte den Rektor, der entschied dann über Wohl und Wehe der Stadt - einen Monat, länger währte keine Amtszeit. Im 16. Jahrhundert kreuzten 5000 Matrosen unter ragusanischer Flagge auf den Sieben Meeren, der Rat der Stadt unterhielt mehr als 70 Konsulate in aller Welt. Doch als Napoleon Ragusa seinen illyrischen Provinzen einverleibte, begann der Glanz zu verlöschen. Und als die Habsburger das Ruder übernahmen und der erste österreichische Stadtrat Ragusa betrat, war es vorbei mit der Herrlichkeit. Die adeligen gospari beschlossen Kinderlosigkeit.

Heute sind es die bürgerlichen Alteingesessenen, die die Tradition hoch halten, stolz und leicht genervt, wenn tagsüber allzu viele Touristen die Altstadt fluten. Dabei hoffen die meisten Menschen in den Stadtteilen Babin Kuk und Lapad, wo die Touristen in großen Hotels wohnen, dass möglichst bald wieder so viele Urlauber kommen wie vor dem Krieg. Denn das Leben ist teuer in Dubrovnik, so teuer wie nirgendwo in Kroatien, und die Wirtschaft kommt einfach nicht so richtig in Schwung.

Tome, der Fischer, merkt das jeden Morgen, wenn er früh um sechs seinen Fang zum Markt in Gruz bringt: Plattfische, Makrelen, Rotbarben, zwischen 20 und 50 Kuna (circa 2,60 bis 6,60 Euro) das Kilo. "Die Geschäfte gehen schlecht", sagt er. "Die Leute kaufen nicht mehr, die haben kein Geld in der Tasche." Das gilt auch für Milos. 3000 Kuna, etwa 400 Euro, verdient er im Monat als Portier im noblen Hotel Excelsior. Zu wenig für eine Familie. Vor allem Obst und Gemüse sind seit dem Krieg teuer geworden. Jetzt liegt Dubrovnik isoliert wie weiland Ragusa auf seinem Felsen am Meer, abgeschnitten vom Rest Kroatiens durch einen Streifen Bosnien und somit auf dem Landweg nur durch die bosnische Grenzkontrolle zu erreichen. "Manchmal hat man das Gefühl, alle Welt hätte uns vergessen", sagt Branka, die Fremdenführerin mit den slawischen Zügen. Ihre Familie lebt seit Generationen in der Stadt, doch ihre Kinder sind längst fort. Geflohen vor der Arbeitslosigkeit. Ihr Sohn betreibt eine Kneipe in Berlin, die Tochter hat sich nach Zagreb verheiratet.

In Pile, dem Viertel vor dem Westtor der Altstadt, erinnert das Grand Hotel Imperial immer noch an den Krieg. Zuvor eines der ersten Häuser am Platz, ist es heute noch eine Ruine, die aber bis 2004 wieder hergestellt sein soll. Nur 18 der 30 Hotels sind derzeit in Betrieb. "Vor dem Krieg kamen 45.000 Touristen am Tag, und wir beteten, lasst uns doch in Ruhe. Jetzt beten wir, bitte kommt zurück", sagt Branka. Vor dem Krieg zählte Dubvrovnik drei Millionen Übernachtungen pro Jahr, heute sind es gerade einmal ein Drittel. Dabei gibt es für Neugierige vieles zu entdecken - auch jenseits der historischen Altstadt. Das Studentenviertel Pile, zum Beispiel und die Straße des Dr. Ante Starevia, die die Studenten Bourbon Street nennen, mit dunklem "u" und hartem "r". Wo die Kneipen Zeus, Monte Carlo und Ferrari heißen, neongrell leuchten, die Speisekarte nur Kroatisch spricht und der Fruchtsaft im Tetrapak auf die Tische kommt. Wo der Fernseher ständig läuft und ein Glas heimisches Bier, Karlovako Pivo, zehn Kuna kostet, halb so viel wie in der Altstadt. Oder das Nonnenkloster, wo die Glocken der Heiligen Maria jedes Schiff begrüßen, das in den Hafen einläuft. Am felsigen Badestrand am Fuße des Klosters lernen die Einheimischen schwimmen, und auch die Nonnen gönnen sich an heißen Tagen ein Bad in der Adria.

Wer am Klostertor läutet, dem kredenzt Schwester Angela Kirschsaft und selbstgebackene Plätzchen im Kloster-Wohnzimmer Eiche rustikal. 20 Nonnen leben hier, gleich neben dem Friedhof aus dem 14. Jahrhundert, wo die ältesten Dubrovniker Familien ihre letzte Ruhe gefunden haben, arbeiten im Krankenhaus und unterrichten Religion in der Schule. Über Nachwuchsmangel können die Schwestern nicht klagen. Rund 20 Novizinnen kämen pro Jahr, vor allem aus Bosnien, sagt Schwester Angela. Im Kloster werden sie freundlich aufgenommen, im Gegensatz zum Rest der Stadt.

Selbst für Kroaten, wie Ivan, den jungen Betriebswirt aus Split, ist Dubrovnik kein einfaches Pflaster. Seit kurzem erst arbeitet er hier am Wiederaufbau der Altstadt. "Aber es ist schwierig, Kontakte zu knüpfen", sagt er. "Die Dubrovniker bleiben unter sich, man muss für alles jemanden kennen, der jemanden kennt, sonst geht nichts. Da läuft viel hinten rum." Und deshalb will er seinen Namen auch nicht gedruckt sehen, rührt lieber verlegen in seinem Cappuccino im Café auf der Placa. Dort wo er sitzt, floss einst ein Meeresarm, gerade so breit, dass sich die griechisch-römischen Siedler über ihn flüchten konnten, als ihr Ort Epidaurum, heute Cavtat, von Awaren überfallen wurde. Das war im Jahr 615, und die Hand voll Flüchtlingsfamilien, die als die Gründer der Stadt gelten, nannten ihr neues Zuhause Ragusa.

Auf der anderen Seite des Wassers siedelten Slawen und nannten ihr Dorf nach den dort wachsenden Eichen Dubrava, "Eichenhain". So blieb es fast 600 Jahre, bis der Meeresarm im 12./13. Jahrhundert zugeschüttet und zur Flaniermeile wurde. Der Stradun, genannt Placa (wohl nach dem ursprünglichen Straßennamen Platea Communis, Gemeinsame Straße) ist 280 Meter lang, und trennte nicht nur Römer von Slawen, sondern auch Noble von Gewöhnlichen. Auch heute markiert der Stradun die Grenze zwischen dem alten Wohnviertel auf der See- und den Touri-Restaurants und Andenkenläden auf der Landseite. Um fünf ist es Zeit für einen Sundowner im Buža, was so viel heißt wie "Loch im Felsen". Nicht einfach zu finden. Erst geht es die Treppen hoch hinter St. Blasius, vorbei am Sponza-Palast. Immer in Richtung Stadtmauer halten, und irgendwann steht auf der rechten Seite ein Schild in ungelenkem Englisch "Cold drinks with the moust beautiful view". Und dann singt Louis Armstrong für die Gäste und die Fischer, die im Dämmerlicht vor der Insel Lokrum ihre Netze auswerfen. Dort ist es nicht geheuer, sagen die Alten.

Seit dem 11. Jahrhundert lebten Mönche auf der Insel. Doch 1815 wurde Lokrum an die Gründungsfamilien von Dubrovnik verkauft. Und die schickten die Mönche fort. Zur Strafe verfluchten die Brüder alle neuen Bewohner. Das war nicht gottesfürchtig aber effektiv. Vier der Familienstammhalter endeten tragisch: Einer ertrank, einer brachte sich um, einer verschwand, einer wurde ermordet. Schließlich kaufte Maximilian, Kaiser von Mexiko, die Insel. Neun Jahre später wurde er in Mexiko von Aufständischen erschossen. Der österreichische Kronprinz Rudolf, dem die Insel später gehörte, brachte sich um, und der nächste Habsburger Besitzer, Erzherzog Franz Ferdinand, fiel in Sarajevo einem Attentat zum Opfer - es folgte der Erste Weltkrieg. Heute ist Lokrum unbewohnt, ein Ausflugsziel am Wochenende. Aber nach Sonnenuntergang traut sich immer noch keiner, vor der Insel zu fischen. Und deshalb kehren die Fischer um, wenn Maro und Baro im Glockenturm sechs Uhr schlagen. Dann leert sich die Innenstadt, und die Touristen kehren zurück in ihre Bettenburgen. Dann sind die gospari wieder die Herren ihrer Altstadt und bleiben unter sich. So, wie sie es am liebsten haben.

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Autor:
Sonia Shinde