Kroatien Segeltörn in Dalmatien

Der Skipper sieht aus wie Hemingway. Der Bart voll, die Statur kräftig, die Rotweinflasche entkorkt. Ein kleiner Hafen in Split, er wartet auf mich, Fuß an der Reling, Pfeife zwischen den Zähnen: das Monument des nachdenklichen Matrosen. Hemingways Segelboot heißt "Riga". Ich lege mein Gepäck am Kai ab, viel zu viel habe ich dabei, der Skipper beäugt mich skeptisch. An der Stirn, um die Augen - die müden Furchen eines langen Lebens auf See. Oder einer langen letzten Nacht. Der Skipper heißt wie seine See: Jadran -Adria auf Kroatisch. Ich reiche ihm die Hand, und die Furchen, der Bart, die Pfeife, Jadrans ganzer Körper, erwachen. "Wenn ich gewusst hätte", er nickt in Richtung meines Gepäcks, "dass wir ein halbes Jahr unterwegs sein werden, hätte ich mehr Wein geladen." Ein erstes Schmunzeln und mit der Pfeife eine einladende Geste: "Komm schon, ich zeig dir das Biest."

Obwohl ich fast jeden Sommer in Dalmatien bin, wird dies mein erster Segeltörn. Wir sind zu dritt, mein Onkel hatte mir Jadran und seine "Riga" vorgeschlagen. "Zu den Inseln!", rief er wie einer, der Soldaten in die Schlacht führt. "Eine Woche lang faul mit ein bisschen Kultur! Fischeintopf mit ein bisschen Salat! Wein und Poker mit Männern! Horizont, Horizont!"

September. Dalmatinischer Spätsommer, nicht zu heiß, wenig Touristen, und vor mir steht ein Skipper, der aussieht wie ein Skipper oder ein Dichter aussehen muss. Auch mein neues, elf Meter langes Zuhause verspricht Einiges. Jadrans abgerockter Einmaster sieht aus wie Siebziger-Jahre-Rock 'n' Roll. Innerlich aber ist er ein Stoiker, ein Oldie, dem man nichts vormachen kann. Winde aller Couleur und Kraft hat er schon gemeistert, sich bewiesen, steht noch, will noch, feiert noch. Wenn Boote rauchen könnten, hätte die "Riga" jederzeit eine Kippe lose zwischen den Lippen. Die Lederjacke mit Nieten wäre ihr Lieblingsoutfit.

Eine surrende Elektroniktafel, alte Segel und ein leckendes Beiboot. Ich schließe das sofort ins Herz, das nicht ganz Perfekte, das Abgenutzte. Sieben Tage wollen wir unterwegs sein und zu den Inseln segeln, in Jadrans Lieblingsbuchten festmachen. Das verspricht viel, wenn es von einem Mann kommt, der hier seit fünfzig Jahren unterwegs ist. Kaum ist die erste Rotweinflasche leer, kommt Wind auf. Gehisste Segel sind fantastisch. Der Wind singt, aber es ist gar nicht der Wind, es ist die Bootsschraube. Die zweite Flasche wird nicht entkorkt, ich bestehe darauf. Seekrankheit, Kotzen über die Reling, Schwäche zeigen vor den Männern. So was geht mir durch den Kopf. Ich ziehe an Seilen, wenn Jadran mir sagt, an Seilen zu ziehen.

Gut gelaunt passieren wir Mrduja, eine winzige unbewohnte Insel zwischen Bra und Šolta, die zwei Mal im Jahr groß rauskommt. Im Oktober ist sie bei der traditionellen Mrduja-Regatta Wendepunkt auf der Strecke Split-Mrduja-Split. Beim "Tauziehen um Mrduja" spielt sie die Hauptrolle. Sie ist der Grund, weshalb sich hunderte Männer von den benachbarten Inseln Bra und Šolta in traditionelle Kluft werfen und ein Massen-Tauziehen veranstalten. Rudernd, singend, trinkend lösen sie so die alte Streitfrage, wem Mrduja gehört. Der Gewinner darf sich ein Jahr lang rühmen, einen unbewohnten, aber keineswegs unsympathischen Felsen sein Eigen zu nennen.

Das Blut der Insel

Wir nehmen Kurs auf Hvar, wo Jadran seine Kindheit verbracht hat. Er nimmt mich mit auf eine Landpartie. Hvar sei keine Insel, vor der man einfach ankert und aufs Frühstück wartet. Man müsse ihr Herz schlagen hören, den Puls eines vierundzwanzig Jahrhunderte alten Mannes. Das Herz aber schlage in den Dörfern im Inneren. "Und das hier", er reicht mir die Weinflasche, "das ist sein Blut." Faros nennt sich der fast schwarze Rote, den wir seit Split trinken. Ein vollmundiger Wein aus der heimischen Rebe Plavac mali. Faros ist auch der antike Name von Stari Grad, dessen kleinen Hafen wir ansteuern. Der Hauptort Hvar ist ein Touristenmagnet mit einer oft vollen Marina; aber das möchte Jadran seiner "Riga" auf die alten Tage nicht mehr antun. "Höchstens auf dem Rückweg, und nur, falls sie wirklich guter Laune ist."

Stari Grad liegt beschaulich in der Armbeuge einer weiten Bucht, landeinwärts in einer fruchtbaren Ebene, die schon im vierten Jahrhundert vor Christus von Griechen besiedelt wurde. In Stari Grad wartet Jadrans alter Yugo auf uns. Dem äußeren Anschein nach das älteste Auto des Universums. Es riecht nach Benzin, die Türen schließen nicht, der Auspuff klingt wie Joe Cocker an einem guten Tag. Jadran überholt dennoch sofort einen Opel mit Stuttgarter Kennzeichen. Oberhalb von Stari Grad bleiben wir stehen. Im Osten erstreckt sich ein Flickenteppich in Rot, Grün, Gelb. Obstgärten, Weinberge, Olivenhaine, seit über zweitausend Jahren fast unverändert und teilweise noch immer durch die ursprünglichen antiken Mauern abgegrenzt.

Auf dem Friedhof von Dol legen drei ältere Frauen Mimosen und Wildblumen auf die Gräber ihrer toten Männer. Die Friedhöfe auf den Inseln haben oft beste Lage, man gönnt den Toten den schönsten Blick. Mit den Frauen lehne ich später an der Friedhofsmauer, wir trinken Kaffee mit den Toten, sehen schweigend auf die See.

In Pitve, einem verschlafenen Nest an der Nordseite von Hvar, gibt es selbstgemachten Walnussschnaps auf der Terrasse von Dvor Dubokovi. Das Wirtshaus überblickt einen Weinberg, die Reben im Wind wie Wellengang. Der Wirt ist nervös. Hajduk heute gegen Dinamo. Das ewige Duell Kroatiens, Split gegen Zagreb. "1:1", sagt der Wirt und schüttelt den Kopf. Das Spiel verfolgen wir am Abend vor einem Café im Städtchen Vrboska. Die Fernseher wurden ins Freie getragen. Vor den Bars, in den Innenhöfen, sogar vor der Kirche flimmern die Bildschirme. Davor Männer in Unterhemden, Kinder, Frauen, ein Orchester an erregten Rufen schallt durch die Nacht. "Naprid, Bili!". Immer wieder: "Vorwärts, die Weißen!"

Am frühen Morgen schwebt der Duft vom frischen Kaffee über dem Hafen. Zwischen den Jachten schlängeln sich die Fischerboote von der See zurück. Wortkarge Männer mit Mützen tief im Gesicht und Gesten als Antwort auf alle Fragen nach Fang und Meer. Einer nach dem anderen nehmen dann die Segler Abschied. Die Stimmung ist munter; man grüßt, erkundigt sich nach den Tageszielen und nach dem Wind. Möwenrufe. Das 1:1 kein schlechtes Ergebnis für Hajduk.

Eine Stadt wie ein Museum

Von Hvar aus steuern wir den Hölleninsel-Archipel an. Jadran lenkt die "Riga" in versteckte Buchten, zu leeren Sandstränden. Das Meer alterniert zwischen delikatem Türkis und Ultramarin, wo es tiefer und schattiger wird. Ich habe das Gefühl, in einen Werbeclip für mediterranen Sommer hineinzuspringen. Ich schwimme in zikadenschwerer Mittagshitze. In einer winzigen Bucht der Insel Ždrilca ankert eine einzelne Jacht. Ein Junge hat eine Angel von Bord ausgeworfen und wartet. Wir tuckern vorbei, er sieht kurz auf, das ist alles. Die Zeit hält sich auf, verweilt im Duft von Rosmarin und Harz, möchte gar nicht weiter.

So entspannt und leer wie jetzt sei es in der Hochsaison nicht, erzählt Ivo, ein Fischer auf St. Klement, der größten Insel des Archipels. Er sitzt am Rand der Marina Vinogradiše und nimmt seinen Fang aus. Im Juli habe er hier mal fünfzig Boote gezählt. "Wie Sardinen! Stürmischer Südwind, ein paar unerfahrene Skipper, ging ganz schön drunter und drüber. Ich schwöre, an dem Tag habe ich in zehn Sprachen fluchen gelernt." Ich bringe Ivo einen Walnussschnaps. Er legt das Fischmesser weg, wir stoßen an. Auf seinem Handrücken glänzen Schuppen. Am Abend erreichen wir Šedro. Die See plätschert in der Dämmerung vor sich hin, alles ist ruhig, bis sich unvermittelt Operngesang aus einem der Steinhäuser auf der Insel über die Bucht legt.

Dreißig Leute leben in den warmen Monaten hier, nur die Hälfte bleibt das ganze Jahr. Sie vermieten Apartments an Touristen, fischen und - singen Opern. Das Restaurant der Familie Kordi ist das einzige in der Bucht. Pavao, der junge Besitzer, fängt das Fischmenü jeden Tag selbst. Danach gibt es Kräuterschnaps. Die Gewässer um Šedro sind noch nicht überfischt. Pavao bereitet die Köder für den Nachtausflug vor. Dutzende Haken auf einem Seil bestückt er mit Sardellen und hängt sie um einen Eimer. Parangal nennt sich die Art zu fischen, das Seil wird er später auf den Meeresgrund lassen. Eine graue Katze schleicht um seine Beine.

Auf Korcula liegen wir zum ersten Mal in einer großen Marina. Hunderte Bootsmasten wie Ausrufezeichen. An der Seepromenade der sonore A-capella-Gesang eines Männerchors:

"Nur der See glaube ich,
nur der Welle, der Ebbe, der Flut
Wenn alle mich verlassen,
die See breitet aus die Arme für mich."

Das Stadtgefühl ist ein museales. Vor Mauern, Fassaden, vor der schwarz gekleideten Gemüseverkäuferin möchte ich einige Schritt zurückgehen, um mir alles wie in einer Ausstellung zu betrachten. Ein Plakat am Tor zum städtischen Museum trägt passend den Satz: "Old is nice." Mit Stein aus Korcula wurde das Weiße Haus gebaut. Vielleicht aber auch nicht. Marco Polo ist in Korcula geboren. Vielleicht aber auch nicht. Die Insulaner selbst lachen verschmitzt, wenn man sie fragt, was wahr sei, was Legende. Die beste Antwort bekomme ich auf dem Markt von einer Blumenverkäuferin: "Wäre Marco auf Korcula geboren, wäre er niemals Entdecker geworden. Was gibt's Schöneres als uns?"

Am fünften Tag erreichen wir Mljet, eine Insel wie aus einem Traum. Auf der Insel liegt ein See, auf dem es wiederum eine Insel gibt. Und Odysseus war hier, erzählt Jadran. Mythen über den Mythos. Mljet sei die Insel, auf der Odysseus mit der Nymphe Kalypso herumgemacht habe, bis seine Sehnsucht nach Heimat zu stark wurde.

Ein Hoch auf die "Riga"

Eine Fähre bringt mich nach St. Maria, der Insel auf dem See auf der Insel. Im Innenhof des Klosters tanzt ein älteres Pärchen im Schatten eines Orangenbaums. Wie einst Kalypso und Odysseus vielleicht. Die Musik kommt aus einem kleinen Transistorradio. Billie Holiday. Es ist ein Traum. Zurück an Bord bringt mir Jadran Knoten bei, erklärt mir die Winde. Meine Stimme kommt mir tiefer vor als zu Beginn des Törns. Mein Bart gelingt mir langsam. Der Alltag auf dem Boot ist meditativ. Frühstück, Ablegen, Karten spielen, Inselgeschichten, Tauchpartie, Mittagessen, Geschirr, Segel setzen, Kommunismusgeschichten, Schwimmpartie, Anlegeprozedur, Ortsvisite, Abendessen, Schnarchpartie.

Im Lastovo-Archipel ankern wir vor einem alten Marinetunnel der jugoslawischen Volksarmee. Bis in 1989 war die Insel Sperrgebiet. Wir sehen verlassene Kasernen, eingestürzte Bunker und leerstehende Lagerhallen. Die Natur nimmt sich zurück, was ihr beliebt. Die Vegetation auf Lastovo mutet anarchisch an. Das Unberührte als Marke. Möge es so bleiben, sagt mein Onkel. Auch das Dorf Lastovo wirkt in sich gekehrt, sonntäglich öde auch ohne Sonntag. Vor einem Wirtshaus sitzen Männer in Unterhemden auf weißen Stühlen, spielen Domino.

Nachthimmel: Sterne, irre viele. Die Sternschnuppen erwischt man am besten knapp über dem Horizont, sagt Jadran. Er und Onkel sprechen über die Siebziger an der Adria. Als Tito noch lebte, der Kommunismus noch Hoffnung war. Als in Jugoslawien Rock'n'- Roll gemacht wurde. Als Skandinavierinnen ihre prüden Masken nach einem Tag in der dalmatinischen Sonne abnahmen. Als die See nicht überfischt war, die Inseln nicht mit hässlichen Villen verbaut waren. Als noch nicht die halbe Küste von Russen weggekauft war. Ich sehe vier glänzende Augen.

Am nächsten Morgen treten wir diezweitägige Rückreise nach Split an. Der Wind ist uns gewogen, Jugo aus Südost, stetig, ohne Böen, der Himmel metaphernlos blau. Ich darf das Ruder übernehmen, die "Riga" wirkt mit aufgefierten Segeln beschwingt, als freue sie sich auf zu Hause. Später weht Maestral aus Nordwest, bringt frische Luft mit, klare Sicht bis zum Horizont. Jadran setzt sich zu mir. Ich soll das Boot kreuzend gegen den Wind steuern, mehr sagt er nicht, lässt mich machen, lehnt sich zurück, stopft seine Pfeife. Mein Onkel kommt aus der Kajüte, Hvar zeichnet sich in der Ferne ab, die Wellen kräuseln sich vor uns, als hätte das Meer Gänsehaut. "Hätte es die ›Riga‹ in meinem Leben nicht gegeben ", sagt Jadran, Blick Richtung Hvar. Er beendet den Satz nicht. Onkel entkorkt den letzten Rotwein, wir stoßen an, Jadran benetzt die "Riga" mit ein paar Tropfen. Sie trinkt mit.

Dann platzt es aus mir heraus: "Mann, es ist so wahnsinnig schön!" Die Männer brechen in Gelächter aus, fragen, was schön sei. "Das alles", sage ich, hilflos, mehr fällt mir, dem Schriftsteller, nicht ein. Ich meine die kleine Mrduja, um die gestritten wird, den Walnussschnaps, den Jungen mit der Angel, ich meine die gespenstischen Bunker auf Lastovo, den dünnen Kaffee an Bord, ich meine Jadrans Pfeife. Nichts davon spreche ich aus. Die Männer nicken.

Die "Riga" ist guter Dinge, wir legen in der großen Marina von Hvar an. "Komm mal mit", sagt Jadran und führt mich durch den Hafen. Mondäne Jachten fläzen sich vor den Palästen, an der Promenade fließt Eis-Cappuccino. Jadran interessiert das alles nicht, erst in einer unscheinbaren Gasse abseits des Trubels bleibt er vor einem Tor stehen. "O realta quanto e bella!" steht dort. In Stein gemeißelt. O Wirklichkeit, wie bist du schön. "Das alles", sagt Jadran.

Die kroatische Wasser- und Inselwelt ist ein Paradies für Segler. Schriftsteller Sasa Stanisic begab sich auf einen Segeltörn in Dalmatien.

Schlagworte:
Autor:
Sasa Stanisic