Kroatien Mit dem Schlauchboot zum Silbersee

Bei einer Rafting-Tour durch das kroatische Hinterland zu den Plitvicer Seen zeigt sich das Balkanland von seiner schönsten Seite.

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss - oder etwa doch nicht? Der Mrežnica jedenfalls hat hinter jeder Flussbiegung eine neue Überraschung zu bieten. Als wir in unseren Schlauchbooten den ersten Wasserfall hinunterrauschen, gehen Plastiksandalen, Digitalkameras und Hobbymatrosen sofort über Bord. Auch hinter der nächsten Kurve fällt der Fluss wieder tosend in die Tiefe. Eine Klippe, acht Meter hoch, zu viel, um im Boot zu bleiben. Wir steigen aus, kippen unseren Gummikahn den Abgrund hinunter und springen einfach hinterher. Pures Abenteuer - und die schönste Art Kroatiens Hinterland mit erfrischtem Geist zu entdecken.

Als sich der Mrežnica wieder beruhigt hat, reicht unser Guide Mario auf seinem Paddel kleine Plastikgläser mit Brandy herum und erzählt von den Bären, Wildschweinen und Wölfen, die in dem dichten Wald am Ufer leben. In der unberührten Natur in der Gegend um Karlovac fühlt man sich schon nach wenigen Stunden auf dem Fluss weit abseits der Zivilisation. Das Wasser ist so klar, dass man bis auf den Grund blicken kann, am Flussrand wächst frische Minze und in der Uferböschung quaken zufrieden die Frösche. Während die Touristenströme jeden Sommer an die kroatische Künste pilgern, ist die Lika-Karlovac-Region noch weitgehend unentdeckt.

Wer dieses Paradies erleben will, mietet sich am besten in Zagreb ein Auto und übernachtet in kleinen Pensionen oder auf Campingplätzen wie in Slapiz, wo unsere Rafting-Tour nach elf Wasserfällen an einer Waldlichtung endet. Im Fluss steht schon gekühltes Bier und in einer kleinen Gastwirtschaft warten Grillplatten und Strudel als Belohnung auf uns. Am Abend spazieren wir durch den Ort Rastoke, der mit seinen vielen alten Mühlen und Wasserfällen wie der Drehort eines Märchenfilms wirkt. Mehrere Flüsse treffen hier aufeinander und ergießen sich über zahlreiche Kaskaden in den Korana Fluss. Die Häuser mit ihren Holzschindeldächern aus dem 19. Jahrhundert erzählen von der Zeit, als in dem Ort noch Getreide gemahlen wurde und man Textilien mit Hilfe von Wasserkraft bearbeitete.

Eine Höhle so groß wie eine Kirche - und zum Heiraten schön

Am nächsten Tag geht es noch weiter zurück in die Vergangenheit dieses dünn besiedelten Landstriches. Über eine Blumenwiese voller Thymian und Holunderbüsche laufen wir bis zu einem Loch, das in den Berg hineinführt: der Eingang der Millionen Jahre alten Tropfsteinhöhle Samograd in Perušić. Eine schmale Treppe windet sich hinab in die 240 Meter lange Höhle. Die prächtigen Stalaktiten, die hier unten von der Decke wachsen, wirken wie die Orgelpfeifen einer unterirdischen Kirche - und erinnern daran, wie unbedeutend kurz die eigene Existenz ist. "Ein Stalaktit wächst in 100 Jahren zehn Zentimeter", erklärt Guide Janek, als wir mit Taschenlampe durch einen schmalen Geheimgang kraxeln und auf einer Art Balkon oberhalb einer Grotte mit meterlangen Tropfsteinen herauskommen. Janek kennt dieses Labyrinth wie seine Westentasche, hat in seinen Winkeln sogar schon klassische Konzerte organisiert. "Und eines Tages will ich hier drin mal heiraten", sagt er.

Plitvicer Seen aus der Vogelperspektive.
Damir Fabijanić/Croatian Tourist Board
Seit 1979 gehören die Plitvicer Seen zum Unesco-Weltnaturerbe.
Zurück an der Oberfläche setzt uns das blendende Tageslicht für einige Minuten außer Gefecht. Nachdem die Sommersonne unsere ausgekühlten Körper wieder aufgewärmt hat, geht es mit dem Kanu zurück auf den Fluss. Das Wasser des Gacka ist so sauber, dass man es trinken kann und so klar, dass man Bachforellen und Äschen mit bloßen Augen erkennt. Der Fluss schlängelt sich durch unberührte Wiesenlandschaften und vorbei an kleinen Bauernhöfen, während im Gebüsch die Grillen vor sich hinzirpen. Eine Landschaft wie ein Gemälde von Monet - bis plötzlich ein im Krieg zerstörtes Hotel am Ufer auftaucht.

Früher Filmset, später Kriegsschauplatz, heute Touristenattraktion

Immer wieder wird man daran erinnert, wie zerrüttet die Verhältnisse hier während des Krieges in den 1990er-Jahren waren. In der kleinen Ortschaft Otočac, wo wir die nächste Nacht verbringen, sind die Wände vieler Häuser noch immer mit Einschusslöchern übersäht. Und selbst vor dem Unesco-Weltnaturerbe Plitvicer Seen, dem letzten Ziel unserer Reise, machte der Krieg nicht Halt: Die Gefechte zwischen Serben und Kroaten an seinem Ufer im Frühling 1991 läuteten den Kroatien-Krieg ein.

Heute steht die Pracht der Plitvicer Seen wieder ganz im Vordergrund. Über Kaskaden ergießen sich 16 Seen in eine dicht bewaldete Landschaft und locken jedes Jahr 900.000 Besucher in den Park. Nach Dubrovnik ist dieses Naturphänomen die größte Touristenattraktion des Landes - für deutsche Touristen auch deshalb, weil 1962 am Kaluđerovac-See der Winnetou-Streifen "Der Schatz im Silbersee" gedreht wurde. Noch immer sind die Postkarten von Winnetou und Old Shatterhand der Verkaufsschlager an den Kiosken. Und, tatsächlich, wenn man auf den Stegen über die Seen spaziert, fühlt man sich wie auf einem perfekt inszenierten Filmset: Wasserfälle strömen die Felswände hinunter, es duftet nach Moos und in dem hellgrünen Wasser tummeln sich Schwärme farbenfroher Fische. Ein Ort voller Schönheit und Frieden, der uns endgültig davon überzeugt, dass Kroatien mehr ist als bloß Strandurlaub.

Wer auf dem Wasser bleiben möchte, sollte unbedingt einen Segeltörn vor Kroatiens Küste einplanen und von Insel zu Insel schippern.

Autor

Aileen Tiedemann