Italien Venedig kann sehr nass sein

Wir waren gerade in Venedig angekommen, vollkommen unvorbereitet: keine Ahnung, wo unser Hotel sein sollte, keinen Stadtplan, Kamera vergessen und die Bücher waren auch auf dem Nachttisch liegen geblieben, weshalb wir am nächsten Tag erst einmal in eine Buchhandlung gingen. Ich suchte nach "Venedig kann sehr kalt sein" von Patricia Highsmith, klassische Motto-Lektüre also, so wie ich auch in Saigon erst mal Graham Greenes "A Quiet American" gekauft hatte. Nicht besonders originell, aber immer noch besser, als sich in Venedig etwas wie "Axolotl Roadkill" reinzuziehen.

Das Buch gab es leider nicht, aber wie sich herausstellte hätte es auch gar nicht gepasst: Es war nicht kalt in Venedig, es regnete, und nach dem Wetterbericht hatte ich vorher natürlich nicht geschaut. Italien, Veneto, Anfang Mai - ein sure shot dachte ich und hatte vor allem Sommerkleider und Sandalen eingepackt.

Sollte ich jemals über Menschen gelästert haben, die jeden Tag mit dem gleichen Pullover und den gleichen alten Chucks aus dem Hotel gehen - ich nehme alles zurück. Vielleicht hatten die auch einfach nicht aufs Wetter geachtet und völlig falsche Sachen mitgenommen. So wie die Amerikaner, die in Berlin im November mit kurzen Hosen herumlaufen; die haben dann allerdings nicht mal auf die Landkarte geguckt.

Natürlich gibt es Schlimmeres als Regen, vor allem in Venedig. Wir besuchten sämtliche Museen, Peggy Guggenheim, Palazzo Grassi, Punta della Dogana und so fort. Wir schliefen lange, hatten die beste Ausrede, um früh einen Aperitif in der Bar des "Da Fiore" (das in der Calle delle Botteghe, nicht das teure in der Sestiere San Polo) zu nehmen, und wenn doch einmal die Sonne schien, setzten wir uns, so lange es ging, im Cannaregio an den Kanal und aßen Eis. Irgendwie entspannte uns das schlechte Wetter, ganz im Gegenteil zu den meisten anderen Touristen.

Die stellten sich, statt während eines Schauers irgendwo einzukehren, in erstaunlich großer Zahl unter die Bogengänge am Markusplatz, um dann alle fünf Minuten empört in den Himmel zu schauen. Dafür, den Markusplatz einmal vollkommen leer zu erleben, lohnt sich ein bisschen stumpfes Rumstehen natürlich, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses "Erlebnis" keine ganze Stunde anhält.

Erprobte Städtereisende entwickelten in Venedig dagegen ein ausgeklügeltes Zeitmanagement, um jede Regenpause, jeden Schauer optimal zu nutzen. Ließ das Tröpfeln leicht nach, zerrten sie ihre Kinder aus dem Cafe raus auf die Straße und gingen im Stechschritt durch die kleinen Gassen, um die nächsten Sehenswürdigkeiten zu erreichen. Ein Paar aus unserem Hotel hatte sich auf dem Stadtplan zur Sicherheit gleich sämtliche indoor sights eingezeichnet: Museen, Kirchen, Scuolas - Zufluchten, in die sie auf ihrer Route schnell einkehren konnten, ohne Zeit zu verlieren. Wirklich beeindruckend. Ich glaube, die beiden kamen aus Augsburg.

Am härtesten aber waren die Japaner: Sie zogen sich einfach ihre blauen Ganzkörperregenjacken an, machten ein Schutzobjektiv (oder das, was ich dafür halte) auf ihre Kamera und zogen weiter ihr Programm durch. Kein Platzregen konnte sie von der geplanten Gondelfahrt abhalten. Und sie hatten nicht mal schlechte Laune dabei. Einmal, als es gerade wieder anfing zu tröpfeln, eilte ein Japaner auf uns zu, und drückte uns lächelnd seinen kleinen Regenschirm in die Hand. Er bestand darauf, dass wir ihn behalten, es sei ohnehin nur sein spare umbrella. Menschen, die mit Ersatz-Regenschirm verreisen, was für eine Ausrüstung.

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Autor:
Silke Wichert