Italien Stadtbummel mit Donna Leon in Venedig

Venedig, Teatro la Fenice. Donna Leon, eine bekennende fanatische Opernliebhaberin, besucht mit Bekannten, darunter ein befreundeter Dirigent, eine Aufführung des Opernhauses. Dem Dirigenten missfällt die Leistung seines Kollegen derart, dass er in der anschließenden Freundesrunde zutiefst verärgert ausstößt: "Für diesen Auftritt würde ich den Kerl am liebsten umbringen." Die anderen scheinen der gleichen Meinung zu sein, man steigert sich in Mordgelüste hinein und erläutert das Wann und Wie. Ihm einen vergifteten Cappuccino reichen? Hinter der Bühne erstechen? Erdrosseln? Und gibt es einen geeigneten Fluchtweg aus dem Theater? Wenn ja, wo befindet er sich?

Im Laufe des Abends verfliegt der Ärger des Dirigenten, doch Donna Leon ist angestachelt. Die Idee von einem Krimi in Venedigs Opernwelt lässt sie nicht mehr los. Ihr gefällt die Vorstellung von den verwinkelten Gassen und verzweigten Kanälen als Kulisse für ein perfides, perfekt geplantes Verbrechen. Donna Leon verspricht ihrem Freund, dass sie den Dirigenten um die Ecke bringt, und zwar auf dem Papier. Und so kommt es, dass sich die Sprachwissenschaftlerin und Literaturdozentin alsbald an den Schreibtisch setzt und ihren ersten Kriminalroman schreibt: "Venezianisches Finale".

Mit ihm erweckt sie ihre Hauptfigur, den Ermittler Guido Brunetti, zum Leben, einen Feinschmecker, Familienmenschen und typischen Sohn seiner Stadt, gelassen, mit trockenem Humor und einem gewissen Hang zum Zynismus, der in Venedig zur Sprachkultur gehört. Der Commissario und das Flair der Lagunenstadt sind die Würze ihres Romans - und der Schlüssel zu ihrem seit Jahren andauernden Erfolg.

Nach Venedig führte sie der pure Zufall

Nachdem das Manuskript ein Jahr lang in der Schublade liegt, rät ihr ein anderer Freund, an einem Literaturwettbewerb in Japan teilzunehmen. Donna Leon reicht ihr Werk ein und gewinnt 1991 zu ihrem eigenen Erstaunen mit ihrem Erstlingskrimi tatsächlich Japans renommierten Subtory-Preis für Roman-Debütanten. Der Anfang einer mörderischen Karriere: Über 19 Brunetti-Romane hat Donna Leon bislang verfasst, jeder einzelne davon ein Welterfolg. Dabei war es der pure Zufall, der sie zum Schreiben und in ihre spätere Wahlheimat Venedig führte.

Donna Leon wird am 28. September 1942 in New Jersey in den USA geboren. Ihr Name ist, auch wenn er so klingen mag, kein italienisches Pseudonym, wie der in ihrer Heimat ausgestellte Führerschein eindeutig beweist: Donna M. Leon.

Nach Beendigung ihres Studiums zieht es die umtriebige Frau, die ihr Bruder Albert Leon als "unbezähmbaren Wildfang" schon im zarten Mädchenalter beschreibt, in die Welt hinaus. Mitte der 1960er-Jahre begleitet die 23-jährige Studentin eine italo-amerikanische Kommilitonin nach Italien, was in der Amerikanerin die Leidenschaft für die mediterrane Lebensart entfacht. Sie setzt zunächst ihr Studium in Perugia und Siena fort, führt dann bis zu ihrem 40. Lebensjahr ein Vagabunden-Dasein. Sie arbeitet als Reisebegleiterin in Rom und unterrichtet an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran, in China, zuletzt in Saudi-Arabien.

Letztendlich sind es die erschütternden Erfahrungen, die eine moderne Frau wie Donna Leon in dem fundamentalistisch islamischen Land neun Monate lang machen muss, die sie 1981 in die Lagunenstadt zurücktreiben, damals noch nicht ahnend, dass sich Venedig als ihre neue Heimat und die Wiege ihres Erfolgs entpuppen würde. Donna Leon verliebt sich erneut in die "Serenissima", das durchlauchtige Venedig, und beschließt zu bleiben, was ihr dank einer Dozentenstelle für englische Literatur in Vicenza, an einer Außenstelle der Universität von Maryland, auch finanziell ermöglicht wird.

Jeden Tag entlang des Canal Grande

Zahllose echt venezianische Alltage beginnen. Täglich fährt Donna Leon von Venedigs Bahnhof Santa Lucia nach Vicenza und nimmt abends gegen 23 Uhr das Vaporetto Nr.1 zurück nach Hause. Damit fährt sie auf genau jenem Weg den Canal Grande entlang, dessen Gesamtstrecke man jedem

Kirche Santa Maria della Salute
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Kirche Santa Maria della Salute
Venedigbesucher nur wärmstens ans Herz legen möchte, führt sie doch an einigen der schönsten Kirchen und Palazzi der Stadt vorbei: an der Kuppelkirche San Simeone Piccolo (1738 erbaut), an der Ca’Pesaro, dem 1652 von Baldassare Loghena begonnenen Meisterwerk, am quirligen Fischmarkt, am Ponte di Rialto, am Palazzo Grassi aus dem 18. Jh. sowie an der Collezione Peggy Guggenheim 27 und der großen Pestkirche Santa Maria della Salute, um nur einige typische venezianische Highlights zu nennen. 

Auch die idyllische Terrasse des Commissario Brunetti und seiner Familie ist vom Vaporetto aus zu sehen, und zwar genau an jenem Punkt, gegenüber der Anlegestelle Sant’Angelo, wo der Canal Grande und der kleinere Kanal Rio San Polo zusammenlaufen.

Was Donna Leon neben der Schönheit der nächtlich erleuchteten Gebäude besonders auffällt, sind jene Menschen, die allabendlich am Anleger San Marcuola aussteigen: Herren mit gegelten Haaren, dunklem Anzug und Krawatte, an ihrer Seite Damen, deren lange Abendroben von Pelzen umhüllt sind. Sie pilgern zum Palazzo Vendramin-Calergi 9, in dem 1883 der deutsche Opernkomponist Richard Wagner starb und der heute Venedigs berühmtes Kasino beherbergt. Als 1991 sieben Croupiers des Kasinos bei der "Operation Sansibar" wegen Betrugsverdachts von der Polizei festgenommen werden, erweckt das Donna Leons kriminalistischen Spürsinn. Sie macht den Palazzo Vendramin-Calergi zum Schauplatz von Brunettis zweitem Fall: "Endstation Venedig".

Ca’d’Oro, deas
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Ca’d’Oro, deas "Goldene Haus"
Weil Donna Leon selbst im Viertel Cannaregio nahe der Strada Nuova wohnt, verlässt sie das Vaporetto Nr. 1 meist an der Anlegestelle des prächtigen gotischen Ca’d’Oro, dem "Goldenen Haus", das als der schönste und aufwändigste Palazzo Venedigs gilt; er beherbergt heute die Sammlung der Galleria Franchetti.

Zu Fuß von einem "un' ombra" zum nächsten

Oft macht es dann die Schriftstellerin wie ihr Geschöpf Commissario Brunetti: Sie schlendert die breite Einkaufsstraße Strada Nuova und deren Verlängerung entlang, um schließlich die Rialtobrücke zu überqueren und in dem kleinen Alimentari-Laden La Baita 20 gereiften Parmesan oder eine Kugel Büffelmozzarella und am Fisch- und Gemüsemarkt frische Zutaten für ein Abendessen mit ihren

Rialtobrücke
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Rialtobrücke
Freunden Roberta und Franco einzukaufen. Dieses Leben zu Fuß, in dem Autos keinen Platz haben, liebt Donna Leon an Venedig besonders: "Da wir immer zu Fuß gehen, begegnen wir einander gezwungenermaßen. Das heißt, allmorgendlich sind die Einwohner Venedigs dazu verurteilt, ihre Nachbarn zu sehen oder gar ein Stückchen des Weges mit ihnen zu gehen. Dies führt dazu, dass man miteinander plaudert, was unausweichlich zu 'un caffè' oder 'un’ ombra' führt."

"Un’ ombra" ist einer der schönsten venezianischen Bräuche. Der Begriff leitet sich vom Wort "ombra", Schatten, ab. Man geht auf ein kleines Glas Wein in den Schatten - in eine der zahlreichen Bars. Meist werden es zwei Gläschen oder auch drei. "Un’ ombra" leitet zwangsläufig ein Gespräch ein und beendet es, ein ideales Kommunikationsmittel. Dazu gibt’s "cichetti", venezianische Happen, die auch Brunetti und seine Erfinderin so lieben.

Wenn es die Zeit erlaubt, genehmigt sich die Krimiautorin einen Kaffee im chinesischen Salon des Caffè Florian 5 an der Piazza San Marco 28 oder ein süßes Teilchen in der traditionellen Pasticceria Rosa Salva am Campo SS. Giovanni e Paolo. Hier, rund um die gotische Kirche, werden auf dem weitläufigen Platz zahlreiche Außenaufnahmen der Brunetti-Verfilmungen abgedreht. Der L-förmige Campo, die Kirche sowie die Renaissancefassade der Scuola Grande bieten den perfekten Rahmen, um in die Mord- und Totschlag-Atmosphäre der Donna Leon einzutauchen. Die echte Questura 30, das Kommissariat von San Marco, liegt nur wenige Gehminuten entfernt an den Fondamenta San Lorenzo.

Donna Leon beschreibt nicht nur die rosigen Seiten Venedigs

Dass die in Europa und inzwischen auch in ihrer Heimat berühmte Autorin noch unbehelligt in Venedig ihren Espresso trinken kann, liegt daran, dass sich Donna Leon geweigert hat, ihre Bücher ins Italienische übersetzen zu lassen. Sie wollte sich ihre Inspiration, die Unvoreingenommenheit, mit der die Venezianer mit ihr umgehen, nicht belasten und auf keinen Fall zerstören. Und weil sie keine gebürtige Italienerin ist, möchte sie mit ihren Büchern, die oft die politischen Verhältnisse Italiens kritisieren und mafiöse Machenschaften, Vetternwirtschaft, Umweltskandale und Korruption anprangern, keinen Unfrieden stiften.

Auch wenn sich das venezianische Ambiente in den Romanen der Donna Leon oft finster darstellt, ist die Autorin selbst eine Frohnatur. In einem Interview erzählt die Amerikanerin mit dem grauen Pagenkopf und den blitzenden Augen: "Die Zukunft dieser Welt ist völlig hoffnungslos und finster. Trotzdem wache ich jeden Morgen auf, trinke meinen Café und fange an zu zwitschern. Es ist für mich zu einer Art Gewohnheit geworden, gut gelaunt zu sein."

Natürlich sieht Donna Leon auch die Gegenwart ihrer Wahlheimat kritisch, auch für sie sind die ewigen Touristenströme ebenso oft eine Plage wie die ständig überfüllten Vaporetti oder die Souvenirläden, die sich rund um San Marco 2 wie Perlen einer Kette aneinanderreihen. "Es ist ärgerlich, wie die Stadt verkauft wird und sich selbst verkauft", sagt die Autorin.

Wie die meisten vermögenden Einheimischen des etwa 60.000 Einwohner zählenden historischen Zentrums Venedigs hat sie einen Fluchtpunkt außerhalb, um Luft zu holen, um den Touristenkoller loszuwerden. Donna Leon zieht sich dann für ein paar Wochen in ihr Landhaus in den Dolomiten zurück, wo sie weder einen festen Telefonanschluss noch ein Handy hat.

Sie arbeitet ein bisschen, widmet sich der Gartenarbeit, vertieft sich in die Musik ihres Lieblingskomponisten Georg Friedrich Händel. Szenen eines italienischen Landlebens. Bis wieder die Sucht nach den Kanälen und Palazzi, den dunklen Gassen und der Enge des "centro storico", der Altstadt, in deren Finsternis die Fantasie das Verbrechen brüten lässt, übermächtig wird.

Venedig und Commissario Brunetti rufen!

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MERIANporträt Venedig
Die Geschichte ist ein Auszug aus dem Buch "Venedig – Eine Stadt in Biographien", erschienen in der Reihe MERIANporträts. 20 ausgewählte Biographien zeichnen ein lebendiges, historisches wie auch aktuelles Bild Venedigs.

MERIANporträts stellen berühmte Bewohner der schönsten Metropolen vor. Charles Dickens etwa führt durch das neblige viktorianische London, Carlos Ruiz Zafón entdeckt die Geheimnisse Barcelonas und Sarah Jessica Parker bummelt auf großer Shoppingtour durch New York.

In jedem Städteband werden 20 faszinierende Personen vorgestellt. Dazu gibt es konkrete Adressen, wie man auf deren Spuren wandeln kann und eine Karte zur Orientierung. 

Weitere MERIANporträts gibt es für Barcelona, Berlin, London, München, New York, Paris, Prag, Rom, Dublin, Zürich, San Francisco, Hamburg, St. Petersburg, Stockholm und Wien.

Autor

Susanne Wess