Italienische Literatur 750. Jubiläum von Dante Alighieri

2015 wäre Dante 750 Jahre alt geworden. Der Dichter, der die italienische Literatur neu erfunden hat, wurde in Florenz geboren. Seine Werke haben viel mit seiner Heimatstadt zu tun. Wir nehmen Sie mit auf einen biographischen Spaziergang durch Florenz.

Wenn man die kleine Kirche Santa Margherita die Cerchi betritt, kann man sich gut vorstellen, dass es den jungen Dante Alighieri (1265–1321) wie einen Blitz getroffen hat, als er sich dort in Beatrice verliebte. In dem düsteren, beinahe mystisch aufgeladenen Innenraum erstrahlt eine jede Schönheit zu großem Glanz. Das erkennt man auch heute noch, nach vielen hundert Jahren.
Freilich ist diese erste Begegnung nur Dichtung, nicht Wahrheit. Dante soll gerade mal neun Jahre alt gewesen sein, als er die ein paar Monate jüngere Beatrice zum ersten Mal sah. Auf einem Fest im Hause ihrer Eltern sei das gewesen.

Dante Alighieri und Beatrice Portinari – sie sind in der europäischen Literaturgeschichte zum Inbegriff der reinen, aber auch ewig unerfüllten Liebe geworden. Dantes "Vita Nuova", die Versdichtung "Das neue Leben", handelt nur von dieser Liebe, und auch in seinem Hauptwerk, der "Divina Commedia", spielt Beatrice eine wichtige Rolle. In 100 Gesängen schildert Dante darin Dante Alighieri die Wanderung durch Vorhölle und Hölle ins Paradies, Beatrice ist zeitweilig Begleiterin durchs Paradies. Dante wurde damit einer der wesentlichen Vertreter des "süßen neuen Stils" in der italienischen Literatur, des "dolce stil nuovo".

Lange Zeit war man sich nicht sicher, ob es Beatrice tatsächlich gegeben hat: zu ideal, zu symbolisch war diese ganze Erzählung von der Liebe zwischen Mann und Frau, ein klassischer Minnesang. Aber es gab eine Bice, Tochter des Bankiers Folco Portinari, geboren vermutlich 1266, verheiratet mit dem Bankier Simone de’ Bardi und gestorben im Juni 1290. Ihr Grab befindet sich in jener Kirche Santa Margherita die Cerchi – ebenso wie ein sehr buntes Gemälde, das die berühmte zweite Begegnung von Dante und Beatrice zeigt, als beide 18 waren. Nur zweimal in ihrem Leben sollen sie sich getroffen haben, schreibt Dante, und doch sei daraus so eine große Liebe  entstanden. Man sieht: Dem Dichter Dante war bei dieser Geschichte das Spiel mit den Zahlen wichtig. Die Zahl drei war Sinnbild der höchsten Vollkommenheit, der Heiligen Dreifaltigkeit. Drei mal drei ist neun, das Alter, in dem er Beatrice zum ersten Mal begegnete. Zwei mal neun ist 18, das Alter, in dem sie sich zum zweiten Mal trafen. In Wirklichkeit dürften sich das "Bice" genannte Mädchen und ihr Verehrer viel öfter begegnet sein, denn sie wohnten nur wenige Schritte voneinander entfernt. Sie an der Ecke Via del Corso und Via dello Studio im Haus der Portinaris, dort wo heute der Palazzo Salviati steht, in dem die Banca Toscana untergebracht ist. Er im Anwesen der Alighieris, einer Familie von Rechtsgelehrten, und in einer Straße, die parallel zur Via del Corso verläuft, die heutige Via Dante Alighieri.

Florenz: Ein mittelalterliches Manhattan

Ponte Vecchio führt trockenen Fußes über den Arno
Lukas Spörl
Ponte Vecchio führt Besucher trockenen Fußes über den Arno
Dort steht auch die Casa di Dante, das mittelalterlich anmutende Dante-Museum mit Wohnturm und Brunnen vor dem Haus. Es ist nur eine sehr freie architektonische Nachempfindung vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Dennoch vermittelt das Gebäude einen Eindruck davon, wie Florenz damals gewesen sein mag, mit seinen engen, verwinkelten Gassen und den Wohnburgen ähnelnden Häusern der großen Familien. Vor 1250 gab es noch die "Geschlechtertürme", bis zu 70 Meter hoch. An die 200 soll es davon in der Stadt gegeben haben. Florenz muss ausgesehen haben wie ein frühes Manhattan. Befreundete Familien sollen ihre Türme gar mit Stegen verbunden haben, damit sie auch in Zeiten der Straßenkämpfe zueinander gelangen konnten. Draußen ging es oft ruppig zu, blutige Fehden waren nichts Ungewöhnliches. Erst 1251 beschloss der Stadtrat, alle Türme auf eine Höhe von maximal 29 Metern zu kappen. An den Streitigkeiten änderte das freilich nichts.

Florenz war damals längst eine Großstadt, aber dennoch eine kleine Welt für sich. Aus der Kleinstadt von Cäsars Gnaden, der das Land an den fruchtbaren Ufern des Arno seinen römischen Veteranen überlassen hatte, war ein Handelszentrum für ganz Norditalien geworden. Nach dem Sieg gegen den Konkurrenten Siena in der Schlacht von Montalcino 1252 prägte die Stadt den ersten Florin, eine Goldmünze, die in ganz Europa ein begehrtes Zahlungsmittel werden sollte. Und im Mai oder Juni 1265, als Dante Alighieri zur Welt kam, befand sie sich auf einem ersten Höhepunkt ihrer Macht. In der Stadt herrschte die Bürgerschaft, die in Zünften organisiert war. Der ewige Zwist zwischen den Ghibellinen, den Anhängern der Stauferkaiser, und den papsttreuen Guelfen dauerte noch an. Und nach der Niederlage der Ghibellinen 1289 spalteten sich die siegreichen Guelfen einfach in die weißen Guelfen, die für Kompromisse mit dem Kaiser eintraten, und in die kompromisslos papsttreuen schwarzen Guelfen auf; so konnte weitergestritten werden. Woraus man schon erkennen kann, dass den Florentinern ein gewisser Hang zu Zwistigkeiten nicht fremd ist.

Blick auf das Baptisterium San Giovanni
Lukas Spörl
Blick auf das Baptisterium San Giovanni
Dante war in diese politischen Fehden ebenfalls verstrickt und hatte an Feldzügen gegen konkurrierende Städte teilgenommen. Er stammte zwar aus einer Adelsfamilie und nicht aus dem Bürgertum, aber ab 1295 genügte es, in ein Zunftregister eingetragen zu sein, um ein öffentliches Amt übernehmen zu können. Dante ließ sich in das Register der Ärzte und Apotheker einschreiben, und so wurde der bereits hoch angesehene Dichter nun auch Politiker. 1296 und 1301 war er im Rat der Hundert vertreten, er war Gesandter bei Verhandlungen mit Nachbarstädten und gehörte 1300 zu den sechs Prioren, die alle zwei Monate neu gewählt wurden, dem obersten Ratsgremium. Das stand dem auf ein Jahr gewählten Podestà zur Seite, dem Stadtvogt, der wie damals üblich aus einer anderen Stadt kommen musste, um Intrigen mächtiger Familien vorzubeugen. Dazu kam später ein "Gonfaloniere", ein gewählter Volkshauptmann aus der Stadt selbst. Aus jener Zeit gibt es ein erst kürzlich entdecktes Porträt von ihm, das Giotto in der Kapelle des Bargello gemalt hat. Die politischen Ambitionen aber sollten dem Dichter zum Verhängnis werden.

Dante stand auf Seiten derer, die Papst Bonifaz VIII. keineswegs willfährig gehorchen wollten, und so sprach er Dante Alighieri sich im Rat der Hundert dagegen aus, dem Papst Truppen zur Verfügung zu stellen. Um Bonifaz nicht ganz zu brüskieren, schickten die Florentiner Gesandte, zu denen auch Dante gehörte, nach Rom. Doch während die Gesandtschaft sich in Rom aufhielt, zog Karl von Valois, Bruder des französischen Königs, im Auftrag des Papstes kampflos in Florenz ein: Die schwarzen Guelfen hatten damit gesiegt, die weiße Fraktion wurde aus der Stadt verbannt. Auch Dante wurde am 27. Januar 1302 in Abwesenheit wegen politischen Betrugs verurteilt. Als er auf das Urteil nicht reagierte – er war wohl noch auf der Rückreise von Rom –, wurde es sechs Wochen später verschärft: Man verbannte ihn auf Lebenszeit und zog seine Güter ein. Für den Fall seiner Rückkehr drohte ihm der Scheiterhaufen.

Santa Maria del Fiore ist berühmt für seine gewaltige Kuppel
Lukas Spörl
Santa Maria del Fiore ist berühmt für seine gewaltige Kuppel
Fast 20 Jahre lang führte Dante Alighieri das Leben eines Verbannten. Er fand Aufnahme bei den Machthabern in Verona, Treviso, Venedig und Bologna, arbeitete im diplomatischen Dienst für den Markgrafen von Lunigiana. Später hört man von ihm aus Casentino, von der Riviera, vom Gardasee und aus Venetien. Auch in den Alpen ist er wohl tätig gewesen, wie man dem zwölften Gesang der Hölle aus der "Göttlichen Komödie" entnehmen kann: "So nahmen wir den Weg durchs Steingerölle; und unter meinen Füßen gab’s oft nach, da ungewohnt die Last war für die Hölle (…)". Der politische Furor hat ihn in jenen Jahren aber wohl ebenso wenig verlassen wie der dichterische. Dantes große Hoffnung war der künftige römisch-deutsche Kaiser Heinrich VII., der 1310 in Italien eintraf. Er schrieb ein Manifest an alle Republiken und Monarchen Italiens, in dem er sie aufforderte, den Kaiser mit Ehrfurcht und Freude zu begrüßen: "Sehet, jetzt ist die willkommene Zeit, in der die Zeichen des Trostes und des Friedens erscheinen", begann es. Doch die Hoffnung war vergebens, die Städte, in denen die Guelfen herrschten, kündigten erbitterten Widerstand an, Florenz allen voran. Natürlich war der Dichter empört. Die »verruchten Florentiner« hätten schwerste Strafgerichte Gottes zu erwarten, drohte der "unverdientermaßen Verbannte" in einem weiteren Schreiben. Doch die Belagerung von Florenz musste Heinrich VII. erfolglos abbrechen, und am 24. August 1313 starb der Kaiser.

Endgültige Verbannung aus Dantes Heimatstadt Florenz

Abends wird die Ponte Vecchio zur Bühne für Straßenmusiker
Lukas Spörl
Abends wird die Ponte Vecchio zur Bühne für Straßenmusiker
Damit führte für Dante und seine Söhne – er war ja im wirklichen Leben ganz normal verheiratet, nicht mit Beatrice, sondern seit 1285 mit Gemma di Manetto Donati – endgültig kein Weg mehr zurück nach Florenz. 1315 gab es zwar eine allgemeine Amnestie, aber Dante sollte eine hohe Summe zahlen und im Baptisterium, der Taufkirche der Stadt, ein Bußbekenntnis ablegen. "Ist das der begnadigende Widerruf, womit ein Dante Alighieri in die Heimat zurückgeholt werden soll, nachdem er beinahe fünfzehn Jahre die Verbannung ertragen hat? Hat das seine Unschuld verdient, die allen offenbar ist?", schrieb er einem Freund, "das ist nicht der Weg zur Rückkehr in die Vaterstadt. Doch wenn von Euch jetzt oder von anderen später ein Weg gefunden wird, der dem Ruhm und der Ehre eines Dante keinen Abbruch tun, so will ich ihn mit schnellen Schritten annehmen. Kann aber durch keinen solchen Weg Florenz wieder betreten werden, so werde ich Florenz eben niemals wieder betreten. Was tut’s auch? Kann ich nicht überall den Glanz der Sonne und der Sterne erblicken?"

Es spricht viel Trotz und Enttäuschung aus diesen Worten. Am 14. September 1321 ist Dante im Alter von 56 Jahren in Ravenna gestorben, an einem Fieber, das er sich während einer diplomatischen Reise nach Venedig geholt hatte. Er wurde in der Franziskanerkirche von Ravenna beigesetzt. Später hat ihm Florenz auf der Piazza Santa Croce ein Denkmal gesetzt, das ihn als ernsten, Respekt einflößenden Dichterfürsten zeigt. Nur allzu gern hätte man nun seine Gebeine heimgeholt. Aber die rückte Ravenna nicht mehr heraus. So bleibt von einem der größten Söhne der Stadt nur ein Kenotaph in der Basilica di Santa Croce.

In Florenz auf den Spuren von Dante Alighieri wandeln: 

Basilica di Santa Croce, Kenotaph für Dante: Piazza Santa Croce, Santa Croce; Mit dem Bus bis zur Station Magliabechi.
Chiesa di Santa Margherita dei Cerchi: Via Santa Margherita, Santa Croce. Mit dem Bus bis zur Station Canto alla Quarconia.
Dante-Denkmal: Piazza Santa Croce, Sante Croce. Mit dem Bus zur Station Magliabechi.

Museo Casa di Dante: Via Santa Margherita 1, San Giovanni. Mit dem Bus bis zur Station Canto alla Quarconia
 

Der Text stammt aus dem literarischen Reisebuch MERIAN porträts "Florenz – Eine Stadt in Biographien" von Franz Kotteder.

Das Buch wurde 2014 von der Italienischen Zentrale für Tourismus im Rahmen der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet! MERIAN porträts, 16,99 Euro

 

Autor

Franz Kotteder