Italien entdecken Die wundersame Wirkung der Thermalquellen

Magische Berge und die ältesten Cowboys der Welt: In der Maremma erlag unser Mitarbeiter Ulf Lüdeke dem wildromantischen Charme eines vergessenen Naturidylls in der Toskana.
Maremma in der Toskana

Aber Luce redet mit Pferden. Ich werde Zeuge, wie ihn eine Stute in den Arm beißt. „Entschuldige, das muss ich klären“, zischt er, reibt sich den Arm, stellt der Widerspenstigen nach, baut sich vor ihr auf und flüstert ihr eindringlich zu, bis sie demütig den Kopf senkt. „Wer Pferde verstehen will, muss sich in ihrer Gegenwart weiblich geben. Die Rinderhirten im Tiefland, die für ihre Arbeit noch immer Wildpferde zureiten, versauen sie mit ihrem männlichen Gehabe.“

Es kommen Mystiker aus allen Himmelsrichtungen

Luca ist für zarte Schwingungen empfänglich, auch am Berg: „Da oben habe ich das Gefühl, ich stünde in einer Kirche vor dem Altar.“ Zunächst habe ihn das irritiert: „Ich bin Landwirtschafts-Chemiker, ein rationeller Typ.“ Aber an einigen Orten spüre er besondere Kräfte. Oder Gefahr. Oder Wasser. „Aus Neugier habe ich mir eine Wünschelrute gebastelt. Sie hat sofort funktioniert.“ Auf dem Armaturenbrett seines Jeeps entdecke ich ein seltsames Gebilde: eine Schuhspannerfeder, an deren Ende ein Stück Rehgeweih steckt, verziert mit einem geschnitzten Pferdekopf. Am anderen Ende baumelt eine Messingkugel. Leise erzählt Luca, dass er damit weibliche und männliche Energie unterscheiden könne. Legt er mit geschlossenen Augen das Horn auf eine Stute, rotiere die Kugel links, beim Hengst rechts. Eine Erklärung? Hat der Pferdeflüsterer nicht. Ist eben Gefühlssache.

Woher auch immer der Berg seine Kraft schöpft: Er zieht Mystiker aus allen Himmelsrichtungen an. Einer der bekanntesten hieß Davide Lazzaretti. Dem Fuhrmann aus Arcidosso soll vor 140 Jahren dort oben die Madonna erschienen sein. Er baute eine Kapelle und einen Turm und gründete mit 80 Familien eine Gemeinde, die eine Art christlichen Sozialismus praktizierte. Alles wurde gemeinsam produziert und geteilt. Der Obrigkeit wurde die Bewegung schließlich zu stark, sie ließ Lazzaretti 1878 kurzerhand von Carabinieri erschießen. Doch eine Handvoll Anhänger zieht noch heute manchmal auf den Berg, um an der Kirchenruine zu beten.

Therme von Saturnia – wundersame Wirkung?

Mehr Glück beim Streben nach Vollkommenheit, die im Buddhismus Dzogchen genannt wird, hatte eine Gruppe tibetischer Mönche. Von den Chinesen ins Exil getrieben, begannen sie 1981 unterhalb von Ragninis Kastanienhof Richtung Monte Amiata mit dem Bau von „Merigar“, dem ersten Zentrum der Dzogchen-Gemeinde im Ausland. Den achteckigen „Tempel der großen Kontemplation“ weihte 1990 ein Nobelpreisträger ein, der über Dzogchen auch ein Buch verfasste: Seine Heiligkeit der Dalai Lama. Heute werden im Merigar Vajra-Tanz- und Yantra-Yoga-Kurse angeboten. Wer besondere Energien spürt, sollte sich nicht wundern: Merigar bedeutet „Platz am Feuerberg“, denn beim Monte Amiata handelt es sich immerhin um einen erloschenen Vulkan.

Die wundersamste Wirkung wird jedoch den Thermalquellen nachgesagt, die der Amiata speist. Therme von Saturnia heißt die bekannteste, 30 Kilometer südlich von Arcidosso gelegen. Schon die Etrusker wussten von der heilenden Wirkung für Haut, Gelenke, Muskeln, Arterien und Atemwege. 40 Jahre braucht das Regenwasser, um vom Amiata durch vulkanisches Gestein zu sickern, ehe es in Saturnia 37 Grad warm aus dem Krater sprudelt, angereichert mit Sulfaten, Bikarbonaten und Magnesium.

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