Italien Band Ganes aus Südtirol

Die Band Ganes aus Südtirol macht Alpen-Pop populär. Die drei Frauen aus einem kleinen Ort in Südtirol singen auf Ladinisch, einem Dialekt der romanischen Sprache. Unsere Autorin hat die Ganes-Mädels in ihrer Heimat Wengen besucht.
Band Ganes

Diese Geschichte beginnt an einem Novemberabend in Hamburg. Und zwar in einem Kiezclub, in dem normalerweise Rockbands austesten, ab wie viel Dezibel der Kronleuchter an der Decke zu wackeln beginnt. An diesem Abend stehen drei Frauen auf der Bühne und singen auf Ladinisch. Eine Sprache, die niemand im Publikum versteht. Und trotzdem lauschen die Zuhörer wie gebannt. Die Lieder, so rätselhaft sie auch klingen, scheinen jeden zu berühren. In mir wecken sie eine Sehnsucht nach Natur und heiler Welt. Woran der Typ mit der hippen Strickmütze neben mir denkt, weiß ich nicht. Aber er guckt, als würde er die Sängerinnen am liebsten einpacken, mit nach Hause nehmen und im Wohnzimmer wieder aufstellen.

Ganes heißt die Band, die es mit ihrem märchenhaften Alpen-Pop schafft, Hamburger von den Bergen träumen zu lassen. Dahinter stecken die Schwestern Marlene und Elisabeth Schuen und ihre Cousine Maria Moling. Alle sind um die 30, studierte Musikerinnen, bildhübsch, und alle rollen beim Erzählen so putzig das R. Sie stammen aus Südtirol, genauer gesagt aus dem Bergdorf Wengen im Gadertal. Dort wird, wie in den umliegenden Tälern, von ungefähr 30 000 Menschen noch heute ladinisch gesprochen: eine Sprache mit einem ganz besonderen warmen, melodischen Klang.

Noch während die Ganes-Mädels eine Zugabe spielen, beschließe ich, nach Südtirol zu reisen. Ich war noch nie in den Bergen, aber nach diesem Konzert bekomme ich plötzlich Lust auf grüne Wiesen, rot karierte Tischdecken und Kuhglocken. Schließlich habe ich als Kind keine Folge von "Heidi" verpasst und ziemlich viel "Dolomiti"-Eis gegessen. Ich bin also bestens vorbereitet.

"Genau so habe ich mir Heidiland vorgestellt: Holzhäuser, deren Balkone üppig mit Geranien bepflanzt sind"

Es ist gar nicht so einfach, das Dorf zu finden, in dem Marlene, Elisabeth und Maria aufgewachsen sind. Irgendwann, nach einer kurvenreichen Fahrt, geht es links vorbei an der Albergo Posta Pederoa, die Dorfkneipe, wie ich später erfahre, und ich lande in Wengen – ladinisch: La Val. Genau so habe ich mir Heidiland vorgestellt: Holzhäuser, deren Balkone üppig mit Geranien bepflanzt sind. Bauerngärten mit Gemüse und noch mehr Blumen und saftig grüne Wiesen. Etwas weiter oben thront eine alte Kapelle. Wenn jetzt noch die Sonne scheinen würde, hätte ich das Gefühl, in einem Postkarten-Motiv gelandet zu sein. Aber vor den Bergen hängen Regenwolken, die der Landschaft etwas Mystisches verleihen. Und wo sind die drei Feen, mit denen ich verabredet bin?

Wir treffen uns im Elternhaus von Elisabeth und Marlene. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Niedrige Decken, ein für die Gegend typisches "Kaminbett" (unten brennt ein Feuer, obendrauf liegt eine angewärmte Matratze) und alte Schnitzereien sorgen dafür, dass man sich in der guten Stube sofort heimelig fühlt. Mama Hilda Schuen macht für alle Espresso. Die Mädels leben zwar inzwischen in München, aber wenn sie zurückkommen, freuen sie sich am meisten auf Mamas Kaffee und ihre "Tultres": in Öl gebackene, gefüllte Teigtaschen, eine ladinische Spezialität. Hinter dem Haus rauscht der Bach Ganes entlang, der weiter zum Haus der Molings fließt. Er verbindet nicht nur die Familien, sondern gab auch der Gruppe ihren Namen. Die Ganes sind Figuren aus der ladinischen Mythologie. Weibliche Fabelwesen, mal freundliche Nixen, mal Hexen. "Sie können einen verwünschen, aber nur wenn man böse zu ihnen ist", erklärt Elisabeth.

Im Haus der Schuens hängen überall Familienfotos und Zeitungsausschnitte von Ganes-Auftritten. Aber auch Bilder vom Bruder, der ist nämlich Opernsänger. "Alle im Dorf machen Musik", so Marlene. "Wir sangen immer schon mit unserer Familie ladinische Volkslieder." Heute schreiben und komponieren Ganes ihre Songs selbst. Dabei stellen sie immer wieder fest: "In unserer Muttersprache klingen die Texte einfach authentischer." Darin geht es um Heimat, aber auch um moderne Themen wie Schönheitswahn und natürlich um die Liebe. "‚I te ó bun‘ heißt ‚Ich hab dich lieb‘ auf Ladinisch", erklärt Maria. Der Satz ist das höchste der Gefühle für Ladiner. "Das Bergvolk spricht halt nicht so leidenschaftlich."

Naturpark Fanes-Sennes-Prags: das Volk der Fanes mit den Murmeltieren 

Wir machen einen Spaziergang durch das Dorf. Leider sind die Berge immer noch verhüllt, sonst hätte ich jetzt einen Blick auf die Felsmassive Neuner, Zehner und Kreuzkofel werfen können, die das Tal begrenzen. Maria deutet auf einen grünen Streifen: "Da beginnt der Naturpark Fanes-Sennes-Prags, den haben wir als Kinder geliebt, weil er unsere Fantasie so anregte." Der Legende nach hat dort das Volk der Fanes mit den Murmeltieren gelebt. Die Landschaft mit den vielen kleinen Seen ist wegen der Steinfiguren und der terrassenförmigen Kalklandschaft auch als "Murmeltierparlament" bekannt. Etwas weiter südlich liegen die Armentara-Wiesen, wo Marias Eltern eine kleine Blockhütte besitzen. Im Frühling blühen dort Mehlprimeln, Trollblumen, Schwefelanemonen und der breitblättrige Enzian. Blumen, von denen ich noch nie gehört habe, aber die ich direkt in meinen heimischen Balkonkasten importieren möchte. Dann zeigt mir Maria noch ihre Kühe Stella und Moltina, die freundlich kauend zu uns herüberblicken. "Früher habe ich im Stall immer eine Show für die Kühe gemacht, die waren mein erstes Publikum", lacht sie.

Plötzlich bricht der Himmel auf, und ein Regenbogen schwebt über den Bäumen. Ich fasse es nicht. Die ganze Szene ist so idyllisch, dass ich jetzt schnell wieder ein bisschen Stadt brauche, um nicht sofort nach freien Bauplätzen zu suchen. Wir fahren ins benachbarte Brixen. Inmitten einer mittelalterlichen Altstadt mit Dom und Marktplatz finden sich hübsche Shopping-Arkaden, Cafés und – wir sind schließlich in Italien – Schuhläden! Brixen ist ein bisschen wie die Musik der Ganes: Beide verbinden auf ganz selbstverständliche Art Tradition und Moderne.

Wir gehen in das Jazzcafé 3 Fiori. In dem lauschigen Innenhof plätschert ein Brunnen, aus der offenen Bartür und den Fenstern heraus dringt Musik. Auf der Karte stehen Bioprodukte aus der Region – vor allem ein großes Angebot an Weinen (3fiori.com). Mal ehrlich, hier kann man doch wunderbar leben. Warum also sind die Ganes-Mädels nach München gezogen? "Wir haben immer schon von der großen Stadt geträumt", erklärt Marlene. "In der eben nicht jeder jeden kennt." Und dann erzählt sie lachend, dass sie einmal mit raspelkurzem Haar – bedingt durch einen Unfall mit dem Rasierapparat ihres Bruders – zum sonntäglichen Kirchgang erschien, und das ganze Dorf daraufhin unter kollektivem Schock stand.

"Wir sind hier sehr fest verwurzelt. Aber genau das ist der Grund, der das Weggehen einfach macht. Wir wissen immer, dass wir jederzeit nach Hause kommen können."

Jetzt, da die Musikkarriere langsam Fahrt aufnimmt, ist München natürlich zentraler gelegen. Dazu kommt, dass die Ganes viel durch die Lande touren. Aber alle zwei bis drei Monate kommen sie mal wieder nach Hause. Dann wandern sie, schlafen tief und lange (die gute Luft!). Manchmal ziehen sie sich in die Hütte von Marias Eltern zurück, um an neuen Liedern zu arbeiten. "Der Geruch von frisch gemähtem Heu und Wäsche, die auf der Leine flattert: Das ist für mich Heimat," sagt Elisabeth. Und Marlene fügt hinzu: "Wir sind hier sehr fest verwurzelt. Aber genau das ist der Grund, der das Weggehen einfach macht. Wir wissen immer, dass wir jederzeit nach Hause kommen können."

Autor

Iris Soltau