Sardinien Das einstige Banditennest Orgosolo

Widerstand an der Wand: Orgosolo auf Sardinien ist voller Bilder. Fast alle sind Mahnmale gegen Gewalt. Sie zeigen, dass das alte Banditennest mit seiner Vergangenheit noch nicht fertig ist.

Murales von Pasquale Buesca in Orgosolo

Orgosolo ist auf den ersten Blick ein freundliches, normales sardisches Bergdorf, das sich von den Nachbarorten offenbar nur durch eine sehr aktive Künstlerkolonie abhebt. Wer hier ankommt, wird von vielen Farben überrascht. Eine kaum zu überschauende Anzahl von Wandmalereien haben den Corso Repubblica in eine riesige Straßen-Pinakothek verwandelt. Diese murales waren in Orgosolo der erste größere Anstrich überhaupt, der vor knapp 40 Jahren damit begann, die graue Tristesse von oftmals unverputzten Fassaden zu fressen.

"Farben in Bildern lenken oft vom Wesentlichen ab", sagt Pasquale Buesca und legt ein Foto auf seinen Küchentisch. Es zeigt ein Wandbild, auf dem drei Häftlinge in einer Zelle und zwei am Rand wartende Frauen zu sehen sind, alles in Schwarz-Weiß. Realitätsnah und ungeschminkt, so wie das Leben einer Gesellschaft von Hirtenfamilien in der Barbagia nun einmal ist. Je tiefer man ins Innere dieser Hochebene vordringt, desto unbeugsamer wird der Charakter ihrer Bewohner. Die Renitenz der Orgolesen ist Legende, und diese Legende wurde mit Blut geschrieben. Jeder gegen jeden, Tötung und Vergeltung - ein Kreislauf, der lange Zeit nicht aufzuhalten war.

Pasquale Buesca, ist Sohn eines Schäfers aus Orgosolo. Ehe er Maler wurde, war auch er Schäfer. Als Pasquale noch Kind war, notierte der Ethnologe Franco Cagnetta nach vier Jahren Feldforschung in Orgosolo: "Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende". Wie seit Menschengedenken führte damals, 1954, nur ein staubiger Maultierpfad durch dichte Macchia von Mamoiada hierher. Dieser "unheimliche, menschenferne Garten Eden", wie Cagnetta den Ort nannte, war in Italien der Inbegriff für Blutrache und Banditentum. In der Barbagia zählte man in sehr schlimmen Jahren mehr als 200 Mordopfer. Bis zu 800 Polizisten stellte der Staat den damals rund 4300 Orgolesen entgegen - ohne das Problem der Gewalt zu lösen.

 

Fehden in Orgosolo
Klaus Bossemeyer
Brüder gingen füreinander durchs Feuer, aber schon Vettern brachten in Familienfehden einander ums Leben.

Cagnettas Studie "Die Banditen von Orgosolo" erregte großes Aufsehen, als Alberto Moravia und Alberto Carocci sie in der Literaturzeitschrift Nuovi Argomenti publizierten. Cagnetta berichtete darin über häufige Polizeiwillkür und zitierte Nuoros Präfekten mit dem Vorschlag, die Banditen, die "eine Rasse von Tieren schlimmster Art" seien, "wie bei Mussolini aufzuhängen und die übrigen Einwohner zu deportieren", während Nuoros Polizeichef den Einsatz von Flammenwerfern empfahl. Die Polizei verklagte Cagnetta, Moravia und Carocci wegen Verunglimpfung der Sicherheitskräfte. Der römische Gerichtshof wies die Klage ab.

Die Reaktionen auf die ersten Murales waren überraschend und positiv

Über die Gründe der exzessiven Gewalt kursierten abenteuerliche Theorien. Ein Kriminologe schloss aus simplen Schädelmessungen auf eine "Unterbrechung der psychischen Entwicklung" bei den Sarden, bedingt durch "Entartung des sittlichen Charakters". Cagnetta indes nannte eine von außen verursachte Verschlechterung der Lebensgrundlage, gegen die sich die enge Gemeinschaft der Orgolesen kompromissloser als alle anderen mit einem archaischen Rechtskodex wehrte, der wie die gesamte Kultur dieser pastoralen Großfamilie auf die späte Steinzeit zurückgeht. Keine andere Kommune der eroberungsgeplagten Insel habe sich erfolgreicher gegen "2500 Jahre Belagerungszustand" auf der Insel gewehrt - "von den Karthagern bis zu den Italienern".

 

Murales in Orgosolo
Klaus Bossemeyer
Jährlich kommen bis zu 130.000 Touristen nach Orgosolo - wegen der Murales.

Ohne Cagnettas Forschung würde es die Murales nicht geben. Inspiriert von der Studie, drehte 1961 der Regisseur Vittorio De Seta in Orgosolo einen Film. Dieser wiederum beeindruckte den jungen und talentierten Künstler Francesco del Casino aus Siena so sehr, dass er 1965 an der Mittelschule von Orgosolo einen Job als Kunstlehrer annahm. "Als wir 1975 zum 30. Jahrestag der Befreiung mit Schülern Plakate malten und sie am 25. April an den Hauswänden befestigten, kam eine Kollegin auf die Idee, einige Motive direkt auf Fassaden zu malen", sagt del Casino. "Die Reaktionen auf die ersten Murales waren überraschend und so positiv, dass wir einfach immer weitermachten."

In Orgosolo gibt es inzwischen etwa 250 Murales. Die meisten stammen von Francesco del Casino, leicht zu erkennen an kubistischen Formen, die an Picasso erinnern. Die Bilder sind mit Acryl direkt auf die Hauswände aufgetragen, die Motive oft perfekt an die Umgebung angepasst: Frauen tragen Wasser scheinbar an Fassaden vorbei, ein gemaltes Ehepaar hockt neben einer echten Tür, Frida Kahlo posiert elegant auf einer Treppe vor Geäst. Einige Hausbesitzer ließen für die Murales sogar ein Stück Natursteinmauer verputzen. Und an der Straße von Nuoro trägt an der vorletzten Spitzkehre vor Orgosolo ein großer Fels das Antlitz eines Mannes; versteckt und lauernd hinter nacktem Stein.

Die Motive erzählen von Ausbeutung, Repression und Krieg

Die meisten Motive aber erzählen von Ausbeutung, Repression, Krieg, von staatlicher Willkür in Italien wie im Ausland. Und vom schwierigen Alltag im ländlichen Sardinien - ein Ort hatte sein Thema gefunden. "Die Schüler halfen kräftig mit und malten auch eigene Murales", erzählt del Casino, "an den Ideen hat sich ganz Orgosolo beteiligt." Es ist vor allem Francesco del Casino, der seit 1985 wieder in Siena lebt, zu verdanken, dass die Murales‚ die Banditen als Markenzeichen von Orgosolo ablösten. Dass der Ort auch zum Symbol eines gewaltfreien Widerstands der Sarden gegen unerwünschte Einflüsse von außen wurde, dafür sorgten die Orgolesen selbst. Ihren größten Sieg errangen sie ausgerechnet gegen die Armee: Im Juni 1969 hatte sich fast die gesamte Einwohnerschaft auf der Hochebene Pratobello einer anrückenden Brigade aus Triest entgegengestellt, die auf Gemeinde-Weideland einen Truppenübungsplatz einrichten sollte. Das Projekt wurde wenig später fallen gelassen.

 

Murales in Orgosolo
Klaus Bossemeyer
Wichitg: Die Konservierung der Murales - sonst wären schon viele längst verschwunden.

Pasquale Buesca ist einer der wenigen muralista, die aus Orgosolo stammen und sich unabhängig von den Wandmalereien eine Existenz als Maler aufbauen konnten, auch wenn er sich selbst stur operaio nennt, Arbeiter. "Nach den Ereignissen auf dem Pratobello wusste ich: Malen ist für mich eine Möglichkeit, meinen Protest auszudrücken." Die Willkür der Justiz, die einst auf der Insel herrschte, war damals eines seiner künstlerischen Hauptthemen. "Wenn ein Mord geschah, hat die Polizei den Erstbesten ins Gefängnis geworfen. Faire Prozesse gab es nicht.

"Viele Familien sind völlig verarmt, denn um Anwälte zu bezahlen, mussten sie ihre Schafherden verkaufen." Das Wandbild mit den drei Häftlingen und den zwei Frauen, das als Foto in der Küche vor ihm liegt, hat Buesca selbst gemalt. "Mein Vater war als junger Mann 16 Jahre inhaftiert - für eine Tat, die er nie begangen hat. Viele, die unschuldig verurteilt wurden, hat das Gefängnis psychisch gebrochen." Das Haus mit diesem persönlichsten Wandbild von Pasquale Buesca wurde leider abgerissen. Wenn er ein passendes anderes Gebäude findet, will er das Bild neu malen.

Skeptisch in die Zukunft der Murales blickt Adelina Sanna, einst Schülerin von Francesco del Casino. "Francesco kommt zwar regelmäßig nach Orgosolo zurück und malt ab und zu auch ein neues Wandbild", sagt die 44-Jährige, "aber seit er nicht mehr hier lebt und das politische Interesse nicht mehr so stark ist wie in den 1970er und 1980er Jahren, kommen nicht mehr viele Bilder hinzu. Meist sind es fremde Künstler, die ein neues Wandbild malen."

Richtig enttäuscht und besorgt ist die ausgebildete Restauratorin jedoch, wenn es um die Konservierung der Murales geht. Darum kümmert sie sich mit ihrer Freundin Teresa Podda meist allein. "Für die Orgolesen sind die Murales längst etwas Selbstverständliches, das schon immer da war. Stets kommen Anfragen, ob nicht jemand ein Bild auf die Außenwand eines Ladens oder Privathauses malen kann. Doch selbst die, die schon eins haben, sind selten bereit, bei der Restaurierung zu helfen. Oft zahlen sogar Künstler oder Restaurator die Farben für ihre Arbeit selbst." Auch die Gemeindeverwaltung, ergänzt Adelina zornig, habe sich nicht mit Ruhm bekleckert. "Vor allem aber ärgert uns, dass sich niemand bei uns für die Arbeit bedankt. Und das, obgleich Jahr für Jahr bis zu 130.000 Touristen nach Orgosolo kommen - und zwar wegen der Murales."

Zum Glück, meint Adelina Sanna, gebe es Kikinu, den einzigen Fotografen in Orgosolo, der die Wandbilder von Anfang an dokumentierte. "Ohne ihn wären viele Motive längst verloren." Und wären Adelina und Teresa nicht, müsste Orgosolo vielleicht wieder ein paar Schäfer mit Flinten im Gebüsch eine Banditenposse aufführen lassen - wie als Touristengaudi in den 1960er Jahren beim pranzo con il pastore - dem "Mittagessen mit dem Schäfer". Das aber wäre ein Schritt zurück in die Steinzeit. Und dahin will in Orgosolo niemand mehr.

Autor

Ulf Lüdeke