Sardinien Alghero - die schönste Stadt der Insel

Alghero, die schönste Stadt Sardiniens, blickt nach Westen. Von dort, übers Meer, kamen Katalanen als Kolonisten.

Kaum habe ich Salvatore Caría kennengelernt, da offenbart er mir, was seine Ehe seit 55 Jahren harmonisch zusammenhält: "Wir sind von gutem Blut: Der Charakter, das gute Benehmen - das ist katalanisch. Scheiden lassen sich auch hier Leute, sicher" - für einen Moment verdunkelt sich sein weiches, rundes Gesicht -, "aber das sind höchstens zehn Prozent."

In Gummischlappen, Camouflage-Hosen und grober Strickmütze steht Caría vor seinem Haus im Carrer Mallorca und bastelt an einer hölzernen Miniaturkanone für das Wohnzimmer seiner Tochter. Das Original stand früher nicht weit von hier auf der breiten Festungsmauer, die Algheros Altstadt an drei Seiten umgibt und in der an diesem silbrigen Aprilmorgen ein paar junge Frauen in der frischen Meeresbrise joggen und Kellner vor in Gelb und Aprikose gestrichenen Restaurants die Tische aufstellen.

Bevor er sich zur Ruhe setzte, hatte der Schiffsbaumeister Caría eine Werkstatt und zwei Gesellen, die jetzt an der Costa Smeralda für den Aga Khan arbeiten. Sein Vater war Fischer aus Alghero. "Ich bin in Sardinien geboren, aber das Blut ist katalanisch." Das gute Blut. Oben am Fenster erscheint seine Frau und die beiden unterhalten sich auf Algheresisch, der lokalen Variante des Katalanischen.

Alghero wurde 1354 katalanisch. Die Krone Katalonien-Aragonien, damals beherrschende Macht im westlichen Mittelmeer, nahm die Stadt ein und kolonisierte sie mit Katalanen. Die lichte Altstadt trägt noch deutlich den Stempel jener Epoche, erinnert etwa an Ciutadella auf Menorca. "L’Alguer" war wichtige Festung und Handelsstützpunkt im katalanisch-aragonesischen Reich, das sich schließlich mit Kastilien verband. Als 1720 ganz Sardinien an das Haus Savoyen ging, wurde Algheros Verbindung mit Katalonien gekappt; die Sprache jedoch hat die Stadt bis heute behalten.

Die Karwoche heißt hier setmana Santa. In der Abenddämmerung des Dienstags wartet um die Kirche San Francesco eine Menschenmenge auf den Beginn der Mysterienprozession. Die Straßenlampen sind mit rotem Tuch umhüllt, und rot sind auch die Papierkragen an den langstieligen Kerzen, die viele Frauen in der Hand halten. Endlich bewegt sich der Zug, angeführt von Mädchen und Frauen in Weiß, dann folgen Männer, auch sie in weißen Kutten. Sie schreiten energisch aus, auf den Gesichtern einen Ausdruck geschäftiger Pflichterfüllung. Es sind die germans blancs, die "Weißen Brüder": Hüter eines Rituals, das wie nichts sonst Algheros iberisches Erbe verkörpert. Begleitet von getragener Blasmusik zieht die Prozession zur Kathedrale, wo sie für die Dauer einer Predigt verschwindet, bevor es weitergeht, stundenlang, durch die von roten Lichtern verzauberte Stadt.

"Das war eine gewaltige Anstrengung gestern", sagt Mario Sari und sprüht dennoch vor Enthusiasmus. Seit 40 Jahren steht er der religiösen Bruderschaft vor. "Unsere Osterfeierlichkeiten dauern 20 Tage! Die Sarden machen das in ein, zwei Tagen, eine eher steife Angelegenheit. Aber sie kommen zu uns, um zuzusehen." Manchmal nehmen sogar Bruderschaften aus Katalonien teil. Er führt mich in einen Raum, in dem eine lange Reihe verschiedenfarbiger Kutten hängt. "Ein Geschenk unserer katalanischen Brüder. Am Karfreitag werden wir sie anziehen, und so wird der Geist der früheren Besitzer bei uns sein." Sari lächelt beseelt: "Unser Herz ist katalanisch!"

 

Die Marina in Alghero.
Klaus Bossemeyer
Die Marina in Alghero.

Die catalanità Algheros wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt, und nur von einer kleinen intellektuellen Elite. Isoliert und unter neuer Herrschaft hatten die Bewohner Algheros nämlich keine Ahnung mehr, dass sie mit Menschen auf der anderen Seite des Meeres eine gemeinsame Sprache und Geschichte verband. In weiten Kreisen hielt sich diese Unwissenheit noch bis 1960, als zum retrobament, einer großen "Wiederbegegnung" drei Schiffe mit Katalanen in Algheros Hafen anlegten und zu ihrer Begrüßung eine Menge zusammenströmte wie sonst nur zur Karfreitagsprozession.

Korallen von Alghero: berühmt für ihre Tönung und Kompaktheit

"Bis dahin glaubten die meisten, Algheresisch sei eben der lokale Dialekt. Als ich klein war, hat die ganze Stadt es gesprochen." Carmela Leo widmet ihre Leidenschaft jedoch einer anderen Besonderheit Algheros: der Koralle. "Unsere ist berühmt für die Tönung und Kompaktheit." In ihrer Ladenwerkstatt in einem Gewölbe des Palazzo Lavagna sitzt die Kunsthandwerkerin über einen feinziselierten Korallenzweig gebeugt, der aussieht wie von Raureif bedeckt, bevor sie mit einem Zahnarztbohrer ein strahlendes Orange zum Vorschein bringt. Auf dem Tisch liegen polierte tiefrote Knöpfe wie glänzende Blutstropfen. "Die Kunst besteht darin, in der Koralle zu lesen: Wählt man für eine Idee das falsche Stück, führt das zu einem falschen Ergebnis." Carmelas größte Herausforderung an das Material sind winzige, lang gezogene Frauenskulpturen von fragiler, fast durchscheinender Schönheit.

 

Altstadt von Alghero auf Sardinien.
Klaus Bossemeyer
In den Gassen und auf den Plätzen der Altstadt ist motorisierter Verkehr tabu.

Mit Ostern beginnt für Carmela Leo die Zeit einer geradezu herzerwärmenden Wertschätzung, wenn Touristinnen vor ihrem Schaufenster stehen bleiben und kleine Schreie der Bewunderung ausstoßen. Die Frauen in Alghero haben dem roten Schmuck stets Gold vorgezogen; Leo vermutet, sie halten Koralle für gewöhnlich,weil sie selbst zu sehr an ihren Anblick gewöhnt sind.

Sie ist eine zierliche Frau mit großen, ausdrucksstarken Augen. Über Alghero redet sie mit der gleichen Intensität wie über ihre Arbeit. "Ich bin hier immer glücklich. Ich verreise nie, vermisse aber nichts, das will etwas heißen." Euphorisierte Besucher, die mit dem Gedanken spielen, in diesem "Paradies auf Erden" ein neues Leben anzufangen, warnt sie vor den Wintern, wenn die Gassen oft menschenleer liegen und die Zeit still und ereignislos wird. "Für junge Leute ist es nicht leicht. Es gibt nur ein Kino." In Carmela Leos Familie wurde stets Algheresisch gesprochen, doch eine katalanische Seele spürt sie nicht in sich. "Ich fühle mich als Sardin."

Etwa 12.000 Menschen sprechen noch Algheresisch - wenig Junge

Sie hat die historischen Tatsachen auf ihrer Seite. Zweimal, 1582 und 1652, hat die Pest Alghero so gut wie entvölkert. Die neuen Bewohner kamen nicht mehr aus Katalonien, sondern von der Insel. "Wer sich hier als Katalane fühlt, der hat das geträumt. Aber es gibt diese Leute!" Enrico Loffredo verzieht den Mund zu einem nachsichtigen Lächeln. "Die Sarden, die nach Alghero kamen, haben sich das Katalanische zu eigen gemacht: Sie waren es, die die Sprache am Leben hielten. Und es war das Volk. Der Adel? Die Bourgeoisie? Die haben sich als erste an jede neue Macht verkauft. Wie übrigens immer."

 

Alghero auf Sardinien.
Klaus Bossemeyer
Carlo Secchi (vorn) und Enrico Loffredo vom Verein Obra Cultural möchten das katalanische Erbe von "L'Alguer" bewahren.

Mit der großen Brille erinnert Loffredos Gesicht an eine strenge, kluge Eule. Einige Jahre lang war er Bürgermeister, jetzt ist er im Kulturverein Obra Cultural, der das Algheresische fördert. In seinem Büro zeigt er mir ein Online-Wörterbuch, das er mitentwickelt hat. Beeinflusst vom Italienischen und Sardischen hat das Katalanische Algheros viele Eigenheiten - "und jetzt kommen sie aus Barcelona und wollen uns ihren Standard aufzwingen. Wozu soll das gut sein?"

Etwa 12.000 Menschen sprechen noch Algheresisch. Wenig Junge. Der Faschismus nährte das Vorurteil, es sei eine arme Sprache, und in den 60er Jahren setzte eine massive Einwanderung vom Festland ein und verschob die Gewichte. Das Katalanische wurde in die Ecke gedrängt. Um es herauszuholen, wäre eine erhebliche Anstrengung nötig; ernsthafter Schulunterricht, lokales Fernsehen. Beides gibt es nicht. Loffredo ist nicht optimistisch. Mit dem Fahrrad fährt er davon über holprige Pflastersteine, zwischen denen Gras wächst. Gegenüber steht das schöne alte Theater aus dem honigfarbenen Sandstein, der typisch ist für die Stadt. Die drei Türen in der Hauptfassade haben alle eine eigene Hausnummer: 5, 6, 7. Der Handwerker, der die Plaketten anfertigte, wollte so viele wie möglich in Rechnung stellen.

Alghero ist eine Insel auf der Insel

Die Stadt ist anders als der Rest Sardiniens, eine Art Insel auf der Insel. Das behaupten auch Leute, die nicht an eine katalanische Mentalität Algheros glauben. Sie sehen sich selbst als offener, flexibler, weltgewandter und begründen das mit der Hinwendung zum Meer und der langen Tradition Algheros als Ferienort.

Die Abgrenzung ist offenbar gegenseitig: "In den Augen der Sarden fehlt es uns an Charakter, an festen Grundsätzen", erklärt mir ein Admiral, den ich in einer mit Dutzenden von Ölgemälden dekorierten Hotelhalle treffe. Sein Urgroßvater war zum Baron ernannt worden, weil er in Alghero wichtige Neuerungen im Öl- und Weinbau einführte. Beides sind noch heute für die Stadt bedeutende Wirtschaftszweige. Der Admiral selbst hat lange in Savona gelebt und ist zurückgekommen. Die Altstadt, in der er aufwuchs, findet er erfreulich ausgebessert, aber viel weniger lebendig: "Früher wimmelte es da von Kindern."

Eine Reisegruppe aus Katalonien strömt herein. Seit Ryanair aus Girona direkt fliegt, kommen viele katalanische Touristen; mancher in Alghero hofft, das werde die Rückbesinnung auf die eigene Sprache fördern, schon aus purem Geschäftssinn. Draußen gehen Frauen mit Kerzen vorbei: Nach Einbruch der Nacht wird es wieder eine Prozession geben. Doch noch ist es hell, und auf der Bastion scheint die halbe Stadt zum Abendspaziergang versammelt. Hier auf der muralla hat man direkt das nordwestlich gelegene Kap Capo Caccia vor Augen, das im Dämmerlicht aussieht wie ein friedlich schlafendes, stupsnasiges Wickelkind.

Teile der Festungsmauer wurden im Lauf der Geschichte zerstört und wieder aufgebaut, doch hier, im Rücken der Kathedrale, sei noch das Original erhalten, hatte Mario Sari gesagt. Ich steige die Steintreppe Richtung Kirche hinunter, im Ohr seine begeisterte Stimme: "Diese Stufen sind katalanisch!"

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Und nach der Stadtbesichtigung sollte man zumindest einen der zehn schönsten Strände Sardiniens aufsuchen.

Autor

Barbara Baumgartner

Ausgabe

Sardinien 08/2012